Der neue Herr von Prag nimmt Geld von der EU – und prangert sie an

Der künftige Ministerpräsident Andrej Babiš steht für eine neue Form des Populismus: Opportunist auf eigene Rechnung. Das macht ihn für die EU buchstäblich berechenbar. Sein Wahlsieg ist auch eine Folge der Flüchtlingspolitik Angela Merkels, die Osteuropa schwächt.

© Michal Cizek/AFP/Getty Images
Leader of the ANO movement ('YES') and billionaire, Andrej Babis (R) listens to the leader of the ALDE Liberal group at the European Parliament, Guy Verhofstadt, prior their joint press conference on November 01, 2017 in Prague

Begeistert gratulierte AfD-Chef Alexander Gauland dem Sieger der tschechischen Wahl, Andrej Babiš: Nach dessen „wunderbarem Wahlsieg ist Tschechien ein weiteres Land, das sich gegen die Flüchtlingspolitik aus Brüssel stellen wird“. Gauland freut sich zu früh – er ist Opfer einer undifferenzierten Berichterstattung deutscher Medien, für die die östlichen EU-Staaten immer noch hinter einem Vorhang liegen und daher Babiš in eine Reihe mit Viktor Orbán, Jaroslaw Kaczyński und sogar Donald Trump stellen. Andrej Babiš passt nicht in diese Reihe – dazu ist er zu prinzipienlos und damit buchstäblich käuflich.

Zwar kritisierte der „wunderbare“ Sieger Babiš die Flüchtlingspolitik der „Mutti Merkel“, wie er sie einmal nannte. Andererseits sind Leute wie Orbán oder Kaczyński im Vergleich zu ihm ideologisch fest verankerte Politiker, Politiker mit Werten. Orbán glaubt, was er sagt, wenn er über die Rettung des Abendlands vor dem Islam redet. Kaczyński ist zutiefst euroskeptisch und misstraut den 68ern und ihrer vermuteten Diskurshoheit in Westeuropa.

Babiš dagegen ist eine eigene Sorte Populist – einzig und allein euro-opportunistisch: Seine Überzeugung ist das Bankkonto, und solange die EU dieses füllt, ist sie willkommen. Der zukünftige Ministerpräsident Tschechiens kommt aus der besonderen Form des Big Business, die sich nach dem Zerfall des Sozialismus herausgebildet hat und viel eher dem Raubrittertum ähnelt als einer Marktwirtschaft. Seine schlichte Ideologie ist ein Managerismus pur: „Den Staat wie einen Betrieb verwalten“ – so die offzielle Losung.

Schade nur, dass man missliebige Bürger nicht kündigen und Meinungs- verschiedenheiten durch Aufkauf lösen kann. Babiš betrachtet das Leben als Überlebenskampf und die Wahlkampagne als Kampf um seine ganz persönliche Freiheit. Babiš ist von der Polizei wegen des Verdachts auf Finanzbetrug bei EU-Subventionen beschuldigt. Das Ministerpräsidentenamt sieht er als seinen Schutzschild gegen Nachstellungen solcher Art.

Kein Euro für Tschechien

Babiš lehnt den Beitritt Tschechiens zur Eurozone ab – neuerdings. Noch in der Wahlkampagne 2013 warb er für den Euro und kritisierte den damaligen Staatspräsidenten und erklärten Euroskeptiker Václav Klaus, dass er „uns in Europa Schande macht“ mit seiner angeblich unkonstruktiven Haltung gegenüber Brüssel. Noch 2014 ist Babiš’ eigens gegründete Bewegung ANO im Europaparlament bei der euroföderalistischen liberalen ALDE gelandet.

Der Deal riecht, schon wieder, nach Opportunismus, diesmal von beiden Seiten: Babiš, der im dreifachen Interessenkonflikt steht – Finanzminister, Eigentümer zweier wichtiger Tageszeitungen und eines beliebten Radiosenders, Eigentümer der zweitgrößten Firma im Land (Holding Agrofert) –, brauchte eine Beglaubigung, dass er für „den Westen“ akzeptabel ist. Guy Verhofstadt seinerseits brauchte dringend ANO-Abgeordnete, um die ALDE als eigenständige Fraktion überhaupt bilden zu können. Dieser Kuhhandel hält immer noch – der fanatische Euroföderalist Verhofstadt war von Babiš’ Sieg ähnlich begeistert wie der Europaskeptiker Gauland.

Dass hier keine Überzeugungstäter am Werk sind, sondern an ihrem persönlichen Wohl orientierte Pragmatiker, zeigt auch das Beispiel Věra Jourová. Diese Frau „repräsentiert“ Tschechien bei der Europäischen Kommission, sie ist Kommissarin für Justiz, Verbraucherschutz und Genderpolitik. Der Kommission wurde die ANO-Politikerin von Babiš vorgeschlagen.

Seitdem nahm Jourová an Vorhaben teil, die Alexander Gauland nicht gefallen würden: Sie verhandelte den sogenannten Code of Conduct mit Facebook, Twitter, Google, Youtube und Microsoft gegen Extremismus und „Hate Speech“ im Internet – der Brüsseler Versuch, vom Mainstream abweichende Meinungen zu begrenzen.

Jourová hat in Brüssel als Erste die Streichung der EU-Gelder an das widerborstige Polen angedroht. Jourová unterstützt den älteren Kommissionsvorschlag für die Frauenquote in Unternehmen, obwohl sie früher den Frauenquoten gegenüber skeptisch war – in der Sache opportunistisch, will sie in Brüssel gefallen.

Babiš betrachtet das Leben als Überlebenskampf und die Wahlkampagne als Kampf um seine ganz persönliche Freiheit

Als im September 2015 das Zerwürfnis infolge der Flüchtlingsquoten kam und die Slowakei mit Ungarn einen härteren Widerstand gegen die Umverteilungspläne aus Berlin und Brüssel ankündigte, schloss sich Prag der Meuterei nicht an. Der stellvertretende Ministerpräsident Babiš erklärte damals im tschechischen Fernsehen: So was wäre nicht klug, angesichts der vielen Subventionen aus der EU.
Es war als Randbemerkung gemeint, ist aber vielsagend. Unternehmer Babiš selbst kassiert gigantische Subventionen, im vergangenen Jahr mehr als 500 Millionen Euro, und der größte Haufen kommt aus der EU. So kontrolliert er das subventionierte Geschäft mit Biosprit. Praktisch, dass alle anderen heimischen Produzenten während der vergangenen vier Jahre, als er schon Minister war, kaltgestellt wurden. Die Biosprit-Beimischung ist eine EU-Erfindung, der Profit ist also garantiert.

Oder: Die letzte Regierung hat über den Umweg von EU-Programmen für die Entwicklung des ländlichen Raums die nationalen Regeln in Tschechien so verändert, dass man Subventionen für Projekte in dreifacher Höhe verlangen kann – ein Geschenk für Großbetriebe, denn die Familienbauern kommen dafür nicht infrage. Ergebnis: Der nächste Premier Tschechiens Babiš ist damit von der EU und ihrem Hang zu Großkonzernen in vielfältiger Weise wirtschaftlich abhängig.

Wenn sich Andrej Babiš gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel auflehnt, so tut er das nur, weil die deutsche Flüchtlingspolitik, verbunden mit Quoten und dem unerträglichen Moralismus aus Berlin, bei der tschechischen Bevölkerung nicht vermittelbar ist. Diese Krise half ihm: Sie kam 2015 kurz nach seinen ersten Schwierigkeiten und Popularitätsschwankungen und beflügelte ihn wieder.

Wahlen gewinnen mit Anti-Merkel

Wer sich bei Angela Merkel aber richtig bedanken kann, ist ein erstklassiger Populist mit tschechisch-japanischen Wurzeln, Tomio Okamura. Dieser begabte Redner fordert direkte Demokratie, will den Islam an sich in Tschechien verbieten.

Wirtschaftspolitisch ist er eher links, fand auch schon gute Worte für den Kommunismus. Im Sommer 2015 war Okamura, nicht unähnlich der AfD, scheinbar am Ende: Seine erste Partei, mit der er zwei Jahre zuvor sieben Prozent bekam, war fatal zerstritten, Okamura wurde von seinen Abgeordneten verlassen, in den Umfragen rangierte er bei zwei bis drei Prozent.

Für Okamura war die Migrationskrise beim großen Nachbarn ein Lebenselixier. Seit dem Sommer 2015 legte seine neue Partei Freiheit und direkte Demokratie, kurz SPD, auf elf Prozent zu, und mit Babiš zusammen stellt er genau die Hälfte des Parlaments. Ein Austritt aus der EU, der Czexit, steht zwar in seinem Programm, außer ihm will ihn ernsthaft aber keiner. Auch Babiš nicht. Allerdings werden die beiden möglicherweise ein enges Zweigespann bilden können, wenn keine traditionelle Partei den Oligarchen und seinen riesigen Interessenkonflikt legitimieren will. Angela Merkel hat dies zwar nicht gewollt, trotzdem ist sie ein wichtiger Geburtshelfer der politisch perversesten Regierung in Prag seit 1989.


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 12/2017 von Tichys Einblick erschienen:

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Kommentare ( 29 )

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Sehr geehrte Herr Kaiser, erstens: in jedem Land in Europa, wird der oder die die Wahlen gewinnen, die gegen diesen illegalen Zuzug von Moslime wird(ausser in Deutschland), den es sind keine Asylanten,, zweitens: leben die Tschechen nicht mehr auf den Bäumen, wie sie scheinbar noch nicht wissen, sie sprechen Fremdsprachen und haben Internet, also sie sind genau informiert über die Probleme mit Migranten in Deutschland, Frankreich und Schweden. drittens: Die Osterweiterung ist eine win-win Situation,den das Westen wollte die Märkte ausweitern und das ist gelungen, es war kein Akt der Liebe oder Hilfe.Westfirmen produzieren fürs Butterbrot und es giebt fast… Mehr

Lt. Info zum Autoren Daniel Kaiser hier bei TE hat dieser bei einer vom jetzigen Ministerpräsidenten erworbenen Tageszeitung gearbeitet und nach Erwerb durch Babis diese verlassen und eine eigene Wochenzeitung gegründet.

Wenn das so ist, dann muss es was persönliches für Herr Kaiser sein. Gott sei dank, darf man noch eigene Meinung schreiben, trotz Voreigenomentheit, meine ist andere. Ich kenne Babis nicht aber ich lese und habe viele Freunde in Prag und die meisten haben Babis gewählt. Die EU wird fast von allen Ländern wegen der illegale Migration kritisiert, also nichts neues.

Es ist eine reine Feststellung. Schlüsse daraus zieht der Leser dann ggf. selbst.

Was der Autor wohl eher gemeint hat, ist, dass Babis wieder umschwenken könnte, wenn die Tschechen für eine Sekunde nicht hinschauen und das er kräftig in die eigene Tasche wirtschaften wird.

Mein erster kurzer Aufenthalt in Budapest (Ungarn, schon klar!), September 2018 kam u.a. zu folgenden Übereinstimmungen: „Es gibt fast nur noch westliche Produkte.“ Beim ersten Einkauf im Supermarkt, das erste Produkt in Händen: LANDLIEBE, der Yoghurt. Die Strassen voll von deutschen Autos, deutsche Versicherungen und Bauunternehmen überall. „…denn das Geld kommt zurück, aber es ist kein Grund Nationen Migranten aufzuzwingen, wenn die es nicht wollen.“ Genauso ist es. In sieben Tagen sah ich in der Metropole Budapest sieben muslimische Kopftücher. Hier in meiner Stadt,sie ist schon fast eine muslimische Stadt, spätestens in einer Generation. Ich liebe Weihnachtsmärkte, die mit Patrouillen… Mehr

„September 2018“
Bitte korrigieren. Sonst gerät ihr ansonsten sehr guter Kommentar in den Bereich der Komik. Das wollen wir doch nicht.

Sie haben vollkommen Recht mit ihrer Meinung!
In Deutschland ist mittlerweile jeder der gegen „Füchtlinge“oder den Islam ist ein Rechter,oder noch schlimmer ein Nazi und Rassist.
Ich bin als liberal-konservativer voll auf der Seite der Osteuropäer und hoffe nur,das die Leute dort sich diesen „Segen“ der EU,bestehend aus einem unerschöpflichen Heer von illegalen Migranten schützen können.Bei uns in Deutschland ist es leider ab gewissen Uhrzeiten gefährlich geworden für Frauen und Mädchen.Aber die Araber machen auch vor Männern nicht mehr halt,da sie zumeist als Horde gegen einzelne vorgehen.
Es hat sich mit der Merkeldämmerung sehr viel zum schlechten geändert,nicht nur in Deutschland.

„Euroföderalist“: Das bedeutet hier, gemäß dem angelsächsischem Sprachgebrauch, jemand der für eine Stärkung der Zentrale der EU, also für eine weitere *Zentralisierung* der EU ist. Das ist genau das Gegenteil eines Föderalisten gemäß deutschem Sprachgebrauch, welches jemanden bezeichnet, der eine Stärkung der Mitgliedstaaten zu Lasten der EU-Zentrale anstrebt, also eine *Dezentralisierung*. Schade dass der Autor dies nicht erklärt; so ist der Artikel missverständlich.

„Sein Wahlsieg (Babis) ist auch eine Folge der Flüchtlingspolitik Angela Merkels.“ Warum das so ist, hat vielleicht auch einen historischen Hintergrund, den man nicht so ohne weiteres vom Tisch wischen sollte. In Prag, mitten in der Altstadt am Altstädter Ring, steht das Nationaldenkmal des Jan Hus, der sich lieber verbrennen ließ, als den Zwangsglauben Katholizismus anzunehmen. Ist es da nicht verständlich, angesichts der weltweiten Unterwerfungsbemühungen des Islam, sich nicht noch einmal eine radikale Zwangsreligion ins Land zu holen ? Babis mag euro-opportunistisch sein, die Wähler haben ihn aber wohl offenbar wegen der EU-gewollten muslimischen Migration gewählt, um genau das zu… Mehr

Der „Witz“, die „Komödie, der „Hintersinn“ der merkel´schen Poltik ist, dass die Kanzlerin Geburtshelfer von so mancherlei in Europa ist unter anderem der neuen
tschechischen Regierung.

Den simplen Funktionszusammenhag von „Aktion“ und „Reaktion“ scheint sie nicht zu begreifen und das als „Physikerin“. Unbegreiflich. lol

Seit 5 Uhr 45 gilt das EU Kritikverbot. Missachtung wird mit linkspopulistischen Ergüssen bestraft.

„Kaczyński ist zutiefst euroskeptisch und misstraut den 68ern und ihrer vermuteten Diskurshoheit in Westeuropa.“

Das längst keine Vermutung mehr, nachdem die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) eine empirische Studie hierzu durchgeführt hat: https://www.nzz.ch/schweiz/aktuelle-themen/wie-links-sind-srg-journalisten-wirklich-ld.1328108

Mehr „Westfernsehen“ ist gut, um die Übersicht nicht zu verlieren….

Was der Autor vergessen hat, nur die realen Handlungen kann man bewerten. Und real handelt er gegen Angela Merkel… und nur das zählt. Gegen den Willen der Tschechen handelt er also nicht, im Gegensatz zu Merkel.
Kritisieren darf man, nur sollte man dabei die Fakten berücksichtigen.