SPD: Eine Partei im Erneuerungsrausch

SPD-Netzwerker empfehlen: "Sei Du selbst die Erneuerung".

Omer Messinger/Getty Images

Erneuerung ist das Wort der Saison, jedenfalls bei den Sozialdemokraten. Sie wollen sich erneuern, sie glauben sich erneuern zu müssen. Das führt zu einer regelrechten Erneuerungspflicht. Wer bei der SPD auf sich hält, denkt laut über Erneuerung nach – von der Parteispitze bis hinunter zum kleinen Ortsverein. Das bleibt nicht ohne Folgen. Gibt man bei Google die Stichworte „SPD erneuern“ und „SPD Erneuerung“ ein, findet man Verweise auf 536.000 und 582.000 Beiträge zu diesem Thema. Nach dem Katzenjammer der Genossen im Anschluss an das katastrophale Wahlergebnis samt den folgenden Irrungen und Wirrungen ist jetzt Euphorie angesagt: Erneuerungseuphorie.

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Wenn keiner weiß, was Erneuerung so genau bedeutet und wie eine erneuerte SPD aussehen soll, hat jeder die Chance, seinen Beitrag dazu zu leisten. Davon macht auch das „Netzwerk Berlin“ Gebrauch, ein Zusammenschluss von SPD-Bundestagsabgeordneten, der „gesäßpolitisch“ in der Mitte zwischen der „Parlamentarischen Linken“ und dem eher rechten „Seeheimer Kreis“ anzusiedeln ist. Die Netzwerker haben jetzt „20 Thesen für die Erneuerung der SPD“ vorgelegt. Wenn diese Thesen etwas zeigen, dann das: Von Erneuerung zu reden ist leichter, als dieses Ziel klar zu definieren.

So liefern die Damen und Herren Abgeordneten, die sich als Reformer verstehen, eine Sammlung ziemlich wolkiger und banaler Vorschläge. Das beginnt schon bei These eins, wonach Erneuerung bedeutet, „nach vorne schauen und aus der Vergangenheit lernen.“ Nun gut, auch wer sich nicht erneuern will, tut gut daran, nach vorne zu schauen. Und man kann sogar zu dem Ergebnis kommen, nichts zu ändern, weil man aus der Vergangenheit gelernt hat.

Aber so eng darf man das wahrscheinlich nicht beurteilen. Wenn der Erneuerungs-Weg das Ziel schlechthin ist, kommt es auf einige Worthülsen mehr oder weniger nicht an. Dann ist auch Geschwurbel wie „Erneuerung heißt gute und gleiche Chancen für alle Generationen“ erlaubt. Wobei man besser nicht danach fragen sollte, ob wirklich alle Generationen die gleichen Chancen haben können.

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Die Netzwerker sind von ihrem Erneuerungswillen so beseelt, dass sie schon fast ins pseudoreligiöse abgleiten. Den Höhepunkt ihrer Erneuerungs-Litanei bildet These Nummer 20: „Erneuerung heißt: Sei Du selbst die Erneuerung, die Du Dir wünschst!“ Da hört man Glocken läuten und Harfen erklingen und sieht die Regalmeter Bücher vor sich, in deren Titel „Sei Du selbst“ auf zig-fache Weise variiert wird. Sich erneuern und sich selbst sein – kann es etwas Schöneres geben?

Angesichts der hehren These 20 wagt man kaum, einen eigenen – zugegeben profanen – Vorschlag als zusätzliche These 21 zu machen: „Erneuerung ist, wenn Andrea Nahles bei ihren Fernsauftritten nicht nach jedem zweiten Satz vor sich hin gluckst wie ein Kind, das sein Glück über den Inhalt seines Überraschungs-Eis nicht fassen kann.“ Aber das geht ja nicht, das wäre zu nahe dran am echten Erneuerungsbedarf der SPD.

Nein, dies ist keine Satire. Die „20 Thesen für die Erneuerung der SPD“ der Netzwerker gibt es wirklich. Hier werden sie dokumentiert:

  1. „Erneuerung heißt nach vorne schauen und aus der Vergangenheit lernen.
  2. Erneuerung heißt Lust auf Zukunft, Lust auf neue Themen, heißt Offenheit für neue Ideen. Erneuerung heißt, auch einmal etwas auszuprobieren, zu experimentieren, aus Fehlern zu lernen.
  3. Erneuerung heißt, Orientierung zu geben und deutlich zu machen, welche Gesellschaft wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen.
  4. Erneuerung heißt, offene Fragen zu klären, anstatt Formelkompromisse zu formulieren.
  5. Erneuerung heißt eine klare Haltung zu Europa: Der demokratische Sozialismus kann nur europäisch sein.
  6. Erneuerung heißt, dafür zu sorgen, dass der Sozialstaat als Dienst von Mensch zu Mensch gelebt wird.
  7. Erneuerung heißt, den digitalen Wandel für die Menschen zu nutzen und dafür zu sorgen, dass aus technischem Fortschritt sozialer und ökologischer Fortschritt entsteht.
  8. Erneuerung heißt gute und gleiche Chancen für alle Generationen.
  9. Erneuerung heißt, die Globalisierung zu gestalten und mehr Verantwortung zu übernehmen in einer Welt, die immer mehr zusammenrückt und voneinander abhängig ist.
  10. Erneuerung heißt, die Demokratie fit zu machen für das 21. Jahrhundert, das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen neu zu begründen und unseren freiheitlichen Lebensstil zu pflegen.
  11. Erneuerung heißt ein gut funktionierender Staat, der die Menschen stärkt und zu einem eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Leben befähigt.
  12. Erneuerung heißt Werteorientierung: In einer sozial und kulturell auseinanderdriftenden Gesellschaft muss die Volkspartei SPD für einen breit anerkannten Werterahmen sorgen.
  13. Erneuerung verlangt eine andere Sprache. Erneuerung heißt, von den Lebenslagen der Menschen her zu denken und zu formulieren, statt von unseren gewohnten Überschriften her.
  14. Erneuerung heißt klare Haltung für sozialdemokratische Positionen auch in Koalitionen, heißt auch Reibung und Konflikte, wenn es um die Verbesserung der Lebensrealität vieler Menschen geht.
  15. Erneuerung heißt, sich Ziele zu setzen und gemeinsam auf diese hinzuarbeiten.
  16. Erneuerung heißt Teamarbeit auf allen Ebenen der Partei. Erneuerung heißt, Konfliktlösungsmechanismen zu entwickeln, damit nicht immer alles über die Medien läuft.
  17. Erneuerung heißt Mut zu neuem und jüngerem Personal und mehr Frauen in zentralen Positionen, heißt Mut auch zu überraschenden Personalentscheidungen, heißt mehr auf Qualität und Wirkung achten, statt auf Proporz.
  18. Erneuerung heißt, dass die Gesamtpartei als Volkspartei Ort der gemeinsamen Diskussionen ist.
  19. Erneuerung gelingt, wenn wir gute Beziehungen aufbauen und halten – zu Mitgliedern, Nahestehenden, Interessierten. Erneuerung gelingt, wenn wir unsere Jugendarbeit professionalisieren und öffnen.
  20. Erneuerung heißt: Sei Du selbst die Erneuerung, die Du Dir wünschst!“

(Quelle: Netzwerk Berlin)

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Kommentare ( 80 )

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Erneuerung verlangt “eine neue Sprache“ ????????????

Das ist Martin Schulz. Er will Bundes·kanzler von Deutschland werden. Martin Schulz ist 61 Jahre alt. Er lebt mit seiner Familie in Würselen. Das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Aachen. Aachen gehört zum Bundes·land Nordrhein-Westfalen. Martin Schulz hat als Buch·händler gearbeitet. Ein Buch·händler arbeitet in einem Buch·laden. Martin Schulz war dann Bürger·meister von Würselen. Martin Schulz kennt die Probleme der Menschen. Er macht schon lange Politik. Er war Präsident vom europäischen Parlament. Deshalb kennt sich Martin Schulz mit Europa sehr gut aus. Er will Deutschland und Europa besser machen. Martin Schulz ist Politiker von der Partei SPD.… Mehr
zu 3.: „welche Gesellschaft wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen.“ Die Frage ist doch, welche Sozialdemokratie möchte die Gesellschaft. zu 5.: „Der demokratische Sozialismus…“ Ein Oxymoron erster Klasse. Sozialismus ist niemals demokratisch. zu 6.: „der Sozialstaat als Dienst von Mensch zu Mensch“ Heißt, der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung. Die Leute sollen selber sehen, wie sie zurecht kommen. zu 10.: „unseren freiheitlichen Lebensstil“ Wie sich das mit dem oben genannten Sozialismus vereinbarten lässt, haben 40 Jahre DDR gezeigt. zu 13.: „Erneuerung verlangt eine andere Sprache“ Daher die Nationalhymne umschreiben? Gendersprech? zu 16.: „damit nicht immer alles über die Medien läuft.“… Mehr

Da müssen Drogen oder Medikamente im Spiel gewesen sein?

Tja, die SPD.

„De mortuis nil nisi bene dicendum est.“

Ihr Kommentar…Zum „nach vorne schauen“ der SPD fällt mir prompt der schöne Titel eines Krimis von Jörg Maurer ein: „Im Grab schaust du nach oben.“

Nachdem wir nunmehr durch die „Hintertür“ faktisch eine SPD-geführte Bundesregierung bekommen werden, ist es gut, dass die Sozialisten ihr wahres Gesicht zeigen. „Erneuerung heißt eine klare Haltung zu Europa: Der demokratische Sozialismus kann nur europäisch sein. Erneuerung heißt, dafür zu sorgen, dass der Sozialstaat als Dienst von Mensch zu Mensch gelebt wird.“ – was für ein Euphemismus! „Solidarität“ bedeutet für deutsche Sozialisten im Sinne des all umsorgenden, paternalistischen Staates die staatliche Hand tief in die Taschen seiner Steuerzahler zu stecken. Ich kennen keinen Sozi, der kritisch hinterfragt, ob sich die geforderte Maßnahme auch über eine privat finanzierte Basis darstellen ließe.… Mehr

Die Bank wird also erneut ausgeraubt.

Viel zu kompliziert liebe SPD. Einfach Pass wegwerfen, eine längere Wanderung oder Flugreise unternehmen und schwupps, alles ist neu in dieser ach so zummengerückten Welt.

Doch, das ist eine Satire, die 20 Thesen der SPD. Ganz bestimmt und nachhaltig.

Mit der Erneuerung ist das so eine Sache. Mir scheint, es ist ein ziemlich enges Korsett, wenn es schon ausreicht eine Frau zu sein….. Mir ist es wirklich völlig egal, ob Entscheidungsträger nun einen Zipfel haben oder nicht. Kompetenz, Sachverstand sowie fundierte Ausbildung täte einer „Erneuerung“ dieser mickrigen „Partei “ gut. Mir reicht inzwischen auch das Maß an überraschenden Personalentscheidungen… Was für eine Sprache meinen Die ? Mich erinnert diese Auflistung eher an den Turmbau zu Babel……

Esoterik für alle – ihr psychologischer Ratgeber der SPD für Probleme, die sie ohne uns gar nicht hätten.
Schließt den Zombie-Laden SPD doch endlich zu – und vergesst nicht, 98% der CDU gleich mit wegzusperren.

Was hatte ich einst schöne Pferde, jammerte der Kutscher, während ihn die Autos überholten…