Die ewige Liebe

Vielleicht kann es einer mal erklären, aber die Liebe als vermeintlich individuellstes aller Lebensabenteuer findet auch im Jahr 2018 als Gruppenbild statt.

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In meinem lokalen Fitnessstudio habe ich in jungen Jahren gelernt, dass es nicht darauf ankäme, was man auf der Bank habe, sondern was man auf der Bank drücken würde. Nun diese Weisheit liegt gute 25 Jahre zurück … weder das eine noch das andere hat sich überdurchschnittlich entwickelt. Dennoch führt der Drang sportlicher Betätigung (viel zu selten) zur 7,4 Kilometer dauernden Joggingrunde um die Hamburger Außenalster. Zwischen Schweiß, Hundeausweichen und Funktionskleidung wird der Läufer schließlich mit einer letzten weltlichen Instanz konfrontiert: Der Liebe. An der Schwanenwik-Brücke haben viele Pärchen mit Blick auf die Weiten der Hamburger Silhouette ihre ganz persönlichen Liebesschlösser an die eisernen Brückengeländer gehängt. Ich komme in hechelndes Grübeln.

Bleiben wir strikt analytisch: Gefangen auf einer durch die dunkle Unendlichkeit rasenden Erdenkugel bleibt das unermessliche Grauen vor der Leere. Kaum ein Bild macht das so unmittelbar deutlich wie die Aufnahme der Raumsonde Voyager 1 aus 6,4 Milliarden Kilometer reichenden Entfernung. Es heißt: Pale Blue Dot. Zu sehen ist ein winziger blauer Punkt inmitten von Schwarz – die Erde. Das Grauen.

Die Liebe entsteht aus dem ewigen Wunsch, dem Alleinsein zu entfliehen. Es kein Zufall, dass der bärige Adel Tawil mit folgendem Songtext permanent durchs Radio genudelt wird:

Wenn der Himmel ohne Farben ist
Schaust du nach oben und manchmal fragst du dich

Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?
Ist da jemand, der noch an mich glaubt?
Ist da jemand? Ist da jemand?
Der mir den Schatten von der Seele nimmt?
Und mich sicher nach Hause bringt?
Ist da jemand, der mich wirklich braucht?
Ist jemand? Ist da jemand?

Alleinsein heißt nicht vorkommen. Erst im Spiegel der anderen entsteht das Selbst, so wie die Luft einen Laut hörbar macht. Kurzum: Sein ist die Folge von Mitsein.

Über viele Epochen war das „Spurenhinterlassen“ im, beim, mit anderen – ob durch Kinder, Paläste, Gedankenbauwerke – konstituierend für die Existenz. Den wenigsten gelingt das, obwohl wir vermeintlich doch so „selbstbestimmt“ sind und permanent uns selbst verwirklichen. Milan Kundera schreibt richtig knackig: „Europa hat Europa auf fünfzig geniale Werke reduziert, die es nie verstanden hat. Stellen Sie sich diese empörende Ungleichheit vor: Millionen Europäer, die nichts bedeuten, gegen fünfzig Namen, die alles repräsentieren! Die Ungleichheit der Klassen ist ein bedeutungsloses Detail, verglichen mit dieser beleidigenden metaphysischen Ungleichheit, die die einen in Staubkörnchen verwandelt, während sie den anderen den Sinn des Seins auferlegt.“

Wenn wir also die Welt selbst nicht aus den Angeln heben und die wenigsten unsere Namen in 100?, 80?, ach 50? Jahren noch kennen werden, dann möchten wir das doch bitte für den einen, für den besonderen Menschen, der uns auf unserem Lebensweg begleitet „die Welt sein“. Nun ists so ne mit der Liebe: Der wahrhaftig coole französische Romancier und ehemalige Wahlkampfberater der Kommunistischen Partei Frankreichs Frédéric Beigbeder schrieb das richtig gute Buch „Die Liebe dauert drei Jahre“ (vollkommen falsch ins deutsche übersetzt mit „Das verflixte 3. Jahr“) und hat damit schon alles klargestellt. Sein schriftstellerische Kollege Fernando Pessoa scheiterte ebenfalls an der Liebe und schrieb am 25. Juli 1930 : „Wir lieben niemanden, nie. Wir lieben allein die Vorstellung, die wir von jemanden haben. Unsere eigene Idee – und selbst also – lieben wir.“ Man ist wider Willen von der Wahrheit dieses Satzes überrascht und vergisst ihn bitte umgehend, ansonsten wird das Leben zur ewigen Qual.

Oder aber – und da sind wir nun in der Konsumphilosophie angekommen – übertragen in unbewusster Kenntnis der Unerreichbarkeit der Liebe das Objekt der Begierde in die Warenwelt. Dass so mancher Mann stillschweigend seinen Abend im Auto, denn auf dem Sofa mit seiner Frau verbringt, ist (ab einem bestimmten Alter) Allgemeinwissen. Zum Glück gibt es noch die Warenwelt, denn sie schenkt uns das Gefühl von Daheim und so ist es nur konsequent, dass die öffentliche Symbolik diesen gedanklichen Schritt im Rahmen der Werbung verdichtet hat: Was wir dort in den vergangenen Jahren nicht alles per Slogan lieben durften: Autos (Opel), Fast-Food (McDonalds), Technik (Saturn) – noch schneller als die Liebe zu einem Menschen haben die Unternehmen ihre Leitsprüche bereits wieder ausgetauscht nur ein Unternehmen ist der Liebe treu geblieben: EDEKA. Dort heißt es nun seit 2012: Wir lieben Lebensmittel. Diese Liebe dauert nun also schon fünf volle Jahre. Respekt!

Man mag den Hang zu überschwänglicher Emotionalität auf die Genese und Biografie des Unternehmens zurückführen: So eine Genossenschaft hält schließlich noch etwas anderes zusammen, als einzig der Einzige. Der Begründer der deutschen Soziologie, Ferdinand Tönnies, hat um die Wirkmächtigkeit der Genossenschaft als wirtschaftliche Ausprägung gemeinschaftlicher Verbundenheit wahre Erkenntnisse herausgearbeitet. Als geteilte (biografische) Überzeugung und Arbeit an der „Sache für sich“ verbindet die Mitglieder eigene Wertvorstellungen, die ihre Logik allein in sich selbst haben. „Trotz aller Trennung ist man dennoch eins“, schrieb Tönnies sinngemäß über Gemeinschaften. Gemeinschaft entsteht allerdings nicht durch das bloße Postulieren eben dieses „Schlüsselwortes“, sondern allein über konkrete Handlungen. Gemeinschaften sind Resultate eines vertrauensvollen Umgangs … sie sind die Essenz aus zahlreichen (positiven) Erfahrungen, die sich zu einer Erwartung verdichten … und zwar einer Erwartung, die immer wieder eingehalten wird. Treue entsteht aber nicht in einer schicken Werbewelt, sondern immer im Handeln- und Tun vor Ort, in der Zugänglichkeit „meines“ bekannten EDEKA-Händlers „von umme Ecke“, vom Angebot lokaler Hersteller und vielleicht sogar der ein-oder-anderen Geschichte, die mir ein Informationsschild bei den Waren offenbart.

Übrigens die Brücke an der Alster: Vielleicht kann es einer mal erklären, aber die Liebe als vermeintlich individuellstes aller Lebensabenteuer findet auch im Jahr 2018 als Gruppenbild statt. Denn die Schlösser hängen nicht fein verteilt, um die Alster herum, sondern eng, eng beieinander. So als müssten wir auch hier erneut die Bestätigung durch und von anderen suchen. Nicht irritieren lassen: Weiterjoggen!

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Kommentare ( 12 )

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„Millionen Europäer die nichts bedeuten“
Ich fühle mich in meiner Bedeutungslosigkeit ganz wohl. Ich bin weiter davon überzeugt, daß ich in meinem Umfeld (m.E. ist das alles Fraktal, deshalb ist immer die Frage in welchem Spiegel ich mich wahrnehme; Oiropa oder einfach mein persönliches Umfeld ?) genausoviel hinbekomme wie ein alkoholisierter Schonklod oder eine Merkel, hoffentlich jedenfalls zu jedem Zeitpunkt mehr wie eine Flinten-Uschi oder Bätschi, deren „Performance“ (wenn man das so bezeichnen darf) ich für peinlich inkompetent halte. Ich hoffe inständig, daß ich niemals so wahrgenommen werde(n kann), wie ich diese Personen währnehme.