LASST DIE KINDER IN RUHE!

Ingrid Ansari warnt: Unter dem Deckmantel der sexuellen Befreiung fanden in den Siebziger- bis Neunzigerjahren in verschiedenen pädagogischen Institutionen Tag für Tag zahllose sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche statt. Nun öffnet "Gender Mainstreaming" dem wieder Tür und Tor.

Erst seit dem Jahr 2000 gibt es ein Gesetz, das verbietet, Kinder körperlich zu bestrafen. In den Medien wird das Thema „Geschlagene Kinder“ gelegentlich noch in Dokumentationen behandelt.

Oft mit der konsequenten Schlussfolgerung: Wenn heute ein Klaps als „nicht so schlimm“ dargestellt wird, wird ein Gesetz wenig Änderung bewirken. Anstatt einen Klaps oder gar eine Ohrfeige als menschlich verständlich darzustellen, sollte man Müttern und Vätern helfen, darauf zu verzichten, indem man ihnen vor Augen führt, dass körperliche Strafen keinerlei Lerneffekt haben, sondern immer nur eine Demütigung und Entwürdigung bedeuten. Gravierende psychische Folgen bleiben oft lebenslang. Es geht also darum, dies ins Bewusstsein zu heben und eine öffentliche Debatte darüber zu führen.

Besonders gnadenlos wirkt sich eine solche Erziehung naturgemäß aus, wenn sie sich an eine Weltanschauung gebunden fühlt, die sie – vermeintlich im Namen einer höheren Autorität – verpflichtet, so erbarmungslos zu handeln. Zahlreiche Berichte aus Waisenhäusern, Kinderheimen, Internaten und viele Filme vermitteln, welch seelische Zerstörungen regelmäßige Züchtigungen und Demütigungen jeder Art bewirken. Besonders eindrucksvoll zeigen das die Filme von Ingmar Bergmann (u. a.“Fanny und Alexander“), und es ist noch nicht allzu lange her, dass Michael Hanekes „Das weiße Band“ in den Kinos lief und uns dunkle Zeiten mit katastrophalen Folgen in Erinnerung rief.

Ideologen, Hände weg von unseren Kindern

Das weiße Band im Haar der Kinder als Zeichen für die „Reinheit“, die ihnen ihr Vater, der strafende Dorfpastor, mit seinen Schlägen einbläuen will. Sowohl bei Bergman, als auch bei Haneke erfolgt die Züchtigung durch Männer der Kirche. In den zahlreichen kirchlichen Institutionen, im religiösen Denken der Zeit war diese Art der Bestrafung jedoch kein gelegentlicher Ausrutscher, sondern folgte den Anweisungen der Bibel, Gottes Wort : ‚Wer seine Rute spart, hasst seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, sucht ihn früh heim mit Züchtigung.“ (Sprüche 13,24)

Was konnte für die Gläubigen unabweisbarer sein. Es war die Pflicht des Vaters zu züchtigen, auch wenn er dabei litt – wie mancher perverser Weise beim Schlagen betonte -,  um „das Böse“ in Gestalt von Ungehorsam, Widerstand und sexuellen „Verirrungen“ auszutreiben. Um das Kind auf den „rechten Weg“ zu bringen. Körperliche Bestrafung war durch die Bibel legitimiert, gesellschaftlich akzeptiert und wurde von der Mehrheit schweigend geduldet.

Die Macht der Religion, der Ideologie kann jemand, der ihr nicht anhängt, kaum nachvollziehen. Wir können ihre Autorität und ihre Auswirkungen jedoch über die Jahrhunderte hinweg beobachten: Das Christentum und die Inquisition im Mittelalter, die durch Lenin weiterentwickelte Marx’sche Lehre in der Stalinzeit, der Faschismus, die Ideologie der Nationalsozialisten, fundamentalistische Sektenbewegungen,  der RAF-Terror.

Aus Aussagen in religiösen Texten, aus weltanschaulichen Theorien werden Normen, die die Mitglieder der jeweiligen Gruppe, die sich nun als Teil einer legitimierten, auserwählten Elite empfinden dürfen, für die absolute  Wahrheit halten oder ausgeben, die nicht hinterfragt werden kann. Sich aus dieser Konditionierung zu lösen, ist praktisch unmöglich und kann den „Abtrünnigen“ in die totale Isolation, in die Verzweiflung und manchmal  sogar in den Tod treiben.

Noch heute  erfahren wir von Spuren, die diese religiös-ideologisch begründeten Strafaktionen und Manipulationen hinterlassen haben; noch immer tauchen bis in die jüngste Zeit hinein unglaubliche Berichte aus Klöstern und Waisenhäusern auf. Inzwischen alt gewordene Männer und Frauen berichten von ihren unglaublichen Leiden. Wir vergießen Tränen darüber und glauben, dass wir die dunklen Zeiten längst hinter uns gelassen haben.

Vom Antiautoritären 68 zum Genderismus heute

Im Zuge der 68er Studentenbewegung, der Frauenbewegung hatte dann der große Bruch mit der Vergangenheit stattgefunden, dessen Ziel in Bezug auf die Kinder es war, sie repressionsfrei und ohne Leistungsdruck aufwachsen und sie weitgehend selbst bestimmen zu lassen. Die traditionelle bürgerliche Familie war das Schreckensbild,  von dem es galt, unter allen Umständen Abstand zu nehmen und stattdessen das Leben im Kollektiv zu propagieren. Die Kinder sollten Partner sein und  mitbestimmen. Gehorsam, bürgerliche Umgangsformen und Angepasstheit sollten der Vergangenheit angehören. Die Begriffe Autorität oder Respekt waren tabu. Man schüttete sozusagen das Kind mit dem Bade aus, wie das oft nach Zeiten extremer Gebote und Begrenzungen geschieht. Das Bild des Kindes,  das – legitimiert durch die christliche Sündenlehre – der Züchtigung bedürfe, wird ersetzt durch das Bild des Kindes, dem man keine Grenzen mehr zu setzen hat, das selbstständig Entscheidungen treffen kann.

Das Drama für die Kinder war und ist: Beide Erziehungsmodelle basieren auf Vorstellungen und Bedürfnissen von Erwachsenen, die sich nicht klarmachen, dass die Wahrnehmung eines Kindes von der Welt eine ganz andere ist. Kinder kommen nicht als Partner zur Welt, sondern durchlaufen verschiedene Entwicklungsstufen, auf denen sie schrittweise von den Eltern und anderen Bezugspersonen bis zur Reifezeit begleitet und gefördert werden sollten. Diese von der Entwicklungspsychologie bekräftigten Erfahrungen, die auf Empathie und Beobachtung beruhen, scheinen verloren gegangen zu sein.

Die Wunden der Geschlagenen und Misshandelten sind noch nicht verheilt, die Kritik an den Auswüchsen  der antiautoritärem Erziehung ist noch nicht verhallt, und schon ist zu bemerken, dass die Ideologie der 68er nicht aufgegeben, sondern schleichend weiter entwickelt wurde. „Gender Mainstreaming“ nennt sich eine Richtung. Sie gibt vor, die gesetzlich vorgeschriebene Gleichstellung von Männern und Frauen weiter zu führen, Toleranz verstärkt zu fördern, Diskriminierung zu minimieren und will mit ihren Programmen schon in den Kitas beginnen.

„Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und zehn Jahre später auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking weiterentwickelt. Seit dem Vertrag von Amsterdam von 1997/1999 ist Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der Europäischen Union.“ So fasst Wikipedia die Entstehung zusammen. Gender Mainstreaming ist damit eine verbindliche EU-Richtlinie, an die auch Deutschland gebunden ist. Ein Diskurs war und ist nicht vorgesehen.

Als ich vor kurzem meine Buchhändlerin fragte, ob sie mir Unterrichtsmaterialien zum Thema Gender Mainstreaming empfehlen könne, erntete ich einen fragenden Blick und musste den Begriff wiederholen und erklären, was oft nicht gelingt, weil die wenig eingängige Bezeichnung erstens ein Anglizismus ist und sich zweitens aus Vorstellungswelten entwickelt hat, die den meisten wenig geläufig sind. Auch mein Hausarzt fragte erst einmal nach, als ich Gender Mainstreaming erwähnte. Viele haben auch heute noch keine Ahnung, keine wirkliche Vorstellung davon, was da auf sie und ihre Kinder zukommt.

Durchforscht man die in Hülle und Fülle im Internet vorhandenen Texte, Materialien und Videos über dieses Thema, schwirrt einem bald der Kopf vor lauter seitenlang dargelegten Theorien, Buchempfehlungen (z.B. mit dem Titel „MenschInnen. Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen“), neuen nebulösen Begriffen und wortreichen,  wirren und wenig durchdacht erscheinenden Darstellungen, wobei oft unklar bleibt, wie sie in die Praxis umgesetzt werden sollen. Keine Seltenheit in unserer bunt ausgestalteten und konkurrierenden Schullandschaft.

Autoritäre Umerziehung allerorten

Das durch die Hintertür eingeführte Konzept stellt den Begriff „Gender“  (als das soziale Geschlecht) dem Begriff „Sex“ (als das biologische Geschlecht der Fortpflanzung)  gegenüber. Es stützt sich auf die Überzeugung, dass das Geschlecht nichts Naturgegebenes ist, sondern durch die sozialen Verhältnisse bedingt sei. Dass die Frau  nicht als Frau zur Welt komme, sondern dazu gemacht werde. (Simone de Beauvoir). So sei die Einteilung in Mann und Frau anerzogen und veränderbar; ein soziales Konstrukt, dessen Auflösung  die Vorstellung von einer Vielfalt der Geschlechter ermöglicht.

„Mainstreaming“ wird angehängt, um auszudrücken, dass die Idee zum Gedankengut der Allgemeinheit werden soll, ein Gedankengut allerdings, deren Folgen einer Mehrheit der Bürger anscheinend noch nicht bewusst ist, nach der Devise von Jean-Claude Juncker „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt (Der SPIEGEL 52/1999 vom 27. Dezember 1999). “ Eine oft zitierte Aussage des derzeitigen EU-Präsidenten, die bedauerlicher Weise kaum jemand besonders ernst zu nehmen scheint („… weil die meisten gar nicht begreifen, was das beschlossen wurde,…) und fatal an das ebenfalls vermehrt auftauchende „Nudging“ erinnert: Eine  Stellenausschreibung des Bundeskanzleramts gerichtet an Psychologen mit „hervorragenden psychologischen soziologischen, anthropologischen, verhaltensökonomischen bzw. verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen“, die beim „wirksamen Regieren“ helfen sollen, die Bürger auf den richtigen Weg zu „stupsen“.

Vom ersten – natürlich „gegenderten“ – Bilderbuch im Kindergarten an bis zum Schulabschluss soll das traditionelle Familienbild fächerübergreifend „entnormalisiert“ werden, wie es Uwe Sielert, Sexualpädagoge an der Universität Kiel vorgibt. Sein bebildertes Aufklärungsbuch „Lisa und Jan“ für Vier- bis Achtjährige zeigt eindeutige sexuelle Handlungen zwischen Kindern und soll zur Nachahmung anregen. Kindern  sollen im Namen der Akzeptanz sexueller Vielfalt in Rollenspielen und anhand von Anschauungsmaterialien neue Formen des Zusammenlebens und sexuelle Praktiken jeder Art nahe gebracht und diskutiert werden, damit sie sich unter den vielen Möglichkeiten entscheiden können.

Da sich dieses Konstrukt auf keine naturwissenschaftlich erforschte Grundlage berufen kann, kann es nicht falsifiziert und somit nicht widerlegt werden. Daraus folgt für seine Verteidiger angeblich das Recht, Kritiker als  homophob, reaktionär und als hetzerisch zu stigmatisieren, ohne zu sehen, dass die Möglichkeiten, als Erwachsener seine Lebensform selbst zu wählen, d.h. als homosexueller Mann, homosexuelle Frau (4%) oder Transsexueller (1%) zu leben – manche sprechen von fast 60 Geschlechteroptionen – von der Mehrheit nicht mehr in Frage gestellt wird.

Was man dabei nicht wahrnehmen will oder kann, ist, dass Kinder zu einer solchen Wahl noch gar nicht in der Lage sind. Sie sollen mit sexuellen Praktiken konfrontiert werden, ohne zuvor ihre eigenen Erfahrungen gemacht zu haben. Sie bekommen Antworten auf Fragen, die sich ihnen oft noch gar nicht stellen und die Bilder in ihrem Kopf entstehen lassen, die sie noch nicht verarbeiten können. Nur wenn sie selber schon auf solche Bilder gestoßen sind und entsprechende Erfahrungen gemacht haben, sollten sie Probleme äußern können und auf offene Ohren treffen. Andernfalls entsteht – unter Negierung der Forschung der Entwicklungspsychologie –  eine zu frühe Konfrontation mit für sie unbegreiflichen Erscheinungen, eine Missachtung der Privatsphäre, die ein Kind, das gerade in der Pubertät Grenzen braucht, um sich zu orientieren, mit Sicherheit überfordert; in einer Welt, die sowieso schon für Erwachsene unüberschaubar geworden ist. Wie dann erst für Kinder, denen man im Gegenteil anzeigen muss, dass ihre ganz natürliche Schamgrenze zu achten ist, damit sie lernen, sich gegen sexuelle Übergriffe zu schützen.

In einem derart entgrenzten Umfeld, das für jederlei sexuelle Praktiken und Masturbationsangebote offen ist, sind logischer Weise und unzweifelhaft den Möglichkeiten zum Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Ganz abgesehen davon, dass das bedeutet, dass  Kinder – weil sie sich meist nicht wehren können – unter dem Druck von Erwachsenen vor ihren Klassenkameraden ihr Intimstes offenbaren sollen.

Unter dem Deckmantel der sexuellen Befreiung fanden in den Siebziger- bis Neunzigerjahren in verschiedenen pädagogischen Institutionen Tag für Tag zahllose sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche statt. Junge, oft schon beschädigte Menschen lebten in einem Raum, der ihnen in dieser unwiederbringlich wichtigen Zeit des Heranwachsens kein Geländer für einen kindgerechten Weg bot,  sondern sie in eine Verwirrung führte, aus der sie zum Teil  ihr Leben lang nicht mehr herausfinden.

Keine (zivile) Religion darf  Kinder manipulieren

Keine Religion, keine Ideologie, den Köpfen von  Erwachsenen entsprungen, darf  Kinder manipulieren und indoktrinieren! Für den Umgang mit Kindern gilt in erster Linie Behutsamkeit. Einen Schutzraum bieten. Die Schamgrenze und Intimität achten. Fragen der Kinder abwarten. Ihnen keine Bilder in den Kopf pflanzen, mit denen sie altersgemäß nichts anfangen können. Sich in die jeweilige Altersgruppe einfühlen können. Sich erinnern, wie man selber damals empfunden hat.

Das  Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) bringt es auf den Punkt:
§ 1631 Abs. 2
Verbot entwürdigender Maßnahmen
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Körperliche Bestrafungen werden inzwischen sanktioniert. Deren negative Folgen sind ins Bewusstsein der Gesellschaft eingedrungen. Den durch „Gender Mainstreaming“ drohenden zerstörerischen seelischen Verletzungen, Entwürdigungen und Manipulationen müssen wir Einhalt gebieten!

Ingrid Ansari, Mutter eines Sohnes, führte ihr Weg vom Abitur in Oldenburg über die Ausbildung zur Fremdsprachen-Korrespondentin an der Berlitz-School, Bremen, dem Studienabschluss Diplom-Übersetzerin (Englisch und Französisch) am Auslands- und Dolmetscherinstitut der Universität Mainz in Germersheim zur Dozentin am Goethe-Institut bis zur Verrentung 2002.

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