Ehre, wem Ehre gebührt? Großkreuz 1. Klasse für Mario Draghi

Wenn der Bundespräsident am Freitag den ehemaligen EZB-Chef auszeichnet, muss das auf Sparer wie Hohn wirken, weil sie seine Nullzins-Zeche bitter bezahlen.



Bernd Kammerer - Pool / Getty Images

Formal lief alles korrekt. Für ausländische Staatsbürger hat der Bundesaußenminister das Vorschlagsrecht. Heiko Maas schlug den Italiener Mario Draghi für die zweithöchste Auszeichnung vor, mit der Deutschland Persönlichkeiten ehrt: Das Großkreuz 1. Klasse. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird Draghi diese Auszeichnung am Freitag persönlich überreichen. Über Sinn und Unsinn von Verdienstorden für Menschen, die in gut dotierten Ämtern gearbeitet haben, lässt sich lange streiten. Ehrenamtliche und beispielhafte Tätigkeiten durch Auszeichnungen öffentlich wertzuschätzen, ist dagegen klug.

Wer sich die Liste der mit dem Großkreuz 1. Klasse ausgezeichneten Personen durchliest, wird auch den Niederländer Wim Duisenberg, den ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank, darin finden. Auch Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet erhielt den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Zahllose deutsche Spitzenpolitiker wie die aktuelle Kanzlerin, aber auch Willy Brandt oder Herbert Wehner, sind unter den besonders ranghoch Ausgezeichneten. Ein auffälliger Name findet sich auch in den Listen, was einem in der Woche des Holocaust-Gedenktags förmlich ins Auge springt: Hans Globke, der unter Konrad Adenauer 10 Jahre Chef des Bundeskanzleramts war. Dass der Mann Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze war und als verantwortlicher Ministerialbeamter auch für die judenfeindliche Namensänderungsverordnung in der NS-Zeit Verantwortung trug, spielte bei seiner Auszeichnung im Jahr 1963 offenkundig keine Rolle. Ehre, wem Ehre gebührt?

Abschied von Mario Draghi als EZB-Präsident
Das Draghiat und die Folgen für die Wirtschaftsordnung
Der Mann, der in seiner zehnjährigen Amtszeit in der EZB den Zins abschaffte, obwohl er das natürlich nicht allein, sondern immer mit den Stimmen der Mehrheit im EZB-Rat durchsetzte; der Mann, der die unorthodoxe Geldpolitik der japanischen und amerikanischen Notenbank in Europa hoffähig machte und das schon ausgesetzte Anleihen-Kaufprogramm der EZB mit Brachialgewalt in seiner letzten Sitzung im September 2019 erneut aufleben ließ; der Mann, der angeblich (aber vergeblich) der Politik Zeit kaufte, damit etwa Italien mit Strukturreformen seine Halodri-Finanzpolitik endlich korrigierte; der Mann, der einen gewaltigen Vermögenstransfer von Nord- nach Südeuropa organisierte, um die Zinsen der Schuldnerstaaten herunter zu subventionieren; der Mann, der das Phantom „Deflation“ bekämpfte, obwohl etwa der Baupreis-Index in Deutschland seit Jahren deutlich über einer Jahresrate von 6 Prozent liegt; der Mann, ohne den weder die Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble noch Olaf Scholz je einen ausgeglichenen Haushalt hätten vorlegen können, weil die Zinsausgaben des Staates schmolzen wie Butter in der Sonne; Mario Draghi also, der federführend dafür verantwortlich zeichnet, dass Millionen von Sparern in seiner Amtszeit Kaufkraftverluste von Hunderten von Milliarden Euro erlitten haben, wird jetzt vom deutschen Staatsoberhaupt mit dem Großkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Ehre, wem Ehre gebührt?

Doch der Mainstream in Deutschlands Politik, aber auch in den Medien, hat die gewaltigen Risiken und Nebenwirkungen der EZB-Politik längst ausgeblendet. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung frönt zunehmend einer schönfärberischen Beschreibung der europäischen Geldpolitik. Die Zeiten, als Holger Steltzner als Mitherausgeber der FAZ noch den EZB-kritischen Grundton prägte, sind nach seiner Ablösung längst vorbei. Unter seinem Nachfolger Gerald Braunberger musste sogar Thomas Mayers Sonntagskolumne im Blatt verschwinden. Merkels frühes Mantra aus den Zeiten der Griechenlandkrise: „Scheitert der Euro, scheitert Europa!“ prägt heute die Rezeption der EZB-Geldpolitik. Deshalb wird Mario Draghi als Euro-Verteidiger gewürdigt, der dafür sorgte, dass die Euro-Währungsunion nicht zerbrach. Darauf wird unter Garantie auch der Bundespräsident am Freitag das Hauptaugenmerk in seiner Auszeichnungsrede legen.

Von den Risiken und Nebenwirkungen der faktischen Zinsabschaffung wird wenig die Rede sein. Obwohl die Übertreibungen an den Immobilienmärkten, aber auch die scheinbar ewige Hausse an den Aktienmärkten, nicht zuletzt der Geldschwemme der Notenbanken geschuldet sind. Doch Blasen platzen irgendwann, wie man nicht erst seit der letzten großen Finanzkrise weiß; Firmen, die heute nur überleben, weil sie ihren Schuldendienst dank der Niedrigzinsen gerade so leisten können, werden kollabieren und eine Reihe von Banken in den Abgrund reißen. Je länger Draghis EZB-Politik unter Christine Lagarde fortgeführt wird, umso geringer ist der Ausstiegsspielraum für eine verlässliche und allmähliche Zinserhöhung sowie eine Beendigung der Anleihenkäufe. Das Damoklesschwert des Scheiterns hängt weiter über der Euro-Zone, auch wenn das immer weniger im politischen Fokus steht.

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Kommentare ( 53 )

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53 Kommentare auf "Ehre, wem Ehre gebührt? Großkreuz 1. Klasse für Mario Draghi"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Ich wundere mich schon seit Jahrzehnten über die Auswahl von Auszeichnunge, doch inzwischen rege ich mich nicht mehr darüber auf.
Die sich als „Elite“ fühlenden Politiker geben anderen aus dieser Gruppe und dazu noch irgendwelchen sinnlosen „Künstlern“ und anderen unwichtigen Personen diese Auszeichnungen. Na und ? Können die sich irgendwo hinstecken…
Außerdem soll man sich die Diktatoren ansehen (von Idi Amin Dada bis zum nordkoranischen Kim), die kaum noch Platz auf der Körperfront für alle Orden haben. Ist es nicht wirklich wie Karneval ?
Da es immer die Falschen trifft, ist es mir inzwischen sch…egal …

Ich finde es beruhigend, daß immer alles so gut zusammenpaßt

Merkel, Steinmeier, Maas, Draghi, Lagarde….und viele andere. Manche eher dumm , manche eher bösartig, manche sowohl als auch. – Interessant die Frage, wen man sich auf keinen Fall in dieser Riege vorstellen könnte.

Sollten alle mal zu einem Gruppenfoto versammelt werden.
Vorschläge zur Unterschrift sind willkommen

Wie wärs mit „Raute im Kreis ihrer sozialistischen FreundInnen“ ?

Zuerst blieb mir fast die Spucke weg, als ich hörte, daß Draghi derart geehrt werden soll. Aber so allmählich wundert mich nicht mehr sehr viel, das heißt, daß ich abstumpfe – und wahrscheinlich nicht nur ich. Auf diese Art und Weise läßt die Politik die öffentliche Moral den Bach hinunter gehen. Demnächst bekommt noch der Einbrecherkönig die Ehrenmitgliedschaft bei der Polizei!

Ein oder mehrere Völker praktisch zu enteignen ist nicht so einfach. Der Draghi hat das hervorragend durchgezogen. Keine Zinsen auf Sparguthaben und Strafgeld wenn man Banken sein Geld gibt, Lebensversicherungen wertlos, Altersvorsorge in den Kamin geschrieben aber keiner beschwert sich! Das ist das koriose an der ganzen Situation. Die Menschen lassen sich widerspruchslos enteignen, die Menschen rufen nach neuen und höheren Steuern, sind denn alle verrückt geworden? Soll er das wertlose Kreuz bekommen, er hat sich wirklich verdient gemacht!

„Darauf wird unter Garantie auch der Bundespräsident am Freitag das Hauptaugenmerk in seiner Auszeichnungsrede legen.“

Und natürlich darauf, dass alle Kritiker von Draghis Politik nur die „dunklen Kräfte von früher in neuem Gewand“ repräsentieren. Wetten?

Je höher die Auszeichnung – umso größer der Gauner, der sie bekommt! (Denke ich in letzter Zeit immer für mich…)

habe vor Jahrzehnten auch mal beim Faschings-Versandhandel einen Blechorden bestellt und einem aus dem Betrieb ausscheidenden Vorgesetzten zusammen mit einem lustigen Gedicht verliehen. Das Gedicht von Steinmeier wird wohl nur aus Lobhudelei bestehen und gar nicht lustig sein. Kann man diese „Verdienstorden“ auch als Imitat beim Versandhandel bestellen? Wäre doch für die Ordensverleiher so richtig peinlich, wenn viele Bürger mit diesen Blechorden herumlaufen würden. Aber die fleissigen Bürger wären die, welche ihn wirklich verdient hätten, weil nur sie den versauten Laden noch halbwegs am Laufen halten.

Ich weiß nicht mehr genau welche Behörde ich geschrieben habe und um eine Urkunde zu bitten, daß ich jetzt Friedensnobelpreisträger bin. Gut, ich schrieb, da müßten nicht alle 510 Millionen Namen aller EU Bürger drauf stehen meiner würde mir reichen. Auf die Antwort und Urkunde warte ich heute noch!

Ich sehe diesen Vorgang so:
ein Narr zeichnet einen Narren mit einem Karnevalsorden aus.
Und jetzt: Tä-tä, tä-tä, tä-täää (Es folgt der Narhalla-Marsch)

Was solls….jeder der da sieht, weiß dass sich die Eliten solche Ehrungen zuschieben. Gleiches gilt für das Bundesverdienstkreuz….wenn man sich ansieht wer das so alles hat….da würde ich ablehnen wenn es mir angeboten würde. Sollen die sich doch ihre Kreuze/Medaillen/Auszeichnungen um den Hals hängen oder an die Brust heften….mir fällt da immer nur Ludwig Thomas Lausbubengeschichten ein….wo der kleine Ludwig vom Internatsleiter Hauptmann Semmelmaier gefragt wird: Weißt Du was das ist? (und auf seinen Orden zeigt) und der Ludwig antwortet: „Ja…ein Messing!“

Dass allein die kleineren Stufen (am Bande und 1. Klasse) wirklich *Verdienst*orden sind und die vom Großkreuz an aufwärts eine Spielerei für Diplomaten und alternde Verwaltungsjuristen, sollte allgemein bekannt sein; auch, dass das nicht allein für Deutschland gilt: Die unsägliche Frau Schavan wurde ja nach der Aberkennung ihrer Promotion zur Botschafterin im Vatikan gemacht, in welcher Position man nach zwei Jahren automatisch den Gregoriusorden bekommt – in anderen Worten, sie bekam schlussendlich eine Auszeichnung fürs Betrügen, pikanterweise vom Papst für eine geklonte Arbeit über Gewissensbildung vergeben. Im Übrigen reiht sich das Kreuz für „Mario und die Netten“ nahtlos in die… Mehr
Aber bekommt die Arroganz der politischen Macht“eliten“ in Nadelstreifen als GEWÄHLTE Demokratievertreter in der mitunter mehr oder weniger direkt oder indirekt geäußerten Anklage gegen das Volk, es sei ohnehin zu blöd und unqualifiziert die großen politischen Bedingungen, Erfordernisse und Entwicklungen zu überblicken und einzuschätzen und wolle sich damit doch ohnehin nicht wirklich auseinandersetzen, wie der Laden laufen solle, wenn diese in einem der größten Mrd. Raubzüge der Menschheitsgeschichte um ihre Zinsen betrogenen „Wähler“ solches nicht durch konsequente Abwahl der Verantwortlichen abstrafen? Ist das wirklich noch menschlich erklärbar das nach all den Lügen, Betrügereien , Skandalen und seilschaftlichen Schickerianereien incl. gegenseitig… Mehr

Die Deutschen würden wohl auch noch ihren Henkern eine Verdienstmedaille um den Hals hängen …
Danke, Herr Metzger, für die klaren Worte!