Unser Blindflug

Wir erleben wirtschaftlich goldene Zeiten, wirtschaftspolitisch auch. Schon seit Jahren. Mancher ahnt es, – aber es ist möglich, dass der ruhige, kontinuierliche Fluss abrupt und ohne Vorankündigung in einem Niagarafall enden könnte. Links und rechts ist kein Land zu sehen, sozusagen, und geradeaus: gähnende Leere.

Piloten nennen das, was hierzulande derzeit geschieht, einen Blindflug. Wie heißt unser Bundeswirtschaftsminister gleich wieder? Ach ja, Peter Altmaier. Wofür steht er? Weithin unbekannt. Wie in der Wikipedia zu lesen „war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europa-Institut an der Universität des Saarlandes, (…) wechselte 1990 als Beamter (Höherer Dienst) in die Generaldirektion für Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten der Europäischen Kommission, wo er von 1993 bis 1994 Generalsekretär der Verwaltungskommission für die soziale Sicherheit der Wanderarbeitnehmer war. Seit dem 1. November 1994 ist Altmaier als EU-Beamter beurlaubt.“ Seit vielen Jahren ist er nun in Berlin Merkels Schatten. Weithin unbedeutend.

Mancher mag sich hier an ein paar Vorgänger erinnern, die wirtschaftspolitische Akzente gesetzt haben: Ludwig Erhard, Karl Schiller, Kurt Biedenkopf, Hans Friderichs, Otto Graf Lambsdorff. In all diesen Fällen hatte ihr Amt oder ihre Mitgliedschaft im Kabinett etwas mit ihrer fachlichen Kompetenz zu tun. Mancher ihrer Nachfolger, und da wären Wolfgang Clement, Michael Glos, Karl-Theodor zu Guttenberg, Rainer Brüderle, Philipp Rösler, Sigmar Gabriel, Brigitte Zypries – Brigitte wer? – zu nennen, glänzten eher mit parteipolitischer Kompetenz, leuchteten kurz auf wie Sternschnuppen. Ihre Fachkompetenz bezogen sie überwiegend von ihren beamteten Vordenkern in den Ministerien, die ihnen die Reden schrieben und die für Kontinuität sorgten. Der professionelle Wirtschaftsjournalist Wolfgang Clement mag da noch die Ausnahme gewesen sein.

Gegen das ministeriale Laienspiel ist kaum etwas einzuwenden, denn die Eingriffskompetenz des Wirtschaftsministers ist begrenzt. „Wirtschaft“ ist kein klassisches Ministerium wie Finanzen, Inneres oder Verteidigung. Gut, die Fernstraßen und Energie gehören dazu, aber ansonsten beschränkt sich die Kompetenz auf schöne Reden, mit der die Stimmung „im Lande“ gesteuert wird. Der Etat für Fördermittel ist niedrig, das Landwirtschaftsministerium ist ausgelagert, das Sozialministerium sowieso. Nur in einer Disziplin hatte die Wirtschaftspolitik seit Ludwig Erhard eine scharfe Kante: in der Wettbewerbspolitik. Erhard hat sie bewusst ausgelagert – ins Bundeskartellamt. Vom Vorläufer Reichskartellamt wurde seit dem Jahr 1923 der Wettbewerb behütet, damals um den Missbrauch von bestehenden – und als „sinnvoll“ apostrophierten! – Kartellen zu bekämpfen. Seit dem Jahr 1958 arbeitet das Bundeskartellamt aber daran, die Vereinbarung von Kartellen an sich zu bekämpfen, weil Erhard in ihnen Feinde des freien Wettbewerbs sah.

Genau hier liegt das Problem: „Freier Wettbewerb“ ist eine Ideologie. Schon der Begriff „Wettbewerb“ entzieht sich der konkreten Vorstellung. Wettbewerb kann man nicht messen, nicht wiegen, nicht sehen, nicht anfassen. Es handelt sich um einen Begriff, der etwas beschreiben soll, was mit den Kraftfeldern von Magneten vergleichbar ist. Diese Vorstellung mag näherungsweise mit der Realität von Märkten vergleichbar sein, das Problem ist nur, dass man es stets mit mehreren, sogar mit vielen Magneten und sich überlagernden Magnetfeldern zu tun hat. Wie die Überlagerungen konkret aussehen, kann man an jedem Wochenmarkt oder jedem Einkaufszentrum beobachten. Das wunderbare, bewegte Durcheinander, bei dem alle Beteiligten ihre Energie einbringen und das am Ende zur Befriedigung der Ansprüche der meisten Besucher (Waren) und zur Befriedigung der Bedürfnisse der Anbieter (Umsatz) führt, lässt sich nicht messen.

Die Spannungsfelder zwischen den Beteiligten lassen sich nicht messen, weil sich vermengte Kraftfelder unmöglich messen lassen. Die Wettbewerbstheorie und ihre Modelle versuchen es über die Marktanteile der Anbieter („relevanter Markt“) und ignorieren dabei die Marktanteile der Nachfrager, also deren Marktmacht – beispielsweise bei Aldi – und Finanzkraft, etwa die Banken im Hintergrund. Sigmar Gabriel hat sich als sozialdemokratischer Wirtschaftsminister mit Leichtigkeit vom liberal-ideologische Modelldenken verabschiedet und das Kartellamt in seiner Amtszeit vom Jahr 2013 bis 2017 systematisch stillgelegt. Ein Glück für die Wirtschaft. Was allerdings fehlte und mehr denn je fehlt, ist eine echte Wirtschaftspolitik, um den Blindflug zu beenden und Vorsorge für den Klippensturz zu treffen. Ein gedankliches Konzept, eine Idee, ist nirgends zu entdecken. Die Wirtschaft funktioniert trotzdem, mag man denken, und das wie von selbst – man kommt sich vor wie auf einer deutschen Insel. Wie kommt’s?

Eine kurze Analyse ergibt: Unsere Konjunktur ist getrieben von zwei Faktoren, die beide mit dem Euro und der EZB zu tun haben. Der erste Faktor ist der niedrige Euro-Kurs, der trotz überschießender Exportüberschüsse nicht nach oben angepasst werden kann, weil eine solche Anpassung die schwächeren Industrieländer der Euro-Zone treffen würde. Wir sind zum Exportüberschuss verdammt, der allerdings innerhalb der Euro-Zone nicht unerheblich über Target-Konten der EZB kreditfinanziert ist. Diese Konten blähen sich kontinuierlich auf. Die Tilgung dieser unbesicherten Überziehungskredite ist ungewiss. Der zweite Faktor sind die niedrigen Zinsen, die im Inland eine Hochbau-Hausse tragen, die mit ihrem enormen Materialbedarf und ihren noch größeren spekulativen Gewinnen beim Immobilienbestand ihrerseits mit Macht zur Hochkonjunktur beitragen. Die Hausse nährt die Hausse, sagen die Börsianer. Das gilt heute für die ganze Wirtschaft. Wie es an der Börse stets endet, ist bekannt.

Deshalb: Das Nachdenken könnte dort beginnen, wo es in den Nachkriegsjahren aufgehört hat. Einer der Kollateralschäden des Zweiten Weltkrieges ist der Untergang der eigenständigen deutschen Wirtschaftstheorie und -politik, wie sie sich zu Zeiten Gustav von Schmollers und Lujo Brentanos zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Unglücklich gewählt ist der Name der Theorie: „Historische Schule“, ein verstaubter Begriff, den kein junger Mensch hören möchte. Allerdings liegt ihm eine wertvolle Idee zugrunde und zwar die alltägliche Weisheit, dass man aus Erfahrung klug wird, dass man in die reichlich vorhandene Vergangenheit sehen soll und aus ihr lernen kann, Lehren ziehen kann. Die Historische Schule ist archiviert in den bekannten Schriften des einst von Schmoller geführten „Vereins für Socialpolitik“, in dem seit der Gründerkrise des Jahres 1873 die Grundlagen einer sozialen Marktwirtschaft diskutiert wurden. Daher der Name. Bestandteil ihrer Ideen war eine „organisierte Marktwirtschaft“, also eine Marktwirtschaft, die in ihrem Organisationsgrad höher war als die freie Marktwirtschaft, also höher entwickelt, aber genauso frei, weil offen und freiwillig organisiert.

Um zu diesen Gedanken zurückzukehren, müssten als erstes die Universitäten zwei Fächer ausbauen bzw. neu installieren, die heute kaum noch gelehrt werden: Wirtschaftsgeschichte und Ideengeschichte der Wirtschaft. Der Impuls dafür könnte vom Wirtschaftsministerium ausgehen, vielleicht auch von einem klugen Wirtschaftsminister – falls es denn einen neune erhard, einen neuen Schiller, einen neuen

Unterstützung
oder

Kommentare ( 14 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Zu Peter Altmaier Vor kurzem ging es um die vielen Autobahnbaustellen und warum das immer so lange dauert und den Verkehr so extrem behindert. Altmaier meinte früher hätte er öfter Urlaub in Frankreich gemacht. Da wären die Autobahnen privat und alles würde wunderbar klappen, deshalb müsse man es in Deutschland genau so machen als Lösung. Wenn also die Politiker, der Staat, die verantwortlichen der Öffentlichen hand nicht fähig sind etwas hin zu bekommen, was in der Privatwirtschaft kein Problem ist sucht man einfach die Lösung darin die Probleme Anderen zu übertragen. Viellöeicht wäre es besser, Diejenigen welche auf grund Ihrer… Mehr

„Ideengeschichte der Wirtschaft“

Das geht gar nicht, es würde womöglich zum Denken anregen und somit die Studenten verderben. Nicht auszudenken, wohin das führen könnte…

Das sind wirklich fantastische Zeiten! Wer hättes es sich in seiner wildesten Fantasie ausmalen können, dass ein Fussballverein über 600 Millionen Umsatzt macht, ein LED Scheinwerfer 2000 Euro kostet, und ein „soziales Netzwerk“ mehr Wert ist, als der ganze Daimler-Benz Konzern?

Der schwache Euro und niedrige Zinsen lassen den Export und damit die Wirtschaft brummen. Früher lag die Ursache in der Qualität deutscher Produkte. Dass dem nicht mehr so ist, musste ich erfahren, als ich mein japanisches Auto zeitweise gegen ein deutsches Fabrikat austauschen musste. Das Ausland hat uns auch in punkto Qualität überholt. Erstarken also Euro und Zinsniveau, was früher oder später passieren wird, wird ‚Made in Germany‘ uns jedenfalls nicht mehr vor dem Absturz retten.

„Historische Schule …..dass man aus Erfahrung klug wird“, ist heute leider generell nicht mehr gegeben. Dank der unglaublichen „schöperischen Kraft“ (völlig an der Realität vorbeigehenden Systemen) unserer Machtfunktionäre, werden Fehlentwicklungen, die ins jeweilige ideologische Bild passen, eisern und mit gewaltigen Mitteln künstlich am Leben gehalten. So können Fehler sich staatlich gefördert zu Katastrophen auswachsen. z.B. Fiatgeld Euro, Target2, unqualifizierter Migranten-Tsunami und sonstige Sozialexperimente.

Kompetenter Wirtschaftsminister? Ich hätte da jemanden. Peter Boehringer. Der ist HALT hatte ich ja vergessen. Ist in der falschen Partei.😖

Höhere Ansprüche Also man sollte von einem Wirtschaftsminister noch deutlich mehr erwarten, als hier gefordert wird. Da wäre beispielsweise der Investitionsrückgang in der Wirtschaft, da gilt es, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen (vgl. Abschreiberegelungen). Dann wäre der Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur schon vor 20 Jahren ein wichtiges Thema gewesen. Dann der Hinweis auf das Kartellrecht greift zu kurz. Eine wichtige Rolle spielen auch die hohen regulatorischen Markteintrittsbarrieren sowohl für Wettbewerber als auch neue Technologien. Entwicklungen wie iTunes oder Youtube wurden hier durch die Vorschriften und deren unangepasste Anwendung (Abmahnungen, Urhberrecht …) zuverlässig verhindert. Weitere Themen wären die Förderung der Eigenkapitalbildung um die… Mehr

Grundlagen der Volkswirtschaft langen vollkommen um darauf eine Mehrwertschaffende Marktgesellschaft zum Wohle aller sich in diese Marktgesellschaft Einbringen Bürgern ein wohlstandsfähiges LEBEN zu bieten

Zitat. „Die Tilgung dieser unbesicherten Überziehungskredite ist ungewiss.“ Die Laufzeit der Kredite wird „in die Ewigkeit“ prolongiert, und in der Zwischenzeit werden die Bürgen bis zur Grenze ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit geschröpft werden. Nach der Einführung der Banken- und Sozialunion, des EU-Finanzministers mit Direktzugriff in unsere Schatulle und der EU-Armee, maßgeblich von Deutschland finanziert und von der „Force de Frappe“ befehligt, wird der deutsche Bürge(r) dann vielleicht ebenfalls die gelbe Weste aus dem Kofferraum des zwangs-geleasten E-Mobils (bis 2020 müssen 1 Mio E-Mobile auf die Straße, koste es was es wolle, und komme der Ladestrom von woher er wolle) holen und… Mehr

“ … gelbe weste … “

ein mitkommentator schrieb hier im vergleich zu den gelbwesten, dass der seutsche bestenfalls eine zipfelmütze oder schlafmütze aufsetzen würde.

es wird erst einmal einer tiefen finanz- und wirtschaftskrise bedürfen, dass der deutsche aus seinem tiefschlaf erwacht. der ein oder andere wird dann die schlafmütze abnehmen und feststellen, dass die merkeljahre eine heimsuchung waren, dessen ausmaß er dann mit voller wucht zu spüren bekommt.

auch das könnte man aus der geschichte lernen, aber die breite masse lässt sich lieber vom zentralkomitee und dessen politkommissaren einlullen und um die früchte ihrer arbeit betrügen.

Im Artikel schwingt ein sozialistischer Unterton mit… 🙁 ohne aber konkret zu werden, so dass man das wieder einmal nicht auseinandernehmen kann.   Wirtschaftspolitik kann im Kern nur Ordnungspolitik sein. Diese Thematik ist seit den 50er Jahren ziemlich abschließend geklärt und zwar in Form des Ordoliberalismus und der Österreichischen Schule; letztere behandelt die Geldordnung gleich mit und ist insgesamt die beste Wirtschaftstheorie. Es gibt auch überhaupt keinen Grund, irgendwie im Bereich der Wirtschaft rumzurühren, ganz im Gegenteil ist rechtliche Stabilität von Vorteil. Außerhalb der Wirtschaft im engeren Sinne kann man natürlich in Sachen Bildungspolitik, Infrastruktur etc. viel tun. Ansonsten aber… Mehr

Wer „Die Gemeinwirtschaft“ von Ludwig von Mises gelesen (verstanden) hat, ist ein für alle mal vom Sozialismus geheilt.

Sogar der innere Widerspruch im christlichen Anteil am Sozialismus (Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein reicher …) ist aufgelöst, so dass ein gutverdienender überzeugter Christ der Ludwig von Mises gelesen hat sein schlechtes Gewissen statt seines Geldes in den Klingelbeutel werfen kann.