Nation ehren

Dr. Wolfram Weimer hat eine Analyse des Zeitgeistes mit einer neuen Verortung alter Werte vorgelegt und im Stil eines Dekalogs die großen Bezugsräume des Konservativen ausformuliert. Sein Leitmotiv: Konservativ ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

»Achte des Menschen Vaterland, aber das Deinige liebe!«
Gottfried Keller

Der Konservative ist Patriot. Er fühlt sich seinem Vaterland verbunden, ohne es zu glorifizieren und ohne andere Nationen herabzusetzen. Das unterscheidet den Patrioten vom Nationalisten.

Für Deutsche ist selbst der weltoffene Patriotismus ein ambivalentes Unterfangen. Nicht nur der monströse Abgrund des Nationalsozialismus hat die Vaterlandsgefühle der Deutschen tief verunsichert. Schon zuvor war der deutsche Patriotismus ein heikles Konstrukt kultureller Identität. Die Deutschen bildeten schon über Jahrhunderte, auch vor der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bloß eine „Sprachgemeinschaft“ ohne einheitlichen Staat. Deutschland war bis 1871 eine „verspätete Nation“ und bestand über Jahrhunderte aus vielen kulturell und konfessionell unterschiedlichen Deutschländern, inklusive des Vielvölkerstaats Österreich: „Was ist des Deutschen Vaterland?“, fragte 1813 Ernst Moritz Arndt, und seine Antwort auf den deutschen Partikularismus war die Idee einer deutschen Kulturnation: „Ist’s Preußenland? Ist’s Schwabenland? (…) o nein, nein, nein! (…) Das ganze Deutschland soll es sein! (…) Soweit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt.“ Das „ganze Deutschland“ war damit dort, wo deutsche Kultur und Sprache wirkte. Aus der Metapher „Zunge“ wurden Narrative deutscher Identität von Literatur bis Recht, von Musik bis Philosophie und Arbeits-, Frömmigkeits- und auch Wissenskulturen, entwickelt. Durch das Ausscheiden Österreichs aus dem Verbund der deutschen Staaten und die kleindeutsche Nationalstaatsgründung von 1871 gewann die preußische Identitätslinie ein Übergewicht. Das Nationalbewusstsein wurde von Luther, über Friedrich den Großen hin zu Bismarck geprägt, der Stolz auf die Leistungen der Weimarer Klassik („Land der Dichter und Denker“) mit preußisch-militärischen Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Treue, Pünktlichkeit vermengt.

Für den Konservativen ist aber nicht entscheidend, ob das nationale Narrativ nun katholischer oder protestantischer, nord- oder süddeutscher, preußischer oder bayerischer angelegt ist. Er weiß sich als Teil einer nationalen Wirklichkeit und einer jahrhundertealten Traditionslinie und bekennt sich zu ihr.

Der Konservative folgt dem Gedanken des liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf, wonach Patriotismus die „Voraussetzung des Weltbürgertums“ ist, weil man die andere Nation nur wahrhaft respektieren kann, wenn man um die eigene Identität weiß. Wo Linke versuchen, den Patriotismus von jeglicher sozialen, geschichtlichen und kulturellen Konkretheit zu reinigen und gewissermaßen zu ent-emotionalisieren, steht der Konservative zum gefühlten Vaterland wie zur Muttersprache.

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 Die Versuche, den positiven Patriotismus durch eine Idee republikanischer Vernunft zu ersetzen oder die Vernunft als Wächterin über den politischen Glauben zu etablieren, hält er für realitätsfremd. Den Rechtsstaats-Patriotismus von Rolf Sternberger bis Jürgen Habermas als eine Art Patriotismus-Ersatz zu preisen, wirkt für den Konservativen konstruiert und emotionslos. Wie ein solitäres Bonsai-Gefühl, wo die Liebe doch ein endloser Wald ist. Selbst Sternberger sah die Notwendigkeit, im Patriotismus wieder ein „Element natürlicher Heimatlichkeit“ einzuführen, um eine radikal rationale Bestimmung des Begriffes zu vermeiden.

Jürgen Habermas wollte den Patriotismus unbedingt von allen vorpolitischen Bestimmungen säubern. Sein Verfassungspatriotismus sollte eine Gemeinschaft von Staatsbürgern zusammenführen, die „ethisch imprägniert“ seien und für die kulturelle oder ethnische oder religiöse Herkünfte keine Rolle mehr spielen. Der dem zugrunde liegende Gedanke des modernen „citoyen“ beziehungsweise „citizen“, ist dem Konservativen nicht unsympathisch. Aber als reine politische Abstraktion wird er dem Selbstgefühl von Menschen und ihrer kollektiven Identität nicht gerecht. Durch die Hervorhebung der abstrakten Figur des Staatsbürgers wollte man das Individuum vor den repressiven Tendenzen partikularer Kulturen und Traditionen schützen, die prinzipielle Gleichheit der Einzelnen betonen und das Denken in universalistischen Kategorien erst möglich machen. Dabei übersah man jedoch, dass dieser Staatsbürger immer auch Herkunfts- und Heimatbürger ist, dass er einer familiären Kategorie von nationaler Zusammengehörigkeit folgt.

Die Familienmetapher des Patriotismus bis hin zur Begrifflichkeit von „Vaterland“, „Muttersprache“ und „Brüderlichkeit“ folgt einer großen europäischen Geistestradition. So bezeichnete der Republikaner Jean-Jacques Rousseau die Patria als „die gemeinschaftliche Mutter der Bürger“. Dadurch wurde die politische Sicht der Polis teilweise durch eine organisch-naturalistische ersetzt. Zuweilen eröffnet dies erst Solidarisierungen und Hilfsbereitschaften, die andere Narrative so nicht herstellen konnten. Zugleich wurde die Nation auch als das Handlungsmuster der Gegenwart erkannt, das eine größtmögliche Stabilität und demokratische Legitimation ermöglicht. Alle supranationalen Konstrukte leiden bislang unter Akzeptanzproblemen und Legitimationsdefiziten oder schlichtweg an Gestaltungsmacht. In einer unübersichtlichen Welt latenter Konflikte, verspricht die Nation bis heute einen berechenbaren Stabilitätsfaktor.

Der Konservative bekämpft also Patriotismus nicht als etwas latent Gefährliches, das zum nationalistischen Ressentiment pervertiert. Er hält sich an Aufklärer und Republikaner wie Rousseau und Kant, die die Nation als vorpolitische Gemeinschaft gedacht haben. So plädierte Rousseau – wie später auch Herder – für den Erhalt der kulturellen Vielfalt der Nationen. Die „patria civitatis“ (das staatsbürgerliche Vaterland) steht für den Konservativen neben der „patria naturae“ (dem natürlichen Vaterland), um auf die Begrifflichkeit Ciceros zurückzugreifen, die Nation wird als offene Gemeinschaft von freien Staatsbürgern verstanden, zugleich aber auch als eine in sich geschlossene kulturelle Abstammungsgemeinschaft.

Es lohnt sich, die Einschätzung von Hans Hirzel in diesem Zusammenhang zu vergegenwärtigen. Hirzel war Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen die Nazi-Diktatur. Aus Anlass des 60. Jahrestags der Hinrichtung der Geschwister Scholl erklärte Hirzel: „unser Widerstand war ausgesprochen patriotisch. Denken Sie an Willi Grafs vorletzten Brief, in dem er von seiner ‚Liebe zu Deutschland‘ sprach. Oder denken Sie an Professor Huber, der seinen letzten Schluck Wein vor der Hinrichtung ausdrücklich auf das ‚Wohl seines geliebten Vaterlandes‘ trank und seiner Frau schrieb: ‚Freue Dich, dass ich für unser Vaterland sterben darf.‘ Sophie sprach vor Gericht davon, dass sie das Beste ‚für ihr Volk‘ getan habe.

Nur bei Hans ist mir kein solcher Bezug bekannt. Richard Hanser veröffentlichte in den USA ein Buch über die ‚Weiße Rose‘ mit dem Titel ‚Deutschland zuliebe‘ – er konnte das schreiben, weil er Amerikaner war, von deutscher Seite gibt es dagegen kein solches Buch.“ Die Geschwister Scholl sowie Willi Graf kämpften gegen Diktatur und Unterdrückung, für die Freiheit, und sahen sich selbst als Patrioten.


Wolfram Weimer

Aus:
Dr. Wolfram Weimer, Das konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit. Plassen Verlag, 112 Seiten, 9,99 €.

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Ich bin TE sehr dankbar für diesen Einblick in kluges und umfassendes Denken, schliesslich auch anderen Denkens. Es beleuchtet ein meines Erachtens gewichtiges philosophisches Problem. Etwas von Nichts, genauer etwas im strikten Sinne rein Gesetztes, kann das Etwas sein oder ist es Nichts? Oder anders, kann ich den Staatsbürger als Staat nicht vom Bürger denken, sondern als sagen wir moralisches Ethos an und für sich, dem sich wie Habermas vielleicht meinen würde, der Bürger im Vollzug des moralischen Gesetzes in seiner Brust und des gestirnten Himmels über ihm, schon zurechnen wird? Oder ist das dann nicht vielleicht auch Anderes? Wie… Mehr

Der russische Philosoph Nikolai Berdjew hat etwas sehr wahres gesagt: »Der Konservative träumt nicht davon, in die Vergangenheit zurückzukehren. Der Konservative will die Errungenschaften der Vergangenheit vor dem Ansturm der Barbarei retten.«