Horst Seehofer ist Meister im Rückzug vom Rückzug

Kein anderer Politiker hat so oft von seinem Rückzug gesprochen – ohne ihn zu vollziehen. Wäre der Rücktritt vom Rücktritt eine olympische Disziplin, hätte Horst Seehofer zahlreiche Goldmedaillen errungen.

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Die CSU hat Horst Seehofer viel zu verdanken. Er hat das sozialpolitische Profil der Partei geprägt wie kein Zweiter. Er hat sie nach dem Wahldebakel 2008 wieder stabilisiert. Er hat die CSU 2013 sogar wieder zurück zur absoluten Mehrheit geführt. Auch für die CDU war er sehr wichtig. Schließlich könnte die CDU ohne die überdurchschnittlich vielen Stimmen aus Bayern nicht die Kanzlerin stellen.

Horst Seehofer ist ein vielseitiger Politiker. Er war ein erfolgreicher Gesundheits- und Landwirtschaftsminister im Bund und ein bayerischer Ministerpräsident, der den Freistaat deutlich vorangebracht hat. Aber Seehofer war immer auch ein Spieler. Er liebt es, die eigene Partei wie die Medien über seine Pläne im Unklaren zu lassen. Er scheint sogar Spaß daran zu haben, wenn alle rätseln, was er als nächstes tun wird.

Kein anderer Politiker hat so oft von seinem Rückzug gesprochen – ohne ihn zu vollziehen. Wäre der Rücktritt vom Rücktritt eine olympische Disziplin, hätte Horst Seehofer zahlreiche Goldmedaillen errungen.

Gefühle statt Bilanz
Horst Seehofer: Abschied ist (k)ein scharfes Schwert
Jetzt hat Seehofer seinen Rückzug vom CSU-Vorsitz angekündigt, ohne ein konkretes Datum zu nennen. Zudem lässt er es offen, wie lange er noch Innenminister bleiben möchte oder zu bleiben versucht. Das ist nichts Neues. Es passt vielmehr bestens in die Endlos-Schleife der Rückzugsankündigungen und Rückzugsabsagen des Horst Seehofer. Hier die wichtigsten Stationen.

November 2004: Als stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU lehnt Horst Seehofer das Konzept der „solidarischen Gesundheitsprämie“ als unsozial ab und legt sein Amt nieder. Er wird Vorsitzender des VdK in Bayern und will sogar den Bundesvorsitz des Sozialverbands übernehmen. Ein knappes Jahr später wird Seehofer Landwirtschaftsminister im ersten Kabinett Merkel. Der VdK ist Geschichte.

September 2012: Ministerpräsident Seehofer ist bereit, 2013 wieder als Spitzenkandidat bei der bayerischen Landtagswahl anzutreten. Er kündigt an, die komplette Legislaturperiode bis 2018 im Amt bleiben zu wollen. „Dann ist auch Schluss.“

Oktober 2014: Ein Jahr nach seinem Wahlsieg 2013 schließt Seehofer eine erneute Amtszeit nach 2018 nicht mehr aus.

Januar 2015: Seehofer kündigt an: „Ich werde bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr kandidieren.“

Oktober 2016: Seehofer deutet den Verzicht auf das Amt des CSU-Vorsitzenden an. In einem Bundestag mit sieben Parteien brauche man „den CSU-Chef in Berlin.“

Dezember 2016: Seehofer will doch CSU-Vorsitzender bleiben. Aufgrund seiner politischen Erfahrung könne er „Wirkungsmacht auch aus München entfalten.“

Februar 2017: Seehofer deutet an, unter Umständen über 2018 hinaus Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender bleiben zu wollen.

November 2017: Ungeachtet der großen Stimmenverluste der CSU bei der Bundestagswahl lässt es Seehofer offen, 2018 abermals anzutreten und bereits im

Dezember 2017 bei der Wahl des Parteivorsitzenden anzutreten.

Dezember 2017: Der Unmut in der CSU und die Unzufriedenheit mit Seehofer werden immer größer. Auf einer Sondersitzung der CSU-Landtagsfraktion kündigt Seehofer seinen Rücktritt als Ministerpräsident für Anfang 2019 an, will aber CSU-Chef bleiben. Im März 2018 macht er in München den Weg frei für Markus Söder und wird Bundesinnenminister.

Juli 2018: Im Streit um die Flüchtlingspolitik mit der CDU kündigte Seehofer während einer Sitzung der erweiterten CSU-Parteiführung an, den Parteivorsitz und sein Ministeramt in Berlin aufzugeben. Er lässt sich dann von den CSU-Granden – erwartungsgemäß – umstimmen und macht seine politische Zukunft vom Einlenken der CDU im Asylstreit abhängig. Nach einem Kompromiss mit Angela Merkel und der CDU behält er beide Ämter.

Juli 2018: In der Sendung „Maischberger“ kündigt Seehofer an, wie er sich seinen endgültigen Rückzug aus der Politik vorstelle: „Wenn ich zurücktrete, dann muss das nach der Fallbeil-Methode gehen: Sagen und aufhören.“

November 2018: Seehofer kündigt seinen Rücktritt als Parteivorsitzender für „Anfang 2019“ an. Bundesinnenminister will er aber bleiben: „Ich habe noch viel vor“.

Fazit: Bei Seehofer weiß man nie, was kommt. Von der Fallbeil-Methode scheint er offenbar nichts mehr wissen zu wollen. Die Seehofer-Methode erinnert eher an ein schwebendes Fallbeil.

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Kommentare ( 23 )

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Hoffentlich nimmt sich Merkel Seehofer nicht als Vorbild.

Die kann sich ja noch immer anders Entscheiden, wenn die Kandidatenwahl länger als üblich dauert.

Warum soll er eigentlich zurücktreten? Was würde ein anderer besser machen?

Gar nichts. Als Innenminister ist er eh in die Kabinettsdisziplin eingebunden – Seehofer hat INMER Hand in Hand mit Merkel agiert. Er war immer der Mehrheitsbeschaffer, der den Rest der Konservativen wie ein Rsttenfänger für Merkel klar gemacht hat. Das scheinbare Zerwürfnis mit Merkel war Theaterspiel – er hat sehr viele getäuscht.

Als MP ist er mir eh egal, da ich nicht in Bayern wohne. Das müssen die beurteilen, die dort wohnen.

Seehofer hat sich sicher nicht mit Ruhm bekleckert, als er seinen Worten keine Taten folgen ließ. Er war aber der Einzige, der unserer Kanzlerin widersprochen hat. Das ist wenig, aber immer noch mehr als der armselige Rest außerhalb der AfD liefert und geliefert hat. Mit anderen Worten: Er ist der Einäugige oder der Anständigste unter den Blinden und den Ungebildeten oder Verantwortungslosen.

So ist es.
Seehofer war stets von Gegnern „umzingelt“:

a) Frau Merkel und die Regierung
b) Eigene Partei-„Freunde“
c) CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP
d) TV-Medien
e) Print-Medien
f)“Kulturschaffende“
g) grün-linke Kirchenvertreter

Ach Herr Müller-Vogg – ist gut und schön das alles nochmals zusammenzufassen. Was hilft es? Aber für guten Journalismus hätte ich eine Analyse des Charakters eines solchen Menschen erwartet und die daraus zu ziehenden Schlüsse. Sie sind alt genug um es noch aus eigener Erfahrung zu wissen, daß es in der BRD einmal einen solchen Journalismus gegeben hat. Weshalb setzen Sie sich nicht für die Tradition eines solchen vorbildlichen Journalismus ein? Sie können ihn (erinnere mich noch an Ihre Zeit bei der FAZ) und sollten es tun. Sie würden auch als Vorbild wirken. Aber heutigen Gutmenschenjouris hinterher zu laufen ist… Mehr

Warum sollte Seehofer zurücktreten, wenn es Merkel auch nicht macht?

Ja, das ist nun die Frage, was Horst Seehofer und die Rolling Stones gemeinsam haben….
Die Stones sind seit zwanzig Jahren auf der Abschiedstournee.

Erfolgreicher Gesundheitsminister? Mit dem Gesundheitsstruckturgesetz ein Milliardenloch geschaffen. Was man an Fehlleistungen durch ihn nach seiner Amtszeit wieder rückgängig machen musste zählt bei Politiker immer als Plus, nicht war!?

Seehofer hat sehr deutlich gesagt, dass er gedenkt Innenminister im Bund zu bleiben.
Einen festen Termin klann er nicht nennen, denn auch Seehofer weiß nicht wie lange diese Regierung noch besteht. Die SPD weiß nämlich auch nicht so recht ob sie nun doch lieber mit 6% in die Opposition will, oder lieber in der GoKo bleibt.

„Drehhofer“ sagt alles. Was der so absondert darf man schon lange nicht mehr ernst nehmen. Aber er passt doch gut in das Berliner Chaosorchester, oder?

„Bei Seehofer weiß man nie, was kommt“. Herr HMV, das mag so sein. Damit besteht immerhin zu 50% die Chance auf eine bessere Entwicklung. Und wie Sie selbst schreiben, geht es BY ja recht gut. (noch) Wir haben da so eine Spitzenkraft, auch in Berlin, bei der steht aber zu 100% fest, dass sie Deutschland nach Kräften schadet! Propagandistisch geht es uns angeblich toll – Rücklagenhöhe, Renteneintritt, und -höhe, Luftbuchungen über Target 2, Steuerlast, Maut usw. – praktisch jedoch gar nicht. Dazu noch höchst windige Wechsel auf die Zukunft – Plünderung der Sozialkassen ohne Gegenleistung, Plünderung des Haushalts auf unabsehbare… Mehr

@Imre
Dann wandern sie doch aus, vielleicht treffen Sie es ja irgendwo anders besser ….