100 Prozent Erneuerbar

Die merkwürdige Sicht eines Ministers: Wenn die Arbeit ruht und die Sonne scheint, die Wolken sich verstecken und der Wind weht - dann ist Tag der Arbeit. Für Werktage gibt es kein Rezept. Glaube statt Wissen ist ein gutes Ruhekissen.

© LOIC VENANCE/AFP/Getty Images

Mit fast religiöser Euphorie wurde von einschlägig Energiewendebegeisterten die Feiertagsarbeit von Wind und Sonne am 1. Mai kommentiert. Sie war natürlich zuschlagspflichtig. Zwischen 0 und 17 Uhr bewegte sich der Börsenstrompreis im negativen Bereich und sorgte für zusätzliche Belastung aller Stromkunden.

Wirtschaftsminister Altmaier findet dies großartig, was nicht wundert, denn er hat ein eher religiöses Verhältnis zur Energiewende. Er bezeichnete auch Offshore-Windkraftanlagen als „Kathedralen der Energiewende“. So mancher neigt eher zur Andacht als zur nüchternen Kalkulation, die dringend nötig wäre.

Denn was Altmaier feiert, bedeutet: Wegen der jahreszeitlich bedingt hohen Sonnenstrahlung bei weitgehend wolkenfreien Himmel und eher untypischen starken Winden, produzierten Solarpaneele und Windräder so viel Strom, dass ihn keiner haben wollte oder gar verbrauchen konnte. Weil aber Kohlekraftwerke nicht mit jedem Windstoß an- oder abgeschaltet werden können, entstand eine kräftige Überproduktion – die irgendwie vernichtet werden musste. Meist geschieht das über subventionierten Export in Nachbarländer, die sich die Übernahme des deutschen Extra-Stroms teuer bezahlen lassen. Hauptsächlich von Haushaltsstromkunden und solchen Unternehmen, die wenig Strom verbrauchen. Sie zahlen Ausgleichsbeträge; die Erzeuger erhalten ihre Wunschpreise ersetzt.

Und das feiert der Minister – als Modell für die deutsche Industrie? Das sähe wie folgt aus, denkt man Altmaier zu Ende: Daimler und BMW erhalten einen garantierten Preis für die Herstellung ihrer Luxusautomobile – der Staat kauft sie auf und exportiert sie, wobei die Kunden dann noch Geld oben drauf erhalten, damit sie sich das Benzin leisten können. So geht Wirtschaft! Diese wunderbare Altmaier-Modell könnte man auf alle Industriebereiche ausdehen, und alles wäre geritzt.

Öko-Nationalismus
Schlechtes Zeugnis für die Klimakanzlerin
Altmaier erhält viel Zuspruch. Dass sein Twitter-Beitrag jubelnde Reaktionen von Claudia Kemfert erhielt, die als Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) firmiert, beweist, dass das DIW nicht mehr viel mit Wirtschaft zu tun hat. Auch von Julia Verlinden, einer Bundestagsabgeordneten der Grünen wurde Altmaier in nächsten Tönen gelobt; es ist ja diese Art Wirtschaft, die die Grünen gut finden. Und weswegen sie Jamaika hinterhertraueren: Endlich hätte man die wunderbare Lösung für alle Wirtschaftsprobleme: Der Staat kauft alles und bezahlt die Kunden im Ausland dafür, dass sie den Krempel abnehmen. Dazu gehören auch entsprechende Abschaltbegehren. Denn der teuflische Atom- und klimatötende Kohleenergie verstopft die Leitungen für den Gutmenschen-Strom. Klar, in der Nacht scheint ja auch die Sonne, wenn man es ihr nur anschafft; braucht man da andere Kraftwerke? Alles nur eine Frage des politischen Willens.

Altmaier möchte so weit nicht gehen wie die beiden „Energieexpertinnen“. Mit seinem Tweet will er die Notwendigkeit des Netzausbaus deutlich machen, was nicht falsch ist, aber eben nicht die Probleme löst. Was tun mit Strom, den keiner braucht in einem dann gut ausgebauten Netz? Das Problem ist nicht das Netz, sondern die ungleichzeitige Erzeugung, die sich am Wetter orientiert, aber nicht am Strombedarf.

Die Fragen, warum regenerative Gelddruckmaschinen nicht abgeschaltet werden, wo die viel beschworenen Speicher bleiben und wer das Netz eigentlich regelt, wenn die böse Sauriertechnik endlich abgeschaltet ist, bleiben offen. Ach ja, neue Leitungen kosten Geld und vernichten Landschaft? Das darf unsere Freude nicht verderben.

Nur ewige Kritiker meinen: An Stelle verbaler quasireligiöser Begeisterung besteht die Aufgabe eines Energie- und Wirtschaftsministers darin, ein paar Zahlen in den Grundrechenarten hin und her zu schieben und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Das hat für ihn der BDEW getan und teilte mit, dass spätestens 2023 wegen der schon feststehenden Abschaltung von Kohle und Kernenergie die erforderliche gesicherte Leistung für Industrie und Haushalte nicht mehr abgedeckt werden kann. Über sechs Gigawatt werden dann fehlen, wenn die bestehenden Abschaltpläne verwirklicht werden und Wind und Sonne gerade keinen Bock auf Arbeit haben.
Strom gibt’s dann vielleicht genug am 1. Mai, wenn Sonne und Wind ihr Werk verrichten und die Industrie den Tag der Arbeit feiert. Oder sollen zukünftig die Sirenen wieder die Werktätigen an ihre Plätze rufen, weil gerade Sonnenstrom da ist? Und werden sie wieder heimgeschickt, weil gerade Flaute ist und kein Strom zur Verfügung steht?

Dafür könnte ein Wirtschaftsminister eine Strategie entwickeln, selbstverständlich unter Einbeziehung der Gewerkschaften. Er kann auch auf stetigen Wind und wenig Wolken hoffen, gerne auch dafür beten. Unsere Vorfahren beteten für gnädiges Wetter und gute Ernte. Altmaier wird dann wohl ins Ministerium einladen, um ein Hochamt für Energiewendewetter zu zelebrieren – oder den Nachbarländern einen Opferstock für etwas Strom hinhalten. Glaube schlägt Wissen, das gilt nicht nur für dieses Arbeitsfeld unserer Regierung.

Am 2. Mai sind Wind und Sonne müde von der vielen Arbeit. Für andere geht die Arbeitswoche jetzt los.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 90 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Und beim E-Auto macht man es ebenso. Aber das ist deutsche Politik. Man sucht immer nur die eine Lösung! Eine Energiewende kann man nur mit einem Mix aus vielen Lösungen machen; gleiches gilt beim Strassenverkehr. Aber unsere Politik ist ja sehr limitiert. Ich glaube ohne Scheuklappen bekommt keiner mehr ein Amt da oben!

Der „BUND“ meldet sich nun auch zu Wort:

BUND hat einen Abschaltplan für Kohlekraftwerke und Kernkraftwerke

https://www.baulinks.de/webplugin/2018/0640.php4

Mir fehlen die Worte!

Interessant ist auch noch, dass die von Deutschland gesparten Emissionsrechte von Nachbarländern wie beispielsweise Polen aufgekauft werden, um damit Kohlekraftwerke genehmigt zu bekommen. In Polen kaufen wir dann den unsauberen Strom, den wir in Deutschland teuer vermieden haben wieder teuer ein. Die EEG-Umlage stieg von 2,047 Cent pro kwh seit 2010 auf aktuell 6,792, immerhin 331% in 8 Jahren. Wind und Sonne sind eben mal unsichere Faktoren zur Energieversorgung, eine durchdachte Energiewende sieht anders aus.

Wind ist einerseits nicht nur viel zu unbeständig als das er eine kontinuierliche und stabile Stromversorgung gewährleisten kann, auch kommt er nicht auf Bestellung, wenn man ihn gerade braucht. Wie also die Spitzenzeiten abfangen? Solarstrom dürfte wohl bei uns nur im Sommer effektiv sein, im Winter ist der einstrahlungswinkel der Sonne viel zu gering, und auch die Zeit des Sonnenscheins nicht ausreichend, aber gerade bei Dunkelheit wird in dieser Jahreszeit der meiste Strom verbraucht. Alternativ nach Grün könnte man ja wieder zu Kerzen und Pechfackeln übergehen, aber ob bei dem Bienensterben genügend Wachs vorhanden sein wird und ob die Rauchmelder… Mehr

Strom aus Wind bzw. Sonnenenergie ist nicht Grundlastfähig. Bei Dunkelflaute können auch 10x so viele Windräder und Solaranlagen keinen Strom liefern. Merke! 10 x 0 ist immer noch 0. Nennenswerte Stromspeicherkapazitäten gibt es in D nicht. Die sicherste Alternative zu Öko-Strom ist immer noch ein mitlaufendes Kraftwerk herkömmlicher Art ( Kohle od. Atom), dass netzstabilisierend eingreifen kann.

Tja, nur ist das „Standby Kraftwerk“ sehr viel billiger als ein Kohlekraftwerk.

Es kostet nur ca. 1/4 und lässt sich auch mal ausschalten, wenn es nicht gebraucht wird.

So ist es. Das ganze Land könnte mit Windindustrieanlagen oder Solaranlagen flächendeckend überzogen werden. Weht kein Wind = null Strom, scheint keine Sonne = null Strom.

Ich gehe jede Wette ein: Diese ganze Politik, Energiewende eingeschlossen, wird in wenigen Jahren mit einem Bauchklatscher auf Beton enden und zwar aus 1 km Höhe.

Man könnte sich ja jetzt zurücklehnen und den Aufprall genießen, denn er wird die amtierende Regierung, den grünen Öko-Faschismus und den gesamten gesellschaftlichen Mainstream hinweg reissen.

Dieser Strudel wird die Kraft eines schwarzen Loches haben und er wird leider nicht selektieren zwischen Vetursachern und Opfern. Und dann gnade uns Gott. Der einzige Trost werden dann nur millionen unfassbar blöder Gesichter von ehemaligen Bessermenschen sein.

Ich wollte erst was schreiben, aber Sie haben ja schon alles dazu gesagt. Danke!

Frank Hennig kämpft wacker wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen, mit vielen guten und nachvollziehbaren Argumenten. Ob die von ihm so hoch geschätzte Braunkohle DIE Alternative ist oder die von DER ALTERNATIVE so geliebte Atomkraft? Fakt ist doch ganz einfach: Deutschland verbraucht SEHR viel Energie und hat selbst fast keine. Gut 70 Prozent der Primärenergie werden importiert, unter anderem aus Staaten, die mit dem damit verdienten Geld nicht nur Kindergärten und Schulen bauen … Aber egal. Herr Hennig übersieht, dass die hier zum Schimpfwort veredelte ENERGIEWENDE kein Hirngespinst rot-grüner Chaoten ist. Der Ursprung liegt bereits in der aus dem Bewusstsein… Mehr
Danke. Ein ideologiefreier Kommentar. Sowas liest man selten heutzutage. Natürlich haben Sie recht mit Ihrem Hinweis dass man Kernkraftwerke nicht mal eben so von den Bäumen schütteln kann. Von den Endlagerproblematiken mal ganz zu schweigen. Dennoch bleibt der Gedanke ein Industrieland wie DE mit 100 % regenerativer Energie versorgen zu wollen in absehbarer Zukunft utopisch. Und auf Utopien sollte man keine Zukunft bauen. Aber bleiben wir doch mal dabei die Ideologie aussen vor zu lassen. Dann kommt man fast zwingend zu einem möglichst differenzierten Energiemix. Kernkraftwerke (sofern noch betriebsfähig) normal weiter laufen lassen, Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke und ein engagierter aber nicht… Mehr
Was die meisten Politiker und die NGOs und die Presse zur Kernkraft meinen und was sie meinen, was die Bevölkerung zu diesem Thema glauben muss (Indoktrination), spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Herr Hennig sagt, was vernünftig wäre und die meisten Energie-Fachleute wissen dies auch, nur unterliegen sie sehr oft Zwängen, die es ihnen verbieten, dies öffentlich kundzutun. Die deutschen Kraftwerke sind keineswegs vergreisend, sondern könnten mit relativ geringen Kosten auf den neuesten Stand gebracht werden, was Effizienz und Sauberkeit angeht. KKWs der Generation IV, welche inhärent sicher sind und das, was heute Atommüll heißt, als Brennstoff verwenden können, werden… Mehr
Die Energiewende ist ein Verbrechen an der Natur . Unter dem Vorwand die Welt retten zu müssen wird unsere Umwelt massiv geschädigt. Windradmonster verschandeln seit kurzem unseren schönen Odenwald, es sollen noch mehr werden. Schwarzstorch, Rotmilan und Fledermaus, um nur einige geschützte Tierarten zu nennen, sind kein Hindernis. Logisch, weil der Gutachter der vom Energieunternehmen bezahlt wird, diese nicht sehen darf. Der Mensch, der unter Lärmbelastigung oder Infraschall – den gibt es offiziell ja gar nicht – leidet, zählt ja nicht. Um die Windindustrieanlagen zu bauen wird Wald gerodet, autobahnähnliche Schneisen geschlagen und Fundamente gegossen, die den Waldboden verdichten .… Mehr

„100% erneuerbaren Strom“ – was soll das sein? Strom ist nicht erneuerbar.
Übrigens freuen sich die Nachbarländer nicht, wenn sie den deutschen Überschuss bekommen, zerstört das doch die Wirtschaftlichkeit ihrer eigenen Energieunternehmen.

Mir tun die Ingenieure und Techniker leid, die den Wahn von 100% Ökostrom-Einspeisevorrang ausbaden müssen. Ein Kraftwerk knipst man nicht mal eben an und aus. Ohne billige Kohle und alte Meiler dafür wäre der Strompreis schon längst massiv höher. Kann man als Politiker natürlich nicht verstehen, erst recht nicht wenn man nicht verstehen will.