Heimat leben

Dr. Wolfram Weimer hat eine Analyse des Zeitgeistes mit einer neuen Verortung alter Werte vorgelegt und im Stil eines Dekalogs die großen Bezugsräume des Konservativen ausformuliert. Sein Leitmotiv: Konservativ ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

»Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss«
Johann Gottfried von Herder

Für den Konservativen ist Heimat nicht Enge, sondern Tiefe. Er empfindet sie als etwas Vegetatives, Natürliches, als eine Verwurzelung. Von Jean Améry stammt die Umschreibung: „So wie man die Muttersprache erlernt, ohne ihre Grammatik zu kennen, so erfährt man die heimische Umwelt. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt.“

Dem Konservativen ist die Heimat weder Retro-Mode noch Blut-und-Boden-Ideologie. Im Gegenteil bedeutet Heimat das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der Heimatbegriff des Konservativen ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen „philosophischen Begriff gegen die Entfremdung“ sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil – die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine den Menschen bestimmende Immobilie. Heimat ist Geborgenheit. Ist Seinsnähe. Alles, was Seinsnähe bietet, achtet der Konservative.

Nun ist Heimat gerade sehr in Mode. Im Retro-Glanz stehende Lokalkolorite sind schicker Alltag geworden. Altholz-Dielen knarren in Penthouse-Wohnungen, der Markt der Heimatmagazine und Heimatkrimis boomt, das Fernsehen lokalisiert von der Bayern-Soap „Dahoam is Dahoam“ bis zum Eifel-Krimi in der ARD und Heimatfilme im Kino dürfen wieder so heißen. Selbst lokal-traditionelles Essen ist Kult. Junge Hamburger kochen wieder Labskaus, Frankfurter suchen Kräuter für ihre Grüne Soße, lokale Biere wie „Rothaus Tannenzäpfle“ und „Astra“ sind Kultprodukte. Über dem Klavier im Szene-Café hängen alte Familienfotos und zum Abi-Ball zieht man in Bayern wieder Dirndl an. Heimat als Lifestyle gewinnt an Bedeutung – wir sehnen uns nach einem kleinen Stück Idylle im von Stress geplagten Großstadtleben – bis hin zum Bio-Bauernmarkt. Auf dem Kaffeetisch stehen heute wieder im Wald gefundene Dekostücke, deren Rinde noch feucht ist, und alle Kekse sind selbst gebacken.

Gewiss, die globalisierte Beschleunigung verunsichert und die Sehnsucht nach beständigen Werten, nach Gewissheit in einer gefühlten Welt der Heimatlosigkeit, wächst. Der Konservative hat in seiner Heimat schon immer Zuflucht und Geborgenheit gefunden, aber nicht wie mit einem Orden am Revers, sondern wie ein Rückgrat seiner selbst. Der Schweizer Autor Peter Bichsel meint: „Heimat ist, wenn ich mich darüber aufrege.“ Heimat ist dem Konservativen wie „Weihnachten“ oder „Abendsonne“ oder „Mutter“.

Der Kulturwissenschaftler Heinz Schilling erklärt: „Heimat ist eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle.“ Die Philosophin Karen Joisten findet, dass die Heimat eine wesentliche Antwort auf die Woher-Frage des Menschen bietet: „Der Mensch ist auf die Heimat als seine konstitutionell bedingte Grenze bezogen, an die er, im Zusammenhang mit der Möglichkeit universaler Entgrenzung stehend, unhintergehbar gebunden ist.“ Sie geht vom Wesen des Menschen und seiner Grundverfasstheit aus, die besagt, dass der Mensch „ein heimatliches Wesen ist, das sich binden und sich ausrichten muss und konstitutionell bedingt ist … zu wohnen und zu wandern“.

Das mag schon zutreffen. Dem Konservativen aber ist Heimat nicht nur ein Kompensationsraum, der eine Zuflucht vor den Zumutungen der Moderne verheißt. Er ist das Ur-Eigene, das einfach da war und da ist. Heimat ist ihm – im Sinne Heideggers – das Boden-Ständige, ein Boden, der ständig da ist. Wenn Modernisierer oder Kollektivierer die Heimat über Jahrzehnte hinweg diffamiert haben als einen Ort der Regression, der Engstirnigkeit, Spießigkeit, als einen reaktionären Ort, dann hat der Konservative ihn instinktiv verteidigt als ein schätzenswertes Reservat seiner Identität.

Bündnis 90/Die Grünen ekeln sich vor der Heimat

Und so freut sich der Konservative, dass die Heimat plötzlich bei allen beliebt ist – sein Wert wieder populär ist. Die Sehnsucht nach Wurzeln und Lokalkolorit ist ein gewaltiges Zeitgeist-Phänomen. Die Globalisierer fangen selber an, zu regionalisieren. So erklären sich auch die Nürnberger Bratwürste auf dem Burger bei McDonald’s. Das einst gemiedene und verpönte Wort „Heimat“ ist positiv besetzt. In neuen Umfragen geben zwei Drittel der Deutschen an, dass Heimat im Zeitalter der Globalisierung für sie an Bedeutung gewonnen hat. Ihnen klingt dieser Goethe plötzlich ganz vertraut:

„Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern /
ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram /
das nächste Glück vor seinen Lippen weg, /
ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken /
nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne /
zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo /
sich Mitgeborne spielend fest und fester /
mit sanften Banden aneinander knüpften.“

Wolfram Weimer


Aus:
Dr. Wolfram Weimer, Das konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit. Plassen Verlag, 112 Seiten, 9,99 €.

Empfohlen von Tichys Einblick – erhältlich im Tichys Einblick Shop ˃˃˃

Unterstützung
oder

Kommentare ( 23 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Heimat,ja Heimat,das ist für mich als Konservativen der Schlüssel zur Zufriedenheit,aber leider gibt es schlechte Menschen in unserem Land,die wollen am liebsten die Heimat zerstören! Wir haben leider zu viele „Mitläufer“,wie ab 1933 auch schon einmal,die mit wehenden Fahnen hinter einer Horde „Politiker“ herläuft,sie immer brav wieder wählt,und ihnen damit ermöglicht unsere Heimat zu zerstören. Die entscheidente Frage lautet aber,warum sollen wir das zulassen? Es werden nun langsam aber sicher immer mehr Bürger wach,die sich das nicht gefallen lassen wollen.Da ja alle Parteien außer der AfD an der Zerstörung tatkräftig mit wirken,braucht sich auch niemand wundern,wenn die AfD beständig stärker… Mehr

Aus Gaucks alter Heimat, der Deutschen Demokratischen Republik.
Der Heimat der Arbeiter-und Bauernmacht. Man sprach Deutsch und auch ab und zu Russisch. Alles für den Schutz der sozialistischen Heimat.

https://www.youtube.com/watch?v=nq2ZK15almU

Heimat 2018: Das ist, wenn ein Migrant, der einen 40-jährigen deutschen Familienvater mit zwei Kindern (13 und 9 Jahre) totschlägt, weil der keine Zigaretten hergeben will, Bewährung bekommt.

Heimat 2018: Das ist, wenn ein 43-jähriger Polizist, der an einem Imbissstand einen Asylbeanspruchenden anrempelt und „Black man, go home“ zu ihm sagt, 14 Monate ohne Bewährung bekommt, aus dem Polizeidienst entfernt wird und seine Existenzgrundlage verliert.

(https://www.tag24.de/nachrichten/augsburg-heidenheim-giengen-brenz-polizist-attacke-angriff-schwarzer-asylbewerber-urteil-haft-630918)

Die arbeiten gerade an einem Stresstest für das Volk. Wie lange können wir so weitermachen bis das Deutsche Volk diese Juristen und Politiker, also die Machthaber und ihre Helfershelfer, aus dem Tempel jagt.

Und dann kommst du zurück, nach Jahren in der Fremde. Und erkennst diese Örtlichkeit wieder, deinen Heimatort. Da ist viel Vertrautes aus der Zeit der Kindheit aber auch Neues. Dort leben Menschen mit denen du aufgewachsen bist. Ja, das ist Heimat, meine Heimat und ich erkenne das Schöne, das Vertraute dieser Heimat die auch Geborgenheit bietet. Wenn man das will.

Ja, Jorgos, wenn man das will … und sein Maul hält.

Wieso sollte man “ das Maul halten”?

Weil du als Nazi gemobbt wirst, wenn du die Regierung oder die Haltung von Linken und Grünen kritisierst. Dabei war ich einer der ersten Linken und Grünen in meinem Heimatdorf – aber auch dafür war ich vor 40 Jahren als „Roter“ verschrien.

Dein Sohn ist ein Kommunist, das sagte sein Chef zu meinem Vater 1965. Nach eine Demo gegen den NPD Vorsitzenden Adolf von Thadden. Wir waren damals Jugendliche im Alter von 15-20 Jahren. Die Generation unserer Väter bestand zum großen Teil aus alten Nazis. Und diese Nazis waren in allen Parteien zu finden. Von CDU bis SED in der DDR. Die heutigen Antifa Idioten wissen garnicht was Nazis sind. Sie sind die Nachfolger der SA Schlägertrupps. ZITAT: „Die AfD hat nicht Millionen Rassisten geweckt, sondern schlicht Bürger, die es nicht akzeptieren, wenn man sich Argumenten gegen eine Masseneinwanderung mit der Nazi-Keule… Mehr

Heimat „ist gerade eine den Menschen bestimmende Immobilie. Heimat ist Geborgenheit. Ist Seinsnähe. Alles, was Seinsnähe bietet, achtet der Konservative.“

Als Nachkriegskind und aus einer gestörten Familie kommend, kann ich all dies nicht empfinden. Für mich ist Heimat Ungeborgenheit, Streit, Ungerechtigkeit, Respektlosigkeit und Unglück, und natürlich Verleugnung von all diesem. Ich wollte immer weg. – Vielleicht erklärt sich der Deutschenhass der Linken und Grünen aus einer ähnlichen Erfahrung.

Lieber Herr Seiler, das stimmt mich sehr traurig, das von Ihnen zu hören und Sie sind gewiss kein Einzelfall in unserem Deutschland der Nachkriegszeit. Mein Vater hat den ganzen Krieg nur in den Schützengräben Russlands, Frankreichs und Belgiens verbracht. Er wurde vielfach verwundet und immer wieder zurück zur Front geschickt. Er war nie in der Partei. Trotzdem hat er eine große Bauernfamilie gegründet, in der wir 7 Kinder trotz aller Nöte Geborgenheit, familiären Zusammenhalt und Anstand gelernt haben. Das ging wahrscheinlich auch deshalb, weil er gläubiger Katholik gewesen ist. Er hat uns jeden Sonntag nach der Messe seine Erlebnisse an… Mehr

Danke an Aljoschu für die ausführliche Antwort. Bei uns war das Problem nicht die Nazivergangenheit der Älteren, sondern das tiefe Ressentiment zwischen den sozialer Klassen in der Familie. Mutter und Vater kamen aus verschiedenen sozialen Schichten. Das kann bereichernd sein, wenn man gut miteinander umgeht, ist aber zerstörerisch, wenn sich die Ressentiments austoben. Die Kinder sehen dann, wie sich Menschen, die sie alle lieben, gegenseitig mit Hass behandeln, und können das nicht verstehen. – Sind nicht viele Grüne soziale Aufsteiger oder deren Kinder, die vielleicht der soziale Aufstieg seelisch entwurzelt hat und die diese Entwurzelung aufs Gemeinwesen projizieren?

Nein, Herr Seiler, das glaube ich nicht, denn auch ich bin so ein sozialer Aufsteiger und kenne das Milljö. Für den Selbsthass der Grünen und Linken braucht es einen viel stärkeren inneren Antrieb. Ich glaube eher, bei den Grünen meines Alters sind es die Väter, die aus dem 2. Weltkrieg kamen und aufgrund ihrer Erlebnisse oder Taten verstummten, sich umbrachten oder aber in ihren Familien zur Despotie neigten. An diesen Vätern und an diesen Familien wollen sie sich rächen und diese Gene wollen sie sich quasi aus der eigenen Brust herausreißen. Nur sollen wir alle von dieser Grünen Selbstzerstörungswut getroffen… Mehr

Da gebe ich Ihnen recht. Hineingeboren in ein Gesellschaft des Selbsthasses. Eine Gesellschaft die unsere Geschichte auf die 12 Jahre verkürzt. Wer möchte einem Volk von Verbrechern angehören, niemand. Die Verbrecher kamen aus unserem Volk, es bleiben immer Verbrechen von Einzelnen. Es gibt vielleicht ein Kollektivversagen, aber keine Kollektivschuld.

Heimat ist für mich besonders jener Ort, von dem ich fliehen muss in ein Exil weit weg in der Fremde, weil ich es nicht ertragen kann, tagtäglich mit anschauen zu müssen, wie ihn Dummköpfe hemmungslos zugrunde richten – mit denen ich doch aufgewachsen bin, mit denen ich zusammen in die Schule ging, zur Uni, arbeitete, Fußball spielte, diskutierte und feierte.

Das ist zu kurz, das versteht Niemand. Sie müssen das besser erläutern.

2018 in einem Land mit Schulpflicht und Englisch und Internet ganz bestimmt nicht.

Ich lebe in Köln. Acht Urgroßeltern und 3 Großeltern liegen im Umkreis von 25km um meine Wohnung beerdigt: Das sind meine Wurzeln!
Und ja, Fr. Käßmann, alle waren Deutsche – damit Sie wissen, „woher der braune Wind weht“.

EINE PASSAGE AUS NIETZSCHES GEDICHT „DIE KRÄHEN SCHREI’N“: „Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat. […] Was bist Du Narr-vor Winters in die Welt entflohn“ […] Die Welt ein Tor zu tausend Wüsten, kalt und stumm […] versteck Du Narr, Dein blutend herz in Eis und Hohn […] Weh dem, der keine Heimat hat!“ Und ähnliche Verse lassen sich bei vielen anerkannten Dichtern finden. Selbst der heute als links gehandelte Heinrich Böll (nach ihm ist leider eine Stiftung benannt, die nicht viel Gutes bringt) sprach von der „Eigentlichkeit“. In seinem Roman „Wo warst Du Adam?“ gibt es mehrere Passagen, die… Mehr

Wenn sich die Grünen sich vor der Heimat ekeln, dann bin ich mir ganz sicher, auf einem gutem Weg zu sein, denn ich liebe meine Heimat und ekel mich vor den Grünen. Ich lasse mir auch von keinem weltfremden Spinner vorschreiben, wie ich meine Heimat zu betrachten habe. Heimatliebe hat auch etwas mit Werten zu tun und wer das nicht nachvollziehen kann, ist offensichtlich Wert(e)los.