Die Spiegel-Affäre: Ist der Reporter Claas Relotius nur Bauernopfer?

Deutschland ist im internationalen Vergleich tiefstes Karl-May-Land. Aber was sind die Lehren aus den gefälschten Interviews und erfundenen Begebenheiten in den Reportagen beim Spiegel? Wird sich der mediale Klüngel jetzt noch mehr einigeln?

Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Was für ein „Vorweihnachtsgeschenk“ vom Spiegel, der mit den Geständnissen des Reportes Claas Relotius so überaus unterhaltsam das Jahr ausklingen lassen wird. Bis zu 55 Artikel soll der 34-Jährige für den Spiegel geschrieben/manipuliert haben; sein Wikipedia-Eintrag ist damit über Nacht doppelt so lang geworden.

Nun weiß allerdings jeder, der sich einmal mit dem Journalismus beispielsweise in den USA beschäftigt hat, dass US-Reporter gerne mal ein halbes oder ganzes Jahr an einer Geschichte sitzen dürfen, dass ihnen Rechercheure zur Seite gestellt werden, dass Interviews sogar grundsätzlich von der Redaktion transkribiert werden, während in Deutschland keine einzige Redaktion mehr bereit ist, eine ordentliche Reportage zu bezahlen. Deutschland ist im internationalen Vergleich tiefstes Karl-May-Land. Der hat bekanntlich schwungvoll vieler Herren Länder beschrieben ohne jemals dort gewesen zu sein.

Schade an dieser amüsant unsäglichen Geschichte ist zunächst einmal, dass die öffentlich gewordene Trennung von Helene Fischer und Florian Silbereisen dadurch ins Hintertreffen geraten ist. Eine tolle Geschichte, wenn die Sängerin den singenden Moderator für einen Kunstflieger verlassen hat, ein Mann mit einem Beruf, wie aus der Zeit gefallen. Nun also im Hause Fischer keine Loopings und Doppeldecker mehr, dafür einen, der Loopings und Doppeldecker fliegen kann. So in etwa, wenn man eine schmierige Pointe hätte zusammenwurschteln wollen.

Für besagten Claas Relotius vom Spiegel wäre so eine Endung unter seiner Würde wie weit unter seinen Möglichkeiten gewesen. Zweifellos auch wäre der vielfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnete Reporter im fiktionalen Schreiben ein viel besungener Bestseller-Autor geworden. Wer würde behaupten, dass so eine Köpenickade, wie er sie dutzendfach beim Spiegel und wohl auch anderswo hingelegt hat, leicht wäre? Wir sind zwar beim Spiegel, aber ohne großes Talent geht es auch da nicht, wenn also so hohe Anforderungen an die Fantasie der Reporter gestellt werden. Und die Frage aller Fragen hat auch noch keiner gestellt: Ist wenigstens dieser exotische Name des Autors „Claas Relotius“ echt?

Nun kann man sich der Geschichte auf vielen Ebenen annähern, wir könnten darüber schreiben, wie sehr der tägliche Spiegeltext zur täglichen Suche nach der Wahrheit geworden ist – also nicht beim Redakteur, sondern beim Leser. Wir könnten uns fragen, wie es gelingen kann, diesen medialen Klüngel zu zerschlagen, der oft sogar noch jenen in der Politik, in den Schatten stellt und der gemeinsam den Mehltau über Deutschland kristallisiert hat.

Elend des Haltungsjournalismus
Die neue «Spiegel»-Affäre - Die Wahrheit im Auge des Betrachters
Wir könnten aber auch darüber berichten, dass Relotius nicht nur beim Spiegel sein bis zuletzt unerkanntes Ausnahmetalent zum Besten gegeben hat, sondern beispielsweise auch für das Magazin der Süddeutschen, die aktuell Artikel von Relotius ergänzen um Textzeilen wie diese hier:

„Anmerkung der SZ-Magazin-Redaktion: Claas Relotius hat zugegeben, in seinen „Spiegel“-Artikeln im großen Umfang Fälschungen veröffentlicht zu haben. Wir prüfen gerade, ob das auch für dieses Interview zutrifft.“

Wenn man allerdings heute unter dem Eindruck des Geständnisses ältere Interviews von Relotius liest, dann muss man sich schon fragen, wie so etwas durch die interne Dokumentation kommen konnte, wie das überhaupt von irgendjemandem geglaubt werden konnte, ohne augenblicklich eine peinliche Befragung und eine eingehende Überprüfung nach sich zu ziehen, wenn Relotius über einen New Yorker Schneider erzählt, der immer dann an den Orten dieser Welt zu gegen ist, wenn Außergewöhnliches passiert.

Ein Herrenschneider-Forrest-Gump, nacherzählt vom deutschen Reporter; ein Herrenschneider, der den letzten Anzug von Michael Jackson geschneidert hat, ebenso wie er für George W. Bush gerade einen Anzug vermessen sollte, während die Türme in New York einstürzten:

„Der Präsident sollte am Nachmittag aus Florida zurückkehren, und ich sollte noch am Abend neue Anzüge für ihn ausmessen. Dann kam der Lauf der Geschichte dazwischen. Ich habe im Fernsehen gesehen, wie der zweite Twin Tower einstürzte. Genau eine Stunde später rief mich eine Dame aus Bushs Büro an und sagte, man werde unseren Termin verschieben müssen.“

Heute liest sich so etwas, als wollte Relotius erwischt werden, als könne er einfach nicht mehr aufhören zu flunkern und bete inständig von morgens bis abends, man solle es ihm bitte nicht mehr so leicht machen.

Der langjährige Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Claudius Seidl, hatte schon 2010 ein beachtliches Essay rund um dieses Münchhausen-Syndrom geschrieben, dass lohnt, heute noch einmal nachgelesen zu werden, wenn er schon damals seinen Text mit den beiden Sätzen eröffnete:

„Die Reportage wird gerne für eine Form der Literatur gehalten. Oft ist sie aber nicht einmal seriöser Journalismus.“

Der Fall Claas Relotius ./. SPIEGEL
Das Elend des Haltungsjournalismus
Und Seidl beschrieb in schönen Sätzen das eigentliche Problem der Reportage – und es will dann über den Fall Relotius so präzise passen, wie diese knallengen Einwegbadekappen im öffentlichen Schwimmbad:

„Nein, das Gelingen ist gewissermaßen auch ein ethisches Problem – es fordert eine fast schon asketische moralische Strenge gegenüber all den Versuchungen, mit den Mitteln der Sprache zu blenden, zu bluffen, zu tricksen. Gegen die Versuchungen des Bescheidwissens, des Allesdurchschauens, des Alleserklärenkönnens.“

Die journalistische Zunft übertrifft sich aktuell in Twitter-Kommentaren zum Fall. Und am lautesten ist die Aufregung über den Umgang des Spiegels mit der Affäre, wenn Ullrich Fichtner für die Zeitung angeblich im vermeintlich identischen Sound des Angeklagten schreibt.

Nun hat Relotius zwischenzeitlich alle Preise zurückgegeben, darunter vier Mal den Deutschen Reporterpreis, den eine Zigarettenfirma vergibt. Blauer Dunst also, der einer höchstrangigen Jury von Journalisten den Blick vernebelt hat. Auch ein schönes Stück, das weit über den Spiegel hinausreicht: „…und keiner hat etwas gemerkt“. Und es dauerte auch nicht lange, da präsentierte der Spiegel jenen Reporter aus den eigenen Reihen, der Relotius zu Fall brachte, als er eine zu gedrechselte Wendung des Kollegen nicht mehr glauben wollte. Aus einem Berufsethos heraus? Gar aus Missgunst ob der vielen Preise oder aus Mangel an Fantasie? Der Spiegel schreibt jedenfalls:

„20.12.2018, 12:40 Uhr – Der Fall Relotius ist ans Licht gekommen, weil sein Kollege Juan Moreno bei der Recherche für die gemeinsame Geschichte „Jaegers Grenze“ misstrauisch wurde. Im Video erzählt Moreno von seinem Verdacht – und dem, was darauf folgte.“

Wirklich, Unternehmensberater und Stressmanagement-Experten könnten kaum bessere Empfehlungen im Umgang mit der Affäre abgeben. Der Binger Unternehmensberater Hasso Mansfeld sagt uns zum Umgang des Spiegels mit dem Fall:

„Die gehen sehr gut damit um, sehr offen, offensiv und transparent. Die Kritik am Spiegel sind da eher Haltungsnoten. Was man allerdings bemängeln muss ist der Versuch, das als Einzelfall darzustellen. Der Kollege schreibt ja so, wie es von den Redaktionen explizit nachgefragt wird. Das ist mehr, als ein Einzelfall, das ist Teil des Problems.“

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Kommentare ( 88 )

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Meine kluge Grossmutter sagte immer kurz klar und wahr: „Der Spiegel lügt.“

Wer wollte da widersprechen.

Angesichts der Vielzahl von Veröffentlichungen des Herrn Relotius (welch ein Name) und angesichts der Tatsache, daß Herr R. für nahezu alle Leitmedien geschrieben hat, drängt sich mir eine Frage förmlich auf: Ist oder war Herr Relotius wirklich ein Journalist oder war oder ist er in Wirklichkeit ein Mitglied von Merkels „Nudging-Abteilung“ im Kanzleramt und hatte von höchster Stelle den Auftrag, u. a. schöne Flüchtlingsgeschichten zu erfinden? Nichts ist mehr unvorstellbar in dieser Republik, seit Merkel Kanzlerin ist und die Verhältnisse der DDR über unser Land gebracht hat (Knabe, Kahane, NetzDG usw. usf.).

Eben habe ich im SPIEGEL einen Kommentar zu dem gefakten Interview mit der letzten Überlebenden der Weißen Rose gelesen (http://www.spiegel.de/plus/weisse-rose-die-letzte-ueberlebende-im-gespraech-a-00000000-0002-0001-0000-000159547649), aus dem man schließen kann, dass auch jener Artikel erstunken und erlogen ist. Hier ein schöner Ausschnitt, bei dem deutlich wird wer das Ziel des Interviews sein soll: die AfD im Bundestag. „Lafrenz: In einer amerikanischen Zeitung habe ich aktuelle Fotos aus Deutschland gesehen – mir ist ganz kalt geworden. SPIEGEL: Was sahen Sie auf den Fotos? Lafrenz: Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitler-gruß, wie früher. Ich bin alt, aber ich bekomme ja alles mit.… Mehr

Mein Kommentar auf der Achse dazu:
Udo Kemmerling / 19.12.2018

Ein Bauernopfer um zu suggerieren, der Rest des Spiegel-Geschwurbels über “Teddywerfen”, “Klimaretten” , “Trump” und “Kampf gegen Räächtss” wäre recherchiert und glaubwürdig? “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.” Beschreibt es nur unzureichend, denn es bleibt die Gewißheit, das Halbwahrheiten und Propaganda im Kontrast zu einer fetten Voll-Lüge auch nicht besser werden.

Da fehlt jetzt nur noch eine Schmerzensgeldforderung eines amerikanischen Lesers. Verlust des Urvertrauens….

Politik und Medien verlangen schon seit Jahren immer mal wieder zu diversen Themen: „Wir brauchen ein neues Narrativ“.
Nun wird einer der Jungstars der Szene als Märchenerzähler geoutet.

Als Ausnahmetalent, sozusagen.

Schönes Narrativ.

Rudolf Augstein ging seinerzeit für 103 Tage ins Gegängnis. „Schreiben was ist“ war ihm Verpflichtung und Selbsterständnis. Davon ist der Mainstreamjournalismus weit entfernt und man wird seine Deutungshoheit mit Zähnen und Klauen verteidigen. Auch wenn sich heute zerknirscht gegeben wird, wer mag das nach den letzten drei Jahren noch glauben? Claas Relotius dürfte weich fallen. Ob IM Victoria, Steffen Seibert oder Heiko Maas schon angerufen haben? Für solch erzählerisches Talent, mit der rechten Gesinnung dazu, hat man bestimmt Verwendung.

Darf ich sagen, dass ich nicht überrascht bin?

Ich auch nicht. Die Frage, die bleibt, ist aber, wer und wie viele schreiben das, was sie wollen.

Immer hochmoralisch, aber fleißig Geld bei der Kippenbude abstauben. Anschliessend einen Bericht bringen in dem jegliches Engagement und Investment in fossile Brennstoffe verteufelt wird. Genau so habe ich unsere Mainstreamheuchler auch eingeschätzt.
Würde mich gar nicht wundern, wenn die Deutsche „Umwelthilfe“ auch noch beim Reemtsma sammeln ginge, natürlich nur, um für bessere Luft zu kämpfen.

haben wir alle die Enthüllungen von Udo Ulfkotte vergessen, Journalismus war ist immer immer die „Prostituiterte“ der Verleger und der Herrschenden, nur daß sie sich in unserer Zeit an Gleichschaltung nur noch mit den elitären Systemen vergleichen läßt, mit dem Unterschied, Randgruppen wie TE läßt man leben, es lohnt einfach nicht, sie zu bekämpfen, solange > ⅔ hinter dem System stehen