Die Rolle der Nation in der Reformation

Ein weltbewegendes Datum: am 2. April jährt sich die Rede von Martin Luther vor dem Reichstag in Worms zum 500. Mal – Klaus-Rüdiger Mai bietet sowohl einen umfassenden Blick auf Luthers Reise nach Worms im Jahr 1521 als auch auf die Gründe, die zur Reformation führten.

Ist das Thema „Luther“ nach dem Lutherjahr 2017 „ausgeluthert“? Nein, keineswegs, denn 2017 blieben vor lauter Verneigung vor politisch korrekten Themen Fragen des Glaubens, der Verbundenheit mit Christus, der politischen Umstände der Reformation und der Bedeutung der Gemeinde als Ort des Glaubens nachrangig.

Insofern ist das mittlerweile dritte Buch von Klaus-Rüdiger Mai über Luther (nach „Martin Luther – Prophet der Freiheit“ von 2014 und „Gehört Luther zu Deutschland?“ von 2016) eine wichtige Ergänzung zu 2017, vor allem aber ist es ein umfassender Blick auf die 500. Wiederkehr des Reichstages von Worms im Jahr 1521 und damit auf ein wahrlich weltbewegendes Datum.

Klaus-Rüdiger Mai verbindet zwei Talente: Er ist ein glänzender Erzähler, und er ist ein versierter politischer und theologischer Kopf. Diese fruchtbare Verbindung merkt man seinem neuesten Buch wieder an. Mais aktuelles Werk hat den Titel „Und wenn die Welt voll Teufel wär. Martin Luther in Worm.“ Schon wenige Zahlen belegen die Gründlichkeit des Autors im Umgang mit seinem Thema: Umfang 355 Seiten, 318 Belege, rund 300 Angaben im Literatur- und Quellenverzeichnis, dazu ein sehr hilfreiches Personenverzeichnis mit fast 400 Namen.

Das Buch beginnt mit einem Ereignis, das gut hundert Jahre vor 1521 geschah: Der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus hatte 1415 von Kaiser Sigismund die Zusage des freien Geleites erhalten, wie später Luther von Karl V., war aber dennoch in Konstanz anlässlich des dort stattfindenden Konzils als Ketzer verbrannt worden. Es ist dies ein psychologisch interessanter Einstieg, den Mai wählt, denn er lässt erahnen, in welch inneren Konflikt, ja in welch lebensbedrohliche Lage sich Luther mit seiner Reise von Wittenberg nach Worms begeben haben mag.

Martin Luther in Worms
»Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.«
Am 2. April 1521 jedenfalls tritt der seit dem 3. Januar 1521 exkommunizierte Martin Luther, zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt und noch nicht verheiratet, seine 600-Kilometer-Reise von Wittenberg über Erfurt, Gotha und Eisenach zum Reichstag nach Worms an. Nur etwas mehr als eine Woche weilte Luther in Worms. Sein Auftritt war „nur“ ein Punkt auf der gewaltigen Agenda eines Reichstages, der vom 27. Januar bis 26. Mai 1521 dauerte und dessen Oberster der gerade einmal 19 Jahre alte, eben erst in Aachen gekrönte Kaiser Karl V. war.

Um die Reise selbst geht es Mai weniger. Natürlich kommen die Strapazen zur Sprache. Aber vor allem geht es Mai um die politischen Umstände von „Worms“. Wir können hier nicht alles aufgreifen, was der Autor zur Sprache bringt: die Zwei-Regimente-Lehre, die Rechtfertigungslehre, Luthers disputative Auseinandersetzung mit Johann Eck, die katastrophalen hygienischen und kriminellen Umstände in der Stadt Worms während des Reichstags, Luthers 21 Tage währendes freies Geleit nach seiner Abreise aus Worms, seine lange und kreative Rast vom 2. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nach der Rückkehr von Worms auf der Wartburg, Luthers Reichsacht vom 8. Mai 1521 („Wormser Edikt“), mit der er für vogelfrei erklärt wurde.

Zu all dem wird man im Mai-Buch kundige Erläuterungen finden. Natürlich auch die weltberühmten Sätze „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberst auch in unser aller ernstesten Schlachtordnung nicht getan haben“ und (je nach Überlieferung) „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“ Leider wenig zur Sprache kommt der Satz, der den Haupttitel des Buches abgibt: „Und wenn die Welt voll Teufel wäre.“ Es ist dies der erste Vers der 3. Strophe des Wochenlieds „Ein feste Burg ist unser Gott“ – eine Anspielung auf das Evangelium von Matthäus 4,1–11 oder die Versuchung Jesu durch den Teufel.

Greifen wir die für Luther sehr bedeutenden „Gravamina der deutschen Nation“ (lat. „Gravamina nationis germanicae“, erstmals 1456) heraus – eine ab Mitte der 15. Jahrhunderts nach und nach entstehende Sammlung von Beschwerden aus dem deutschen Sprachraum „wider den päpstlichen Hof“. Ihre Gegenstände waren die materielle Schädigung der deutschen Lande durch Rom, die Einflussnahme Roms auf die Besetzung kirchlicher Ämter und Pfründe im Reich und – ganz klar – die Geldzahlungen für kirchliche Akte etwa in Form des Ablasshandels. Man wollte die Prachtentfaltung der Renaissancepäpste stoppen. Bis zum Reichstag von Worms hatten sich die „Gravamina“ auf die stolze Zahl von 102 aufsummiert.

»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«
Und wenn die Welt voll Teufel wär - Martin Luther in Worms
Luther kannte die „Gravamina“ natürlich bestens, 1520 hatte er sie in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ aufgegriffen. Er beschleunigte damit sehr wohl, dass politische Bewegungen und die der Reformation ineinander übergingen, denn auch Reichstage befassten sich immer wieder mit den „Gravamina“. Auf dem Reichstag von 1523 in Nürnberg etwa wurden die Gravamina zu 74 Artikeln zusammengestellt. Kaiser Karl V. versprach, diese dem Papst zu unterbreiten. Nicht nur am Rande: Die „Gravamina“ waren, auch wenn Deutschland erst viel später zu einer „verspäteten Nation“ wurde, zugleich ein erster Ansatz eines nationalen, deutschen Selbstverständnisses. Ulrich von Hutten etwa hat 1518/19 anstelle der Türken oder Frankreichs den Papst als Gegner der „teutschen Freiheit“ identifiziert. Zur Erinnerung: Konstantinopel war im Jahr 1453 von den Türken erobert worden. Für die Eindämmung des osmanischen Reiches hatten Päpste an neue Kreuzzüge und für deren Finanzierung an „Türkensteuern“ gedacht.

Wie auch immer: Ohne die „Gravamina“ der deutschen Nation hätte die Nation auf Luther nicht geantwortet, wäre die Reformation nicht gekommen. Worum ging es Luther in Worms? Luther wollte den Unterschied zwischen äußerer Kirche, der Amtskirche, und innerer Kirche, Gemeinschaft mit Jesus, deutlich machen. Für Luther bestand die größte Gefahr für die äußere Kirche in der Veräußerlichung, der Selbstsäkularisation, im Funktionärwerden ihrer Amtsträger, in der Entmachtung und der Marginalisierung der Ortsgemeinden. Luther kämpft 1521 in Worms überhaupt gegen den politischen Machtanspruch der Kirche, gegen ihre Verweltlichung, gegen die feudal lebenden Renaissancepäpste. Christ zu sein bedeutete für ihn zuallererst, Christus zu folgen.

Ist die Kirche eine Institution des Glaubens oder der Macht? Diese Frage bewegte Luther, und sie bewegt den Autor Klaus-Rüdiger Mai, der er auch in seinem Buch „Geht der Kirche der Glaube aus?“ aus dem Jahr 2019 nachging. Besonders interessant im aktuellen Buch ist des Autors „Epilogus“. Mai stellt – quasi rhetorisch – die Frage: Was wäre, wenn Luthers Kirchenbann und Exkommunikation heute von der katholischen Kirche aufgehoben würden? Und er antwortet fragend und zugleich sibyllinisch: Von welcher katholischen Kirche? Diese sei ja recht eigentlich erst in Trient mit dem Konzil von 1545 bis 1563, also nach Luthers Tod (1546) entstanden. Mai weist auch den Begriff „Gegenreformation“ zurück, denn auch in der katholischen Kirche wurde intensiv über eine Reform der Kirche nachgedacht.

Alles in allem: Das Buch belegt erneut, wie sich zwei Merkmale Mai’scher Schreibkunst vereinen: das streng historische und theologische Analysieren sowie das romanhafte Schreiben. Der Protestant Mai erweist sich dabei nicht als eine Art Hardcore-Lutheraner, sondern – wie es auch seine anderen Schriften belegen – als einer, der auch dem Katholizismus, sogar dem einen oder anderen Papst einiges abzugewinnen vermag. Vor allem aber warnt er die katholische Kirche aus leidvoller Erfahrung mit seiner Kirche davor, den Weg in Richtung politisierter NGO einzuschlagen.

Diese Besprechung von Josef Kraus erschien zuerst in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur.

Klaus-Rüdiger Mai, Und wenn die Welt voll Teufel wär. Martin Luther in Worms. EVA, 364 Seiten, 25,00 €.


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Kommentare ( 3 )

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giesemann
17 Tage her

Es ging also in erster Linie darum, die Chuzpe der Päpste jn Rom an zu gehen – ein Prozess, der heute noch anhält. Wer denen Geld gibt, Stichwort Kirchensteuer, der ist selber schuld, soll nicht jammern.

Physis
17 Tage her

Nun, ich bin beizeiten aus der Kirche aus getreten. Damals war aber der Grund nur, Geld zu „sparen“! Geld, das mir damals schon ohne Kirche fehlte und Geld, das so GAR KEINE „Zinsen“ brachte! Tja, damals war ich genau 18 Jahre jung und die damals noch etwa 20 „sehr harten“ D-Mark waren sehr willkommen! Das ist nun schon knapp vierzig Jahre her und ich gebe zu, dass ich seitdem immer wieder mit mir haderte! Wenn ich aber die heutige, sogenannte Kirche betrachte, so komme ich nicht umhin, zu behaupten, dass mein Kirchenaustritt nicht nur damals sehr richtig war, sondern all… Mehr

dill
17 Tage her

„Christ zu sein bedeutete für ihn zuallererst, Christus zu folgen.“ Ist das so? Hier ist jemand gründlich anderer Meinung und arbeitet die Unterschiede zwischen der schlichten und kraftvollen Botschaft des Jesus von Nazareth und Luthers Glaubenslehre deutlich heraus:
https://www.theologe.de/theologe3.htm