Die späte Radikalisierung des Oskar Lafontaine

Eine Zeitlang sah es so aus, als wäre mit Oskar Lafontaine nicht mehr zu rechnen. Auch bei Ehefrau Sahra Wagenknecht ist der rote Stern im Sinkflug. Jetzt schießt der alte linke Hase mit der Facebook-Kalaschnikow und wird auch Hildmann und Naidoo gefallen: „Auch 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland kein souveränes Land.“

imago images / Becker&Bredel

Dass der bald 80-jährige Oskar Lafontaine weiß, wie das politische Geschäft funktioniert, können auch seine politischen Gegner nicht abstreiten. Der Saarländer und Ehemann der seit ihrer Migrationskritik arg ramponierten linken Ikone Sahra Wagenknecht war Ministerpräsident, Kanzlerkandidat für die SPD, Parteivorsitzender sowohl für SPD wie später für die Linkspartei, Bundesfinanzminister im Kabinett Schröder und ist heute Oppositionsführer für die Linkspartei an der Saar.

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Wer Lafontaine früher einmal im Wahlkampf auf offener Bühne zuhörte, der lernte dabei auch die unbestritten hohe Qualität des Wahlkämpfers kennen. Unter freiem Himmel ist der Politiker um keine steile Thesen verlegen. Auf Facebook bei Lafontaine kann man das noch heute 24/7 erleben. Seine Kritik an den Zuständen in der Fleischfabrik Tönnies beispielsweise führte vor knapp 80.000 Followern zu folgendem Lafontaine-Fazit: „Wir leben in einem Schweinesystem“ und sein aktueller Eintrag bezeichnet die Abgeordneten des Bundestages als „Armleuchter“ bezogen auf die Debatte um einen Mindestlohn von 10,45 Euro.

Was aber zwischen „Armleuchter“ und „Schweinesystem“ beim Linkspolitiker jetzt den Weg in sein Facebook gefunden hat, ist noch mal von einer ganz anderen Qualität. Und es braucht bei Lafontaine ausnahmsweise mal mehr, als einen griffigen Dreiwort-Slogan: „US-Militäreinrichtungen gefährden den Frieden und das Leben der Menschen in Europa! Russland und China werden eingekreist.“ Dazu aber gleich mehr.

Etwas früher schrieb Lafontaine: „Trump dreht durch!“, während zeitgleich sein saarländischer politischer Ziehsohn und heutiger Außenminister Unsere-Welt-ist-bunt-Heiko-Maas „dringenden Handlungsbedarf“ im Verhältnis zu den USA sieht. Die Beziehungen zu Amerika seien „schwer angeschlagen“. Dass das möglicherweise auch an ihm selbst und seiner immer wieder öffentlich vorgetragenen negativen Haltung zum Präsidenten der USA liegen könnte, kommt Maas nicht in den Sinn. Seine jüngste Erkenntnis immerhin: Auch bei einer Abwahl von Trump könne es sein, dass das schlechte Verhältnis in den transatlantischen Beziehungen nicht besser werden würde.

Deutschlands Ostseepipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland sind den USA ein Dorn im Auge, weil sie Energieversorgung und Hochleistungs-Produktionsstandorte zusammenführen, der (bisherige) Handelsüberschuss Deutschlands ist für die USA ebenso ein Problem wie die Tatsache, dass Deutschland sein Nato-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandproduktes für Verteidigungsausgaben immer noch deutlich unterschreitet. Trump will nun rund ein Drittel der in Deutschland stationierten US-Soldaten abziehen lassen.

Maas bei Maischberger
Bei Maischberger: Im Dienst des Anti-Trump-Kampfes vereint
Aber während sich Maas noch für das diplomatische Protokoll Sorgen macht um die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und da offensichtlich etwas kitten oder wenigstens den Eindruck erwecken will, er würde dies wollen, rüttelt sein saarländischer Übervater Oskar Lafontaine eben an diesen transatlantischen Beziehungen, wie man es wohl rabiater kaum machen kann.

Der im Saarland als ewiger Scheiterer in Erinnerung gebliebene Heiko Maas wird noch wissen, wie das war, als er mit der SPD im kleinen Bundesland endlich aus der Oppositionsrolle heraus wollte. Und als das fast hätte funktionieren können, tauchte plötzlich Lafontaine mit neuer Linkspartei aus der Versenkung auf und nahm ihm die so wichtigen Stimmen am linken Rand der SPD weg.

Jetzt gießt Oskar Lafontaine wieder Öl ins Feuer, welches Maas zumindest offiziell angetreten war zu löschen. Wohl auch, weil Maas erkannt hat, dass er selber einer der schlimmeren Brandstifter in der Causa Trump gewesen ist. Ach was, Lafontaine gießt kein Öl ins Feuer, er hat via Facebook gleiche eine Pipeline voller Anwürfe Richtung USA angeschlossen und volles Rohr aufgedreht.

Agiert man eigentlich so, wenn man fürchtet in Vergessenheit zu geraten? Oder macht sich hier die aufgestaute Wut eines gestandenen Politikers Luft, der keine Rücksichten mehr nehmen muss/will, weil keine Posten mehr erobert werden müssen und auch die Gattin Wagenknecht keine besonders guten Aussichten mehr hat, noch irgendetwas auf der politischen Bühne für sich zu reißen?

Lafontaine begann vor wenigen Tagen mit folgendem Anwurf unter der Überschrift „Trump dreht durch!“:

»Jetzt reicht‘s allmählich. Dass Trump nicht der Hellste ist, wissen wir. Dass er ein Waffennarr ist und im Dienst der US-Rüstungsindustrie steht, die ihm seinen Wahlkampf sponsert, ist offensichtlich. Wenn aber jemand „auf kriminelle Weise“ seine Pflichten gegenüber der Nato nicht erfüllt, dann sind es die USA. Die Nato ist nämlich ein Verteidigungsbündnis und nicht geschaffen worden, um Kriege zu führen, zu foltern, zu morden und zu plündern. Die Nato ist auf das Völkerrecht verpflichtet, das Trumps USA täglich mit Füßen treten.«

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Und dann brachte Lafontiane die ganz dicken Kanonen linker Dialektik in Stellung, indem er fragte: „Wann wird es einen deutschen Kanzler geben, der der Verbrecher-Clique in Washington den Marsch geigt?“

Interessanter klingt Lafontaines Begründung für den rabiaten Angriff gegen den großen Verbündeten:

„Die USA schulden Deutschland mehrere hunderte Milliarden, weil sie den Nahen Osten kaputtgebombt haben und Deutschland wie auch andere Länder für die Folgen aufkommen muss durch die Aufnahme vieler Kriegsflüchtlinge.“

Die US-Truppen in Deutschland wären hier nicht stationiert, um uns zu schützen, „sondern um von Deutschland aus die völkerrechtswidrigen Kriege in aller Welt zu führen.“ Mit der selben Begründung hatte übrigens schon die RAF Sprengstoff-Anschläge auf Einrichtungen der USA in Deutschland in der so genannten Mai-Offensive verübt.

Lafontaine nennt einen gewichtigen Zeugen für seine zuspitzenden Behauptungen: Der frühere Befehlshaber der US-Truppen in Europa, General Ben Hodges, würde das bestätigen. Denn der hätte doch über die US-Truppen in Deutschland gesagt: „Sie sind nicht dort, um Deutschland zu verteidigen, sondern sie sind für uns dort.“

Die Atomraketen von Russland und demnächst von China wären notwendigerweise auch auf Militäreinrichtungen der USA in Deutschland gerichtet. Und Technik könne versagen, so der Linkspolitiker weiter.

Dafür gab es dann von seinen Followern 5.000 „Gefällt mir“-Bestätigungen, über 2.000 Kommentare und knapp 3.000 Teilungen, darunter wieder weitere „Gefällt mir“ in großer Anzahl und wieder weitere Kommentare. Also legte der Politprofi in den letzten Stunden noch eine mächtige Schippe linker Dialektik obendrauf:

„US-Imperialismus braucht Kontrolle über Deutschland.“

Deutschland also 2020 plötzlich in der Rolle Südamerikas in den 1970er Jahren? Die Politromantik bzw. der politische Kampf endlich auf dem europäischen Kontinent angekommen fünfzig Jahren nach dem Scheitern des revolutionären Kampfes eines Asozialen und einer Journalistin (Baader-Meinhof)?

Worum geht es im aktuellen Lafontaine-Posting auf Facebook? Da wird es zunächst tendenziell reichsbürgermäßig, mit einem Quantum Hildemann- und Naidoo-Dialektik: „Auch 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland kein souveränes Land.“

Für Lafontaine entscheiden die Amis darüber, „ob von deutschem Boden aus Krieg geführt wird und ob Deutschland in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Ihre Militäreinrichtungen in Ramstein und Stuttgart z.B. sind notwendig, um ihre mörderischen Rohstoff- und Drohnen-Kriege zu führen.“

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Trump: Massiver Abzug von US-Truppen aus Deutschland?
Lafontaine zitiert George Friedmann, den Gründer und Vorsitzender des US-amerikanischen Think-Tanks „Stratfor“. Der nämlich hatte erklärt, es sei Ziel der US-Politik zu verhindern, „dass deutsches Kapital und deutsche Technologien sich mit russischen Rohstoffen und russischer Arbeitskraft verbinden – eine einzigartige Kombination, vor der die USA seit Jahrhunderten eine Höllenangst haben“.

Die Deutsche Bundeskanzlerin hätte von all dem keine Ahnung, denn die würde weiter behaupten, die US-Truppen in Deutschland würden dem Schutz Deutschlands dienen. Also folgt von Lafontaine auch noch die volle Breitseite gegen Merkel:

„Jetzt müsste Angela Merkel, die als Befürworterin des Irak-Krieges, des Syrien-Krieges, der Sanktionen gegen Russland und Iran und des aberwitzigen Zwei-Prozent-Ziels der Nato trotz einiger Abweichungen immer wieder den US-Vorgaben folgt, nur noch dahinterkommen, dass die Interessen des US-Imperialismus in Deutschland eine souveräne deutsche und europäische Außenpolitik dauerhaft verhindern und den Frieden und die Sicherheit der Menschen in Deutschland und Europa von Tag zu Tag mehr gefährden.“

Jetzt ist Merkel mutmaßlich nicht mehr lange im Amt (na ja, die einen sagen so, die anderen so). Wird sich anschließend oder gleichbleibend auch im transatlantischen Verhältnis etwas ändern? Auch da sieht der rote Oskar schwarz:

„Leider stehen für die Nachfolge Merkels wieder nur treue US-Vasallen zur Wahl.“

So beendet Oskar Lafontaine seine bemerkenswerten Politausbrüche denn auch mit Anleihen aus den 1970er Jahren mit u.a. folgenden Hashtags: #fucktheusimperialism #peace #frieden #krieg #merkel #oskarlafontaine. Die späte Radikalisierung des Oskar Lafontaine.

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Kommentare ( 78 )

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78 Kommentare auf "Die späte Radikalisierung des Oskar Lafontaine"

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Der Mann leidet vielleicht nur am altersbedingten Nachlassen seines Intellektes.

Lafontaine isch over.

Man kann richtig oder falsch finden, was Herr Lafontaine sagt, aber er sagt etwas. Auf der Grundlage kann man diskutieren.

Merkel will gar nicht, daß man diskutiert. Man soll gehorchen.

Die globalistischen Multi-Kulti Spinner schwanken schon seit geraumer Zeit zwischen staatssozialistischem Totalitarismus (irgendwo zwischen Mielke und Stalin) und der Verherrlichung der „revolutionären Tat“ (á la RAF, U. Meinhof und A. Baader).

All das wäre leicht mit den Mitteln des Rechtsstaates zu lösen, wenn nicht die Ideologie durch links-grüne „Multiplikatoren“ tief in das Bewusstsein bürgerlicher Kreise eingesickert wäre.

Nicht ein greiser Linker, wie Lafontaine ist das Problem, sondern seine Apologeten in der herrschenden „Politklasse“, den Mainstream-Medien und die Heerscharen von ungebildeten Mitläufern, für die es „In“ ist freitags zu hüpfen und ansonsten jedem Opfermythos (BLM, Gender-, Asyl-,…) hinterher zu laufen … !

Auch wenn ein Lafontaine gegen die USA vom Leder zieht, verkennt er die weltpolitische Bedeutungslosigkeit Deutschlands. Einen Kanzler, der den Amerikanern den „Marsch geigt“, würden wir alle sicher gern mal sehen. Lafontaine ist einfach ein bundespolitisch erfolgloser Politiker, der sich noch einmal wichtig macht. Im Grunde ist es zu begrüßen, daß Deutschland bis heute nicht voll souverän ist, sondern an der Leine liegt. Macht weniger Lust auf Abenteuer. Allerdings wendet sich dieser unausgelebte Tatendrang nun nach innen mit den bekannten desaströsen Folgen. Dieses unruhige Volk in der Mitte Europas, das nie Maß und Mitte schätzte, sondern immer – illusionär -.… Mehr
„Weltpolitische Bedeutungslosigkeit Deutschlands“ – das interessiert doch keinen Politiker der Altparteien und schon gar nicht die Bundeskanzlerin. Die schweben doch längst in höheren Sphären – EUROPA. Weil sie um die Bedeutungslosigkeit der einzelnen Länder ganz genau wissen, wurde das Projekt EU (was viele Altpolitiker mit EUROPA verwechseln) doch überhaupt ins Leben gerufen. Man sinniert von der grossen Macht der Gemeinsamkeit – schafft es aber noch nichtmal die Migration in den Griff zu bekommen. Man sinniert von der grossen Macht; vernichtet aber gleichzeitig den Apparat der diese „Macht“ im Ernstfall verteidigen soll – das Militär. Nicht nur in Deutschland wurden dafür… Mehr

Da ist der Oskar aber spät aufgewacht. Genau gesagt 4 Jahre zu spät, denn der eigentlich richtige Empfänger seiner Kanonaden wäre der Kriegspräsident Obama gewesen. Bei Trump wird er mit vielen seiner Anwürfe sicherlich auf volle Zustimmung treffen, denn Trump hat von Beginn seiner Amtszeit angekündigt weniger Kriege führen zu wollen und die US-Armee aus vielen Ländern abzuziehen oder (wie in Deutschland) drastisch zu reduzieren. Lafontaine offenbart mit seinen Aussagen aber auch wie wenig Ahnung und Wissen er von und über Donald Trump hat. Kann natürlich passieren, wenn „alte weisse Männer“ ihren zweiten politischen Frühling zu erleben glauben.

»Jetzt reicht‘s allmählich. Dass Trump nicht der Hellste ist, wissen wir.»
Aber aufs Agitieren versteht er sich, der Oskar.
Wie nannten sie das damals, als die ganz Alten und ganz Jungen noch an die Waffen mussten?

Bitte weiter so Herr Lafontaine, da gibt es bestimmt noch mehr. Und ja, ich erinnere mich an Worte von Putin und Schäuble wie: Deutschland ist eingschränkt souverän. Und seit dem Sommergarten mit Obama, hatte ich längst das Bauchgefühl, dass hinter den Kulissen es hieß, ich mach Krieg und du nimmst die Flüchtlinge. Auch war ihm D zu weiß. Oder erinnert sich noch jemand an Obamas Rede in Ramstein? Deutschland wird ewig besetzt bleiben? Also, wie steht es jetztmit Deutschlands Souveränität? Desweiteren können wir ja unsere Inzucht degenerieren, laut Schäuble. Ich konnte es gar nicht fassen, Inzucht, von einem Politiker in… Mehr
Das ist keine späte Radikalisierung, der Saar-Napoleon ist schon lange „so drauf“. Richtig ist, daß Staaten keine Freundschaften, sondern Interessen hegen, die je nachdem mal mehr, mal weniger kongruent sind. Das ist übrigens bei unserem angeblichen Freund Frankreich nicht anders, wie man 89 gesehen hat; auch wenn heute in den Hintergrund gedrängt hat, daß Kohl-Freund Mitterand die Vernichtung der D-Mark zugunsten des Euro als Preis für die Zustimmung zur Wiedervereinigung gefordert und erhalten hat. Nach dem Krieg konnten die USA es sich nicht erlauben, das so wichtige Land Deutschland in die Hände der Sowjets fallen zu lassen, denn ansonsten hätte… Mehr
Lieber Herr Wallasch, ich bin kein Freund von Oskar. 40 Jahre Sozialismus haben eindeutig bewiesen es ist nicht praktikabel. Es ist etwas für Träumer die den praktizierten Sozialismus nicht kennengelernt haben. Die brauchen praktische Erfahrungen in einem Territorium mit real existierendem Sozialismus. Ich möchte dort nicht leben, Bei einigen Aussagen muss ich O.L. recht geben. Lesen Sie das Buch von Bruno Bandulat “ Beuteland“. Sehen Sie sich die immer noch bestehende Feindstaatenklausel an, vielleicht kommen Sie zu anderen Ansichten ohne O.L. pauschal zuzustimmen. Bruno Bandulat steht nicht im Verdacht O.L. nahezustehen, als ich das Buch gelesen habe , musste ich… Mehr

In Abwandlung des antiken Severinus Boethinus: „Auch wenn du geschwiegen hättest, wärst du kein Philosoph geblieben.“