Hofberichterstattung trifft Service-Journalismus

Die Corona-Krise zeigt es erneut mit hinreichender Deutlichkeit: Die Themen und Meinungen der Mainstream-Medien kreisen eng um die Politik. Als Spitzenreiter dabei zeigen sich wieder einmal die Öffentlich Rechtlichen. Doch Kritik an der Kritiklosigkeit kommt auf.

imago images / Agentur 54 Grad

Am Donnerstag ist es wieder passiert. Bei Markus Lanz saß neben anderen der Virologe Alexander Kekulé und gab fachkundig Auskunft, was man tun kann und was nicht: so kann und sollte man Risikogruppen schützen, Testkapazitäten ausschöpfen und erhöhen, im engen Kontakt Schutzmasken tragen, die es aber derzeit kaum zu kaufen gibt. Eingerahmt war der Mann mit eindeutiger und belastbarer Expertise von einem zugeschalteten Bundesminister Heil nebst VW-Chef Herbert Diess, die bei aller Sorge sichtlich darum bemüht waren, im heiteren Geplänkel mit dem Moderator Zuversicht zu verbreiten.

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Daneben saßen eine Fachärztin sowie – zu schlimmer Letzt – Sascha Lobo. Lässt man nun die mehr oder weniger berufenen Gäste fort, so bleibt uns der »Kommunikationsexperte« Lobo, der mutmaßte, dass man das mit den Masken einfach »kommunikativ« nicht gut genug gemanagt habe, aber der Bundesregierung kurz darauf bescheinigte, dass es sich nun mal um eine »absolute Extremsituation« handelt, auf die sich keiner hätte vorbereiten können. Wenn sich der Blogger schon in diesem Moment als inoffizieller Regierungssprecher geoutet hatte, so bestätigte sich dieses Gefühl am Ende der Sendung, als er sich pseudo-vorsichtig zu dem Lob durchrang, die Politik habe doch »vergleichsweise viel richtig gemacht«. Auch Lanz wollte nichts grundsätzlich in Frage stellen, sondern verabredete sich mit Lobo zu einer Kritik jener Details, die man »wirklich auch besser machen« könnte. Absolut. Professor Kekulé durfte zu diesem Zeitpunkt den abschließenden Bewertungen des Bloggers lauschen.

Die Distanz von der Regierungslinie erscheint allenfalls hauchdünn

Auch wenn die Sendung eigentlich nur nebenher lief, blieb der Lobo-Satz vom »viel richtig gemacht« dank seiner gekonnt geschauspielerten Intonation haften (der Mann ist eben doch Kommunikationsexperte). Nach den beunruhigenden Nachrichten der Klinikärztin – die vom alltäglichen Triagieren bei Verkehrsunfällen und Großbränden berichtete, und verriet, dass so etwas nicht spurlos an einem vorbeigehe – durfte und sollte man wieder durchatmen und sich vertrauensvoll in die Hände (oder gleich den Schoß) seiner Bundesregierung begeben.

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Aber genau darin liegt das Problem vieler Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Die Distanz von der Regierungslinie erscheint in ihnen allenfalls hauchdünn. Zu diesem Schluss kam nun auch der Medienwissenschaftler Otfried Jarren, Emeritus der Universität Zürich und Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, im Fachdienst »epd Medien«. Seit Wochen träten immer wieder die gleichen Experten und Politiker auf und würden dem Publikum als allwissende Krisenmanager präsentiert. Das Fernsehen inszeniere dadurch »Bedrohung« und »exekutive Macht«. Darin sieht Jarren eine besondere Spielart des »Systemjournalismus«, wobei ihm vor allem der NDR – der Produzent von »tagesschau« und »tagesthemen« – negativ auffällt.

Neben der resultierenden Tendenz zur »Hofberichterstattung« spielen in Jarrens Kritik auch die Formate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine Rolle. So zerfallen die Nachrichtensendungen, zunehmend auch die Gesprächsrunden, in einzelne Statements, durch die gar keine wirkliche Debatte mehr entstehen kann. Schuld seien natürlich die Chefredaktionen, die laut Jarren »abgedankt« haben. Die spezifische Expertise der Befragten spiele keine Rolle mehr, als ob der reine Promi-Faktor schon kompetent machte. Nur so ist es eben auch möglich, dass ein meinungsstarker Kommunikationsexperte die Gesundheitspolitik der Bundesregierung quasi »abschließend« bewerten bzw. lobpreisen darf. Wieder andere Konflikte ergeben sich, wenn einer zugleich SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe ist, aber als Koalitionspolitiker niemanden kritisieren und als Epidemiologe schon immer recht gehabt haben will.

Kritikloser Mainstream

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Zu ähnlichen Schlüssen kamen die Journalistin Vera Linß vom Deutschlandfunk Kultur und der Medienblogger Andrej Reisin von der Plattform »Übermedien«. Doch beide sehen das Problem noch breiter und beziehen die Mainstream-Presse in ihre Kritik mit ein. Laut Vera Linß transportieren viele Journalisten »die Krisenstrategie der Bundesregierung weitgehend kritiklos« und betreiben so »eine Art Service-Journalismus« für die Regierenden. Linß hält beispielsweise das Thema der eingeschränkten Freiheitsrechte und der zunehmenden Überwachung der Bürger für besonders dringlich.

Zuvor hatte Andrej Reisin unter der Überschrift »Staatsräson als erste Medienpflicht?« in die gleiche Kerbe gehauen. Als Paradebeispiel der allgemein betriebenen Desinformation dient ihm der Tweet von Jens Spahn, in dem der Gesundheitsminister vor »Fake News« warnte und behauptete, dass die Regierung keine »massiven weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens« vorhabe. Das war am 14. März, doch schon zwei Tage später verkündete Angela Merkel die Schließung praktisch des gesamten öffentlichen Lebens, ob in Geschäften, Bars oder Kirchen. Letztlich kam es also zur »größten Einschränkung von Grundrechten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland«. Damit wurde der Tweet des Bundesministers selbst zur Falschmeldung – zumal auch Spahn später zugab, dass die Einschränkungen von langer Hand geplant waren.

Daneben kritisiert Reisin die »tagesschau«, wenn sie unter jede Meldung zum Corona-Geschehen den Hashtag #wirvsvirus setzt. Ein solcher Kampagnenjournalismus passt in der Tat nicht zum Nachrichtenflaggschiff eines öffentlichen Senders.

Wenn das vielleicht eine Formfrage ist, so ist Reisin auch in der Sache recht zu geben, wenn er von den Medien eine öffentliche Debatte über die Regierungspolitik statt ihrer Apotheose erwartet. So kritisiert er die »Zeit« für die Veröffentlichung eines Schaubilds, das dem Leser vermitteln soll, wann er auf einen Covid-19-Test verzichten kann. Die Zeitung sollte vielleicht lieber kritisch hinterfragen, warum es solcher Beschränkungen bedarf und wie es dazu kam.

Weitere Fragen, die nicht oder kaum gestellt werden, schließen sich an: Wie haben Taiwan, Singapur oder Südkorea die Pandemie gemeistert, bevor, während oder nachdem sie bei ihnen ausgebrochen war? Wie viel Datenschutzverzicht wäre uns ein bald aufgehobenes Ausgangsverbot wert? Und, die Frage aller Fragen: Wie lange können wir den Shutdown überhaupt durchhalten und was wären die Alternativen? Doch keine dieser Debatten findet auf einem angemessenen Niveau statt.

Anders ist das in Großbritannien, wo jede Entscheidung der Regierung Johnson von links wie rechts kritisch diskutiert wird. Dagegen gefällt sich das ZDF im aktuellen Politbarometer in der Plakatierung des Ist-Zustandes, den eine überwältigende Mehrheit der Deutschen gut finde. Die Deutschen wollen – so hat der Sender herausgefunden – weder weniger Lockdown noch mehr und finden, dass die Kanzlerin von ihrem schlecht verkabelten Zuhause aus eine ausgezeichnete Politik fahre. Doch die so gekennzeichnete Realität gibt offenbar keinen Anlass mehr zur Kritik.

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Kommentare ( 110 )

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110 Kommentare auf "Hofberichterstattung trifft Service-Journalismus"

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Das erinnert mich an eine Sendung im DDR-Fernsehen, „Ptisma“. Dort durfte minimalinvasiv Kritik geübt werden, aber Grundsätzliches stand natürlich nicht zur Debatte. So hatten die Zuschauer aber den Eindruck, dass ihre Probleme ernst genommen wurden, obwohl das mitnichten der Fall war. Warum? Weil das System, das diese Probleme verursachte, eben nicht in Frage gestellt werden durfte. In einer absolut vergleichbaren Situation befindet man sich heute, wenn man Kritik im ÖRR äußern darf.

Was ich mich immer wieder frage: Warum haben sich die Mainstreammedien freiwillig zu Hofberichterstattern der Regierung entwickelt. In diktatorischen Staaten haben die Journalisten keine andere Wahl. Wenn dort nicht nach den Vorstellungen der Regierung berichtet wird, landen die Journalisten im Gefängnis oder müssen um ihr Leben fürchten. Aber hier ist das (noch) nicht der Fall. Warum also kommt vom Mainstream so gar keine Kritik an der Regierungspolitik? Es würde reichen, sachlich und faktenbasiert zu berichten um deutlich werden zu lassen, wie katastrophal die Politik für Normalbürger ist.

Ich sehe es genau umgekehrt: Die MSM haben sich die Regierung herbeigeschrieben, die sie sich schon lange gewünscht haben. Die Regierung folgt den Vorgaben durch die MSM. Das war bei EURO- und Staatenrettungen genauso wie bei der spontanen Abschaltung der Atomkraftwerke wegen eines Tsunamis in 9.000 km Entfernung. Und genauso war es 2015 bei der von MSM umjubelten ungeprüften Masseneinwanderung aus Afrika und arabischen Ländern. Wäre die Ideologie der MSM konträr zur aktuellen, dann wären auch die Handlungen der Regierung konträr zu den aktuellen.

Die werden fürstlich für den Schrott bezahlt. Das nennt sich GEZ.

Bereits am Morgen nach dem Verkünden der drastischen Einschränkungen von Grundrechten präsentierten die Nachrichtensendungen des Bayerischen Rundfunks die Ergebnisse einer „Umfrage“, nach der die große Mehrheit der Deutschen mit dem Krisenmanagement der Regierung zufrieden ist. Das wird seither immer mal wieder verlesen.

verstehe diese ganzen Kritiken hier überhaupt nicht. Wer hat denn diese Leute in diese Positionen gewählt die diesen merkwürdigen Journalismus ermöglichen, befördern und finanzieren. Alle paar Jahre werden doch diese Leute mit schöner Regelmäßigkeit wieder und immer wieder in diese Positionen gebracht um dieses jetzt beobachtete Chaos anzurichten und weiter zu betreiben. Die gewählten Politiker erlassen Gesetze die über Zwangsgebühren die exorbitante Einkommensmöglichkeiten für diese servilen Journalisten ermöglichen, die dann wiederum ihrerseits den gewünschten, regierungsfreundlichen Journalismus liefern. So funktioniert dieses System nun mal. Wenn man 400.000,- oder 500.000,- Euronen p.a. einstreichen darf mutiert man halt zu einem journalistischen Wackelpudding. Für… Mehr

So auch gestern wieder in der Tagesschau um 20 Uhr:
Ein Bericht über eine mögliche App zur Verfolgung des Corona-Virus, kann man machen. Beendet wurde der Bericht mit einem Kurzinterview von Robert Habeck! Der Mann ist weder MdB, noch Mitglied des Bundestages. Dessen Privatmeinung zu einer solchen App ist so wichtig wie ein Sack Reis in China. Da die Themen der Grünen gerade nicht in die Schlagzeilen kommen, muss der Staatsfunk diesen Typen ja irgendwie als relevant framen. Es ist einfach nur noch zum Kotzen!

„MdB“ ist die gebräuchliche Abkürzung für „Mitglied des (deutschen) Bundestages“. Sie steht nicht für Mitglied der Bundesregierung 😉
Vom Inhalt her haben Sie vollkommen recht. In Filmen und Serien geht es auch darum, bestimmte Produkte attraktiv einzuschleusen („product placement“), bei den ÖRR geht es darum, bestimmte Politiker (bevorzugt der Grünen oder ihnen nahestehend) unauffällig in Szene zu setzen („people placement“). Wer so oft im ÖRR auftaucht – schließt der naive Gebührenzahler voreilig – muß schon etwas auf dem Kasten haben. Und selbst, wenn nicht, so gewöhnt man sich an ihn und sein Bekanntheitsgrad steigt.

ARD – Agitation Reprographie Demagogie
ZDF – ZwangsDemagogischeFunke

ARDZDF – leider nur Agitation und Propaganda.

Eine Schande.

Hallo Herr Nikolaidis,

ich verstehe den Sinn des Artikels nicht ganz.
Wollen Sie Zweifel daran schüren, daß sich das (selbst so nennende) „öffentlich-rechtliche Fernsehen“ zu stark an die Regierung annähert?

Dann sind Sie hier mindestens fünf Jahre zu spät.
Ich denke, die Mehrheit hier empfindet dieses Medium mittlerweile als 100%iges Sprachrohr der Regierung mit Niederschlagungsauftrag von Fremdmeinungen.

Sorry….

Verstehe den Sinn ihrer Kritik nicht. Es geht in dem Artikel um die Unzertrennlichkeit der Regierung und den ÖRRs und um die immer noch sich steigernde Identität dieser Genossenschaft. Es wäre kein Problem, MdBs gegen Nachrichtensprecher und Kommentatoren beliebig auszutauschen. In den Pressekonferenzen ist das ja schon längst der Fall indem der Regierungssprecher ein System-genehmer Nachrichtensprecher und Totalkonformist schon immer war und dann seine „Approbation“ vom Regime erhalten hat und nicht die Seiten, sondern nur den Sitzplatz wechselte. Die Dotierung wird sicher nicht zu seinen Ungunsten ausgefallen sein. Also, Nikolaidis hat nur die Unterträglichkeit des Fehlens eines kritsichen Journalismus angemahnt,… Mehr

Diese Konzentration von Lovern unserer Bundesregierung aus Medien, Kunst, Kino, ÖRR, Musik, usw., wie etwa Lobo, Lindenberg, Grönemeyer oder Schweiger werden wir erst wieder los, wenn auch sie, wie die Bürger schon lange Zeit (hohe Mieten, hohe Stromkosten, usw. usf.), die Zeche dafür zahlen müssen, gute Politik an hypermoralischer Gesinnung , anstatt an verantwortlichem Handeln für unsere Bürger, gemessen zu haben.

Diese sich selbst überhöhenden und egozentrischen Kulturschaffenden werden ihre Oberflächlichkeit oder besser Faulheit im Denken bald selbst zu spüren bekommen. Und, das ist auch gut so!

Lobo ein Kulturschaffender, ich glaub’s nicht. 🙂

Es gleicht doch alles sehr dem Schauspiel um CO2 und den „Menschgemachten Klimawandel“. Ob wirklich eine Gefahr besteht, wird gar nicht mehr hinterfragt. Lieber Aktionismus (wie viel mehr können wir noch tun) u. Schuldigen-Suche (Spahn oder die Chinesen sind schuld). Die aktuellen Sterbestatistiken belegen zumindest nichts von der grassierenden Sterbe-Gefahr. Aber es kann ja noch alles (viel schlimmer) kommen… Verlassen wir uns doch am besten auf die Leute mit der Kristall-Kugel. Die wissen, was wir tun sollen.