Ein Schlag in die Wüste – was Erdogan tatsächlich erreicht hat

Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien hat die Ziele, die Präsident Recep Tayyip Erdogan damit verfolgte, nicht erreicht. Im Gegenteil. Der große Gewinner der Aktion sitzt in Moskau.

© OLIVER BUNIC/AFP/Getty Images

Gut einen Monat ist es her, dass der türkische Präsidialdiktator Recep Tayyip Erdogan seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg im Nordosten Syriens startete. Angebliches Ziel des „Friedensquell“ genannten Überfalls: Einrichtung einer Sicherheitszone gegen die syrisch-kurdischen Milizen, die in Südkurdistan/Rojava eine demokratisch organisierte Selbstverwaltung aufgebaut hatten und dort den Frieden sicherten. Tatsächliches Ziel des Neo-Osmanen: Erweiterung des türkischen Staatsgebiets nach Süden um ehedem osmanische Territorien, Verhinderung der Bildung kurdischer Selbstverwaltungsstrukturen, Vertreibung der Ethnie der Kurden und Neuansiedlung syrischer Araber und Turkmenen, die vor den Wirren des Syrischen Kriegs in die Türkei geflohen waren.

Möglich wurde der türkische Überfall, weil die USA als bisherige Schutzmacht der mit ihnen verbündeten Kurden der YPG-Selbstverteidigungskräfte und den von den USA selbst erschaffenen Syrian Democratic Forces syrisch-arabischer Einheiten ihren Rückzug eingeleitet hatten. 

Was nun aber hat Erdogan tatsächlich erreicht?

Syrien – Staat, Föderation oder Nichts

Infolge des US-Rückzugs hatten die kurdisch-arabischen Kräfte eilends die Fühler in Richtung Damaskus ausgestreckt. Motto: Lieber einen alawitischen Präsidenten, als einen türkischen Schlächter. Wie schon in der Region Afrin, die Erdogan Anfang 2018 okkupierte, bildeten sich zwischen Kurden und Syrern Zweckbündnisse. Zweckbündnisse, die weit davon entfernt sind, Liebesheiraten zu sein. Denn zwischen syrischer Zentralregierung und kurdischer Verwaltung steht immer noch die Grundsatzfrage, ob ein Nachkriegssyrien, welches irgendwann einmal kommen wird, ein zentralistisch geführter Staat, eine Föderation mit autonomen Gebieten oder aber überhaupt nicht mehr sein wird.

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Assad und die ihn stützenden Russen bestehen auf der territorialen Integrität und Souveränität. Sie gehen davon aus, dass das von britischen und französischen Interessen künstlich geschaffene Land zwischen Jordanien und Anatolien Bestand haben muss. Assad, der sich in der Tradition seines Vaters bewegt, besteht dabei auf einen alawitisch beherrschten Zentralstaat, der gleichzeitig säkular ausgerichtet ist, also die unterschiedlichen Religionen ohne offiziellen Einfluss auf das Staatsgeschehen gewähren lässt. Gleichzeitig jedoch wurden föderative Autonomierechte in der Vergangenheit strikt verwehrt. Sollte sich daran nichts ändern, ist ein Konflikt zwischen alawitischer Staatsmacht und kurdischer Bevölkerung vorprogrammiert. Gleichwohl gilt: Erdogans Überfall hat zwischen Alawiten und Kurden zu einer Art Burgfrieden geführt. Beide eint das Ziel, die Türkei hinter die syrische Nordgrenze zurück zu drängen – alles Weitere später.

Der Traum von der türkischen Sicherheitszone ist geplatzt

Dieses führte dazu, dass alawitisch-syrische Einheiten nun in bislang von Kurden und Amerikanern kontrollierte Gebiete vorgestoßen sind. Im südlichen Zentralafrin, wo sich nach der türkischen Okkupation bislang Kräfte der YPG halten konnten, stehen jetzt auch Assads Einheiten. Gleiches gilt in der von Erdogan beanspruchten Region um Manbij, westlich des Oberlaufs des Euphrats. Die Übernahme des Westufers der nahöstlichen Lebensader war von Erdogan immer wieder als eines seiner wichtigsten Ziele deklariert worden. Nun sind dort Assads Einheiten.

Ähnliches gilt für die Hauptverbindungsstraßen im noch nicht türkisch besetzten Rojava. Die wichtige M4, Ost-West-Verbindung zwischen dem syrischen Aleppo und dem kurdischen Qamishli, befindet sich ebenso weitgehend unter Assads Kontrolle wie die Verbindungsstraße zwischen der ehemaligen IS-Zentrale A’Raqah und dem jüngst durch die SDF zurückeroberten Ayn Isa am derzeit türkisch besetzten Grenzstreifen. Auch haben die Syrer die Gebiete zwischen dem türkischen Ceylanpinar und dem kurdischen Qamishli besetzt. Auch das kurdische Kobane, für Erdogan immer eine zentrale Position bei seinem Kampf für einen türkislamischen Staat, befindet sich derzeit in syrischer Hand. Damit ist Erdogans Traum von einer türkisch kontrollierten „Sicherheitszone“ nicht nur hier erst einmal ausgeträumt.

Russen ersetzen Amis

Großer Gewinner des Erdogan’schen Überfalls ist sein Moskauer Kollege Wladimir Putin. Ohne einen einzigen Schuss konnten die Russen zahlreiche Stützpunkte der US-Armee übernehmen. Neben der rein militärstrategischen Dimension ist dieser Erfolg in seiner Symbolik von nicht übersehbarer Kraft und Deutlichkeit.  Möglich wurde Putins erneuter Etappensieg dadurch, dass er dem Diktator aus Ankara dessen militärische Grenzen aufgezeigt hatte. Konfrontation mit der Schutzmacht Assads – oder Kooperation. Erdogan blieb nichts anderes, als dem Moskauer Vorschlag zuzustimmen, dem friedlichen Abzug der von ihm als „Terrororganisation“ diffamierten kurdischen Kräfte und gleichzeitig gemeinsamen russisch-türkischen Patrouillen zuzustimmen. Damit sind jetzt faktisch die Russen Herren in dem bislang von den USA kontrollierten Gebieten.

Einzige Ausnahme aktuell: Die Region südlich der türkischen Orte Ceylanpinar und Akcakale. Hier stehen türkische Einheiten und deren radikalislamische Hilfstruppen bis zu 30 Kilometer tief auf syrischem Territorium. Doch an der Ostgrenze dieses Gebietes kommt es seit dem Ende des Waffenstillstands zu ständigen Gefechten zwischen der türkischen Armee und der SDF. Mit im Geschäft sind auch syrische Artillerie- und russisch gelenkte GRAD-Raketeneinheiten, die südlich des Kampfgebietes stehen und die türkischen Hilfstruppen unter Beschuss nehmen. In dieser Gemengelage ist es in den vergangenen Tagen auch zu Übergriffen gegen medizinisch-ärztliche NGO gekommen. Die teils tödlichen Angriffe wurden seitens der Betroffenen der Türkei angelastet, welche umgehend dementierte.

Auch die USA sind wieder im Spiel

Nicht nur, dass Trump und Erdogan durch ihr unabgestimmtes Vorgehen den Russen die Tür geöffnet hatten – nun sind auch die Amerikaner selbst wieder auf dem Feld. Hinter verschlossenen Türen wird gemutmaßt, dass hierfür ein Brandanruf des saudischen Prinzen Muhamad bin Salman ausschlaggebend war. Der soll seinen Verbündeten in Washington angefleht haben, nicht die mühsam den Radikalmuslimen des IS abgerungenen Ölfelder im Osten Syriens Türken oder Russen in die Hände fallen zu lassen. Trump, so wird erzählt, soll daraufhin aus allen Wolken gefallen sein, weil er die Region offenbar für wertlose Wüste gehalten hatte. Prompt ordnete er den Teilrückzug vom Rückzug an – jetzt stehen US-Einheiten wieder östlich von Qamishli und errichten seit Montag am Nordrand der Ölfelder von Dair A’Zur im Süden des vom IS befreiten Gebiets eine neue Militärbasis. Die Standortwahl ist insofern bemerkenswert, weil syrisch-russische Einheiten jenseits des Euphrat südlich der Ölfelder  stehen. Von Norden wäre eher ein Versuch der Türkei anzunehmen, die Quellen zu übernehmen. Gleichwohl erbost die amerikanische Rückkehr die Russen, welche aus ihrem Selbstverständnis darauf beharren, dass es sich hierbei um syrische Ölfelder handelt, deren Erlöse nach Damaskus fließen müssen.

Erdogans Schlag in die Wüste

Blickt man insgesamt auf die Gemengelage, so bleibt die Feststellung, dass Erdogan hinsichtlich seiner militärischen Ziele auf breiter Front versagt hat. Handelte es sich nicht weitgehend um Trockengebiete, so müsste von einem heftigen Schlag ins Wasser gesprochen werden.

Für die nationalfaschistischen Ausfälle von Nationaltürken nicht nur in deutschen Stadien und anderswo besteht nicht der geringste Anlass. Statt den USA – immerhin noch proforma Verbündete unter dem Dach der NATO – hat Erdogan nun die Russen vor der Tür. Dass Putin ähnlich Trump das Feld widerstandslos räumen wird, ist kaum zu erwarten. Die von Erdogan als Einstieg in die territoriale Übernahme geplante 30-Kilometer-Zone  steht ebenfalls in den Sternen. Kobane und Qamishli werden von syrisch-russischen Truppen kontrolliert. Will Erdogan hier seinen Traum erfüllen, riskiert er den großen Krieg, den er nicht gewinnen kann. Lediglich jenen zwischen Akcacale und Ceylanpinar gelegenen, rund 140 Kilometer langen und 30 Kilometer tiefen Grenzstreifen auf syrischer Seite konnte der kleine Sultan bislang unter seine Kontrolle bringen. Zumeist unbesiedeltes Gebiet, auf das YPG und SDF vorerst verzichten konnten.

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Statt, wie ursprünglich von ihm geplant, die kurdischen Selbstverwaltungsziele zu zerschlagen, hat er eine weltweite Solidarisierung mit den Anliegen der Kurden organisiert. Statt selbst an die Stelle der abziehenden USA zu treten, hat er dort den Russen und Syrern die Pforten geöffnet. Statt sich den Zugriff auf die ostsyrischen Ölfelder zu sichern, stehen dort nun die Amerikaner und bauen ihre Positionen aus. Statt die kurdischen Autonomiebestrebungen auszurotten, sorgte er dafür, dass die häufig zerstrittenen Kurden der Türkei, Syriens und des Iraks enger zusammenrückten – wie es auch am 27. Oktober in Hamburg zu erkennen war, als anlässlich der Erinnerung an den aus Hamburg stammenden und im Kampf gegen den IS gefallenen Peshmerga-General Said Cürükkaya Kurden aller Provenienz im Heldengedenken zusammenkamen.

Mit Erdogan hat erstmals ein Türke die Einkreisung durch Russland erreicht

Kurzfristig mag Erdogan in den Reihen seiner religiösfaschistischen Nationalisten eine Welle der Begeisterung ausgelöst haben. Mittel- und langfristig jedoch deutet vieles darauf hin, dass er damit vor allem jene Kräfte gestärkt hat, die er eigentlich schwächen wollte. 

Eines zumindest hat er ohne jeden Zweifel bereits erreicht und sich damit einen fragwürdigen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern der Türkei gesichert: Sein kleinosmanisches Reich ist erstmals in der langen Geschichte des islamischen Imperiums geostrategisch von russischen Truppen eingekreist. Wenn die Türkosmanen schon in der Vergangenheit außerstande waren, ohne westliche Hilfe gegen die sich in der historischen Nachfolge des christlichen Byzanz fühlenden, aus Norden andrängenden Russen zu bestehen, bekäme es Erdogan im Ernstfall nun gleichermaßen im Norden und im Süden mit russisch geführten Einheiten zu tun.  Putin hat etwas erreicht, von dem Generationen von Zaren nur träumen konnten: Die reale Möglichkeit, die gefühlten Nachkommen jener Horden, die 1453 unter dem Schlächter Mehmed II. das christlich-oströmische Reich vernichteten, gleichzeitig von Norden und Süden in die Zange nehmen zu können.

Mit dieser aus türkischer Sicht mehr als fragwürdigen Leistung hat sich Erdogan unter allen osmanischen Herrschern nun tatsächlich eine einmalige Position gesichert. Sie wird ihn zwingen, Putins Wünschen künftig noch intensiver als bislang zu folgen. Und Putin, das hat der KGB-gestählte Russe wiederholt bewiesen, wird seine Position zu nutzen wissen, um die Türkei Stück für Stück aus der Westbindung zu lösen – oder über sie in EU und NATO einzudringen. Deutschlands Außenministerdarsteller darf derweil auch weiterhin unbedarft nach Ankara reisen und dem türkischen Außenminister die Füße küssen, weil deutsche Wirtschaftsunternehmen im Vertrauen auf die EU-Beitrittszusagen Milliardenbeträge in Anatolien investierten und darum fürchten, spürbare Verluste in ihre Jahresbilanzen schreiben zu müssen, sollte ein abschließend von der Kette gelassener Erdogan in seinem persönlichen Endkampf auch noch die letzten Hemmungen fallen lassen.

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Kommentare ( 58 )

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58 Kommentare auf "Ein Schlag in die Wüste – was Erdogan tatsächlich erreicht hat"

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Der „böse Wladimir Putin“ zeigt immer wieder, das die Politiker in Deutschland, EU und NATO nur dilettantische Laienschauspieler sind. Wie sagte doch der Herr Erdogan: Du bist ein Dilettant der von Politik keine Ahnung hat. Zu Putin oder Lawrow hat er das nicht gesagt.

Er weiß, das noch eine abgeschossene SU24 aus seinem Schuldendeckel steht, die mit der rechten Flügelhälfte türkisches Territorium verletzt haben soll.

Aus Richtung Osten könnte er den Sultan noch zusätzlich in die Zange nehmen. Armenien ist ein enger Verbündeter der Russen und aus bekannten Gründen alles andere als ein Freund der Türken.

„im Ernstfall blieb dem armenischen Katholikos immer nur die Schicksalsgemeinschaft mit dem Patriarchen in Moskau“ (aus einem Buch von Peter Scholl-Latour, aus dem Gedächtnis zitiert)