MACHT DIE AUGEN AUF! Bernhard Brink und die Blindheit einer Nation

Kennen Sie Bernhard Brink? Diesen (das sag' ich jetzt mit Anerkennung!) unkaputtbaren Schlagerbarden? Diesen Prototyp des deutschen B-Promis, der es nie bis ganz nach oben geschafft hat, aber eben auch nie in den Untiefen eines Hornbachs versenkt wurde? Klar kennen Sie den! Mit Bernhard Brink werde ich meine Simplophobie-Trilogie (welch hochtrabendes Wort) abschließen, denn „Mr. Blondes Wunder“ aus Nordhorn lieferte mir jüngst ohne es zu wissen ein Paradebeispiel dafür, dass wir Deutschen mehr denn je nicht in der Lage sind, das zu sehen, was offensichtlich ist. Unsere Furcht vor Erleuchtung hat uns längst die totale Blindheit beschert. Lesen Sie. Staunen Sie.

Ich sitze neulich mit meinem besten Freund in dessen kleinem Keller-Tonstudio, wir sprechen über deutschen Schlager, wir kommen auf Bernhard Brink. Irgendwie. „Der hat echt voll abgebaut!“, sagt mein Freund und erzählt von einem Brink-Musikvideo bei youtube. Ein erschreckend veränderter Sänger sei da zu sehen, kaum wiederzuerkennen im Vergleich zum einstigen Hünen aus der ZDF-Hitparade, ein Schlagerfuzzi mit Plauze, Bart und lichtem Haar sei er geworden – aber (so mein Freund): „Der wirkt da in dem Video total selbstbewusst, er steht dazu!“ Aha. Merkwürdig, mich hatte Brink doch gerade erst auf einem Plakat in Duisburgs Rheinhausenhalle angegrinst, und da sah er noch gewohnt erquicklich aus. „War vermutlich ein altes Pressebild“, schlussfolgert mein Freund. Kann sein. Doch Brink springt ja auch permanent im Fernsehen rum, und auch da ist er zwar nicht mehr derselbe Lockenkopf wie früher, aber optisch völlig ok und den Jahren angemessen angepasst. „Ach Ludger, die zeigen doch ständig Wiederholungen.“

Ja, aber der ZDF-Fernsehgarten, der ist doch live, oder? „Ludger, da haben ihn Maskenbildnerinnen und gutes Licht bestimmt aufgehübscht“. Kann sein. „Sag mal“, frag ich, „wie bist du eigentlich auf das Video aufmerksam geworden?“ – „Na ja, Anna hat neulich über Brink für einen Zeitungsartikel recherchiert und mir dann das Video gezeigt. Anna sagt, sie findet es gut, dass Brink so ist wie er ist. Anna hat neulich auch in der ‚Psychologie heute‘ oder so einen Artikel gelesen über Männer, und wie schwer es denen fällt, mit Älterwerden und Erfolgschwund umzugehen. Anna will ein Dossier schreiben über Rex Gildo vs. Bernard Brink. Voll interessant!“ Ja, bestimmt voll interessant. Dann geht mein Kumpel im Schnelldurchlauf von Startnummer 1 bis 178 alle erdenklichen Ursachen durch, die einen plötzlichen Brinkschen Antlitzumbruch erklären könnten – eine verpfuschte Gesichts-OP in Polen klingt dabei noch am realistischsten. „Sag mal“, frag ich, „kannst du mir das Video mal zeigen?“

Recherchiert wird weiter oben

Wir gehen rauf ins Arbeitszimmer, Windows XP fährt hoch mit vertrautem Signalton, ‚Bernhard Brink‘ ins Suchfeld eingetippt, aha, da ist das Video! Startklick, kurze Werbung, los geht’s. Eine Totale zeigt weite Ödnis und eine steinerne Bruchbude, am Rand der Protagonist. Aufreizend lang bleibt die Totale stehen. Welch seltsame Sangesstimme da zu hören ist. „Hat wahrscheinlich am Tag vorher gesoffen!“, sagt mein Freund. Kann sein. Umschnitt, jetzt die erste Nahaufnahme. Ich sehe. Ich erkenne. Ich erschrecke. Ich verharre. Dann spreche ich meine Erkenntnis aus: „Das ist nicht Bernhard Brink!“ – „Hä? Ja wie jetzt? Aber es steht doch da geschrieben, guck doch, da steht sein Name.“ Ja, steht da, aber: „Das ist nicht Bernhard Brink. Mach die Augen auf, der Typ hier hat ein Fan-Video von sich selbst ins Netz gestellt und sieht seinem Idol nicht mal ähnlich! DAS IST NICHT BERNHARD BRINK!“

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Fangen wir mal an mit dem Teilsatz: „Anna hat recherchiert“. Das Wort „Recherche“ stand früher für erheblichen persönlichen Einsatz, da mussten Menschen monatelang verdeckt ermitteln in ständiger Angst, aufzufliegen. Günter Wallraff hat in den 70ern für seine Thyssen-Recherche eine falsche Identität angenommen und sich dafür sogar einen Schnäuzer wachsen lassen – Sie sehen: es gab Zeiten, da musste ein Rechercheur zu allem bereit sein! Heute bedeutet „Anna hat recherchiert“ nix weiter als „Anna war im Internet“. Und wenn Anna bei google.de unter dem Namen ‚Bernhard Brink‘ ein Video „recherchiert“, dabei schnell erkennt, dass das dort zu Sehende irgendwie merkwürdig ist, dann sucht die deutsche Anna halt so lange nach einer Erklärung für ihre Text-Bild-Schere, bis sie eine gefunden hat, so närrisch die Erklärung auch sein mag.

Falsch. Es ist einfach falsch

Dass das, „was da steht“ einfach falsch sein könnte, die simpelste aller Erklärungen also (hier: „Das ist nicht Bernhard Brink“), kommt ihr nicht mal als Idee in den Sinn. Und so läuft doch ALLES momentan, oder nicht? Das, was wir sehen, deckt sich immer weniger mit dem, was „da steht“ in der veröffentlichten Meinung, doch statt ganz einfach das Geschriebene infrage zu stellen, akzeptiert ein Großteil der deutschen Menschheit jede hirnverbrannte Göring-Eckardt-Groteske, damit man bloß weiter an die Rechtschaffenheit unserer Volksvertreter und deren Schergen glauben kann. Und wenn die Tagesschau morgen meldet „der Himmel ist grün“, dann rennt das halbe Land am nächsten Tag zum Augenarzt.

In Staffel 1 der (fantastischen) Serie „Fargo“ ist ein Plakat zu sehen mit einem Fisch, der gegen einen Strom anderer Fische anschwimmt. Überschrift: „What if you are right and they are wrong?“ Tja, was dann? Ich sage: Auf Erkennen muss Benennen folgen. Uns geht es NICHT so gut wie noch nie! Das sind keine hochqualifizierten Arbeitskräfte! Es kommen nicht überwiegend Frauen und Kinder aus Syrien! Der Euro ist keine Erfolgsgeschichte! Das Bailout zeigt keine ersten Erfolge! Die Temperaturen steigen nicht! Das ist nicht Bernhard Brink! SHOUT IT OUT LOUD!

Einfach nicht mehr ja sagen

„Hey Anna, ich hab‘ Ludger grad das Video gezeigt, du wirst es kaum glauben, das ist gar nicht Bernhard Brink, sagt der Ludger.“ Pause. „Ja und? Darauf kommt es doch gar nicht an. Fest steht, wir alle verändern uns, und viele haben Probleme damit, aber es ist gut, zu sich selbst stehen. Ist doch jetzt völlig egal, ob das Bernhard Brink ist in dem Video, ich bleib bei meiner Meinung.“ Na? Erkennen Sie die Melodie?

„Dem Deutschen gebricht es gänzlich an der Einfachheit des Wirklichkeitserfassens, jenem schlicht offenen Blick, den selbst der italienische Analphabet sich zeitlebens bewahrt.“ Willy Hellpach, Arzt und Politiker, 1928. Hab‘ ich jetzt zu viel reingepackt in mein kleines Simplophobie-Finale? Brink, Wallraff, Fargo, Hellpach? Sehen Sie’s mir nach. Danke für’s Lesen! Kommentare ausdrücklich erwünscht. Und nie vergessen: Das ist nicht Bernhard Brink! DAS IST NICHT BERNHARD BRINK!

LudgerK_Veranstaltung

Letztes Solo-Gastspiel 2015:

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Samstag, 24. Oktober 2015, 20 Uhr
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LAGERHALLE Osnabrück
Rolandsmauer 26
49074 Osnabrück
www.lagerhalle-osnabrueck.de

Unser Haus- und Hofkomiker Ludger K. macht allen Lesern von „Tichys Einblick“ ein besonderes Angebot: 2 Karten zum Preis von 1! Und so läuft’s: schreiben Sie einfach eine Mail an post@ludger-k.de, und Ihre Karten werden in gewünschter Anzahl vor Ort an der Abendkasse hinterlegt. Viel Vergnügen!

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