Berliner „Exzellenz“-Uni blamiert sich

Symptomatisch für den „failed state“ Berlin: Die Freie Universität rügt die Dissertation von Familienministerin Giffey, ohne zu begründen warum - und streicht dem Zweitgutachter postum den Titelzusatz.

Sean Gallup/Getty Images

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD, 41) hat zwischen 2005 und 2009 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU) den „Doktor gebaut“. Den Titel erhielt sie für eine 266 Seiten starke Dissertation zum Thema „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“. 

Diese Arbeit kam Anfang 2019 auf den Prüfstand. Zwar nicht dafür, dass die Arbeit kaum etwas anderes war als ein Ego-Erfahrungsbricht: Denn Giffey schrieb vor allem über ihre eigene Arbeit als Europabeauftragte von Berlin-Neukölln. Aber: Es gab Plagiate, insgesamt 119 Textpassagen sollen künftig nicht mehr zitiert werden dürfen. Am 30. Oktober 2019 verkündete die FU: „Mit der Rüge missbilligt das Präsidium, dass Frau Dr. Giffey in ihrer Dissertation die Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht durchgängig beachtet hat. Die Freie Universität Berlin wird die Rüge in der veröffentlichten Fassung ihrer Dissertation kenntlich machen.“ 

Ist damit alles in Butter, wenn Giffey ihren Dr.-Titel und Ministerposten behält? Für Giffey ja, für die FU nicht, denn sie blamierte sich erneut. Am 18. November 2019 wurde nämlich in die Papierversion der in der Uni-Bibliothek vorliegenden Arbeit handschriftlich und ohne entzifferbare Unterschrift eingefügt: „Rüge erteilt durch das Präsidium der Freien Universität Berlin am 30.10.2019, 18.11.2019“, gefolgt von einem nicht lesbaren Namenskürzel. Eine Begründung fehlt. Siehe hier

Posse Nr. 2 ist, dass die FU Giffeys 2011 verstorbenem Zweitgutachter den Titelzusatz strich – nämlich dem Soziologen Hartmut Häußermann, der nun nur noch „Dr.“, aber nicht mehr „Dr. rer. pol.“ ist. Das wiederum hätte man eigentlich bei der Erstgutachterin Prof. Dr. Tanja Anita Börzel machen müssen, denn diese hatte keinen „Dr. rer. pol.“ erworben, als sie beim Europäischen Hochschulinstitut in Florenz promoviert wurde. 

Die FU Berlin nennt sich derweil weiterhin „Exzellenz-Universität“. Aber was sagt das schon? Auch an der FU wird der Dr.-Titel wie in der „Bildungsnation Deutschland“ insgesamt inflationär vergeben: An der FU waren es im Jahr 2018 exakt 299, davon 234 mit den beiden Bestnoten „summa cum laude“ und „magna cum laude“. Deutschlandweit gab es 2018 rund 30.000 Promotionen, in einzelnen Fachbereichen mit bis zu 70 Prozent Bestnote „summa cum laude“. Siehe hier.

Immerhin Zeugnisse ausstellen kann also der „failed state“ Berlin, wenn es schon mit dem Flughafenbau, dem Wohnungsmarkt, dem Straßenverkehr, der Clanbekämpfung und den Senatoren usw. usw. nicht funktioniert. Siehe hier.

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Kommentare ( 50 )

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50 Kommentare auf "Berliner „Exzellenz“-Uni blamiert sich"

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Selbst wenn auf jeden Fall kaum eine eigene Leistung angenommen werden kann, hätte Franziska G. den “ Dr.“ behalten dürfen, weil sonst das größte „Talent“ der Spezialdemokraten aus der Regierung geflogen und damit auch die Groko schon Geschichte wäre. Also haben alle “ geholfen“. Schiebung? Sicher kann man es so sagen, aber jetzt braucht sich die FU keine Sorgen mehr zu machen über reichliche “ Drittmittel“. Da hätte wohl jeder eine “ Rüge“ erteilt, statt selber ausgetrocknet zu werden. Wichtige Spielregel in der Ära Merkel : Hauptsache, den Schein wahren!

Das lustige Micky-Mouse-Stimmchen ab und an in den MSM-Nachrichten hätte mir schon irgendwie gefehlt.

Also ist es letztendlich doch eine ein-win-win-win Situation für alle Beteiligten, oder?

„Die Relevanz der Arbeit basiert auf der Annahme, dass die Einbeziehung der Zivilgesellschaft eine mögliche Antwort auf ein konstatiertes Demokratiedefizit darstellen (darstellt!) und zur Erhöhung der demokratischen Legitimation der EU beitragen könnte.“ . Kernaussage: Die EU ist demokratisch unzureichend legitimiert. Vertreter von Einzelinteressen und Lobby-Verbänden sollen es richten. Zivilgesellschaft. . „Anhand dieses Analyserasters werden die europäischen Beteiligungsinstrumente in einer Fallstudie im sozioökonomischen Härtefallgebiet des Bezirks Neukölln von Berlin auf ihre Eignung zur Beteiligung der Zivilgesellschaft überprüft. […]“ . Kernaussage: Neukölln ist voll die Härte, nicht ganz repräsentativ. Von Erlebnispädagogik bis Kampf gg. Rechts, alles dabei. Funzt nicht. Dumm gelaufen. Beteiligungsinstrument… Mehr

@ H. Priess
„Wenn die EU ein Staat wäre, und wenn dieser Staat die Aufnahme in die EU beantragen würde, müsste er zurückgewiesen werden – wegen mangelnder demokratischer Legitimation.“ Martin Schulz

Ich kenne die Quelle nicht: Wenn heute die EU der EU betreten wollte, würde sie abgelehnt werden müssen denn sie erfüllt einen Großteil der Vorausetzungen nicht!
Demokratisch unzureichend legitimiert halte ich noch für eine Untertreibung. Die Bürger in DL durften ja nicht mal über die Verfassung abstimmen!

Failed state – failed city – failed university. Letzteres passt insbes. zur „FU“ Berlin.

Glauben Sie, die Humbug-Universität ist besser? Die berliner Hochschulen waren und sind eine Katastrophe und das nicht erst seit kürzlich. Nach Westberlin hatte es die ganzen Drückeberger und Abseiler verschlagen, die dann dort die Hörsäle bevölkerten, die ostberliner Uni war einfach nur eine SED-Kaderschmiede, übrigens mit Eintrittskontrolle. Das gab es an Universitäten in Westdeutschland nicht. Da wollte man längst nicht so unter sich sein, wie im antielitären Arbeiter-und-Bauerstaat. Betreten als Betriebsfremder nur mit Einladung. Über so viel Angst vor Fremden hat man als Kapitalistenbrut nur gestaunt. Man hätte nach dem Anschluß die Berliner Anstalten konsolidieren müssen. Aber das hätte Posten… Mehr

Die Humboldt-Universität war mal herausragend – um 1900 und noch etwas später auch. Aber seit dem Krieg ….

Bei dem „Titel“ handelt es sich um einen akademischen Grad.

Verstehe ich nicht ganz. Giffey berief sich ja darauf, dass sie die amerikanische Zitierweise (Harvard/MLA) verwendete. Die erfordert aber ebenfalls Seitenangaben und dort muss man ebenfalls nicht nur wörtliche Zitate kenntlich machen. In diesem Punkt kann man also klar sagen, dass die Zitierweise keine Rechtfertigung für ihre Fehler war. Was hat sie also als Erklärung geliefert und wurde akzeptiert, dass sie wörtliche und inhaltliche Zitate nicht kenntlich gemacht hat? Zur Erinnerung: Schavan hat ihre aberkannte Arbeit in Zeiten gemacht, wo der Zugang zu und Umgang mit Computern sehr eingeschränkt war und musste mit Karteikärtchen arbeiten. Giffey hat ihre Arbeit zwischen… Mehr

Schavan ist in der CDU…

„Hartmut Häußermann“ – war der nicht in den 60/70ern SPD-Studentenorganisation (SHB)?

Einfach mal googeln..

Ich weiss, rhetorische Fragen sind echt gemein 😉