Journalismus im Selfie-Format

Im deutschen Medienbetrieb gibt es eine auffällige Tendenz zu mehr Subjektivität, Nähe und Emotionalität. Ob sich diese neue Form des Journalismus auf die Neutralität der Berichterstattung auswirkt?

Screenshots: ProSieben/Follow us

„Das ist so schön was du sagst“, erklärt mir der Reporter mit einer Krawatte über dem T-Shirt und einem Zitroneneis in der Hand, „wenn du mit mir darüber sprichst, ist es so, als würde ein Bisschen deiner unfassbaren Energie auf mich überspringen.“

In einer TV-Reportage über das bekannt gewordene Model mit Bart Harnaam Kaur erfahre ich viel über die Befindlichkeiten und Weltsichtereien des Reporters Baris Öztürk, über das Leben, die Gedanken und Hintergründe Kaurs allerdings wenig.

Der „Tech-Junkie Öztürk“ (Pro7) ist also „fasziniert von Harnaams Entschlossenheit“ und sogar eine Lebensweisheit hat er für den geneigten Zuschauer parat: „Individualität – das ist das was unsere Welt braucht!“, sagt er siegessicher in die wacklige Kamera, während er sich selbst dabei filmt, wie er einen Drehort verlässt.

Aha. Das ist es also: Das neue „Reportermagazin follow us“ aus dem Hause Pro7, das „eine völlig neue Form des Storytellings“ etablieren will. „Schnell, unmittelbar und authentisch“ soll es sein und die „Selfie-Optik“ in den Journalismus einführen. Die Reporter halten die Kamera selbst, plaudern die Gedanken, die ihnen während der Reportage so durch den Kopf schießen, mal eben ins Mikrofon und wenn einmal nicht geredet wird, sieht man sie beim Selfie-Machen mit ihren Interviewpartnern.

Der Journalist als Story

Alles schön persönlich, möglichst nah am Geschehen dran und absolut subjektiv. Der Journalist wird zum Teil der Story (manchmal sogar zum Hauptteil), die Recherche zum Erlebnis. Objektivierung und Versachlichung sind Fremdwörter in der kunterbunten Welt des Selfie-Journalismus. Deswegen ist es auch nur folgerichtig, dass sich die Reporter und ihre Interviewpartner fröhlich duzen – als gäbe es keine Neutralitätsbedenken.

Man könnte die neuen Pro7-Formate, die seit ein paar Wochen fest zum neuen Konzept des Senders gehören, als Irrwege des Unterhaltungsjournalismus abtun, stünden sie nicht für eine Grundtendenz im gegenwärtigen Medienbetrieb. Der berichtende Journalist gerät immer öfter vom Idealbild des neutralen Beobachters ab und wird zum Protagonisten einer Story-Show erklärt, die mehr PR ist als breite Recherche.

„Sagen, was ist“ dieser Satz Rudolf Augsteins gerät in Vergessenheit, stattdessen gilt es zu sagen, was man sieht, denkt, fühlt. In den Debatten der letzten Jahre wurde für dieses Phänomen der Begriff „Selfie-Journalismus“ eingeführt. Eine Art der publizistischen Selbststilisierung, der Zur-Schau-Stellung des Ichs.

Selfie-Journalismus

„Journalisten produzieren Selfies, ihre Gegenstände werden zu Kulissen, ihre Protagonisten zu Komparsen mehr oder minder geglückter Selbstdarstellungen“, notierte vor ein paar Jahren Michael Sontheimer in der taz. Sie erzählen was ihnen im Treppenhaus passiert ist, wie sich die Atmosphäre einer Demonstration auf ihre Stimmung auswirkt oder fügen eine ironische Bemerkung am Ende einer Reportage an. Im Fokus steht mehr das Erleben, weniger das staubige Aneinanderreihen von Fakten.

Was als Blogger-Eigenart im Internet anfing, waberte sich über den TV-Kanal in die klassischen Tages- und Wochenzeitungen. So folgt man scheinbar sogar im ZDF den Weg, Journalisten, Reporter und Moderatoren mehr ins Rampenlicht zu rücken. Mit den Worten „Herz, Haltung, Hayali“ bewirbt der Sender den „donnerstalk“ der Moderatorin Dunja Hayali. Hier steht eine Person als journalistische Marke im Mittelpunkt, nicht das Thema oder die Informationsfülle.

Man kann dies Individualisierung nennen oder eine neue Form des Journalismus, der vielleicht spannender, aufregender, emotionaler wirkt und damit näher an der Lebenswirklichkeit der Leser und Zuschauer liegt. Vielleicht kann mit einer literarischen und persönlicheren Gestaltung journalistischer Routinen sogar der Auflagen-Abwärtstrend gestoppt werden. Doch zuweilen sollte man prüfen, ob die Ichisierung des Medienbetriebs Niederschlag in der eigentlich neutralen Berichterstattung über die Tagespolitik findet. Eine neue Studie legt das nahe.

Kein Rezept gegen Vertrauensverlust

Ein Projektteam rund um Michael Haller von der Hamburg Media School hat über 34.000 Pressebeiträge zur Flüchtlingskrise untersucht, um etwas über die Tonalität und Konnotation der Artikel herauszufinden. Das Ergebnis: „Insgesamt seien 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zwölf Prozent rein berichtend, sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Reichweitenstarke Medien hätten sich das Motto der Bundeskanzlerin – „Wir schaffen das“ – zu eigen gemacht.“ berichtet die „FAZ„. Zur Folge hatte dies, dass zwischenzeitlich eine Mehrheit der Deutschen angab, sie hielte die Flüchtlingsberichterstattung in Teilen für nicht ausgewogen. Das ist in der Tat eine schlechte Quote.

Vielleicht ist es eine unrühmliche Folge der journalistischen Subjektivierung, dass das Ich und die eigenen Ansichten immer schwerer ausgeblendet werden können, wenn es gilt, neutral zu bleiben? Denn klar ist: der Selfie-Journalismus kennt einen neuen Fokus, der außerhalb des großen Ganzen liegt. Er zeichnet sich nicht durch Weitsicht und Versachlichung aus, er pflegt Nähe und fordert Emotionen, gute Bilder und affektive Kommentierung. Auch wenn diese neue Art des Journalismus in der Breite noch nicht die Züge beispielsweise eines „Vice“-Magazines annimmt, das seine Reporter explizit zum erlebten Teil der Geschichte werden lässt, Tendenzen in diese Richtung sind spürbar. Egal ob die neuen Presseportale „bento“ oder „ze.tt“ heißen: die großen deutschen Medienhäuser glauben bei den jüngeren Generationen nur noch mit mitreißendem, empathischem Journalismus anzukommen. Ob diese Welle schon überschlägt in die „Erwachsenenredaktionen“?

„Es gibt keine absolut objektive Berichterstattung.“ Dieser Satz wurde, als in der Flüchtlingskrise klar wurde, dass viele Menschen die Berichterstattung für nicht ausgewogen genug hielten, oft genug bemüht. Das mag richtig sein. Absolute Subjektivität gibt es aber, und man kann sich von ihr, so gut es geht, fernhalten. Allerdings nur, wenn man nicht selbst Teil der Geschichte ist.

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