New Yorker Wahlparty – Deutsche im Zweifelmodus

Da wundern sich die Amerikaner, wie zahm die Deutschen sind: Nicht erst seit Trump - Wahlkampf im Schlafwagen und Aussperren der entscheidenden Themen gilt da nicht.

© Getty Images

Das deutsche Generalkonsulat New York, zusammen mit der Denkfabrik American Council on Germany, hatten zur Party geladen. In der Bibliothek des Goethe-Instituts in Manhattan lief deutsches Fernsehen, fast alles ganz wie zuhause. Die Wahlergebnisse waren natürlich auch die selben.

Schon die Prognose kurz nach 12.00 Uhr Ortszeit ließ manche der rund 150 Gäste mit zweifelnden Blicken auf die Grafiken schauen. Unter Anwendung geringer Mühe und weniger Grundrechenarten offenbarte sich das, was in der Heimat die nächsten Tage und Wochen bestimmen dürfte: Mühsame Versuche, den Volkswillen zu deuten. Insbesondere die amerikanischen Gäste wunderten sich: Ihnen war die Gemächlichkeit des deutschen Wahlkampfes schon aufgefallen, schließlich ist man hierzulande spätestens seit der letzten Präsidentschaftskampagne anderes gewohnt.

Und just rund um den deutschen Wahltermin offenbarte Donald Trump eine Art von Diskussionskultur, die man in Deutschland wohl nicht zu bekommen hofft: Die verbalinjurative Auseinandersetzung des Präsidenten mit allen wichtigen Sportverbänden des Landes über das Verhalten einiger Baseball- oder Footballstars, dahin ist es für Deutsche denn noch wirklich ein weiter Weg, AfD hin oder her.

Dennoch schien die Aufregung über das Wahlergebnis den Verlauf der schleppenden Wahlkampagne zu konterkarieren. Der Deutsche Generalkonsul in New York und der Direktor des Goethe-Instituts versuchten so denn auch, Bedenken wegen möglicher Rechtsextremer im deutschen Parlament etwas einzuordnen – den Rest wird man ohnehin sehen müssen.

Zwischen Bänden von Goethe, dem Großen Brockhaus und zahlreichen moderneren Werken, wie sie die Bücherei des Goethe-Instituts zieren, wirkten platte Äußerungen einiger Politiker eher deplaziert. Dafür gibt es in der Bibliothek aber auch Werke wie „Deutschland entdecken – ein Quiz und eine Reise von Stadt zu Stadt“ oder das Büchlein „Planet Germany – eine Reise in die Heimat des Hawaii-Toasts“. Dichter und Denker, wohin man blickt. Vielleicht empfehlenswerte Lektüre auch für Bundesbürger, die ihre nächste Wahlentscheidung endlich auf solide Kenntnisse stützen wollen. Das Goethe-Institut hilft sicher auch in der Heimat.


Reinhard Schlieker ist Redakteur und Moderator im Börsenstudio des ZDF

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Kommentare ( 2 )

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Ja, die Rede würde auf den MSM gemeldet werden, nicht nur das, sie würde zerpflückt und skandalisiert werden. Egal, denn der Inhalt würde für sich sprechen – wie stets.

Ich hielte es für angebracht und auch Effekt- und sinnvoll, wenn in einer der ersten Reden vor dem Bundestag ein paar Begriffsdefinitionen lägen, da in und vor dem Hohen Haus „auf bestimmten Begriffen herum gekaut wird, als wären es Erdnüsse. Ich meine die Worte rechts und links, meine Damen und Herren.“ So etwa könnte man eine solche Rede beginnen und darin später auch auf den Terminus Nazi kommen und was das BVerfG zum rechtsrelevanten Gebrauch der Worte radikal und extrem zu sagen hatte. Eine solche Rede, die letztendlich offen und ehrlich das heikle Thema Nazi behandelt, wäre eine Bombe gleich… Mehr
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