Air Berlin – Ja die Berliner Luft …

Bei Air Berlin ist guter Rat genauso teuer wie anderswo. Die Tumulte rund um die Zukunft des angeschlagenen Flugunternehmens zwischen arabischem Großaktionär und deutschem Luftverkehrsmarkt treiben dem Gipfel zu.

© Odd Andersen/AFP/Getty Images

Air Berlin hat nun statt Gepäck seinen Geist aufgegeben. Das war ja zu erwarten – wenn man fliegt ohne Aufwind, dann passiert das eben. Die eigentliche Katastrophe aber haben die Emire vom Golf zu verzeichnen: Ihre Fluglinie Etihad ist überall da beteiligt, wo es weh tut, bei Alitalia zum Beispiel.

Die Araber also hatten ein Händchen fürs Scheitern. Bei Air Berlin lag die Katastrophe schon länger auf der Hand – erinnern wir uns:

Bei Air Berlin ist guter Rat genauso teuer wie anderswo auch. Nur dass man an der Basis in Berlin-Tegel kein Geld hat. Die Tumulte rund um die Zukunft des angeschlagenen Flugunternehmens zwischen arabischem Großaktionär und deutschem Luftverkehrsmarkt treiben dem Gipfel zu. Bei der Lufthansa könnte man landen – aber nicht mit einem Schuldenpaket. Nach der Insolvenz wäre das natürlich eine Option. Aber: Wenn ein Flieger in der Luft hängt, kann es sich um eine ganz normale Warteschleife handeln – wenn es aber um Geld geht dabei, ist das die Vorstufe zum Absturz. Air Berlin blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und hat wahrlich Tiefen ausgelotet – aber immer waren querköpfige Manager am Ende die Retter aus dem Schlamassel, das sie selbst angerichtet hatten. Nur der letzte, den bissen die Hunde: Es regierte Ex-Lufthanseat Thomas Winkelmann, der im Februar den ebenfalls bei der Lufthansa sozialisierten Stefan Pichler abgelöst hatte. Der wiederum hatte zwischenzeitlich Erfolge bei der exotischen Airline Fiji errungen – nicht exotisch genug aber offenbar, um auch bei Air Berlin das Ruder herumzureißen. Winkelmann wiederum ist studierter Althistoriker, beherrscht Latein und sicher Fliegerlatein, was ihm den Blick über lange Zeiträume ermöglichen sollte und die Erkenntnis, dass Reiche kommen und vergehen. Die Luftfahrtgeschichte ist bekanntlich seit Ikarus und Dädalus reich an Ups und Downs, da bildet Air Berlin in ihrer kurzen Lebensspanne keine Ausnahme.

Auslöser des aktuellen Durcheinanders und der nun folgenden Zahlunsunfähigkeit ist der plötzliche Gesprächsabbruch von Großaktionär Etihad Airways mit dem Reisekonzern TUI. Etihad war noch Ende 2016 fest entschlossen, die österreichische Air-Berlin-Tochter Niki mit dem Urlaubsflieger Tuifly zusammenzubringen. Air Berlin wiederum hatte den Charterflieger Niki, ehedem Kind des Rennfahrers Niki Lauda, in mehreren Schritten gekauft und kürzlich die Hälfte an ihren Anteilseigner Etihad abgegeben, um finanziell etwas weniger klamm dazustehen. Nach dem Gesprächsabbruch durch Etihad wird Tuifly wohl seinen Weg machen – ob das für Air Berlin gilt, ist erst einmal Denkstoff für ratlose Strategen. Einstweilen business as usual, was nicht nur beruhigend ist. In einer Pressemitteilung hieß es vor kurzem unnachahmlich: „Niki…fliegt weiter verlässlich zu den Warmwasserdestinationen…“ – man hofft dann doch, dass da niemand zu heiß gebadet hat. Etihad selbst hat mit seinen europäischen Beteiligungen jüngst schon bei Alitalia merkwürdige Dinge erlebt – in Abu Dhabi dürfte man sich fragen, was da in Europa eigentlich los ist. Der Mann an der Spitze, gerade abgesetzt, James Hogan, war Australier und von daher auch nicht auskunftsfähig,

Hierzulande hält sich schon seit längerem die Lufthansa bereit, Air Berlin unter ihre Schwingen zu nehmen – nicht aber deren Schulden, wenn’s geht. Die soll 29-Prozent-Eigner Etihad seinem Schützling bitte zuvor ausgleichen. Schließlich hat die Golf-Airline schon früher zugesichert, bis Ende 2018 für alles geradezustehen, und vor diesem Hintergrund wäre eine förmlich Pleite von Air Berlin wohl das teuerste Szenario. Die Insolvenz darf man also als Schuss über den Bug verstehen. Billig wird also rein gar nichts bei dieser Geschichte. Die Berliner weisen momentan ein negatives Eigenkapital von über 100 Prozent auf, was in Zahlen bedeutet: In den letzten sieben Jahren schaffte man sich unter Verbrennung von knapp zwei Milliarden Euro in eine Region, aus der es normalerweise keine Errettung mehr gibt.

Das wäre der Tatbestand der Insolvenzverschleppung, gäbe es eben nicht die Etihad-Zusicherung. Nichtsdestotrotz wäre ein staatlicher Bürge willkommen – wie das rechtlich und politisch gehen soll, ist eher nebulös. Die Konkurrenten dürften geradewegs in die Luft gehen, und das wäre noch das Geringfügigste. Die Frage ist nun noch, ob Lufthansa rechtzeitig zugreift und kartellrechtlich einen Freiflugschein bekommt, ehe der Ruf völlig ruiniert ist, denn der ist nur mit noch mehr Geld wieder aufzupolieren. Derzeit ist Air Berlin bekannt für Flugausfälle, schleppenden bis nicht vorhandenen Service, merkwürdige Zustände am Boden in Tegel sowie nun auch empörten Gewerkschaften, die wissen wollen, wo es lang geht. Das Verhältnis zu den eigenen Arbeitnehmern ist traditionell nicht von Zuneigung geprägt, wie man hört – nun wäre die Zeit etwas knapp, das zu ändern. Und das Fazit? Die Berliner haben seit 1978 alle Pirouetten und Loopings vollführt, die im Flugwesen denkbar sind. Mancher dürfte sich schon mal gewünscht haben, Air Berlin wäre nur eine Übungsfirma.

Reinhard Schlieker ist Redakteur und Moderator im Börsenstudio des ZDF.

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Kommentare ( 12 )

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Herr Schlieker, mich würde dringend interessieren wie es überhaupt zu der Pleite kam. AB hat mehr als 2 Milliarden Euro verbrannt, wo andere Gewinne gemacht haben.

Jepp. Sie geben die richtige Antwort auf den launigen Kommentar des Autors zum aktuellen Geschehen. Warum geht eigentlich ein Unternehmen wie Air Berlin in Konkurs? Eine plausible Erklärung dafür wäre eines Artikels wert gewesen. Schlecker hatte schlapp gemacht, weil seine standardisierten Tante-Emma-Läden von der Kundschaft als nicht mehr zeitgemäß erachtet wurden. Und wo hat nun Air Berlin nicht mehr die Erwartungen und Bedürfnisse seiner Passagiere erfüllt?

Berlin – arm, aber sexy. Air Berlin – viel heiße Luft. Und der BER ist der erste Flughafen, der wohl schon vom Denkmalschutz subventioniert werden muss, bevor er eröffnet. Dem schon seine Witze über ihn ausgehen, bevor er überhaupt in Betrieb geht. Passt irgendwie alles zusammen. Sozialismus in vollem Lauf…

Was steckt denn hinter den Investitionen dieser arabischen Geldgeber?

Mir fällt gehäuft eine größere Beteiligung dieser Scheichs aus den Ölländern in diversen Firmen auf, die in negativen Schlagzeilen verstrickt sind. Das gab es zu Zeiten der ehrbaren Kaufleuten nicht so gehäuft. Heute macht sich mancher mit großen Abfindungen vom Acker, nachdem er den Karren in den Dreck fuhr, kriminelles Verhalten inklusive.

Die Präamel der IHKn die diesen Firmen ebenso unterworfen sind, ist wohl in Vergessenheit geraten.

Und sicher ein nicht unwichtiger Grund für den Berliner Flugschlamassel ist der neue BER, der auch nicht abhebt. Air Berlin hoffte schon seit Jahren darauf, am neuen BER sein Heimspiel austragen zu können, vergebens. Die rote, sexy Pleite-Stadt hat mit ihrer planerischen Unfähigkeit die Pleite der zweitgrößten Deutschen Fluggesellschaft mitverursacht, gerade der, die den Namen der Stadt in ihrer Firma führte. Das nächste Debakel für Schulz, der den Wählern nichts anderes versprechen kann, als daß es überall in Deutschland so würde, wie es in Berlin bereits ist, wenn er statt Merkel ein Rotrotgrüner Kanzler würde. Gottseidank für Deutschland ist diese… Mehr

Mit Verlaub ein ausgesprochen schlechter Abriß zum Thema. Daß AB tot ist weiß man seit Jahren. Es gäbe aber viele Hintergründe zur Ordnung am Luftfahrtmarkt zu erzählen. Die Aktivitäten der sozial-darwinistischen Billigflieger, die Konkurrenz und Liebschaft des Hanseaten mit der Arabischen Schönheit, das Profil der Araber im Allgemeinen, das Verhältnis zur französischen Gesellschaft, das Schachern um Slots, Ausgliederungen, Joint Ventures uvam. Da ist so richtig Musik drin.

Und von alledem nichts. Eine Qualität, die man von ZDF gewohnt ist.

Der Artikel entspricht nicht dem Niveau, das wir hier bei T.E. gewöhnt sind. Mehr oder weniger gelungene Vergleiche aus der Fliegersprache und anderen Daseinsbereichen sollen wohl geistreich daherkommen aber sind eher nichtssagend. Über die Hintergründe nebst Historie wie es schliesslich zur Insolvenz kam, erfährt man nichts.
By the way, nicht hier im Artikel, aber in anderen Medien wird der 150 Mio. Staatskredit kritisiert. Das ist doch wenig gemessen an dem, was, für Viele unwiederbringlich, nach Griechenland verschoben wurde.

Nö, ich empfinde die von Merkel vor zwei Tagen (ich weiß kaum noch wofür, sie wirft das Geld so schnell heraus, dass man nicht mehr mitkommt) angesagten 50 Mio. + 150 Mio. = 200 Mio. Steuergeld als nicht wenig, vor allem die 150 Mio. nicht, aus angeblicher Sorge um die Urlauber? Dafür gibt es Sicherungsscheine bei Buchung. Wahrscheinlich wird das Geld als Abfindung bei den Managern landen.

Also nichts liegt mir ferner, als die Raute zu verteidigen, aber es geht hier sicher um viele zigtausend Urlauber, die plötzlich festsäßen. Auf dem Sicherungsschein können Sie schlecht nachhause fliegen, denn das Problem wären die fehlenden Flugkapazitäten, sofern die Jets von Air Berlin insolvenzbedingt am Boden bleiben müßten. Insofern kann ich die Entscheidung zu diesem Kredit generell nachvollziehen. Spannend wäre es jedoch zu wissen, ob diese Insolvenz zum jetzigen Zeitpunkt nicht doch Teil eines Plans ist, der zur schuldenfreien Übernahme der Filetstücke von AB durch Lufthansa führen soll. Damit wäre der Wettbewerb ad absurdum geführt und obwohl ich kein Freund… Mehr
„Ein negatives Eigenkapital von über 100%“ – welches ist hier bitte schön die Bezugsgröße??? Die Bilanzsumme kann es ja wohl kaum sein. Vermutlich ist gemeint, dass der „nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag“ höher als es das Stammkapital, richtig? Wie dem auch sei. Erstaunlich finde ich, wie schnell hier Mittel seitens der KfW bereit gestellt werden und das, obwohl Etihad sehr deutlich bescheinigt, eine positive Fortführungsprognose bestehe NICHT! Bei kleinen Firmen machte die KfW stets wegen weit geringfügigerer Förder-Zuschüsse (max 1,6 TEuro) speziell für Unternehmen in Schwierigkeiten großes Aufheben, dass eine positive Fortführungsprognose bestehen MUSS, obwohl die Grundlage der Bezuschussung eigentlich… Mehr

Es stehen Wahlen an, dass lässt sich Mutti und Co. einiges kosten.

Borgwart, Quelle, Neckermann, Schlecker und nun eben Air Berlin. Ein Unternehmen mehr, dass (auch) wegen großmäulig-unfähiges Managements (z. B. Mehdorn) nicht am Markt bestanden hat. Die Slots werden schon Abnehmer finden, die Maschinen sind geleast. Der Ruf ist völlig ruiniert. Da gibt es nichts „zu übernehmen“. Außer Madame macht vor der Wahl noch ein kleines Steuergeschenk.