Was mit Zivilgesellschaft wirklich gemeint ist

Immer wenn heute von Zivilgesellschaft die Rede ist, meinen diejenigen, die sie fordern und sich auf sie berufen, jenen Teil der Bürgergesellschaft, den Parteien und NGOs unter ihre Kontrolle gebracht haben.

@ Getty Images

Immer mal wieder hielt ich bei Nennung dieses Begriffes inne. Zivilgesellschaft. Als erstes denken nicht wenige, das ist das Gegenteil von Uniformgesellschaft. Aber in jedem Zusammenhang, an den ich mich erinnere, meinten jene, die Zivilgesellschaft sagten, nicht, dass diese Zivilgesellschaft nicht uniformiert sein möge, sondern dass sie „richtig” uniformiert werden soll.

So hatte ich diesen Text vor Wochen angefangen, war durch andere Arbeit wieder davon abgekommen und wurde nun durch einen Tweet von Sven Giegold dankenswerter Weise daran erinnert:

„Demokratie braucht eine kritische Zivilgesellschaft”, formuliert Giegold. Ich sollte erwähnen, dass ich Sven Giegold vor vielen Jahren erlebte, als ich eine Diskussionsrunde mit ihm und anderen moderierte. Er war damals in dieser Runde, weil er als einer der Mitgründer an der Spitze von Attac-Deutschland stand. Dort betonte er von sich aus, niemals in die Parteipolitik gehen zu wollen. Dass er das dann doch tat, werfe ich ihm nicht vor. Er hatte wohl einfach erkannt, dass seine NGO wie andere auch eine Partei als parlamentarischen Arm braucht wie umgekehrt die grüne Partei (und ihre politischen Verwandten) Attac und andere NGOs als zivilgesellschaftlichen Arm. Im Wechsel- und Zusammenspiel von Staat und Zivilgesellschaft erscheinen sie stärker, als es ihrer wirklichen Kraft entspricht.

In seinem aktuellen Tweet sagt der grüne EU-Abgeordnete: „Das Kräfteverhältnis zwischen finanzstarken Lobbys und Zivilgesellschaft wird nun weiter auseinander klaffen.” Aber, aber Herr Giegold, Attac und andere NGOs sind doch Teile und/oder Instrumente dieser finanzstarken Lobbys – wie die EU die Agentur der Konzerne ist.

Immer wenn heute von Zivilgesellschaft die Rede ist, meinen diejenigen, die sie fordern und sich auf sie berufen, jenen Teil der Bürgergesellschaft, den Parteien und NGOs organisieren und lenken – jedenfalls kontrollieren, auf dass nicht zu viele Bürger auf die Idee kommen, ihre Meinungen frei von der Leber weg und auch noch öffentlich zu äußern: in einer freien Bürgergesellschaft.

Was Zivilgesellschaft genannt wird, ist weder zivil noch Gesellschaft, sondern politisch und medial gelenkte Demokratie. Nach dieser ruft auch Giegold in seinem Tweet, wenn er den Staat in Gestalt der Justizministerin aufruft, NGOs als Stützen der Zivilgesellschaft gegen ein Gerichtsurteil zur Seite zu treten.

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Kommentare ( 64 )

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64 Kommentare auf "Was mit Zivilgesellschaft wirklich gemeint ist"

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Der Mainstream-Medien Gelenkte in Deutschland springt über jedes Stöckchen, das ihm von Seiten der Politiker und Medien hingehalten wird.

Die Beriesellungsgesellschaft schwimmt in ihrer Mehrheit mit dem Strom, weil es bequemer ist als selbst zu denken.

Wann wird die Masse aufhören bequemlichkeitsverblödet zu sein, selbst zu denken und eine eigene Meinung haben?

Es ist dazu zwingend erforderlich, ein sehr reichweitenstarkes bürgerlich-freiheitliches Medienangebot aufzubauen.

es ist Kennzeichen der Demokratie, dass sich gesellschaftliche Gruppen mit eigenen Interessen zusammenschließen können, um sie zu artikulieren. aber es ist Gehirnwäsche / Framing / Bevormundung, wenn diese Gruppen Alleinvertretungsansprüche haben und ihre Meinung zum Katechismus machen und andere Gruppen als Populisten abqualifizieren. denn dann ist es vorbei mit Demokratie.

Die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung: „Zivilgesellschaft ist die Welt der privaten Initiativen, der Vereine, der Kollegen, Freunde und Nachbarn. Sie gilt als der ‚dritte Sektor‘‘ neben der Wirtschaft und der Politik. Wenn Vereine und Initiativen an demokratischen Werten orientiert sind, und selbst demokratisch strukturiert sind, dann können sie so etwas sein, wie eine Schule der Demokratie. Doch sie können noch mehr: sie können durch ‚’Agenda setting‘‘ Probleme wie Rechtsextremismus in der Öffentlichkeit thematisieren, an die sich staatliche Stellen nicht herantrauen. Rechtsextremismus lässt sich überdies nur erfolgreich bekämpfen, wenn sich alle drei Sektoren gleichermaßen daran beteiligen. Es geht darum,… Mehr

„Probleme wie Rechtsextremismus in der Öffentlichkeit thematisieren, an die sich staatliche Stellen nicht herantrauen.“

ist ja wohl der Brüller!

Interessanter Beitrag. Früher haben wir einmal gelernt das es eine Gesellschaft und einen Staat gibt. Sogar ein Lehrbuch (Lexikon der Politik 1973) gleichen Namens gab es dazu. Das Wort Zivilgesellschaft war hier nicht zu finden. Dieser Begriff kam m.E. aus der Militärsprache. Diese unterschied und unterscheidet zwischem Zivilisten und Angehörige der Streitkräfte. Heute versuchen sich also Parteifunktionäre und Angehörige sogenannter NGO, also in der Regel Lobbyverbände der Politik oder der Wirtschaft, vom Volk, der Zivilgesellschaft abzugrenzen. Der Riss verläuft aber wieder zwischen den sogenannten Leistenden sprich, den Steuern zahlenden Bürgern und den Versorgungssuchern, also denen die vom Staat mittelbar oder… Mehr

In dem Moment, in dem der erste Euro einer NGO von einer Regierung zugesteckt wird, ist das N zu streichen!

Die alte Geschichte: die Lobbyisten sind immer die anderen. Das Urteil ist zu begrüßen: wir müssen endlich der Machterschleichung durch selbsternannte Moralisten und verantwortungsfremde Manipulateuren entgegentreten. Sie haben Recht Herr Goergen – den Begriff „Zivilgesellschaft“ rechne ich zu den Begriffen, die man als „Neu-Orwell“ klassifizieren sollte.

Bei „Zivilgesellschaft“ muss ich immer an Marionetten denken, also Menschen der deutschen Bevölkerung, die schon politik-medial zurecht getrimmt wurden. Mit diesen „ausgewählten Bürgern“ kann man in den ÖR „diskutieren“ (d.h. sie dürfen vorher genehmigte Fragen und Anmerkungen vortragen). Wenn sich wirklich ein Kritiker darunter gemischt hat und hervor wagt, wird er, wie jetzt bei Steinmeier (dieser in unflätig hingelümmelter Position), betont lässig-arrogant mit Phrasen abgebügelt. Die Zivilgesellschaft nimmt das von ihrer „Elite“ hin und dankt mit lebenslänglicher Spitzenvergütung und Privilegien.

Die „Freiheitsstatue von Aachen“ sieht Deutschland lieber als Zivilgesellschaft mit Flüchtlingsgesellschaft. Da stammelt sie bei den Karnevalisten von Asyl der geflüchteten Freiheitsstatue vor dem bösen Amerika und alle Politiker lachen. Karneval hatte mal was, als Bastion der Deutschen gegen die Obrigkeit. Jetzt wird er nur noch von der Obrigkeit versaut. Die Narren merken nichts und fressen die billigen Kamellen.

Ja, Herr Georgen, genauso ist das. Diese verwirrten (für mich nur pseudo) linken Aktivisten bedienen sich der üblichen links-abgedroschen Phrasen, wie z. B., was käme wohl auf die „Zivielgesellschaft“ zu, wenn Ihre Organisationen nicht mehr da seien, Zitat: „Das Kräfteverhältnis zwischen finanzstarken Lobbys und Zivielgesellschaft wird nun weiter auseinander klaffen“. Dass sie schon längst selbst zur Werkzeugen, zu einer weichen Verfügungs-Knetmasse ausgerechnet der finanzstarken Lobbys mutiert sind, merken sie in ihrer naiv-radikalen Engstirnigkeit nicht einmal.

Die „richtige“ – aber bloß nicht rechte – Uniform für den hoffentlich uninformiert bleibenden Bürger! So stellt man sich im linksgrünen Milieu die im Gleichschritt marschierende Zivilgesellschaft vor – immer die für einen selbst natürlich kostenlose Gesinnungsethik im Visier. Verantwortungsethik? Fehlanzeige…