Ja zum zwanglosen Meister

Die Wiedereinführung des Meisterzwangs für alle Handwerksberufe wird derzeit diskutiert. Sie würde allerdings kein Problem lösen.

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Im Jahr 2004 wurde unter der damaligen Bundesregierung der Meisterzwang in ca. 50 Handwerksberufen abgeschafft. Die Gesetzesanlagen unterteilen Gewerke in A- und B-Gewerke. In ersteren gilt weiterhin der Meisterzwang, während er in letzteren aufgehoben wurde. Vor kurzem hat der Bundesrat beschlossen, die Bundesregierung zur Wiedereinführung des Meisterzwangs im gesamten Handwerk aufzufordern.

Der Entwurf wird neben den Bundesländern auch von Teilen des Wirtschaftsflügels der CDU wie auch von der AfD unterstützt. Begründet wird die Initiative vor allem mit einer verminderten Qualität der Handwerkerleistungen, aber auch mit einer reduzierten Zahl von Auszubildenden. Insbesondere der letzte Punkt wird dabei gerne als Gegenmaßnahme gegen den sich abzeichnenden Fachkräftemangel dargestellt. Als weiterer Punkt wird oft ins Feld geführt, dass der verschärfte Wettbewerb zu einem Lohndumping durch viele Ein-Mann-Betriebe geführt hat.

Die Frage ist nun, ob die Wiedereinführung des Meisterzwangs diesen Problemen entgegenwirken kann. Betrachten wir zunächst das Problem der abnehmenden Qualität der Handwerksdienstleistungen. Es trifft zu, dass sich die Zahl der Unternehmen im Bereich der nicht zulassungsbeschränkten Handwerksberufe im Vergleich zu 2004 mehr als verdoppelt hat. Bei vielen dieser Betriebe handelt es sich sicherlich auch um Solo-Selbständige, die teilweise aus den Ländern der damaligen Osterweiterung der EU stammen. Dass bei einer derartigen Ausweitung des Angebots nicht alle Anbieter den gleichen Qualitätsstandard erfüllen, überrascht nun nicht wirklich, sondern war zu erwarten. Und tatsächlich hat es in den ersten Jahren nach Liberalisierung des Handwerksmarktes vermehrt Klagen gegeben.

„Die Produktivität im Handwerk steigt seit Jahren kontinuierlich, wenn auch nicht sehr stark an.“

Die Zahl ist aber z.B. im Baugewerbe mittlerweile auf das Niveau der Ära vor 2004 gefallen, wie die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen hin selbst zugibt. Offenbar hat hier der Marktmechanismus gegriffen und die unseriösen Anbieter weitestgehend beseitigt. Natürlich bleiben Qualitätsunterschiede bestehen, aber das ist nicht prinzipiell schlecht. Vielmehr ermöglichen sie eine klarere Preis-Leistungs-Differenzierung. So kann der Konsument jetzt gezielter wählen, ob er eine Meisterstunde oder eine Gesellenstunde bezahlen möchte. Handwerksleistungen werden so für viele Menschen günstiger bzw. überhaupt erst bezahlbar. Gleichzeitig hat die Tatsache, dass sich jetzt mehr Menschen einen Handwerker leisten können, auch noch den positiven Effekt, dass damit die in diesem Bereich weit verbreitete Schattenwirtschaft zurückgedrängt wird. Denn wenn der Preis einer legalen Dienstleistung sich wenig von dem für die illegale unterscheidet, wird auch die Nutzung von letzterer zurückgehen. Das Argument der nachlassenden Qualität ist demzufolge nicht sehr stichhaltig. Qualitätsunterschiede wird es immer geben und jeder Handwerker hat weiterhin die Möglichkeit, einen Meisterabschluss zu erwerben und so die besondere Qualität seiner Dienstleistung zu betonen. Er muss sich dann eben auch dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb stellen, um für seine zusätzliche Qualifikation den entsprechenden Preis zu erzielen.

Kommen wir nun zum Vorwurf des Lohndumpings. Wie bereits erwähnt, sind in der Tat einige der neu gegründeten „Betriebe“ lediglich Solo-Selbstständige. Es ist natürlich richtig, dass Unternehmer, die nur sich selbst „bezahlen“ müssen, weniger Fixkosten als Unternehmen mit mehreren Angestellten haben und daher ihre Arbeitskraft günstiger anbieten können. Die Argumentation, dass dies zu einem Lohndumping führt, setzt dabei implizit die These voraus, dass Auftraggeber Handwerker einzig und allein nach der Höhe des Stundenlohns auswählen. Das steht aber gar nicht per se fest. Mehrpersonenbetriebe haben nämlich für den Kunden auch Vorteile gegenüber Einzelunternehmern. So können diese mehr Kapital einsetzen und damit z.B. bessere Werkzeuge anschaffen, welche die Produktivität der Angestellten erhöhen. Damit kann die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit und möglicherweise besserer Qualität erledigt werden als durch den Einzelunternehmer. Durch diesen Produktivitätsvorteil fällt auch der Preisunterschied deutlich geringer aus, als es auf den ersten Blick scheint. Zusätzlich können sich in einem Mehrpersonenbetrieb einzelne Mitarbeiter auch besser auf Teilaspekte ihres Handwerks konzentrieren und so zu Experten werden. Diese Experten erbringen ihre Dienstleistungen ebenfalls produktiver, also in kürzerer Zeit und mit höherer Qualität. Für diese Mehrleistung kann der Unternehmer dann auch einen höheren Preis am Markt erzielen.

Dass derartige Effekte auftreten, lässt sich an zwei Zahlen ablesen. So steigt die Produktivität seit Jahren kontinuierlich, wenn auch nicht sehr stark an. Betrachtet man außerdem die Entwicklung des Bruttolohns im Handwerk, so zeigt sich, dass dieser seit 2007 um ca. 20 Prozent gewachsen ist. Die Steigerungsrate liegt damit auf dem Niveau der Industrie. Die Abschaffung des Meisterzwangs hat also wenig Einfluss auf das Lohnniveau gehabt, dafür aber Betrieben die Möglichkeit eröffnet, sich mittels ihrer besonderen Leistungen deutlicher von ihren Mitbewerbern abzuheben.

„Das eigentliche Problem besteht darin, dass nur ca. 40 Prozent der ausgebildeten Gesellen auch im Handwerk verbleiben.“

Der dritte häufig genannte Punkt für die Wiedereinführung des Meisterzwangs ist die sinkende Anzahl an Lehrlingen. Fakt ist, dass zur Ausbildung von Lehrlingen weiterhin ein Meister im Betrieb sein muss, und richtig ist auch, dass die Zahl der Lehrlinge im Handwerk seit Jahren deutlich sinkt. Daraus aber zu schließen, dass wieder mehr Meister (die es nicht unbedingt geben wird) wieder zu mehr Lehrlingen führen, griffe zu kurz. Zumal das Problem an ganz anderen Stellen liegt. Zum einen gibt es schon seit längerem einen Trend hin zur Akademisierung. Der Mehrheit eines Absolventenjahrgangs nimmt heute ein Studium auf und entscheidet sich gegen eine Lehre. Auch wenn sich Handwerkerlehrlinge überwiegend aus Absolventen mit einfachem oder mittlerem Schulabschluss rekrutieren, so geht dieser gesellschaftliche Trend auch am Handwerk nicht vorbei.

Darüber hinaus hat das Handwerk über die Jahre eher zu viel als zu wenig ausgebildet. Im Handwerk arbeiten ca. 12,4 Prozent aller Beschäftigten. Gleichzeitig stellen die Lehrlinge des Handwerks aber 27,6 Prozent aller Azubis. Das eigentliche Problem besteht nun darin, dass nur ca. 40 Prozent der ausgebildeten Gesellen auch im Handwerk verbleiben. Der Rest wechselt in die Industrie oder ins Dienstleistungsgewerbe. Der Hauptgrund dafür dürfte wahrscheinlich das um ca. 1.000 Euro höhere Gehalt sein. Die Handwerksbetriebe sollten sich also eher darüber Gedanken machen, wie sie für die Gesellen (und auch die Meister) als Arbeitgeber attraktiv bleiben, um solche Wechsel zu verhindern. Das Problem besteht also nicht zwangsläufig darin, dass es zu wenig Lehrlinge gibt, sondern auch darin, dass zu wenige Handwerker in ihrem angestammten Bereich arbeiten. Die Öffnung des Marktes mit der daraus folgenden Gründerwelle hat diese Problematik allerdings eher entschärft als verschärft, da dadurch die individuellen Verdienstmöglichkeiten gestiegen sind.

Insgesamt zeigt sich, dass die Hauptargumente für die Wiedereinführung des Meisterzwangs eher schwach sind. Es wäre vielmehr zu wünschen, dass weitere Berufe von diesem befreit werden. So kann für die Zukunft sichergestellt werden, dass es weiterhin genug Handwerker gibt und diese auch für „jedermann“ bezahlbar bleiben.


Jörg Michael Neubert ist Verhaltenswissenschaftler und lebt in Pforzheim. Er publiziert bei Novo mit Schwerpunkt auf Bildungsthemen.

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Kommentare ( 53 )

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Es gibt keinen Fachkräftemangel, es gibt nur zu geringe Entlohnung.

Wie bekomme ich qualifiziertes Personal für Handwerksbetriebe? Ganz einfach: Nur noch 15% eines Jahrgangs an die Uni lassen, nicht über 50%. Denn wenn die schlauere Hälfte eines Jahrgangs auf die Uni geht, dann bleibt für die Handwerke nur noch die Gruppe mit einem IQ unter 100. Das geht aber nicht. Man braucht auch im Handwerk schlaue Leute. Der Mangel der Qualität hat ganz maßgeblich damit zu tun, dass früher auch sehr intelligente Leute Handwerker waren. Und was machen die Leute, die zu dumm für Maschinenbau, aber gerade schlau genug fürs Abi sind? Soziologie, Politologie, Theologie, Literaturwissenschaft, Tanztherapie, Theaterpädagogik, Kulturwissenschaften, etc.pp.… Mehr

Hartzen tun die nicht alle. Der Staat alimentiert das alles fleissig. Man schaue sich nur die zahlreichen Pseudo-NGOs, vereine u.ä. an, die werden üppig gemästet damit die o.g. unterkommen. Einsparpotential vermutlich ein 2-stelliger Milliardenbetrag.

Genau das sind die Zusammenhänge! Auch schön erkannt mit dem Hass auf die Gesellschaft die ihnen den Müßiggang finanziert…

Eine 20% Bruttolohnsteigerung seit 2007 bedeutet eine jährliche Steigerung von ca. 1,5%. das ist unter Industrieniveau.

Die Freiheitliche Grundordnung schließt Beschränkungen bzgl. der Tätigkeiten weitestgehend aus; es gilt die Handels- und Gewerbefreiheit. Nur bei sicherheitsrelevanten Berufen (Gasinstallation etc.) darf es den Zwang geben, eine entsprechende Ausbildung nachzuweisen. Zulässig wäre auch die freiwillige Verwendung eines Kenntnisinformationsschemas, welches von staatlicher Seite mitbetrieben / mitkonzipiert wäre, etwa in der Art, dass Person X diese und jene Fachkenntnisse in einer Prüfung nachgewiesen haben. Ein solches Register könnte öffentlich einsehbar sein. Das Problem, dass alteingesessene Betriebe immer wieder durch Neulinge, die nicht rechnen können, unter Druck gesetzt werden, kann auch recht einfach gelöst werden, indem das Finanzamt in Kombination mit den… Mehr

Meisterzwang – find‘ ich gut. Schau dir an wie das im Ausland laeuft. Beispiel USA:
Allein der Wille etwas zu tun befaehig dich dazu – hoert sich klasse an bis dann einer meint er ist Elektriker. Viel Spass damit.

Egal welches Handwerk – alleine es tun zu wollen reicht nicht. Lehre, Gessellenjahre dann Meister, das macht Sinn. So viel Zeit muss sein.

Nach meiner Einschätzung liegt der Autor hier in 2 Punkten falsch. 1. Dass die Zahl der Klagen wieder zurückgegangen ist liegt daran, dass man kaum Chancen auf Erfolg hat. Das gilt selbst für die „öffentliche Hand“. Sachverständige urteilen teilweise nach „Gutdünken“ (ich will hier lieber Unkenntnis als bewusste Falschbeurteilung unterstellen). Ist man bei einen (stadtbekannten) Handwerksbetrieb gelandet, dann wird das Verfahren erst einmal hinausgezögert, dann wird eine „Nachbesserung“ angeboten und wenn diese zu umfangreich wird sitzt man das Thema einfach aus. Sollte wirklich geklagt werden, dann kann man ja immer noch Gegenargumente bringen. Am Ende vieler Jahre Rechtsstreits beantragt der… Mehr

„Wie sichert man sich dagegen wirkungsvoll ab?“: Z.B. durch ein öffentliches Register, in dem jede/r Handerwerker/in verzeichnet ist inkl. der Ausbildungen / Ausbildungsergebnisse, Beginn der Tätigkeit etc.

Ganz klar für Meisterzwang. Die Ausbildung ist das eine. Da sind einfach auch die jungen Leute selbst Schuld. Wer möchte schon noch hart arbeiten oder erträgt es wenn er sich nicht zu einem guten Ergebnis hinlabern kann. Wenn es nix geworden ist, sieht man das sofort. Das Andere ist die Qualität beurteilen zu können. Da haben die meisten privaten Auftraggeber keinen blassen Schimmer mehr. Daher wird auch bei den Preisen nicht differenziert. Sondern im Gegenteil, die meisten fühlen sich latent eh über den Tisch gezogen und gehen nur noch nach dem günstigsten Preis. Und der kann selten von einem deutschen… Mehr

Meine langjährige Erfahrungen mit Handwerker zeigen: Leider gibt nur noch wenige Handwerker (unabhängig davon, ob sie den Beruf gelernt haben und aus einem Meisterbetrieb kommen), die noch Wert auf die Qualität ihrer Arbeit legen. Nicht selten werden sogar Teile abgerechnet, die gar nicht installiert wurden. Ich habe den Eindruck, dass viele Handwerker fehlerhafte Abrechnungen produzieren mit dem Ziel, wenn´s der Kunde nicht merkt, dann ist das gut und falls er es doch merkt und sich beschwert, dann erstellen wir eben eine korrigierte Rechnung. Der ehemals gute Ruf des deutschen Handwerks ist längst ruiniert.

was Herr Neubert hier vergisst,ist der traurige Fakt,das es im Bau zwar wieder genauso viele „offizielle“ Betriebe wie vor 2004 sind,das aber jede zweite Baustelle mit Sub-Kontraktoren,und genau da mit den „Gesellenbetrieben“ aus dem europaeischen Ausland betrieben werden und der offizielle Meisterbetrieb nur die Aufsicht führt.
wie beim Staatsbürgerschaftsrecht,also der Reform 2000 durch rot-grün,war auch diese wirre „Reform“ ein Schuss in den Ofen

So ziemlich jede Reform in den letzten 20 Jahren war ein Schuss in den Ofen.

Sollte wenigstens Konjuktur fürs Büchsenmacher- und Ofensetzerhandwerk bringen.

Steht zu erwarten in naher Zukunft.

Wer einmal eine zeitlang in den USA gelebt hat, versteht genauestens, warum der Meisterzwang als (ausnahmsweise sinnvolle Verbraucherschutz) Massnahme (Sicherstellung eines minimalen Niveaus) sinnvoll ist.
Die Beauftragung eines unbekannten Handwerkers ist ungefähr wie russisches Roulette mit hohem Geldeinsatz spielen……
Die Rechtsanwälte stehen dort immer schon Gewehr bei Fuss, wenn die Ausführung der Aufträge nicht so ganz wie erwartet ablief. Aber natürlich in der DDR-2.0…. konsistent mit den Werten der EU…