Wenn Vögel grüne Pläne sabotieren

Baden-Württembergs grüner Umweltminister will einen Windkraft-Ausbau der Superlative: er sieht „Potential“ für 20.000 neue Räder. Naturschutz ist ihm dabei nicht so wichtig.

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Auf geschützte Vögel ist der grüne Umweltminister Baden-Württembergs nicht gut zu sprechen. Vor allem nicht auf seltene Exemplare wie Milan und Schwarzstorch. Die Planung neuer Windparks dauere fünf bis sechs Jahre, klagte Untersteller kürzlich in einem Interview auf SWR2. „Und plötzlich nach drei Jahren sieht irgend jemand einen Vogel, und das wird zum Anlass genommen, noch einmal neu zu planen.“ Das Thema Vogelschutz, so der Grünen-Politiker, „wird gern genommen, um Windkraftprojekte zu verhindern.“ Damit müsse jetzt Schluss sein. Die Forderung des Bundesverbandes Windenergie, den Naturschutz zugunsten neuer Windparks stark einzuschränken, so Untersteller, gehe „grundsätzlich in die richtige Richtung“.

Was der Minister damit meint, zeigt die kürzlich veröffentlichte „Potentialanalyse Windkraft“ aus seinem Haus. Das Papier skizziert einen Windkraftausbau im Südwesten, der alle bisherigen Vorstellungen sprengt. Danach gebe es in Baden-Württemberg noch Platz für 12.000 Windkraftanlagen auf Flächen ohne und für weitere 8.000 auf Flächen mit Naturschutz- und anderen Restriktionen. Als windkrafttaugliche Fläche sehen sie Autoren des Ministeriumspapiers 419.000 Hektar – fast 12 Prozent der Landesfläche. Erst der Vergleich mit anderen Zahlen macht deutlich, was 20.000 potentielle Windräder zusätzlich im Ländle bedeuten würden.

Ende 2018 drehten sich an Land 29.200 Windräder – und zwar in ganz Deutschland. In Baden-Württemberg stehen bisher 725 Windkraftanlagen, davon 329 im Wald. Die „Potentialanalyse“ mutet dem Land also fast die dreißigfache Menge an neuen Anlagen zu. Allein, wenn die 12.000 Räder in den Gebieten ohne Flächenrestriktionen gebaut würden, müsste im Schnitt alle drei Kilometer ein Windrad stehen, vom Bodensee bis zur nördlichen Landesgrenze.

In der Praxis würden bei weitem nicht alle 20.000 Anlagen gebaut. Erstens gibt es schon jetzt Klagen gegen viele Windpark-Projekte, oft erfolgreich. Und zweitens fehlen willige Investoren, seit durch das Ausschreibungsverfahren die Margen deutlich gesunken sind. Im Jahr 2017 wurde das neue Verfahren bundesweit eingeführt, nach dem nur noch das günstigste Wind-Projekt den Zuschlag bekommt. Prompt sank auch in dem grün regierten Land die Zahl der neu installierten Anlagen von 123 im Jahr 2017 auf nur 35 im Jahr 2018.

Die fantastische „Potentialanalyse“ dient offenbar vor allem dafür, Umwelt- und Bürgerschutz-Standards drastisch zu senken und große Teile des Landes zur grundsätzlichen Baufläche für die Energieanlagen zu erklären. Sie zeigt aber auch, wie deutlich die Energiewende an ihren eigenen Planzahlen scheitert. Denn die Leistung der 725 Windkraftanlagen in Baden-Württemberg entspricht gerade Stromproduktion des einen verbliebenen Blocks des Kernkraftwerks Philippsburg. Ende 2019 soll die Anlage ihren Betrieb endgültig einstellen.

Im Jahr 2012 verkündete Untersteller in einem Interview mit der Wirtschaftswoche, Baden-Württemberg werde 2020 aus Sonne, Wind und Biogas 38 Prozent seiner Bruttostromerzeugung gewinnen. Heute liegt das Land weiter hinter diesen Planzahlen zurück. Nach den Berechnungen des Umweltministeriums beträgt der Anteil an erneuerbarer Energie an der Bruttostrom-Erzeugung 2018 gerade 26,7 Prozent. Beim Stromverbrauch – das Ländle ist Strom-Importeur – sind es sogar nur 23 Prozent. Dass die Plankennziffer 38 Prozent bis 2020 unmöglich zu schaffen ist, zeigt sich am langsamen Wachstum in der Vergangenheit. Von 2017 zu 2018 nahm die Strommenge aus EE-Quellen nur um 0,5 Prozent zu.

Der Grund für das Scheitern der staatlichen Energiewirtschaftsplanung liegt auch in der viel zu optimistischen Annahme zum Stromertrag von Windrädern. Der Kasseler Steuerprüfer Werner Daldorf vom Anlegerschutzverein Windenergie wertete insgesamt 20.000 Jahresabschlüsse von Windkraftprojekten der Jahre 2000 bis 2016 aus. Ergebnis: Im Schnitt brachten die Anlagen nur 87 Prozent des vorher prognostizierten Stromertrags. Und die Anleger erhielten durchschnittlich gerade 67 Prozent der vorher versprochenen Ausschüttungen.

Sollte sich Deutschland so, wie die Bundesregierung es plant, bis 2050 zu 80 Prozent aus erneuerbaren Stromquellen versorgen und außerdem noch Autoverkehr und Wärmeversorgung weitgehend mit Strom betreiben, dann ginge das  tatsächlich nur mit einer Windraddichte aller 2,5 bis drei Kilometer – so, wie  Unterstellers neuer großer Plan es vorsieht. Und dabei wäre das Problem noch gar nicht gelöst, wo die Strommenge gespeichert werden soll, um notfalls zwei Wochen Dunkelflaute zu überbrücken.

Um seinem großen Ziel auch nur nahe zu kommen, müsste der grüne Minister jedenfalls fast alle Naturräume seines Landes opfern.

Und es würde trotzdem nicht reichen.

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Kommentare ( 152 )

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152 Kommentare auf "Wenn Vögel grüne Pläne sabotieren"

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Mietpreisbremse mal anders.

Wenn Dummheit sich mit Ignoranz und Bürgerfeindlichkeit paart, dann kommt die grüne Partei heraus.

Bitte keinen Realismus, es handelt sich um eine grüne Strategie. Da erzeugen Kobolde den Strom der dann im Netz gespeichert wird.

Der omniöse EE-Anteil von ~36 Prozent ist komplett künstlicher Natur. Er beruht nur auf dem subventionierten Ausbau der EE Anlagen und dem Einspeisevorrang. Ohne Speicher kann auf kein herkömmliches Kraftwerk verzichtet werden, dass wir es dennoch tun senkt die Redundanz ggü. Störfällen. Ja, es ist ganz nett dass gelegentlich Wind und Sonne ausreichen, aber völlig unplanbar, unzuverlässig, und daher sehr teuer. Denn ein großer Teil des EE Stroms aber auch das nicht auf null reduzierbare Backup geht ins Ausland. Ja, netto erzielen wir damit einen schönen Gewinn, aber den zahlt im Endeffekt der Stromkunde, ohne davon etwas abzubekommen. Man hätte… Mehr

Was interessiert einen Grünen die Natur, wenn er sich persönliche Vorteile gegen sie „erarbeiten“ kann. Die Grünen sind solang Naturschützer, solang eben diese Natur ihren persönlichen Interessen nicht im Weg steht.

Deutschland konnte seine CO2-Emissionen von 1990 bis 2018 um gerade mal um 25 % senken. Im Schnitt beträgt die Reduzierung nicht mal 1 % pro Jahr. Bis 2020 sollen es 40% und bis 2030 dann 55% sein.
Es geht nicht nur um Strom, die Industrie, Haushalte und der Verkehr zählen mit. Da muss man lachen (oder wahlweise auch heulen), wenn man sieht wie die aktuelle Politik in Deutschland diese Ziele erreichen möchte.

Die Senkung resultiert aus der Deindustriealisierung im Osten.

„… Sie zeigt aber auch, wie deutlich die Energiewende an ihren eigenen Planzahlen scheitert.“ M.E. scheitert, wie man mit Grausen beobachten kann, die Energiewende eben nicht! Die wird mit eisernem Willen durchgesetzt. Aber alle, die vom Strom abhängen, von der Industrie bis hin zum Privathaushalt, die werden so was von scheitern, weil der Strom dann eben nicht mehr (ausreichend) geliefert werden kann. Und wenn dann alles brachliegt, wird’s die AfD schuld gewesen sein! Und der dämliche deutsche Wähler wird sogar DAS glauben und vorsichtshalber – bevor womöglich noch Räääächtz an die Macht kommt – schnell grün wählen! Das Land ist… Mehr
Ich war den kompletten August und September mit dem Wohnwagen unterwegs: über Polen,Tschechien und Ungarn nach Rumänien und Bulgarien (Schwarzes Meer) – eine andere Strecke über Serbien, Ungarn und Tschechien zurück. Die Anzahl Windparks in all diesen Ländern habe ich im Vorbeifahren nicht gezählt, aber es waren viele. Wenn sich geschätzte 10 % der Windmühlen gedreht haben, wird es viel sein… Bei vielen Windparks war absoluter Stillstand – kein Wind – kein Strom. An der Küste (Schwarzes Meer) haben sich (prozentual) ein paar Windräder mehr gedreht – da ist ja auch immer Wind und man kann ihn nutzen. Diese Beobachtung… Mehr

Kleine Anmerkung: Das mit den Insekten auf der Windschutzscheibe ist vornehmlich auf den flächendeckenden Wegfall von Weidehaltung zurückzuführen.

und die massive Ausweitung der Maismonokulturen für die Biomasse, ein wichtiges Projekt der Grünen: bei Frau Künast war der Bauer der Energielieferant der Zukunft.

Und dem massenhaften schreddern in den Rototren der Windmühlen.

Es war einmal ein Provinzpolitiker, der brachte es in Diaspora seiner Partei bis ins Landesparlament. Karriere machte er überraschenderweise erst, nachdem er aus dem Landtag flog. Bis dahin war er glühender Anhänger der Windindustrie und besaß selbst einen eigenen Windpark. Nach seiner Beförderung zum Regierungspräsidenten sorgte u.a. die Behörde der er vorstand dafür, dass in seiner Region hunderte gigantische Windräder aus dem Boden wuchsen, wie anderswo die Pilze… Auch seinen Söhnen wurden reichlich Genehmigungen für den Bau einer Vielzahl von Solarparks genehmigt. Traurige bundesweite Bekanntheit erlangte er aber erst posthum. Er wurde auf seiner Terrasse erschossen. Der Weg, der in… Mehr

Wir singen mit Ludwig Hirsch selig: Kumm, kloiner Schwarzer Milan, kumm zu mir, i wui die rupfen und wirst „Spitze!“ schrein, wann i di triff, mit meine Flügerln, an denen schon dein Fressen klebt – dass du so leichter in den Vogerlhimmi schwebst, kumm, ich bin scho‘ länger do … . (nach seiner Melodie von „Komm, großer, schwarzer Vogel —„, gucksdu YouTube). Oder Georg Trakl, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, bekifft: „… Grüner Stirne Farben träumt, ahnt des Wahnsinns sanfte Flügel, Schatten drehen sich am Hügel, von Verwesung schwarz umsäumt …“.