Das Privilegien-Etikett

Das Privilegien-Etikett erklärt alle, die nicht von Anfang an privilegiert aufgewachsen sind – also die halbe Weltbevölkerung – für unmündig und wehrlos.

Screenprint: SRF1/Arena/Reporter

Sonntag vergangener Woche war ich Gast in der Sendung Arena/Reporter beim Schweizer Fernsehen SRF1. Ich debattierte mit drei Damen über Feminismus und #MeToo. Drei waren sich irgendwie immer einig, eine scherte aus, weil sie den modernen Feminismus für unnötig hält. Raten Sie, welche.

Die Zusammenstellung war interessant: Steffi Buchli (Sportreporterin), Tamara Funiciello (Präsidentin JUSO Schweiz), Rosmarie Zapfl (ehemalige Präsidentin Alliance F Schweiz), drei Personen mit derselben Sichtweise, den Feminismus brauche es unbedingt, weil Frauen noch immer stark diskriminiert seien. Und dann noch die Expertin für Provokation, deren Meinung, dass im Westen Chancengleichheit erreicht und der Pauschalreflex ‚Diskriminierung!!!‘ unsinnig sei, auf wenig Verständnis bei der Frauenlobby stiess. Während ich noch in der Live-Show grübelte, ob der Gästemix als unprofessionell einzustufen sei oder als Kompliment – da es bei mir offenbar drei Gegenstimmen braucht –, sickerte es schonungslos durch: Drei zusammen haben auch dreimal so viel Redezeit.

Man war mit mir zufrieden. Nach der Sendung erreichten mich Emails von erfreuten Zuschauern im Minutentakt, es gab aber auch kritische Reaktionen bei Twitter. Eine Userin schrieb: „Tamara Wernli […] ist privilegiert aufgewachsen und konnte machen, was sie wollte. Dabei vergisst sie, dass die Mehrheit nicht dieselbe Basis mitbekommen hat wie sie. Von ihrer Position her ist es einfach diesen Blickwinkel zu haben.“

Das Privilegien-Argument funktioniert ähnlich wie das Rassismus-Argument: Wer nicht schwarz ist, kann die Probleme von Schwarzen nicht verstehen und darum nicht mitreden. Oder wie das Mama-Gebot: Kinderlose haben keine Ahnung vom Muttersein, also Klappe zu. Weil sie es nicht durchlebt hat, unterstellt man der Person fehlendes Verständnis und Einfühlungsvermögen, versucht ihr abzusprechen, dass sie sich ein reflektiertes Urteil bilden kann. Moralisierende Argumente zwecks Diskreditierung der Debattiererin.

Selbstwiderlegung
Feminismus: Out of Control
Das Privilegien-Etikett ist in doppelter Hinsicht überheblich. Einerseits werden damit alle Menschen, die nicht von Anfang an privilegiert aufgewachsen sind – also die halbe Weltbevölkerung – für unmündig und wehrlos erklärt. Es suggeriert, dass sie ihre Lebensumstände nicht eigenständig verbessern können, weder mit Fleiss, Talent oder klugen Berufsentscheiden. Eine bevormundende Perspektive, denn unabhängig von Basis und Herkunft, Leute sind zu eigenständigen Handeln imstande – und bis zu einem gewissen Grad für die Konsequenzen verantwortlich. Natürlich gibt es schwere Schicksale, wo Hilfestellung wichtig ist, aber diese gibt es unter Männern auch.

Andererseits hinkt die Tamara-Projektion. Ich müsste mich schwer täuschen, aber ausser einem sehr kleinen Grüppchen weiss niemand so genau, wie ich aufgewachsen bin. Erziehungstechnik oder Basis meiner Eltern? Die kenne ich selbst nicht mal so richtig. Jobs in L.A. als Hostess im „Club Fantasy“ oder an der Hotelrezeption für 8 Dollar 75/Stunde? Bin damit nie hausieren gegangen. Auch weiss kaum jemand, wie viele Risiken ich eingegangen bin in meinem Berufsleben, wie viele Rückweisungen ich erlebt habe. Wie viele Male ich gescheitert bin. Habe ich nie zusammengezählt.

Die Hälfte der Reaktionen auf meine Beiträge heute erhalte ich übrigens von begeisterten Frauen. Sie fühlen sich ernst genommen, wissen, dass ich ihnen Durchsetzungsvermögen zutraue. Die heftigste Aburteilung und die grösste Feindseligkeit, sie kommt ebenfalls von den Damen. Dieses Privileg hat man nur als Frau.

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Kommentare ( 31 )

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WIE BITTE? FEMINISMUS VERTRITT DIE UNTERPRIVILEGIERTEN? Es kann doch wohl als gesichert gelten, dass er eher die Sache verwöhnter höherer Töchter als die einer klassischen Arbeiterfamilie ist. Dort hat man so sehr alle Hände voll zu tun, dass man gar nicht dazu kommt, über so etwas auch nur nachzudenken. Die Rollen sind klar verteilt und kein Ehepartner fühlt sich „benachteiligt“, beide sind aufeinander angewiesen. Feminismus ist ein Produkt des für Wohlstandsgesellschaften (denen es vielleicht etwas ZU gut geht) typischen Müßiggangs-der bekanntlich aller Laster Anfang ist. Der Hass auf Männer hat viele Quellen. Da ist einerseits das Motiv, das schon Charles… Mehr

Ich hab die Sendung gesehen und fand Sie überzeugend, Frau Wernli. Die Reaktionen der anderen Frauen, insbesondere von Frau Funiciello liessen Zweifel daran aufkommen, ob diese Ihr Anliegen überhaupt verstanden haben. Es musste doch klar sein, dass Sie weder gegen Feminismus , der nötig ist ( war ) um Frauen gleiche Chancen und Wahlmöglichkeiten zu verschaffen noch gegen Lösung von noch immer bestehenden Problemen wie Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung eingestellt sind, sondern sich gegen Auswüchse positionieren. Jedenfalls: Bravo

Oh, da ist aber jemand frustriert.. Mit den Männern insofern, als Frauen überhaupt einen Beruf ausüben durften, was vorher ohne Zustimmung ihres „Vormundes“, des Ehegatten nicht möglich war, das Wahlrecht, das Stimmrecht, kurz, das, was man eigentlich erwachsenen Personen zubilligt.

Es ist die Logik des Neides, anzunehmen, dass jemand der Erfolg hat, privilegiert sein muss. Zunächst mal hat nur jemand Erfolg, dass darauf angelegt und der kann gerade in unserer Gesellschaft so gut unterprivilegiert wie privilegiert sein. Dagegen gibt es viele Privilegierte, denen jede Ambition fehlt und die einfach mehr oder weniger dem Nichtstun hingeben oder ihr Leben „genießen“, solange bis das Geld alle ist (was bei den meisten relativ schnell der Fall sein wird). Und es gibt andererseits viele Unprivilegierte oder Unterprivilegierte, die gerade aus ihrer Benachteiligung Motivation gezogen, studiert oder auf andere Weise Erfolg gehabt haben. Es stimmt… Mehr

Im Gegensatz zu Millionen (wenn nicht Milliarden) potenzieller Migranten sind wohl auch die meisten Prekarier bzw „Hartzer“ recht „privilegiert“. Dach überm Kopf, Strom und fließend Wasser – das hat nicht jeder. Dazu noch Gesundheitsversorgung „2.ter Klasse“. Davon träumen selbst einige Millionen Amerikaner, die sich mit „food stamps“ ernähren…

Liebe Frau Wernli, ich als Mann habe die Erfahrung gemacht, dass die Frauen, die am lautesten ihren Feminismus herausschreien, oftmals eigentlich sehr kleine Lichter sind. Sie sehen in der Regel nicht besonders gut aus, sind durchschnittlich bis unterdurchschnittlich intelligent – es gibt Ausnahmen – und haben in der Regel (Achtung: Wortspiel!) ein Problem mit ihrem Minderwertigkeitskomplex. So, wie ich Sie bisher kennenlernen durfte, trifft dies bei Ihnen in keinster Weise zu. Sie schreiben sehr sachlich, sehen die Dinge sehr objektiv und Ihre Texte sind logisch durchdacht und sprachlich bemerkenswert. Noch dazu – und das traue ich mich, zu sagen, weil… Mehr
„[…] da es bei mir offenbar drei Gegenstimmen braucht –, sickerte es schonungslos durch: Drei zusammen haben auch dreimal so viel Redezeit.“ Hmm? Bei (angeblich) neutralen und unvoreingenommen Diskussionsrunden/Talkshows hätte man vielleicht einmal folgendes sagen sollen: „Interessant, das es X Gegenstimmen zu meiner Position braucht um meinen Argumenten zu begegnen. Sind meine Argumente etwa so stark, das es diese Übermacht braucht? Wenn ich falsch liegen sollte, würde doch eine Gegenstimme zu meiner Position reichen.“ „Das Privilegien-Etikett ist in doppelter Hinsicht überheblich. […] Natürlich gibt es schwere Schicksale, wo Hilfestellung wichtig ist, aber diese gibt es unter Männern auch.“ Diejenigen, die… Mehr

Nicht Sie, Frau Wernli, diese Feminist(inn)en sind das Luxusprodukt.

Brecht meinte, dass erst das Fressen, und dann die Moral käme. Und bei unserer heutigen Moral – manohmann – müssen wir uns überfressen haben …

Mit Sicherheit ist die Userin selbst privilegiert aufgewachsen, verwöhnt und ewiges Klein-Mädchen geblieben, das für nichts die Verantwortung übernehmen will, aber immer groß das Maul aufreißt. Aus dieser Langeweile heraus („ich bekam immer, was ich will“) unterstellt sie dann auch Ihnen ein „privilegiertes“ Aufwachsen. 🙂
Ich würde an Ihrer Stelle die Einladung 3:1 als dickes Kompliment auffassen: 3 altgewordene sogenannte Feministinnen braucht’s, um Sie niederzureden.
Das ist der Schulterschlag – dass Gift von Frauen an Frauen versprüht wird: damit müssen wir leben – und weiterkämpfen. Sie schaffen das! Schütteln Sie den Staub von den Sandalen und machen Sie weiter. Bitte!

Wäre das ein schlüssiges Argument, müssten dieselben Leute gegen exakt die Berufspolitiker wettern, die sie als Vehikel für ihre abstruse Agenda nutzen, die ganze „Bewegung“ fällt also flach auf die Nase.

Sehr geehrte Frau Wernli,
sie sind leider nicht die einzige, den es so geht.
Nehmen sie nur als Beispiel Herr Sarrazin, den in diversen Talkshows
(u.a „Talk in Hangar 7“) auch von seinen meist muslimischen Mitgaesten
vorgeworfen wird, das er über den „Koran“ keine Ahnung haette, da er ja
kein Moslem waere und somit nicht „wüßte“,wie man den Koran und das
in ihn geschriebene Wort „richtig“ auslege.
Auf die Nachfrage von Herrn Sarrazin, „wie es dann Milliarden von Muslime
auf der ganzen Welt wissen könnten, die teilweise nicht einmal lesen können“,
kam nur die Antwort „der İman in der Moschee „erklaert“ es ihnen“…..
Tja, schon eine verrückte Welt.

Solche „Gesinnungstage“ wissen Gläubige zu schätzen….