Tausende Schulgebäude verrotten

Für ein reiches Land wie Deutschland ist der Zustand vieler seiner Bildungseinrichtungen ein Skandal. Dabei sind die vielen in den 1970er und 1980 Jahren gebauten Hochschulen hier noch nicht einmal mitgerechnet. Sanierungsbedarf ralistisch 100 Milliarden.

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Kürzlich war in der WAZ zu lesen, dass an einer Realschule in Oberhausen während des Unterrichts plötzlich Deckenplatten auf den Boden krachten. Die Schüler hatten noch einmal Glück, keiner kam zu Schaden. Ein Einzelfall? Keineswegs!

Immer häufiger berichten Eltern, dass ihre Kinder vor und während des Schulvormittags nichts mehr trinken, weil sie nicht möchten, dass sie auf die Schultoiletten gehen müssen. Entweder weil die Toiletten in einem untragbaren Zustand sind oder weil Schulen dazu übergingen, Toilettenbenutzungsgebühren zu verlangen. Anders wissen sie sich teilweise nicht mehr zu helfen; sie wollen auf diesem Weg Geld zusammenbekommen, um die Toiletten sanieren zu können. Gar nicht selten finden sich – entgegen allen Vorgaben der Haftplicht – auch Eltern, Lehrer und ältere Schüler zusammen, um die allerschlimmsten Mängel zu beseitigen: Türen streichen, Wände tünchen, undichte Fenster abdichten. Die Schulträger haben oft kein Geld dafür.

Die Liste der professionell zu sanierenden Bereiche ist lang: Das beginnt bei den Fassaden, die bei manchen Schulhäusern wegen herabfallender Teile abgesperrt werden müssen; es setzt sich fort mit schlecht schließenden oder sogar aus der Wand kippenden Tür- und Fensterrahmen. In den späten Herbstwochen, in den Wintermonaten und in den frühen Frühjahrswochen streiken oft die veralteten Heizungsanlagen. An vielen Schulen sind Turnhallen nur eingeschränkt oder gar nicht nutzbar, weil der Unterbau der Schwingböden morsch ist. Schauen Profis unter die Fußböden oder hinter die Decken- und Wandverkleidungen, so tun sich oft weiterreichende Probleme auf: Schimmelbefall oder Nässe durch undichte Flachdächer, wie man sie vor Jahrzehnten bevorzugt gebaut hatte.

Bei den Behörden und bei der Politik ist das Thema erst allmählich angekommen. So geht beispielsweise die Senatsverwaltung in Berlin von einem Sanierungsbedarf von 3,9 Milliarden Euro im Schulbereich aus. Aber das ist ein Trostpflaster. Denn Berlin hat etwa 800 allgemeinbildende und rund 150 berufsbildende Schulen. Gewiss haben nicht alle Schulen einen gleich großen Sanierungsbedarf. Aber 3,9 Milliarden, das würde im Schnitt bedeutet: pro Schule in Berlin vier Millionen. Das ist ein Klacks. Denn erfahrungsgemäß braucht eine in den 1970 Jahren gebaute Schule in einer Größenordnung von rund 1.000 Schülern ein Sanierungsvolumen von rund 15 Millionen.

Andere Beispiele: Der baden-württembergische Städtetag rechnet mit mindestens drei Milliarden, um die Schulen im Land zu sanieren und zu modernisieren. Der Gemeindetag des Landes geht sogar von einem Investitionsstau im Schulbereich von 6,8 Milliarden aus. Der Duisburger Oberbürgermeister fragte den Bedarf an allen Schulen der Stadt ab und kommt auf eine Summe von 300 Millionen für alle Duisburger Schulen. In Dresden sollen etwa 650 Millionen Euro für Sanierungen notwendig sein, in Wiesbaden 400 Millionen, in Hannover 740 Millionen. Aber: All diese Zahlen sind reichlich schöngerechnet! Nehmen wir Duisburg. Es hat rund 180 Schulen. Ein Sanierungsbedarf von 300 Millionen Euro würde heißen, dass pro Schule nicht einmal zwei Millionen anfallen. Duisburg – die Stadt der Traumschulen? Das mag glauben, wer will.

Die KfW-Bank diagnostizierte 2016 – wohl viel zu niedrig – einen Sanierungsstau an den deutschen Schulen von 34 Milliarden Euro bundesweit. Das kann es nicht sein. Wären alle mehr als 40.000 Schulen bundesweit in einem Zustand wie die Berliner Schulen mit ihrem Gesamtsanierungsbedarf von 3,9 Milliarden, dann käme man auf einen Sanierungsbedarf von bundesweit über 160 Milliarden Euro.

Nun mag es nicht in allen deutschen Ländern so schlimm aussehen wie in der Bundeshauptstadt. Sicher haben die „reicheren“ deutschen Länder solche Probleme nicht in der Berliner Dimension. Aber Probleme gibt es überall. Deshalb dürfte die Kalkulation, dass für die Sanierung von Deutschlands Schulen mindestens 100 Milliarden Euro notwendig sind, sehr realistisch sein. Zumal sich bei manchen Gebäuden die Frage stellt, ob ein Neubau nicht die bessere Lösung wäre – denn neben der bloßen Reparatur und Mängelbeseitigung müssen die Gebäude auch in anderer Hinsicht auf den neusten Stand gebracht werden, zum Beispiel energetisch.

Kurzum: Für ein vergleichsweise reiches Land wie Deutschland ist der Zustand vieler seiner Bildungseinrichtungen ein Skandal. Dabei sind die vielen in den 1970er und 1980 Jahren gebauten Hochschulen hier noch nicht einmal mitgerechnet. Will sagen: Pädagogische Blütenträume sind das eine. Erst einmal sollte die bauliche „Hardware“ stimmen.

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Kommentare ( 62 )

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Und was dann? Milliarden investieren entweder in jene Wilhelminischen Trutzburgen der Gründerzeit, in denen Volksbeschulung noch stark militärisch indoktriniert war und sich in Kasernenartigen Schachtelräumen baulich manifestiert oder eben in die Betonbrutalistischen Massenverwahranstalten des sozialdemokratischen Aufbruchs der 70er?! Bevor wir Geld in überkommene Strukturen investieren, sollten wir endlich mal anfangen, einen Bildungskanon fürs 21. Jahrhundert zu entwerfen. Wie lernen wir, in welchem Alter was, in welchen Systemen und Strukturen? Welchen Einfluss hat das e-learning, wie schaffen wir Bertreuung wo nötig, wo gestatten wir individuelle Freiheit wenn möglich. Und ein Thema, das der Erwachsenenbildung, wird seit jeher sträflich vernachlässigt. Aber das… Mehr

Was mich besonders traurig stimmt ist, dass den Steuerzahlern Millionen an Steuerüberschüssen abgeknöpft werden, die völlig sinnlos verpuffen. Wir reden hier von einem Sanierungsstau von mindestens 30/40 Jahren bei Schulen. Das selbe Bild ergibt sich bei der Infrastruktur. Wo ist all das Geld geblieben? Langsam habe ich wirklich das Gefühl hauptsache das Geld wird für Millionen Scheinasylbewerber verprasst. Alles andere ist für unsere Regierung sekundär.

Die Sache ist doch ganz einfach. Wir, die schon länger hier leben, haben einen historischen Auftrag: Wer Reihenhäuser für geschenkte Menschen errichten muss, der kann doch nicht auch noch die Schulen sanieren. Ist doch logisch.
Vor mir aus hätte die Klatsche für rot sozialistisch grün in NRW noch schlimmer sein können. Auch die einzige Alternative für eine vernünftige Politik in Deutschland wird noch zugegen müssen, um wirklich etwas zum besseren zu verändern.

Deutschland hat in den letzten Jahren 240 (!!!) Milliarden Zinsen über Enteignung der Sparer „gespart“. Wo ist das Geld hin?
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Man fragt sich schon berechtigt, wo die Rekordsteuereinnahmen hingehen. Vielleicht sollte der Bund mal weniger Geld für seine nutzlosen Prestigeprojekte (Sie wissen schon: Griechenland, Banken, Möchtegerneinwanderer etc.) verbrennen, damit er mehr für die Bundesländer oder die eigene Bundeswehr etc. übrig hat. Vielleicht sollten auch die Bundesländer weniger Geld für nutzlose Prestigeprojekte (Sie wissen schon: durchgegenderte „Bildungs“-Pläne, Zappelstromsubventionen etc.) verbrennen, damit sie auch noch etwas für Infrastruktur und Polizei oder die eigenen Kommunen übrig haben. Der Zustand der Schule wie auf dem Bild zu sehen und wie im Artikel beschrieben ist schon wie DDR-Verfall. Die Straßen (Schlagloch- und Flickenteppiche) sind ja… Mehr

Wieviel Geld wurde in den vergangenen Jahren, in den Kommunen für Kunstwerke ausgegeben? Was kostet noch mal der BER in Berlin? Was kostet die Eldphilharmonie in Hamburg? Mit wieviel Geld werden die Theather, Opern und Konzerthäuser unterstützt?

Jeder Bürgermeister versucht sich ein Denkmal zu setzen. Schulen sind keine Denkmäler, also ist dafür auch kein Geld da. Ganz was anderes ist da natürlich ein neues nettes Erlebnisbad.

Migration in die Sozialsysteme, Eurorettung bis hin zur Transferunion und Vergemeinschaftung der Schulden im Euroraum, vermutlich in Zukunft steigende Inflation, steigende Kriminalität, Staatsverschuldung, Überschuldung zahlreicher Kommunen, Abwanderung von Leistungsträgern, unsinnige und teure Energiewende, teilweise verfallende Infrastruktur, sinkendes Rentenniveau, sinkendes schulisches Bildungs- bzw. Leistungsniveau usw.
Es ist absehbar, dass die Bilanz der Regierung Merkel nach 16 Jahren verheerend aussehen wird.

Wenn das ein deutschlandweites Problem ist, wie oft kommt das in den Nachrichten und Talkshows vor? Müßte das, die Wichtigkeit der Bildung unserer Kinder hergenommen, nicht ein tägliches Thema sein?
Da werden sich die Kinder, die von Baby an in schicken, neuen Kitas aufgewachsen sind, aber umstellen müssen, wenn sie dann in die schrottreife Grundschule gehen.

Ja, da sind immer noch erhebliche Spätfolgen aus der Unterstützung des Aufbaus der neuen Bundesländer vorhanden. Die Infrastruktur der alten Bundesländer wurde ja über Jahrzehnte total vernachlässigt weil das Geld in die neuen Bundesländer floss. Und das ist natürlich nicht von heute auf morgen korrigierbar!

Ich glaube, das ist das geringere Problem. Die Milliarden, die in den Sektor „Flüchtlinge“ – ich rede eher von Massenmigration – fließen, und die von unseren „wahrheitsliebenden“ Regierenden zumindest nach außen hin schöngerechnet werden, dürften die Hauptursache sein, dass man vieles verfallen und vergammeln lässt. Das ist halt die Devise der Merkel-Regierung: Das, was man nicht sofort sieht, kann man auf die lange Bank schieben, aus den Augen, aus dem Sinn. Dafür zustopfen, egal wo die Mittel herkommen, was richtigen Unmut erzeugen könnte. Es ist nichts als eine fahrlässige Politik auf Pump und auf dem bloßen Schein aufgebaut – und… Mehr
Zitat: „Schauen Profis unter die Fußböden oder hinter die Decken- und Wandverkleidungen, so tun sich oft weiterreichende Probleme auf: Schimmelbefall oder Nässe durch undichte Flachdächer, wie man sie vor Jahrzehnten bevorzugt gebaut hatte.“ Will sagen, man hat auch einfach schrottig gebaut. Wenn man sich den architektonischen „Charme“ dieser oft geradezu menschenverachtenden Waschbetonkästen anschaut, möchte man hinzufügen, zum Glück! Es gibt die schöne schwedische Weisheit „Ein Kind hat drei Lehrer: Der erste Lehrer sind die anderen Kinder. Der zweite Lehrer ist der Lehrer. Der dritte Lehrer ist der Raum“. Sollte man sich bei etwaigen Neubauten zu Herzen nehmen. Es sollte mehr… Mehr