Warum Merkel verliert

Angela Merkel weiß wohl aufgrund ihrer mannigfach gebrochenen Ost-West-Biografie – am Ende nicht so recht, wer sie ist oder wofür sie wirklich steht. Außer, dass es ihr irgendwie immer gelungen ist, sich im Windschattenkanal fortzubewegen.

© Sean Gallup/Getty Images

„Aufmerksame Beobachter, die sie nur wenige Tage vor der Bekanntgabe ihrer erneuten Kandidatur im kleinen Kreis erlebt haben, waren sich absolut sicher, dass sie nicht noch einmal antreten würde.“ Schreibt Stephan-Götz Richter in einem Gastkommentar für Die Welt: „Zehn Gründe, warum Merkel verlieren wird“. Er ist in guter Gesellschaft von anderen, die von dieser Beobachtung zu erzählen wissen und normalerweise immer richtig liegen.

Wie im Märchen
Der Presse schneller Schritt von Merkel zu Schulz
Richters These leuchtet mir ein: „Dass sie es dennoch tut, ist die dritte Wiederkehr der großen Hasardeurin: Das erste Mal war dies bei der Energiewende der Fall, das zweite Mal bei der Grenzöffnung. Man bedenke: Die Erfolgstendenz ist abnehmend.“ Sie widerspricht der von der simplen Wiederkehr des ewig gleichen Phänomens nicht: Ab einem Grad X von ausgeübter Macht halten sich Mächtige für wahlweise unersetzbar oder unfehlbar oder beides. Weshalb allein schon die Begrenzung auf zwei Amtszeiten politisch gut begründet und für Amtsinhaber geradezu als persönliche Fürsorgepflicht eines politischen Systems dringend her muss.

Richters These als rhetorische Frage: „Die meistgehasste Führungsfigur in der CDU-Geschichte?“ mit der Antwort, „dass Angela Merkel binnen Kurzem von der unumstößlichen Heldin der Partei zu ihrem Schandfleck umgemünzt wird“, kann sehr gut Wirklichkeit werden.

Besonders interessant finde ich Richters Vergleich zwischen der Grand Old Party und der strukturellen Mehrheitspartei CDU:

„Rückblickend betrachtet werden CDU-Wähler und Wirtschaftskonservative Angela Merkel nicht nur als De-facto-Wegbereiterin der rot-rot-grünen Koalition zu verachten lernen. Sie werden auch sehen, dass Merkels ‚Nichtwirtschaftspolitik‘ denselben antreibenden Effekt auf ihren Nachfolger haben wird, wie dies in den USA zweimal fatal der Fall gewesen ist.

Das erste Mal passierte das bei George W. Bush (als Nachfolger Clintons) und aktuell geschieht es bei Donald Trump (als Nachfolger Obamas). Clinton und Obama firmierten offiziell als Präsidenten der Demokratischen Partei. In der Realität haben sie hingegen eine klassisch republikanische Wirtschafts- und Finanzpolitik betrieben. Kein Wunder, dass ihre jeweiligen Nachfolger da zum ‚Overdrive‘ neig(t)en.“

Die Bemerkung des Autors werden sich in der ganzen Union nicht wenige auf der Zuge zergehen lassen: „Merkel hat – umgekehrt gepolt – guten Teils eine stark sozialdemokratisch eingefärbte Politik betrieben (und das längst nicht nur aus Koalitionszwängen).“

Die ausstehende Ansprache
Merkel gewinnt die Initiative zurück: Ihre Brandrede
Richters Begründung für die Abkühlung des schwarz-grünen Traumes zeugt von der wohltuenden Wirkung seines Blickes aus wohltuender Ferne: „Zum Ersten hat Merkel nicht nur in Brüssel alles andere als einen umweltfreundlichen Ruf. Zum Zweiten tragen die Grünen ihre parteiinternen Flügelkämpfe aktuell über einen möglichst libertären Umgang mit dem Flüchtlingsthema aus. Der implizit damit verbundene Versuch der Partei, Deutschland als Weltenretter auf allen Meeren und in allen Regionen zu etablieren, trägt bei aller Humanität ab einem gewissen Zeitpunkt paranoide Züge. Diese sind für CDU-Wähler inzwischen erreicht.“

Richters dazugehörige These heißt: „Grün ist verwelkt“. Das animiert mich zur Ergänzung: Schwarz ist verdorrt.

Mit der These „Die ewige Selbstverstellerin“ trifft Richter, was ich ganz ähnlich bei vielen Lesern und Kommentatoren immer wieder höre, die auf ihre Eigenschaft als „Ossi“ hinweisen: „… dass Angela Merkel – wohl aufgrund ihrer mannigfach gebrochenen Ost-West-Biografie – am Ende nicht so recht weiß, wer sie ist oder wofür sie wirklich steht. Außer, dass es ihr irgendwie immer gelungen ist, sich im Windschattenkanal fortzubewegen.“

Bei den Unionsanhängern, vor allem auch den gewesenen, rennt die These offene Türen ein: „Die permanente Karriere-Killerin“. Schlussabsatz: „Im Rückblick – nach der Abwahl Merkels – wird es ihre Partei nicht mehr verzückt zur Kenntnis nehmen, dass Merkel alle, die zum echten Nebenbuhler hätten werden können, über den Jordan geschickt hat (wenn sie dies dümmlicherweise nicht selber bewerkstelligt haben).“

Stephan-Götz Richter hat zehn gute Gründe genannt, weshalb Merkel seiner Meinung nach verlieren wird. Ich bin da nicht so sicher wie er. Obwohl mir seine Gründe einleuchten. Bis zum 24. September kann und wird noch viel geschehen.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 132 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Nicht zu früh freuen! Mit über 30% hat Merkel noch nicht verloren. Mit Schulz hat die SPD lediglich dazugewonnen, hauptsächlich aus dem grünlinken Lager und ggf. Nichtwähler. An der Blockarithmetik ändert dies kaum etwas. An den politisch zusammenpassenden Koalitionsoptionen auch nicht.

Allerdings frage ich mich, womit die CDU ohne neuen Spitzenkandidaten im Wahlkampf punkten will und mit welchen Inhalten. Wenn die CDU wegen fehlendem Spirit stärker an die Nichtwählerschaft verlieren sollte, kann der Linksblock am Ende die Mehrheit haben. Jedenfalls hat die AfD ihre Chancen dummerweise durch Höcke & Friends gedeckelt, und die FDP dürfte auch kaum für größere Überraschungen sorgen.

„Die wahren Verhältnisse würden so aussehen, und das wird das Endergebnis im Herbst sein:
SPD 19, Linke 7, Grüne 6 = 32%.
CDU 32, AfD 20 = 52%.“

Ich wette dagegen, Herr Bettinger. Die AfD wird unter 10% fallen und die SPD über 30%. Das halte ich für realistisch. Sind Sie dabei?

Ich bin dabei. Oje, werden Sie verlieren! Wetten Sie doch schnell mal, bevor es zu spät ist, auf den Ausgang der Saar- LT-Wahlen. So als kleiner Test für den Herbst. Emailen Sie mich an, damit wir besprechen können, wo wir das Abend -essen einnehmen werden, um das ich wetten will 😉

Wo landet die Saar-AfD? Sie wird mit 6% „gehandelt“. Ich sage auf (weit) > 10%. Gilt’s?

Ich tippe auf weniger als 8% für die Saar-Wahl.

Erste Prognose der ARD 18:00 Uhr, 6,0% für die AfD.

Herr Bettinger, Sie sind so ruhig geworden. Ich hoffe, Sie haben die Wahlen verdaut.

Die AfD schließt doch selbst grundsätzlich Koalitionen aus, es sei denn, man sei die stärkere Partei. Und falls man doch mit einer CDU-Koalition liebäugelt, wird es die Partei zerreißen. Siehe auch Schillpartei in Hamburg. Gibt es die überhaupt noch?

Dass die AfD Koalitionen ausschließt, Herr Hader, und auch noch grundsätzlich, wäre mir entgangen. Haben Sie zufällig den Link zur Hand? Aber selbst wenn, ist das rasch der Schnee von gestern, WENN die realen Zahlen, wenn das Mögliche auf dem Tisch liegt. Ja verdammt noch mal, warum sollte die AfD nicht koalieren wollen? Wofür wird sie denn gewählt? Nee, nee, warten Sie’s ab, Herr Hader. Zerreißen wird es die AfD schon gar nicht. Zerreißen könnte es die AfD aber, wenn Leute wie Höcke an den Rand gedrängt werden.

Sehr geehrter Franz Bettinger, ich denke mal, dass Sie Google genauso gut bedienen können wie ich. 🙂 Ich möchte aber mal ein Zitat nennen, was Sie sicher schnell ausfindig machen werden.

Alexander Gauland: „Regierungsverantwortung wäre tödlich für uns“

Na, das wird sich aber mit einer Koalitonsperspektive mit der CDU recht schnell ändern!

Und wenn es dann zum großen Ämter-Verteilen kommt, dann verkneift man sich auch bei der AFD ganz schnell ideologsiche Befindlichkeiten und redet von Pragmatismus und dem Wohle Deutschlands, dem man einzig verpflichtet sei.

Siehe hierzu den stillen Machtpoker um die Spitzenkandidatur in der AFD.

Der Text sitzt, Chapeau. 100% ige Zustimmung. Danke für Ihre Aufarbeitung. Die Passage bzgl. Ihres Gerechtigkeitsempfindens, da sprechen Sie mir aus dem tiefsten Inneren.
Es freut mich, hier die Kommentare lesen zu dürfen und zu wissen, man ist nicht allein unterwegs in diesem noch schönen Land, das Wort Staat bringt nur Würgereflexe hervor.

Ich bin dieses Jahr wieder Wahlvorstand – in meinem Bezirk wird nichts gefälscht! 😉

Der deep state ist entscheidend. Und der bereitet gerade eine Wahl zwischen zwei seiner eigenen Gewächse vor. Solange die deutschen Wahlschafe diese Scharade mitmachen und nicht endlich die Rückkehr zu einer regulären, verfassungskonformen Ausübung der Staatsgeschäfte, umfassende Transparenz von verquickten Schatten/Machtnetzwerken und direktdemokratische Mitsprache fordern, solange hier eine Mehrheit von ignoranten Konsumidioten zufrieden an ihrem Konsum-Schnuller nuckelt, dieses potemkinsche Kaspertheater desinteressiert mitmacht und kein Problem mit einer repressiven Gesinnungspolizei hat, wird hier nichts besser werden. Die Leute ziehen sich in ihre unsägliche Ignoranz zurück, sind feige und phlegmatisch, blicken nur auf ihre kleine persönliche Welt, und sind genau deshalb maximal… Mehr

Ich bin ganz bei Ihnen. Wieviele SPD-Wähler kennen Frau Özugurz und die von Ihr angeführte Islamisierungsagenda?

Sie meinen es ist für AM gerechter, so wie Hony + Mielke anzusehen, wie ihr Erbe in den Lokus der Geschichte geschüttet wird ……..

Und wissen Sie was? Was die meisten hier noch nicht gemerkt haben: Honecker und Mielke haben GEWONNEN. Honecker wusste, warum er so triumphierend lachte, als er die Faust erhoben in den Flieger stieg: Er hat uns die rundum ausgebildete und gebriefte Merkel hinterlassen. Diese führt jetzt das Werk dieser beiden zu Ende. An unserem Land. Der Klassenfeind wird zugrunde gerichtet.
Denken Sie „outside the box“. Da ist nichts in den Lokus der Geschichte geschüttet worden. Honecker und Mielke feiern fröhliche Urständ und die Kommunistin, die die gesamte Macht in unserem Land an sich gebracht hat, sorgt dafür!

…manchmal denke ich, sie m ü s s t e weitermachen, damit s i e den ganzen Scherbenhaufen zusammenfegen muss, statt fernab von Deutschland und Europa den Lebensabend zu genießen.
Aber sie zerdeppert ja immer mehr Porzellan, das Fegen bleibt uns…;-)

Petry sollte Familie + Verteidigung kriegen 😉

Was man nicht ändern kann…muss man lieb haben…ein Satz meines Ingenieurs…hoffentlich liest er hier nicht mit.
Mit Lust in den Untergang, wie komme ich am besten dadurch.
Merkel oder Schulz spielt keine Rolle. Solange die Deutschen nicht begreifen, dass man Ökonomische und mathematische Gesetze nicht ignorieren darf, solange ist diese Konsequenz…alternativlos..oder besser, unvermeidbar

Sorry, aber ich kann diese Euphorie überhaupt nicht teilen. Sicher stimmt größtenteils, was über Merkel gesagt wird, aber man kann über Gewinnen und Verlieren nur urteilen, wenn man beide Kandidaten in Betracht zieht. Und FÜR Merkel spricht eindeutig Schulz. Ich kann mich nicht erinnern, wann die SPD je mit einem inhaltsloseren Kandidaten ins Rennen gegangen ist. Jedenfalls ist diese Karrikatur eines Politikers auch für viele SPD-Anhänger kaum wählbar. Trotz Presseunterstützung und 100%- Fünktionärszustimmung.

Für Merkel spricht gar nichts. Merkel steht nur für das Nichts, den Untergang. Und den kann man, wenn man noch einen Funken von Verantwortungsgefühl hat, nicht wählen.

Na ja Steinmeier (absolut konturlos) und Scharping (Witzfigur) waren auch nicht viel besser als Schulz, aber Schulz ist schon eine Steigerung.

Scharping, ist er immer noch mit seiner Gräfin im Swimmingpool ???