Lilith und die Schwarze Witwe

Lilith möchte Lilith bleiben, eine freie Frau in einem freien Land. Und mit ihr gibt es viele Menschen in diesem Land, die es schützens- und liebenswert befinden. Bevor ein Ball wieder fliegen kann, schlägt er erst mal hart auf. Andrea Berwing über Erlebnis und Gefühl.

Lilith, die aus den Sternen kam, Adams Frau vor Eva, lebt in Berlin. Am Wochenende wurde unter ihrer Wohnung versucht, einzubrechen. Eine Menge Randale und Krach da unten an einem Samstagabend. Sie macht nicht das Licht aus und ruft  heimlich die Polizei an, nein, sie geht auf den Balkon und treibt die Einbrecher mit einem Ausruf: „Was ist denn hier los?“ in die Flucht. Dann erst ruft sie die Polizei.

I.

Die zeigt sich besorgt. Einbruchsspuren werden festgestellt, sogar die Kripo eingeschaltet. Das hatte Lilith nicht für möglich gehalten. Doch sie kamen und zeigten sich ein wenig verwundert, ja, erstaunt, dass es fünf Täter waren, die Lilith gesehen hat. Lilith hatte sich nicht ängstlich versteckt, wahrscheinlich ist das sogar ein bisschen dumm gewesen. So wegen der Eigensicherung. Fünf waren übernormal viel für einen versuchten Einbruch. Zwei, drei, dann hätte sich niemand gewundert. Irgendwie einig war sich Lilith mit der Polizei, dass die Aufklärungsrate nicht viel hergibt und am Ende sowieso wieder alle laufen gelassen würden. Die Kripo widersprach nicht. Die Polizei auch nicht. Lilith hat sich nur für ihren Nachbarn eingesetzt, wer hat schon Lust darauf, dass andere in seinen Sachen rumwühlen und vieles wegkommt, was sich erarbeitet wurde.

II.

Montagmorgen läuft sie beim Nachbarn vorbei, daneben ist ein Kellerfenster zertrümmert. Das hatte die Polizei im Dunkeln nicht gesehen und auch die Kripo nicht. Auf Nachfrage der Polizei sagte Lilith, die Männer sähen nicht deutsch aus, schwarze Haare, schwarze Jacke, helle Jeans. „So sieht ja jeder Zweite aus!“ bemerkte die Polizistin am Telefon genervt, ob der kargen Beschreibung.  Lilith bestätigt: „Da haben sie recht, jeder zweite sieht so aus!“ „Haben sie deutsch gesprochen?“ die nächste Frage: „Ja, haben sie.“ Mit Akzent? „Ja, mit Akzent. Einer konnte  Deutsch mit Akzent.“ Er antwortete Lilith: „Nur der Alkohol, nur zu viel Alkohol. Hier ist gar nichts los.“ Und täuschte einen wankenden Gang vor, um kurz danach schnell und geradeaus laufend die letzten zwanzig Meter um die Ecke zu verschwinden.

III.

Die Polizei gibt sich wirklich Mühe. Wirklich. Warum schließen Menschen ihre Gewerberäume und Wohnungen ab? Warum haben, hatten Länder Grenzen? Manche nennen es Spießertum, Provinzialismus. Doch auch die, die diese Worte benutzen, haben Wohnungen, die sie abschließen. Sie fordern noch mehr Zuwanderer, Einwanderer, Migranten bei mehr auszubauenden Infrastrukturen; Wohnungen, Schulen und einem dazugehörigen Ministerium für Migration. Die Flucht nach vorn. Ein vermeintlicher Weg, niemand weiß, wohin der führt. Wenigstens mit einer vernünftigen Registrierung, die bis heute noch nicht in Sicht ist – die nächste Million unterschiedlichster Menschen schon.

IV.

Vorher waren ihnen das eigene Volk und die hier Lebenden mit Migrationshintergrund bessere Schulen, intakte Infrastruktur, renovierte Turnhallen, mehr Wohnungen nicht wert. Jetzt auf einmal schon. Geld fließt wie im Märchen „Der süße Brei“ aus allen Töpfen. Wie das jetzt auf die Schnelle verwirklicht werden soll, damit kein Chaos entsteht, weiß niemand so recht. Dafür kommen immer mehr Reisende aus sicheren Drittländern nach Deutschland, welches sich als Einwanderungsland verstehen und die dazugehörigen Gesetze und Registrierungen schaffen soll. Plus einer boomenden Wirtschaft irgendwann, der Blick in die Glaskugel.

V.

Es gab keine demokratische Bürgerbefragung, wie in anderen Ländern. So würde es sich aus Anstand gegenüber der im Land Lebenden gehören. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die fordern einen Schutz dessen, was mühsam aufgebaut wurde. Schutz für ihre Kinder und die Früchte ihrer Arbeit und der Arbeit ihrer Eltern und Großeltern. Auch viele Migranten befinden sich darunter. Schutz ihres erworbenen Gutes, ihrer bisherigen demokratischen Gesellschaft. Viele Menschen fühlen sich in ihrem eigenen Land, in Deutschland inzwischen fremd, nicht gehört, abstrus umdiskutiert. Klassischer Verfassungsbruch wird schöngeredet, sogar negiert! Legislative, Judikative und Exekutive, die Gewaltenteilung, die in einem Staat voneinander getrennt sein sollen, damit erreicht wird, dass keine kleine Gruppe innerhalb eines Staates zu viel Macht an sich zieht und dass gleichzeitig die drei Gewalten einander kontrollieren würden, ist ausgeschaltet! Bestehende Gesetze werden gebrochen, beschlossene Gesetze können nicht umgesetzt werden. Was ist los? Was ist passiert?

VI.

Lilith fährt mit ihrem Hund an den See. Ein ganz normales Berliner Bild. Doch bisher nicht für den Norden Berlins. Eine Frau in eine Burka verhüllt, läuft an ihr vorbei. Schwarz. Sie sieht aus wie der Sensenmann, Gevatter Tod in der Edeka Werbung. Lilith überlegt, früher trugen die Frauen Trauer, wenn ihre Männer gestorben waren. Der Mann der Frau mit der schwarzen Burka ist nicht gestorben. Warum ist sie in Trauer? Warum vermummt? Oder ist es ein religiöses Aushängeschild? Wer ist diese Frau? Warum verunsichert es Lilith?

Wofür steht es? Sicherlich für Fröhlichkeit, Stolz und Würde. Bestimmt wäscht die Frau auch nicht so gern die Socken für Adam oder vielleicht doch? Fordert sie den Mann heraus und ihr Mann sie, sich auf Augenhöhe zu begegnen? Sicherlich. Warum sieht sie dann aus wie eine schwarze Witwe? Wie entscheidet ein deutsches Gericht, wenn es einen handfesten Ehestreit gibt? Nach der Scharia oder nach deutschem Recht?

VII.

Lilith lebte einmal vor zwanzig Jahren! in Kreuzberg am Kottbusser Tor in der Adalbertstraße. Ein paar Stockwerke über ihr wohnte eine deutsche Frau. Die deutsche Frau mit einer kleinen Tochter, die einen türkischen Mann heiraten wollte und er sie, mit der Lilith Briefe in die Türkei schrieb (an die Regierung), damit er nicht in die Armee eingezogen werden sollte, wurde zwei Wochen später von einem minderjährigen Jungen aus der Türkei aus der Familie des Türken erschossen. Lilith sah diese Frau nie wieder.

Die Tochter muss ohne Mutter groß werden, der türkische Mann konnte nicht mit der Frau seiner Liebe glücklich alt werden. Sie war keine Jungfrau mehr und sie war deutsch. Das war ihr Fehler. Das deutsche Gesetz hat keinen Zugriff auf den minderjährigen Jungen gehabt. Lilith sah viel hilfloses Schulterzucken, so ist das eben. Kirstin Heisig wollte das ändern, das wollten viele andere nicht. Sie ist auch gestorben. Komisch, denkt Lilith, dass es jetzt auf einmal um Menschenleben gehen soll. Hat doch vorher auch niemanden interessiert.

VIII.

Lilith weiß, sie lebt in einem freien Land. Freie Religionsausübung, Demokratie, Meinungsfreiheit. Doch auf der Straße begegnet sie Menschen, die den Blick nicht heben. Viele Menschen haben jetzt Angst, noch sind es die Frauen, auch um ihre Kinder. Dann, wenn es jetzt keine Grenzen mehr gibt und nach Deutschland Alle kommen sollen, wünscht sie sich, sollen auch brasilianische und afrikanische Frauen Oben Ohne durch dieses Land laufen. So, wie sie es vorher in ihrem Land auch getan haben. Bitte die Brüste frei, bunte Ketten und Kopftücher. Barfuß please. Das ist auch Kultur. Und eine lebensbejahende dazu. Bitteschön. Und die afrikanischen Männer, die alles Mögliche um sich herum hängen haben und nur mit einem Riemchen bekleidet gehen. Wilde Trommeln in ihrer Aura.

Warum ziehen sich Afrikaner und Brasilianer hierzulande an? Auf der Straße. Wenn die Frau die Burka nicht auszieht? Dann möchte Lilith auch Indianer sehen, die bösest ausgerottet wurden von den englischen Einwanderern und Einwanderern aus aller Herren Länder und vergiftet wurden mit verseuchtem Wasser aus ihrer eigenen Erde wegen Gold und so. Ganz früher sind nach Amerika die Kriminellen hingekommen, als Strafe. Und die Indianer tragen bitte Adlerfedern hier, Winnetou, wo bist Du? Der edle Indianer, der schon damals wusste: Irgendwann, wenn die Flüsse kein Wasser mehr hergeben und die Erde nicht mehr fruchtbar ist, dann werdet ihr wissen, dass man Geld nicht essen kann.

Ja, irgendwann. Lilith wünscht sich die Indianer, irgendwie haben die etwas mit ihrer Geschichte zu tun. Ein Tag in Berlin. Lilith wünscht sich nicht die Azteken auf ihren Straßen, die ihren Opfern das Herz noch zuckend herausgerissen haben, genauso wenig wie schwarze trauernde Witwen oder Leute, die sich radikalisieren.

Lilith möchte Lilith bleiben, eine freie Frau in einem freien Land. Und mit ihr gibt es viele Menschen in diesem Land, die es schützens- und liebenswert befinden. Bevor ein Ball wieder fliegen kann, schlägt er erst mal hart auf.

Autorin Andrea Berwing lebt mit Kindern und Hund in Berlin. In der DDR sang sie in einer Band, wurde des öfteren ins Stasi-Ministerium gebracht und zur Mitarbeit aufgefordert. Mit 20 schaffte sie es in den Westen.

Unterstützung
oder

Kommentare

Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Alle anderen bringen wir ungekürzt. Hinweis