Vergleichen verboten! Sonst bist du MENSCHENFEIND

Kennen Sie den letzten Schrei beim Abblocken unliebsamer Tatsachen? Ludger Kusenberg alias Ludger K. diagnostiziert eine akute alemannische Argumentitis, die jedem Vergleich spottet.

„Schau mal hier. Sehr beeindruckend!“ Mit diesen Worten erreichte mich vor Wochen via Mail ein Video-Link, und der Verschicker hatte damit nicht zu viel versprochen. Zu sehen im Video war ein Redner, der sich vor großem Publikum stehend des heiklen Themas „globale Migration“ angenommen hatte. Zur Veranschaulichung seines Vortrags arbeitete der Mann auf dem Podium mit Glasgefäßen, in denen etliche, kleine Kaugummikügelchen enthalten waren; jedes einzelne davon gab’s stellvertretend für 1 Mio. Menschen. Die Süßigkeiten symbolisierten die weltweite Armut, sie wurden mit der Zeit zahlreicher, ein teilweises „Migrieren“ von Gefäß zu Gefäß änderte an der Gesamtlage gar nichts, Kugeln fielen aus einem überfüllten Gefäß heraus (da ein solches seine Größe natürlich nicht verhandeln kann), und alsbald war klar: die Realität macht auch gut gemeinte „Aufnahmeideale“ schlicht obsolet, sie führen unweigerlich zu weiterem Chaos. Der Redner hatte also auf famose Weise simple Naturgesetze veranschaulicht, derer sich auch jeder noch so verklärte Käßmann nicht verschließen kann. Das einleuchtende Fazit:

„Unkontrollierte Migration ist langfristig FÜR ALLE BETEILIGTEN nicht gut, lasst uns wo immer es geht VOR ORT helfen, damit gar nicht erst geflohen werden muss.“ Ich war angetan vom Gezeigten und sandte den Link an eine Freundin. Ihre Antwort ließ nicht lang auf sich warten – und mich erschaudern …

„Aber Ludger, du kannst doch Menschen nicht mit Bonbons vergleichen!“ Äh, hat sie das jetzt wirklich gesagt? Ja, hatte sie, und derlei ist kein Einzelfall, wie mir hernach bitterst gewahr wurde. Ein schroffes „du kannst doch keine Menschen mit xyz vergleichen“ ist der letzte Schrei beim Abblocken auch offenkundigster Argumente und Tatsachen, sofern diese mit einem Vergleich, einem Sinnbild vorgetragen werden: Es wird dann einfach jeglicher rhetorischen Finesse entsagt, eine Non-Plus-Ultimo-Tatsachentatsache ans Ende gesetzt (hier diejenige, dass Menschen eben keine xyz sind), und MATT! Wer so argumentiert, macht sich heute nicht mehr lächerlich (was angebracht wäre), sondern (im Gegenteil) erhebt Anspruch auf das finale Wort, hat natürlich Recht mit seiner tollen Feststellung, gibt sich nebenher als exorbitanter Menschenfreund zu erkennen, brandmarkt den anderen als das Gegenteil und kann sich – sofern in Gesprächsrunde oder TV-Studio befindlich – obendrein eines pawlowschen Klatschreflexes in jeder Zuschauerschaft sicher sein. Was passiert hier? Warum ist das bezeichnend? Und gefährlich? Sehen wir genauer hin:

Der Redner im Video hatte sich eines Stilmittels bedient, das seit je her auch und gerade die großen Denker für sich nutzen und das allgemein anerkannt ist (war?!): das Stilmittel der ANALOGIE, wir finden es in abstrakter Form (also ohne Kaugummi) überall, in der Literatur, der Politik, der Werbung, im Kabarett. Schon Gustave Le Bon wusste: „Bilder stehen einem nicht immer zur Verfügung, aber man kann sie durch geschickte Anwendung von Worten und Redewendungen hervorrufen. Werden sie kunstgerecht angewandt, so besitzen sie wirklich die geheimnisvolle Macht, die ihnen einst die Adepten der Magie zuschrieben.“ (Psychologie der Massen, ca. 1900.)

Tja, da kannte Herr Le Bon meine Freundin aber noch nicht, und auch keine Margot Käßmann, Hannelore Kraft oder ähnliches – DIE nämlich scheren sich als „Deppen von TiVi“ einen Dreck um „Adepten der Magie“. Sobald es in Diskussionen um Mmmmenschen geht, wird alles abgewatscht, was sich die Frechheit erlaubt, sachlich oder einleuchtend zu sein. Und um Menschen geht’s doch letztlich immer, oder? Es ist erschreckend: Jedes noch so klare und/oder schöne Sinnbild, jede Fabel (ich erlaube mir, das alles unter dem Gesamtbegriff „Analogie“ zu führen, auch wenn Germanisten darüber vielleicht die Nase rümpfen), fast jedes Sprichwort, das schönste Gedicht lässt sich killen, wenn man schulmeisterlich nur Buchstaben fixiert und mit Borniertheit das Gesagte anätzt. Das geht ganz leicht, versuchen Sie es mal:

„Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss!“ – „Momentchen, du kannst doch eine menschliche Existenz nicht mit plätscherndem Wasser vergleichen!“

„Unser Opa ist der Fels in der Brandung.“ – „Also, willst du jetzt etwa deinen Opa mit ’nem Haufen Gestein gleichsetzen, oder was?“

„Zu viele Köche verderben den Brei.“ – „Und was hat das mit unserer Vorstandssitzung zu tun? Wir haben doch kein Restaurant!“

„Morgen im Stadttheater: ANIMAL FARM.“ – „Wie jetzt, vergleichen die da etwa Menschen mit Schweinen und Hennen, oder was?“

Ja, JA, JAAAAAAA! Der Vergleich, ein GLEICHsetzen, ist ja der Sinn einer Analogie, sonst wär’s ja keine Analogie. Das geht auch mit Menschen und Hennen. Oder Kaugummis. Ich kann sogar Äpfel mit Birnen vergleichen, sofern ich mit Hilfe des einen etwas über das andere aussagen möchte. Eine Analogie soll und muss Sachverhalte klarmachen; sie aufgrund einer etwaigen Schiefe anzugreifen, ist natürlich legitim – doch wer sie böswillig oder einfach nur aus Doofheit verkennt, versündigt sich an der Wahrheitsfindung! Ebenso sollte gerade in sensiblen, gefühlsstarken Angelegenheiten ein Versachlichen per Vergleich und das Erinnern an unumstößliche Wenn-Dann-Gesetze oberstes Gebot sein. Doch das läuft im Reich der Geistlosen schon mal gar nicht, um zu „menscheln“ genügt ein falsches Wörtchen:

Im Radio (sorry, hab das Folgende irgendwann im Auto aufgeschnappt und kann keine Quellenangabe machen) hörte ich mal im Rahmen einer Gesprächsrunde einen als „Einwanderungskritiker“ vorgestellten Diskutanten sagen: „Die hohen Flüchtlingszahlen sprechen eine eindeutige Sprache.“ Erboste Antwort eines anderen: „Es geht hier nicht um Zahlen, es geht um Menschen!“ Verkraften Sie ein noch beknackteres Beispiel? Na dann los! Anderer Sender, andere Runde, diesmal spricht man über medizinische Versorgung, und einer der Teilnehmer sagt sinngemäß über die Lage in deutschen Krankenhäusern, dass „wir dort unter den Patienten immer mehr Fälle haben, wo …“ Barsch fällt ihm jemand ins Wort: „Wir sollten uns mal abgewöhnen, von Fällen zu reden. Es sind Menschen!“ Jawoll! Spüren Sie grad auch ein Bääh in sich? Den jeweils unweigerlich folgenden Beifall kommentiere ich frei nach den Sportfreunden Stiller: „Applaus, Applaus für deine Worte. Mein Mund geht auf, weil ich kotz!“

Oswald Spengler stellt in seinem Untergang fest: „Ein Denker ist ein Mensch, dem bestimmt war, durch das eigene Schauen und Verstehen die Zeit symbolisch darzustellen. Er hat keine Wahl.“ Die Analogie erkennt Spengler als „das Mittel, um lebendige Formen zu verstehen“.

(Für die Gelehrten unter Ihnen: Ich weiß, dass der Begriff hier eher für zeitliche Verbindung steht und dem Meister als Anpreisung seiner Zyklentheorie dient, doch es bleibt unserem Anliegen verwandt, drum nehm‘ ich die Stelle hier einfach mit.) Als Einleitung lässt Spengler Goethe sprechen:

„Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt,
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott, dem Herrn.“

Goethe und Spengler können froh sein, sich nicht mit heutigen Politikdarstellern auf entblödende Wortgefechte einlassen zu müssen! Ist nicht jeder Vortrag, egal wo, dann besonders faszinierend, wenn ein flagranter Vergleich die Zuhörerschaft bannt? Zeigen Sie mir den Kabarettisten, der in seinem Repertoire gänzlich ohne ein „das ist doch genau so wie wenn …“ oder „dann kann ja demnächst auch …“ auskommt und somit auf das Abgreifen einer sicheren Pointe verzichtet – Sie werden Schwierigkeiten haben, einen zu finden. Beispiel? Na gut, is‘ aber nicht von mir:

„Einen Kneipenraum in Raucher- und Nichtraucherbereich aufteilen? Da kann man genau so gut ein Schwimmbecken in Pinkler- und Nichtpinklerzone teilen.“ Besagte Freundin im Publikum würde an dieser Stelle vermutlich nicht lachen, sondern aufstehen und in den Saal rufen: „Sie können mich als Raucherin doch nicht mit Leuten gleichsetzen, die in einen Hotelpool urinieren!“

Was verrät Analogie-Phobie? (Dies „-phobie“ am Ende macht ’nen herrlichen Kampfbegriff, oder?) Wofür steht das sich häufende, entrüstete „du kannst doch nicht … vergleichen“?

Es ist Zeichen unserer schwindenden Elegie, einer sich verabschiedenden Sinnlichkeit. Wir fühlen nichts mehr, wenn Goethe spricht, wir hören nur noch Worte und spüren keine Botschaft mehr darin, keine Geschichte.

Es ist Zeichen unseres Fixiertheit, unserer Engstirnigkeit, es entlarvt unser Fokussieren auf Einzelnes, Einzelne. Wir haben verlernt, das Große und Ganze zu sehen, zu verstehen, zu akzeptieren und daraus Konsequenzen folgen zu lassen.

Es ist Zeichen brutaler Mundtotmacherei, wie sie sogar Arthur Schopenhauer (ich erwähne ihn immer gern) in seiner eristischen Dialektik nicht zu befürchten gewagt hätte. Kein Mittel der Bloßstellung ist heute zu blöd. Wir stumpfen ab.

Ach ja, das Video mit den Glasgefäßen gibt es hier.

Falls der Redner irgendein nicht zitierfähiger Bösewicht ist und die Studenten im Bild nur tschechische Models sind oder so, dann tut mir das sehr leid, ich habe dahingehend keine große Forschung betrieben.

Eine schöne Woche. Mit vielen passenden Analogien!

LudgerK_CD

Mehr zu Ludger unter www.ludger-k.de

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