Wimmelbuch für Wirtschaft

Wirtschaft kann man nicht verstehen? Irrtum, so ZDF-Börsen-Guru Reinhard Schlieker. Er hat ein Buch gefunden, das die moderne Wirtschaft brilliant erklärt.

„Wirtschaft verstehen mit Infografiken“ – nüchterner kann man einen Buchtitel kaum wählen, und dem Leser (und Betrachter) dürfte gleich klar sein: Dies ist womöglich ein Enthüllungsbuch, aber keines von der Sorte „Der Jahrhundertcrash“ oder „Wie wir alle abgezockt werden“ – solche Werke soll es ja geben. Nein, dies ist ein Atlas, der vom kleinsten Subjekt, dem Menschen, zum größten umspannenden Phänomen führt, das wir in punkto Wirtschaft kennen, nämlich der globalisierten Welt des Warenaustauschs und der weltweiten Beziehungen unter den Menschen. Was für ein Verdienst, dass die Autoren sich nicht auf die Weisheit zurückgezogen haben, „worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“: Im Gegenteil, man kann über alles sprechen, auch in der Welt der Wirtschaft, und man kann die faszinierenden Beziehungen nicht nur schildern, sondern sie auch aufmalen und nachzeichnen. Seien es Ausbildung, Lohn und Gehalt, Armut und Reichtum, ein Blick hinter die Kulissen eines Supermarktes oder auch die geheime Welt der Werbung und der menschlichen Bedürfnisse: In diesem Bilderbuch für Große finden sich in der Tat wahre Einsichten. Etwa der grafische Schnitt durch das VW-Werk in Wolfsburg, wo 72.500 Mitarbeiter jährlich 836.000 Fahrzeuge herstellen. Für den Smalltalk gibt es ebenfalls Futter: Das meistproduzierte Produkt in der Wolfsburger Autostadt hat keine Räder, sondern ist zum sofortigen Verzehr gedacht: Acht Millionen Curry-Bockwürste werden hier in der hauseigenen Wurstfabrik erzeugt. Da muss die Lackiererei oder der Karosseriebau wohl mal ganz tapfer sein. Auf den Folgeseiten: Wie entsteht ein Auto? Keine näheren Erläuterungen zum Thema „Wie entsteht eine Currywurst“, was ein Glück.

Am Anfang des Kompendiums aber steht, wie gesagt, der Mensch. In seiner Ausprägung als Wirtschaftssubjekt gestaltet er, produziert, erfindet und konsumiert. Das Buch zeigt ihn als Angestellten, Arbeiter, Freiberufler, als Firmenmitarbeiter, der entweder motiviert sein kann oder innerlich gekündigt hat – unterlegt mit Zahlen und Fakten: Nach repräsentativen Umfragen besitzen 15 Prozent der Mitarbeiter eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen – 85 Prozent dagegen nur geringe und zu einem kleineren Teil gar keine. Das macht nachdenklich, allerdings bleibt in dem Konzept des Buches kein Platz, die Gründe hierfür nachzuvollziehen. Vielleicht entnimmt man einiges den folgenden Seiten über Führungsstile in Unternehmen und über die (Geld-)Verdienste internationaler Topmanager… Ein freiberuflicher Journalist jedenfalls verdient statistisch gesehen etwas mehr als eine Hebamme: Zwischen 1.895 und 2.440 Euro im Monat. Ausreißer dürfte es geben. Das Geld, oder ein guter Teil davon, landet im Supermarkt. Der wird gezeigt, nachdem man (grafisch) das Dach entfernt hat, und es werden sichtbar: Große Einkaufswagen (der Kunde legt mehr hinein), Obst und Gemüse am Eingang (für die Sinne), Artikel mit hoher Gewinnmarge (am best-sichtbaren Punkt der Regalwelt) und zuletzt die Quengelzone (kennt jeder mit Kindern) Und der Weg zu Milch und Butter ist weit, mit Absicht. Ob das Aufdecken des Supermarktes und seiner Tricks der Mündigkeit des Verbrauchers weiterhilft? Man weiß es nicht, aber man bleibt zumindest hier in der weiten Wirtschaftswelt dieses Buches Herr seiner Gedanken, da wird nicht manipuliert, gepredigt, oder zu überzeugen versucht.

Sagen, was ist, scheint das Motto gewesen zu sein, ehe dieser Slogan wichtigtuerisch ein Wochenmagazin bewerben sollte. Ein Blick noch auf diejenigen, die wohl kaum noch jemals selbst einen Supermarkt aufsuchen: Die Milliardäre dieser Welt. Pro Kopf der Bevölkerung gibt es davon die meisten in der Schweiz, in Singapur, in Hongkong – aber auch im Karibik-Inselstaat St. Kitts & Nevis, in Island und auf Guernsey. Immerhin 103 Milliardäre siedeln in Deutschland. Die meisten sind weltweit – wen wundert’s – männlichen Geschlechts. Und so geht es weiter: Wer wäre je auf den Gedanken gekommen, das Wesen der Gewinn- und Verlustrechnung grafisch mit Erbsen darzustellen, welche hier getreulich gezählt werden? Wie kommen Kaufideen in unsere Gehirnwindungen, und was machen sie da? Treffen sie auf bereits früher gespeicherte Werbeslogans? Wer liefert alles die Teile für ein Boeing-Flugzeug oder für ein iPhone? Wo ist der Wohlstand zu Hause? Hinter den Bergen, finden die Autoren: „Am Ende gewinnen immer die Schweizer“, so ein Fazit, „manchmal aber auch die Hongkong-Chinesen“. Dabei bleibt es natürlich nicht, es gibt da noch den Big-Mac-Index und die Hidden Champions, die Analyse der Bundesliga aus jedem bisher unbekannten Blickwinkel, und vieles mehr. Das Buch passt (gerade so) auf den Kaffeetisch genau wie ins Studierzimmer (etwa für das Kapitel über die großen Denker von Aristoteles bis Milton Friedman). Umwelt, Transparenz, Industrie 4.0 – man ist über alles im Bilde, im wahrsten Sinne des Wortes.

Der visuelle Wegweiser sucht also seinesgleichen. Ein Wimmelbuch für große Leute, und für etwas kleinere natürlich auch – so hat auch der Schüler oder Student Wirtschaft noch nie gesehen, wetten?

Die Autoren: Thomas Range ist erfahrener Buchautor und Journalist beim vielfach ausgezeichneten Wirtschaftsmagazin „Brand Eins“ und schreibt für den britischen „Economist“. Jan Schwochow zeichnete für die Grafik des „Stern“ verantwortlich und betreibt heute die Agentur „Golden Section Graphics“. Für die Grafiken in diesem Buch unterstützten ihn Freunde und Kollegen.


Reinhard Schlieker ist Redakteur und Moderator im Börsenstudio des ZDF.


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Es ist leider offensichtlich an den Kommentaren. Kaum einer hat es gelesen, aber kritisiert selbstverständlich. Ganz wie bei Sarrazins Buch, erinnern sich diese Leser nicht?! Schade, aber so etwas ist nicht hilfreich. Es ist auch keineswegs so, dass das Niveau nur für Teenager ist. Es braucht nicht immer eine künstliche Verkomplizierung. Wieso? Damit sich Autor und Leser besonders klug vorkommen? Es ist so schon lehrreich genug und das sage ich als jemand, der hier schon länger lebt. Wesentliche Kaufentscheidung war auch in einem wirklich gut designtem Informationsbuch nicht mit dem linken, moralischen Zeigefinger behelligt zu werden. Diese Rechnung ist leider… Mehr
Die Frage ist natürlich, wie man solche Zahlen interpretiert. Beispiel: Wenn (in Deutschland) nur 15 % der Mitarbeiter eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen haben, dann kann man folgende Schlüsse ziehen: 1. Die große Mehrzahl (85%) der Deutschen Unternehmen taugt nichts. 2. Bei der Mehrzahl der Mitarbeiter handelt es sich um undankbare und verwöhnte Wohlstandsbürger, deren Lieblingsbeschäftigung das Jammern ist. 3. Jammern ist wesentlich einfacher als selbst ein besseres Unternehmen zu gründen und zu beweisen, dass man ein toller Arbeitgener ist und man tolle Arbeitsbedingungen und hohe Löhne mit globaler Wettbewerbsfähigkeit verknüpfen kann. Ich persönlich bin nicht der Meinung,… Mehr

Test 1, 2, 3

Test

Perfect. Now I’ve the Christmas gift for my grandson (13). Thanks!

Dem Buch kann ich nichts abgewinnen. Einen Artikel mit einer Graphik (neudeutsch: Infografik) zu illustrieren ist das eine. Aber die Wirtschaft und ihren komplexen Kreislauf anhand von Wimmelbildern erläutern zu wollen ist genau die Krankheit der heutigen Zeit. Es besteht nicht mehr die Muße sich auch mal ein weniger länger, mehr und intensiver mit einer Materie auseinanderzusetzen.

Das Buch ist sicher eine gute Handreichung für 11011 Berlin, aber ansonsten Zeit- und Geldverschwendung.

Ernsthaft Danke für den Hinweis.

Habe ich mal für meine beiden Kinder gekauft. Sind zwar erst 10 und 12, aber selbst falls sie nicht alles verstehen (wohl ein ziemlicher Euphemismus :-)), dann bleibt vielleicht doch etwas hängen…

Frohe Weihnachten!

„Wie kommen Kaufideen in unsere Gehirnwindungen, und was machen sie da? Treffen sie auf bereits früher gespeicherte Werbeslogans?“

Ja, wie machen die das nur?

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