Islam und Deutschland – Eine prekäre Beziehung

Wann endlich wollen wir den Islam in Deutschland säkularisieren und ihn damit gesellschaftlich integrieren? Frank Mußhoff hält Bassam Tibis Euro-Islam für wiederbelebbar.

Es wird dieser Tage viel diskutiert über den Islam, die Rolle der Frau im Islam, seltener über die Rolle des Mannes. Zuletzt war (ist) die Burka das große Thema, an dem sich viele abarbeiteten. Mal mehr, mal weniger hilfreich, manchmal absurd. Doch egal, ob Burka, Niqab oder „nur“ Tschador, Chimar oder Hidschab. Es sind alles nur Symbole, nur Symptome einer wesentlich komplexeren Thematik. Und eine Behandlung der Symptome wird niemals die Ursachen erreichen und sie thematisch wie systematisch behandeln können.

Burka-Verbot ist eine inhaltsarme Symbolik

Oberflächlich betrachtet würde sich ein Verbot des Tragens von Niqab und Burka in der Öffentlichkeit anbieten. Es wäre ein Statement, dass gewisse kulturelle Eigenarten in der hiesigen Gesellschaft ob ihrer diskriminierenden Aussage nicht erwünscht sind. Aber es wäre lediglich eine inhaltsarme Symbolik. Denn es drängt sich unweigerlich ein ganzer Strauß von Fragen auf: Wird dies den Frauen wirklich helfen? Stärkt es die Position der Frau? Sind die anderen Formen der Verschleierung nicht ebenso eine Zurschaustellung der Rolle der Frau im Islam? Kann, ja darf man hier überhaupt verallgemeinern?

Vielleicht sollten wir dazu übergehen, zu unterscheiden, welchen gesellschaftlich-kulturellen Hintergrund diese Frauen haben. Sind es einheimische Frauen, welche gar in Deutschland geboren und aufgewachsen sind? Haben sie einen muslimischen Hintergrund oder sind erst später zum Islam konvertiert? Sind sie in einem islamischen Land aufgewachsen, in dem es andere gesellschaftliche Hintergründe gibt? Gar in einem erzkonservativen Gottesstaat? Was empfindet eine Frau, der diese gesellschaftlichen Werte von Kindesbeinen an vermittelt wurden, wenn Sie in einem Land wie Deutschland die Freizügigkeit der hiesigen Gesellschaft erlebt?

Ein Verbot scheint eine so einfache Antwort auf viele offene Fragen zu sein. Ist diese Antwort nicht vielleicht doch zu trivial? Soll diese Diskussion gar vom Kernproblem ablenken?

Veränderungen in der Auslegung des Koran, seiner Interpretation im Kontext unserer Ist-Zeit

Wenn wir in Europa unsere lang und hart erkämpften Freiheiten, unsere säkulare Gesellschaft, die (weitestgehende) Gleichberechtigung der Geschlechter erhalten und unseren muslimischen Mitmenschen nahebringen wollen, müssen die Elemente des Islam reformiert werden, die in ihrer streng konservativen, nach dem (unabänderlichen Wort des) Koran ausgerichteten Auslegung eben diesen Werten widersprechen. Das wird aber nicht funktionieren, wenn wir nur an der Oberfläche kratzen und uns an, in Deutschland nur selten sichtbaren Symptomen, abarbeiten.

Wenn wir ernsthaft Veränderungen erreichen wollen, muss dies in der Auslegung des Korans, seiner Interpretation im Kontext unserer Ist-Zeit erfolgen. Dabei ist der Islam, welcher im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche kein zentrales Deutungsorgan besitzt, erheblich schwerer zu reformieren.

Eine Schlüsselposition kommt hier den Imamen zu. Die Imame sind die Autoritäten in der Weitergabe, dem Lehren – auch ihrer persönlichen Sichtweise – des Islams. Da der Islam aber mehr ist als nur eine Religion, wir reden hier über eine Ideologie, die keine Trennung von Politik, Gesellschaft und Recht kennt, hat ein Imam einen weitaus größeren Einfluss auf die Anhänger des Islams als ein Pastor oder Pfarrer in einem säkularen System. Es hängt somit in einem starken Maß vom Imam ab, wie er die Stellung des Islams in einer nicht-islamischen Gesellschaft sieht. Da geht es auch um den Respekt gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, deren Sitten und Bräuche und um gesellschaftliche Strukturen. Steht der Koran für ihn über dem Gesetz der Ungläubigen? Sieht er die Scharia als grundlegend und unverzichtbar an?

Wenn wir also darauf Einfluss nehmen wollen, wie und in welcher Form und welchem Umfang der Islam in Deutschland gepredigt wird, wie er interpretiert wird, dann müssen wir als Staat, als Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass wir die Ausbildung der Imame hier in Deutschland schnellstmöglich und umfassend in die Hand nehmen. Nur Imamen, welche in Deutschland ausgebildet werden, welche sich in vollem Umfang zum deutschen Staat und seinen rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und zum Grundgesetz bekennen, sollte diese wichtige Aufgabe übertragen werden. Durch die Verwendung der deutschen Sprache für den Religionsunterricht und die Predigten in der Moschee kann zudem die sprachliche und die kulturelle Integration insgesamt vorangetrieben werden.

Allerdings gibt es hier noch einige Probleme. Imame können nicht durch den Staat ausgebildet werden. Die Universitäten können lediglich die islamische Theologie als Studiengang anbieten. Die Ausbildung der Imame können nur die Moscheegemeinden leisten. Diese unterstehen wiederum keiner staatlichen Kontrolle. Es müssen also Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Ausbildung der Imame in einem säkularen und rechtsstaatlichen Sinne erfolgen kann. Es muss daher möglichst einvernehmlich zwischen dem Staat und den muslimischen Gemeinden ein System entwickelt werden, bei denen klare Kontrollmechanismen greifen können, was und wie gelehrt wird. Das wird notwendig sein, um das Vertrauen der nicht-muslimischen Mehrheit in diesem Land gewinnen zu können. Gerade von Seiten der muslimischen Gemeinden sollte eine maximale Transparenz im ureigensten Interesse sein, um den Islam neben den christlichen Kirchen in diesem Land in der Gesellschaft ankommen zu lassen. Es hat diesbezüglich schon Gespräche mit verschiedenen Vertretern der Muslime gegeben. Allerdings sind die Fortschritte mehr als überschaubar. Zudem ist es nicht unbedingt im Sinne aller Verbände, da es um Einfluss und Macht geht und da ist mit niemandem gut Kirschen essen.

„Der Staat kann hier nur eine Nebenrolle spielen, denn sein Aktionsradius ist schon durch das Recht der Verbände zur Auswahl ihrer Geistlichen beschränkt. Die Ditib lehnt staatliche Einmischung ab.“

Ein Dilemma, welches aber unbedingt einer Lösung bedarf, wenn wir nicht tatenlos auf immer weiter wachsende muslimische Gemeinden schauen wollen. Denn ein nicht integrierter Islam wird sich immer in einer Parallelwelt bewegen und eine Integration der meisten Muslime dürfte dann eine Utopie bleiben. Das schadet letztendlich aber der gesamten Gesellschaft.

Trennung zwischen Ideologie und Religion

Es muss klar aufgezeigt werden, wo der Islam eine Religion ist und sein kann und wann er eben diese Grenze überschreitet. Wenn wir die Akzeptanz des Islams als Religion in Deutschland merklich steigern wollen, muss glaubhaft das Gefühl vermittelt werden, dass dieser sich der Gegenwart öffnet, sich darauf konzentriert, nur eine Religion im metaphysischen Sinn in einem säkularen Staat zu sein. Zudem kann ein Imam auch den streng gläubigen Muslimen durchaus vermitteln, dass eine Verschleierung nicht vom Koran gefordert wird, dass Mädchen also keine „Todsünde“ –  Aussage einer Schülerin, welche nach den Sommerferien begann, ein Kopftuch zu tragen – begehen, wenn sie sich nicht verschleiern. Der Imam kann als respektierte, integre Person darüber aufklären, dass die Scharia nicht zu einem säkularen Staat passt, er kann helfen Kinderehen und Zwangsheiraten zu verhindern, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten erklären und vermitteln. Er kann vor allen Dingen positiv auf die Jungen und Mädchen einwirken, ihnen ein modernes Geschlechterbild und ein gesundes Verhältnis zur „Ehre“ vermitteln. Denn auch hier muss die Interpretation des Korans im Kontext der heutigen Zeit geschehen.

Wollen wir den Islam in Deutschland im hier und jetzt ernsthaft willkommen heißen, wollen wir den Nicht-Muslimen die latente Angst, die Ablehnung nehmen, den Muslimen eine echte Chance der kulturellen Integration bieten, werden wir um einen Bruch mit der bisherigen Praxis des real existierenden Islams in Deutschland nicht umhin kommen. Das bedeutet auch, dass die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Ditib neu gedacht werden müssen. Auch der Zentralrat der Muslime kann mangels vertretener Masse als Ansprechpartner vernachlässigt werden, zudem Herr Mazyek einer Reform des Islams und dadurch einer ernsthaften kulturellen Integration eher entgegenstehen dürfte.

Externe Einflüsse als Integrationshemmnis

Hintertüren für eine politische Agitation anderer Länder müssen geschlossen werden. Gerade durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde eine Integration der türkischstämmigen Mitbürger erschwert bis verhindert. Dabei hat die Türkei in der Vergangenheit für einen modernen, liberalen Islam gestanden. Die Türkei war seit Kemal Atatürk ein säkularer Staat. Sie hat den Beweis erbracht, dass der Islam eben auch nur Religion sein kann. Die jetzige Rolle rückwärts in Richtung eines totalitären, konservativen islamischen Staates wirkt sich natürlich auch auf die türkischstämmigen Mitmenschen in Deutschland aus. Der islamische Konservativismus erlebt eine Renaissance auch unter den (Deutsch)Türken in diesem Land. Gerade die jungen Menschen mit türkischem Hintergrund sahen sich schon vor Jahren gläubiger als ihre Eltern und Großeltern an. Das dürfte sich derzeit eher noch intensivieren.

Die Frau im Islam braucht Unterstützung und keine falsche Toleranz

Das rückt selbstredend die konservativen Werte des Islams mehr in den Vordergrund. Darunter fällt auch die Verschleierung der Frau, ebenso das Verständnis der Geschlechterrollen. Für die Frauen wird es ein Stück weit schwieriger, ihren eigenen Weg in dieser Gesellschaft zu gehen, da der Gruppenzwang in der Community und die „Ehre“ der eigenen Familie großes Gewicht haben. Befeuert wird das durch eine falsche Toleranz gegenüber dieser Abwertung der Frau im Islam. Erschreckend ist, dass auch die Neo-Feministinnen diesen Mädchen und Frauen in den Rücken fallen, die eigentlich Kraft und Rückhalt in unserer Gesellschaft suchen, um beispielsweise das Kopftuch oder die Zwangsverheiratung abzulehnen. Mittlerweile geht ein Riss durch die muslimische Gesellschaft, ja sogar durch die Familien selbst. Hier sitzen Mädchen und junge Frauen zwischen den Stühlen zweier konträrer Ansichten. Einerseits möchten sie so leben und sich kleiden wie die anderen nicht-muslimischen Mädchen, trauen sich aber oft nicht, ohne entsprechende Unterstützung aus dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld „auszubrechen“. Wenn dann noch in der Öffentlichkeit das tragen eines Kopftuches als „freie Entscheidung und emanzipierte Handlung einer Muslima“ dargestellt wird, ist das eher kontraproduktiv, um es ganz vorsichtig auszudrücken.

Tot gesagte leben länger

Wenn wir also den gedanklich schon zu Grabe getragenen Euro-Islam wieder ausgraben und reanimieren wollen, dann müssen wir dort ansetzen, wo wir alle Muslime gleichermaßen erreichen. In der Moschee, in der Gemeinde in der Person des Imam.

„Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi hat einst den Begriff des „Euro-Islam“ geprägt. Er glaubte lange daran, dass der Islam von diesem Kontinent aus reformiert werden könnte. 25 Jahre später sagt er: Diese Hoffnung muss ich begraben.“

Wenn wir es hier schaffen, liberale, säkular orientierte, sich dem Grundgesetz verpflichtet fühlende Imame in die Gemeinden zu bringen, haben wir die große Chance das Misstrauen, die Gegensätze, die Ablehnung, Erhöhung und Erniedrigung zu Grabe zu tragen und können vielleicht irgendwann aus tiefster Überzeugung sagen: Der (Euro-)Islam gehört zu Deutschland und dann sicherlich auch zu Europa. Wir könnten eine große Baustelle schließen, könnten dem Fundamentalismus und dem Radikalismus im hiesigen Islam, durch eine nachhaltige gesellschaftliche und kulturelle Integration der Muslime, den Nährboden entziehen, da Menschen, die die gleichen Werte miteinander teilen und verstanden haben, dass Religion eine private Angelegenheit ist und eben nicht für Ab- und Ausgrenzung stehen darf, dem Extremismus nicht so leicht verfallen werden.

Abschließend möchte ich unserer Bundesregierung eines auf ihre Agenda schreiben: Reden hilft, aber handeln ist besser!

Frank Mußhoff nennt sich ein Kind des Ruhrgebiets, ist selbständiger Unternehmer und Geschäftsführer im IT-Bereich, ehrenamtlich in der Kommunalpolitik tätig. Die Freude am Konsum geschriebener Worte in Form von Büchern und journalistischen Produkten hat ihn inspiriert, selbst mit dem Schreiben zu beginnen.

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