Claus Kleber gegen Sabatina James

Lässt sich Islamkritik nicht anders unterdrücken, greifen Journalisten wie Claus Kleber auch schon mal zur Verharmlosung von Kinderehe und Zwangsverheiratung.

Screenshot: ZDF/heute journal

Es ist freilich nicht das erste Mal, dass sich Sabatina James im Fernsehen von einem Mann mittleren Alters Frechheiten, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie wahlweise der Naivität oder dem Chauvinismus des Mannes geschuldet sind, gefallen lassen muss. Den Anfang machte Ulrich Kienzle im Februar dieses Jahres in der Sendung von Markus Lanz, als er James, die selbst im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie von Österreich nach Pakistan reiste, um dort mit ihrem Cousin zwangsverheiratet zu werden, nicht nur den Islam, sondern auch die in Deutschland geltende Meinungsfreiheit erklärte. Letztere sei für James, so Kienzle damals, zweifelsohne gegeben, schließlich könne sie ja auch in der Sendung sitzen. Dass sich James, die sich mit ihrem Verein Sabatina e.V. gegen Zwangsverheiratung einsetzt, diese Meinungsfreiheit nur noch mit Bodyguard hinter den Kulissen und im Rahmen eines Opferschutzprogrammes unter falschem Namen und wechselnden Wohnorten erkaufen kann, spielte für Kienzle damals keine Rolle.

Und nun also Claus Kleber. Der wollte James zwar nicht Islam und Meinungsfreiheit erklären, aber dafür in pseudo-investigativer Manier, dass es sich bei Kinderehen nicht unbedingt immer auch um Zwangsehen handeln müsse. Immerhin gäbe es ja (mit Verweis auf den Einspieler vorab) auch solche Fälle, in denen Frauen die Ehe im Nachhinein keinesfalls bereuen würden und sogar der Meinung seien, die Ehe sei gut für sie gewesen. Man hätte sich in solchen Fällen, so Kleber, entweder mit der Beziehung „abgefunden“ oder sogar etwas gefunden, was den „eigenen Interessen und Neigungen“ entsprochen hätte. Folgerichtig fragt Kleber James dann auch, ob in solchen Fällen ein staatliches Eingreifen sinnvoll und rechtens wäre.

Kleber verharmlost Kinderehe

Es ist nach Kienzle das zweite Mal in diesem Jahr, dass ich James unabhängig von ihrer Arbeit und dem, was sie bereit ist, dafür in Kauf zu nehmen, Respekt zolle. Respekt dafür, dass sie es auch nur eine Sekunde aushält, sich dieses naiv-blödsinnige oder pseudo-investigative Gerede anzuhören, ohne komplett auszurasten. Denn James ist eben nicht nur eine Frau, die sich für andere Frauen in der schwierigen Situation der drohenden oder bereits vollzogenen Zwangsverheiratung einsetzt. Sie war selbst betroffen – als Tochter pakistanischer Eltern, denen der muslimische Ehrbegriff über die Freiheit der Tochter ging. Sie weiß, was der Islam oftmals in der Praxis und nicht nur in der Theorie bedeutet. Sie ist nicht angewiesen auf das, was ihr vermeintliche Experten und Kopftuch-Aktivistinnen als Freiheit und Selbstbestimmung verkaufen wollen, weil sie selbst am Besten weiß, dass das, was diese Leute erzählen, meist nicht viel mit der Realität in vielen muslimischen Familien zu tun hat.

Zu ihrem eigenen Schicksal kommen all die anderen Fälle von jungen Frauen, denen sie tagtäglich zusammen mit ihren Mitarbeitern aus der Hölle der Zwangsverheiratung heraus hilft. Fälle, die den ein oder anderen sicher verzweifeln ließen. Und als wäre es nicht schon schlimm genug, dass all das tagtäglich mittlerweile auch mitten unter uns in Europa passiert, muss man sich obendrein auch noch mit den realitätsfremden und dreisten Fragen einer medialen und politischen Kaste herumschlagen, die sich in ihrem gutbürgerlichen Viertel sitzend schlicht nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die tatsächlich gegen ihren Willen verheiratet werden. Und wenn doch, dann kann man sich wenigstens damit trösten, dass die ein oder andere von ihnen im Nachhinein zur Überzeugung gelangt ist, dass das Ganze Ding mit der Zwangsverheiratung doch gar nicht so schlecht war. „Wie soll es auch anders sein?“, fragt sich da vielleicht der ein oder andere, „wenn man die Freiheit nie kennen gelernt hat?“

Zwangsverheiratung nicht schlimm?

Nun könnte man Herrn Kleber durchaus auch zur Seite springen. Das macht insofern auch Sinn, als dass man sich dann wenigstens nicht länger mit dem üblen Gedanken herumschlagen muss, ob ein Nachrichtensprecher des Öffentlich-Rechtlichen-Fernsehens tatsächlich derart naiv sein kann. Springen wir also Herrn Kleber kurz zur Seite und behaupten, dass sich hinter der pseudo-investigativen Dummfragerei tatsächlich richtiger Journalismus verbirgt. In diesem Fall ließe sich argumentieren, dass es eben Klebers Aufgabe als Journalist sei, die Dinge zu hinterfragen, vielleicht sogar mal die ein oder andere provokante These in den Raum zu werfen und sich nicht einfach vorbehaltlos der Auffassung von Frau James anzuschließen.

Aber das ist natürlich Schwachsinn. Nicht, weil es nicht tatsächlich die Aufgabe eines Journalisten wäre, genau diese Dinge zu tun, sondern weil Kleber und mit ihm viele andere seiner Zunft, dies sonst auch nicht tun. Weil sie es in der Regel nur tun, wenn es darum geht, islamkritische Stimmen zu diskreditieren oder bestenfalls in ein zweifelhaftes Licht zu rücken. Ja, kritisch gibt man sich letztlich nur bei James und Co. und nicht bei der anderen Seite, weshalb es auch pseudo-investigativ und nicht investigativ ist, was Kleber und Konsorten da betreiben.

Mittlerweile, so der Eindruck, werden islamkritische Stimmen überhaupt nur eingeladen, um zumindest noch den Anschein einer differenzierten und ausgewogenen Debatte zu erwecken. Hierfür ist es jedoch wichtig, dass der Islamkritiker, wenn man ihn überhaupt zähneknirschend zu Wort kommen lässt, zumindest selbst über einen Migrationshintergrund verfügt. Wer nämlich keinen hat und den Islam kritisch sieht, ist ein Rechtspopulist und wird allenfalls in Form eines unbeholfenen AfD-Mitglieds in irgendeine Talkshow eingeladen, um noch einmal deutlich zu machen, was „Rechtspopulisten“ eigentlich für Idioten sind. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen wird indes nicht angestrebt. Die Linie ist klar und in diese Richtung wird gearbeitet: in jedem pseudo-investigativen Interview, in jedem Artikel, in jeder Talkshow.

Einäugige Journalisten …

Oder wie ist es sonst zu erklären, dass in den Fällen, wo die „andere Seite“, also die ganzen Kopftuch-Aktivistinnen und Pseudo-Feministinnen zu Wort kommen, derart kritische Nachfragen nicht gestellt werden? Als die in England lebende Kopftuch-Aktivistin Kübra Gümüsay jüngst einmal wieder als „Bloggerin und Journalistin“ in der ARD-Tageschau zu sehen war, gab es jedenfalls keine kritischen Nachfragen. Denn während sich mutige Frauen wie Sabatina James immer wieder auf’s Neue Nachfragen gefallen lassen müssen, die ein ums andere Mal nichts anderes als infame Frechheiten darstellen, die sie als Expertin diskreditieren, dürfen Gümüsay und Co. stets frei von der Leber und mit einer riesigen, unkritischen öffentlich-rechtlichen Plattform ihren Diskriminierungsmüll absondern und dabei ordentlich die Werbetrommel für das Kopftuch und den Islam rühren. Investigativer Journalismus? Doch nicht, wenn man Gefahr läuft, damit die Gefühle der Dauerbetroffenen zu verletzen und damit den Pfad der bedingungslosen Toleranz gegenüber religiösem Blödsinn zu verlassen. Dass man damit die Seite verletzt, die wirklich betroffen ist, die wirklich unter Repression und Gefahr für Leib und Leben zu leiden hat – geschenkt!

So braucht man sich letztlich auch nicht mehr über Beiträge wie den von Vanessa Vu auf ZEIT-Online wundern (wobei man sich ja bei der ZEIT ohnehin über nichts mehr wundern muss). Die widmet dem Thema Kinderehen gleich den provokanten Titel „Phantom Kinderbraut“ und macht deutlich: Kinderehen? Eigentlich kein Problem – handele es sich doch zumeist um junge Frauen, die zwar unter 18, aber deshalb noch lange keine Kinder seien. „Nur in sehr wenigen Fällen“, schreibt Vu, „waren die Betroffenen jünger als 16 Jahre. Verheiratete unter 14, die auch nach rechtlicher Definition Kinder wären, seien bundesweit nur sehr wenige bekannt. Ach, naja dann.

… im Verein mit Unterdrückern

Vielleicht würde es Menschen wie Vu und Kleber nicht schaden, doch manchmal von der einstudierten Linie abzuweichen, ein wenig ergebnisoffener zu arbeiten und Menschen wie James einmal wirklich zuzuhören, statt sie in eine vorgefertigte Schublade pressen zu wollen. Vielleicht würde mehr Bühne für James und weniger für Gümüsay und Co. ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch über 16 sein, nicht automatisch bedeutet, freie, selbstbestimmte Entscheidungen fällen zu können – schon gar nicht im Islam und schon gar nicht für Frauen. Dass wenige muslimische Frauen öffentlich im Fernsehen zugeben würden, dass ihre Ehe nicht gut für sie war, dass sie nicht ihren „Interessen und Neigungen“ entsprach. Dass die meisten von ihnen nicht so voll freiwillig und mega emanzipatorisch wie Gümüsay und Ulusoy ihre Kopftücher tragen, sondern weil sie Druck aus der Familie erfahren – und dass wenn sie diesen nicht erfahren, es die muslimische Community um sie herum ist, die sie schief anguckt und Druck erzeugt.

Warum die das können? Nun, weil man den konservativen, restriktiven Kräften im Islam über Jahrzehnte Tür und Tor geöffnet hat und diese in vielen Bereichen mittlerweile die muslimischen Communities hierzulande dominieren. Weil man Gümüsay und Co. im Fernsehen das Kopftuch unkritisch als Zeichen des Feminismus stilisieren lässt, während man Menschen wie James gar nicht wirklich zuhört oder versucht, in ein zweifelhaftes Licht zu rücken.

Aber hey, noch kann Frau James ja ihre Meinung, wenn auch mit Personenschutz, im Fernsehen kundtun. Noch sind Kinderehen in Deutschland „Einzelfälle“, weil jede Frau über 16 naturgemäß im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist und so etwas wie Druck in Familien und Communities nicht existiert. Und selbst wenn sich das alles irgendwann ändern sollte, so können wir uns wenigstens damit trösten, dass die Unterdrückung doch am Ende genau das ist, was so manch eine Frau will, was ihren Interessen und Neigungen entspricht. Vielleicht hätten wir das ohne Claus Kleber nie erfahren.

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Kommentare ( 1 )

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Unfassbar. Ich melde mich hier nach 1 Jahr erst, da ich diesen Hinweis aus Israel erst bekam. Diese männlichen Moderatoren sollten sich schämen.