Konstruktiver Journalismus – Die Selbsttötung der Informationsmedien

Eine Grundbedingung für eine demokratische Gesellschaft ist objektive Berichterstattung. Doch was passiert, wenn Journalisten nicht mehr nur informieren, sondern zu Aktivisten werden?

Getty Images

Gibt es bisher nur destruktiven Journalismus? Es drängt sich auf, darauf mit Ja zu antworten, glaubt man denen, die neuerdings das Konzept des „konstruktiven Journalismus“ propagieren. Es handelt sich vorzugsweise um Kollegen mit eher grünen oder linken Ansichten bei öffentlich-rechtlichen Anstalten und bei der Zeit, die mit „konstruktiven“ Ansätzen experimentieren. Die seien eine Chance, die Glaubwürdigkeit der Medien zu erhöhen, heißt es dabei gern.

Das Konzept des „konstruktiven Journalismus“ predigt „Lösungen statt Probleme“. Kurz gesagt: Journalismus solle nicht nur Missstände anprangern, sondern auch Wege zur Lösung anbieten. Sogar der Focus outet sich neuerdings als Verfechter eines solchen Ansatzes, was glücklicherweise nicht nur ich ziemlich spaßig finde. Offenbar glaubt man jetzt auch in „Clickbaithausen“, sein Ansehen mit einer schönklingenden Parole und ohne viel Mühe aufpolieren zu können. Durchdacht ist das alles nicht. „Konstruktiv“ klingt gut, aber es ist nichts weiter als PR-artiges Geschwätz und schafft nichts als Widersprüche und neue Probleme.

Erneut "Doppelzählungen"
Zeitungsauflagen: Fortsetzungsroman "Auflagen-Schwund"
Erstens: Es ist undemokratisch. Journalisten haben kein Mandat, um irgendwelche Probleme zu lösen. Das Mandat haben die Parlamente und die von den Parlamenten ernannten Exekutiven. In Firmen haben die Eigentümer und – je nach Größe und Mitbestimmungsmodell – Mitarbeiter das Mandat dafür. Sollten Mitarbeiter von ARD und ZDF glauben, ihre Rundfunkräte lieferten Legitimation: Hütet euch! Ihr habt den gesetzlichen Auftrag für Information, Bildung und Unterhaltung. Ihr habt keinen Auftrag zum Bau von Straßen, Abstrafen von Autokonzernen (obwohl ihr das offenbar gern tätet) oder Aburteilen von Kriminellen. Rundfunkräte sind keine Parallelparlamente. Und wenn ihr das nicht verstehen solltet: Der „konstruktive Journalismus“ wird es euch noch schwerer machen, Staatsferne zu behaupten, weil ihr damit ja so tut, als könntet ihr Staat sein.

„Rundfunkräte sind keine Parallelparlamente.“

Zweitens: Es ist anmaßend. Journalisten haben von den meisten Problemen keine Ahnung. Sie können vielleicht mal auf die Schnelle irgendwelche „Experten“ herantelefonieren. Aber sie wissen nicht, welcher „Experte“ echte Ahnung hat und welcher nicht. Journalisten tun sich schon schwer damit, Probleme in ihren eigenen Läden zu lösen. Das qualifiziert sie nicht unbedingt dazu, die Welt zu retten.

Drittens: Es verwässert die journalistische Rolle. Journalisten, die sich als Problemlöser begreifen, sind keine Journalisten mehr. Sie sind dann eher Aktivisten. Journalisten dieser Gattung haben leider auch kein Problem, publizistisch für NGOs oder Lobbyverbände zu arbeiten und gleichzeitig für sich seriös gebende Medien. Aus journalistischer Perspektive ist derartiges ein frontaler Interessenskonflikt. Journalismus funktioniert nie ohne Distanz. Journalismus ohne Distanz ist unglaubwürdig.

Viertens: Es vertreibt Leser. Diese „konstruktiven“ Geschichten sind nämlich allesamt vor allem langweilig, langatmig und anstrengend.

„Journalismus ohne Distanz ist unglaubwürdig.“

Fünftens: Es vergiftet den Diskurs. Schon der Begriff des „konstruktiven Journalismus“ sagt unterschwellig, dass er der bessere Journalismus ist. Besser als der „unkonstruktive“ Journalismus. Damit hat den Journalismus eine rhetorische Keule erreicht, die es bis dato nur in der Politik gab. Sie funktioniert so, dass jeder, der nur Kritik übt, so lange delegitimiert wird, bis er eine bessere Lösung vorschlägt. Damit zwingt man jeden Kritiker, die Kategorien des Kritisierten anzunehmen. Und man verweigert jedem zu sagen, ein Zustand sei schädlich, ohne, dass der Betreffende wüsste, wie er zu verbessern sei. Das bedeutet schlussendlich die alternativlose Macht für einen Club von Insidern, die ihr Wissen niemals teilen, sondern nur zum taktischen Debattenabwürgen hervorziehen.

Gruß aus der Filterblase der urbanen Elite
Wie der Journalismus sich abschafft
Journalisten scheinen es manchmal unbefriedigend zu finden, aber ihr Job ist es, möglichst jeden und möglichst alles mit gesundem Misstrauen zu betrachten und niemandem blind zu glauben. Ihr Job besteht darin, hinter all dem Wust an PR-Getrommel die relevanten Tatsachen zu entdecken. Schon hier gibt es genügend Möglichkeiten, sich um Definitionen zu streiten. Ist es schon eine Tatsache und eine Meldung, wenn irgendein Politiker irgendeinen Satz blubbert? Bei der ARD gibt es sicher eher „Blubbermeldungen“ als in den Nachrichtenspalten einer Zeitung.

Weniger Streit dürfte es darum geben, dass deftige Enthüllungen unbedingt als Journalismus gelten. Eines der tollsten Beispiele dafür ist seit vielen Jahren das Buch „Die Getriebenen“ von Welt-Reporter Robin Alexander. Darin deckt er reihenweise peinliche Interna aus dem Bundeskanzleramt und seiner Umgebung auf und schreibt die Geschichte einer Regierung, die im September 2015 angesichts der Flüchtlingskrise die Kontrolle über die Politik verliert. Konstruktive Lösungsansätze? Pustekuchen! Ist auch nicht sein Job. Sein Job ist es, zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger. Den Regierungsjob haben andere. Man darf sie kritisieren, ohne deshalb mitregieren zu müssen.

„Man darf kritisieren, ohne deshalb mitregieren zu müssen.“

Eines der tatsächlichen Motive hinter dem „konstruktivem Journalismus“ dürfte Faulheit sein. Grundsätzlich behandeln die „konstruktiven“ Geschichten nämlich allgemein bekannten Stoff ohne jeglichen Neuigkeitsgehalt. Die Recherche besteht vielleicht in etwas Googeln, aber das war’s auch schon. Die „Lösungen“ ergeben sich dann, indem auf einem Bleistift gekaut und irgendwas hingeschrieben wird, was sich gut liest. Oder, indem auch mal ein „Experte“ zitiert wird. Jedenfalls ist es doch immer wieder erstaunlich, wie solche „Journalisten“ es schaffen, komplexe Probleme einfach mal so zu lösen, was ausgefuchste Organisationen partout nicht hinbekommen.

Pressefreiheit durch Presse in Gefahr
Steuersubventionen für Auflagen-schwächelnde Presse? Staatszertifikate für "Qualitätsmedien"?
Das andere Motiv hinter „konstruktivem Journalismus“ dürfte Eitelkeit sein. Gewisse Journalisten finden es für ihr Ego einfach unbefriedigend, nur aufzuschreiben, was andere Leute tun. Sie wollen gern auch selber mitreden. Sie sitzen so dicht an den Tischen der Macht, dass sie es unerträglich finden, da nicht mitbedient zu werden. Es sind genau diejenigen Kollegen, die schon in ihren normalen Artikeln oder Funk- und Fernsehbeiträgen zu viel klugscheißen und zu wenig informieren. Ihr Publikum ist ihnen weniger wichtig als das erhabene Gefühl, über dem Publikum zu stehen und näher bei den Protagonisten zu sein.

Dummerweise merkt das Publikum so etwas. Es ist nicht so beschränkt, wie vor allem diese Gruppe von Journalisten es gerne hätte. Ich glaube, dass hier der wirkliche Grund für das weithin angeknackste Image der Medien liegt. Ich weiß, dass das niemand gerne hört und dass es bequemer wäre, wenn es Wutbürger, AfD, Pegida etc. wären. Nur ist es hier wie bei fast allem: Wenn man in Schwierigkeiten steckt, dann ist man meist selber schuld und sollte darum bei sich anfangen, wenn man „konstruktiv“ sein will. Bzw.: Konstruktiv, ohne Anführungsstrichelchen.


Dieser Text ist zuerst hier und hier erschienen.


Christoph Lemmer ist Journalist und schreibt u.a. für den Tagesspiegel, die Berliner Morgenpost und die Welt. Seit 2014 berichtet er für die dpa vom Münchner NSU-Prozess.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 52 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

52 Kommentare auf "Konstruktiver Journalismus – Die Selbsttötung der Informationsmedien"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn in den öffentlich-rechtlichen Medien z. B. ungeniert von „Kreml-nahen Medien“ gesprochen wird. Diese Journalisten kämen nie auf die Idee, sich selbst als staatsnah oder regierungsnah zu bezeichnen.

Sie halten sich voller Überzeugung für die besseren Menschen.

Sind Bessermenschen Gutmenschen, oder nur „Fastgutmenschen“ weil ja nur (etwas) besser als normale Menschen.

Ein guter Beitrag. Ich würde empfehlen, dass viele, die darin angesprochen werden, ihn lesen. Viel Einsicht erwarte ich aber nicht, denn Geld und Ideologie spielen eine starke Rolle.

Seit vielen Jahren verkommt die einst geachtete Journalie zu schlechten PR-Blaettern. Miserable Oeffentlichkeitsarbeit noch danzu. Kostenlos ins Haus geflatterte Anzeigenblaettchen haben ihnen den Rang abgelaufen. Schade fuer’s Papier.

Das Buch „Die Getriebenen“ zeigt aber auch die Grenzen von Journalismus auf. Denn geändert hat das Buch nichts. Keiner der Verantwortlichen, der im September 2015 Rechtsbrüche beging, Verantwortung verweigerte, Feigheit im Amt zeigt, hat dafür irgendwelche Konsequenzen zu befürchten gehabt. Hätten in den 1960ern schon derartige Zusände geherrscht, wäre Strauß Verteidigungsminister gewesen und Nixon oder Brandt niemals zurückgetreten. Rechtsbruch oder Verantwortungslosigkeit haben heute keine Konsequenzen mehr. Damit verliert der Journalist aber seinen Einfluß. Und den macht er eben heute, das System richtig lesend, im System, als Teil von ihm, und nicht mehr außerhalb, geltend. Darum haben Anne Will und Claus… Mehr
Höchst beachtlich, Herr Hellerberger. Mal wieder… Ihr Kommentar als Teil des Artikels hätte diesen aufgewertet, von sehr gut zu exzellent. Dass Sie über die Ingredienzien Tiefe, Analysekraft und Kommunikationsfähigkeit verfügen, selbst regelmässig TE-Artikel schreiben zu können, das wissen Sie, haben sich anscheinend aber dagegen entschieden… Fair genug… Zur von Ihnen aufgeworfenen Frage, WARUM die so treffsicher beschriebenen Verschiebungen mit der Konsequenz „Rechtsbruch oder Verantwortungslosigkeit haben heute keine Konsequenzen mehr“ stattgefunden haben, bin ich zunächst ziemlich ratlos. Strauss und Entourage dürften ja kein Stück „anständiger“ gewesen sein als Merkel und Entourage. In erster Oberflächlichkeit komme ich nur zur Schlussfolgerung, dass in… Mehr

Gnadenlos guter und ehrlicher Kommentar, BRAVO!!!

Mutig, H. Lemmer.

Schreiben Sie doch öfter mal auf TE.

Wenn wir ehrlich sind: es passiert doch nichts von Interesse in Deutschland, außer daß ADM täglich Karoffelsuppe zubereitet. Konsequneterweise würde ich bei allen abgebildeten Tageszeitungen nur ein Bild von ADM auf Seite 1 bringen und den Text weglassen. Alle Zeitungen kann man dann ein Jahr im Voraus drucken und dann haben die Journalisten lange Urlaub. Erst mal ein Jahr Sabbatical sozusagen und dann sehen wir weiter!

„Gewisse Journalisten finden es für ihr Ego einfach unbefriedigend, nur aufzuschreiben, was andere Leute tun. Sie wollen gern auch selber mitreden. Sie sitzen so dicht an den Tischen der Macht, dass sie es unerträglich finden, da nicht mitbedient zu werden.“

Genau das ist auch mein in fünfzehn Jahren aktiver Kommunalpolitik gewonnener Eindruck im Umgang mit der Regionalpresse.

Na, auf dieses bildschöne Kanzlerinnengesicht mit den Hängebäckchen auf den Titelseiten will doch wohl ernsthaft keiner in diesem Forum verzichten wollen. Oder? In der Tat, auch ich bin es mehr als leid, diese total unattraktive Unperson auf jeder Zeitung und dem Titelbild vieler politischer Gazetten ansehen zu müssen. Doch Geduld, wenn ihr Stern weiter sinkt – und die Springer-Presse macht ja schon mal einen Anfang – wird sie uns in Zukunft wohl als Glamourgirl auf den Titelseiten erspart bleiben. Ich denke, dass der jüngste Skandal, die Ermordung der vierzehnjährigen Susanna, sie stark beschädigen wird. Denn dass ihre irre Asylpolitik an… Mehr

Typisch Frau: Immer nur Äußerlichkeiten, Gruß @UtaBuhr.

Schlimmer noch sind Journalisten mit Mission. Der Übergang vom „konstruktiven Journalismus“ dahin ist fließend. Als Bewohner der ehemaligen „DDR“ sind für mich beides Formen von Propaganda. „Zeit“, „Spiegel“, „Süddeutsche“, teilweise „Welt“ und „FAZ“ sind auf guten Wegen, journalistische Standards zugunsten von propagandistischer Beeinflussung und Bevormundung aufzugeben. Wobei es natürlich stimmt, was der Autor schreibt: Der Leser durchschaut das Spiel und wendet sich ab. Die Krise der Medien ist hausgemacht.

Vollkommen richtig. Als ich vor dem Mauerfall in die Zivilisation kam, habe ich die FAZ geliebt. Ich fiberte jedem Wochenende entgegen, um die Wochenendausgabe, damals noch mit „Bilder & Zeiten“ [Beilage] zu lesen. Heute kann man darin Fisch einwickeln.

Heute kann man darin Fisch einwickeln.
zwischen 2014 und 2018 war die FAZ nicht einmal dafür geeignet. Dafür hat FAZ.NET fleissig fast jeden Merkel-kritischen Kommentar gelöscht. Man konnte die Überzeugung gewinnen, die erhielte Geld aus dem Kanzleramt…. Die Lektüre von Ulfkotte’s „Gekaufte Journalisten“ war nicht gerade dazu geeignet, diesen Verdacht zu entkräften.