Serge kann kein Nazi sein

Alle hypen das Video von Serge Menga. Ahmad Mansour, Seyran Ates und Zana Ramadani sind gefragte Studiogäste. Sie sind Experten - aber auch wegen des eigenen Migrationshintergrundes politisch korrekt. Sie dürfen alles aussprechen.

„Rechte Ecke…“, kommentiert mein Freund Ugur, „ich glaube, Deutschland hat schon genug getan. Die sollen mir mal ein Land zeigen, das so tolerant ist wie Deutschland.“

Ugur regt sich auf. Nicht über die bösen Rassisten, die spätestens seit letztem Jahr nach Ansicht vieler Weltbild-Optimierer wie die Pilze aus dem Boden schießen, sondern darüber, dass so schnell verurteilt wird. Dass jeder, der sich als sogenannter „Biodeutscher“ kritisch über die derzeitige Flüchtlingspolitik oder den Islam äußert, als rechts bezeichnet wird. Dabei sieht er es wie ich. Wenn sowohl Politik als auch Bevölkerung endlich den Mumm hätten, Klartext zu sprechen und Anpassung einzufordern, wenn man entschieden gegen all jene vorgehen würde, die straffällig werden, sich nicht integrieren wollen, dann würde man letztlich nicht nur Schaden von der Bevölkerung insgesamt abwenden, sondern vor allem auch jenen Flüchtlingen und Migranten einen Gefallen tun, die sich absolut friedlich verhalten und jetzt neben Schwimmbad- und Clubverboten mit kollektivem Misstrauen überzogen werden.

Ugur selbst ist Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund. Ein großer Mann mit schwarzem Bart und längeren schwarzen Haaren, die er meist zusammen trägt. Ugur ist ist kein Salafist. Ugur sieht viel eher aus wie der Hipster-Typ aus der Fahrstuhlwerbung eines großen Reiseanbieters, den alle vor einiger Zeit so heiß fanden, aber das interessiert die Leute nicht.

„Du weißt gar nicht, mit welchen Augen mich die Leute jetzt auf der Straße anschauen….“

Er hat die Nase voll und ich verstehe ihn nur zu gut. Er ist auch nicht der einzige meiner Freunde mit Migrationshintergrund, die sich derart kritisch äußern und mehr Härte vom deutschen Staat fordern – eine deutsche Eigenheit, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund eher trauen, Kritik zu üben als jene ohne. Nicht umsonst hypen wir alle kollektiv Videos wie das von Serge Menga. Nicht umsonst sind Menschen wie Ahmad Mansour, Seyran Ates und Zana Ramadani gerade gefragte Studiogäste. Natürlich sind sie das. Sie sind Experten auf dem Gebiet. Sie sind aber auch aufgrund des eigenen Migrationshintergrundes in unserer Vorstellung politisch korrekte Sprachrohre. Sie dürfen eben aussprechen, was wir allenfalls nur denken dürfen, wenn wir nicht als Rassisten gelten wollen. Serge ist farbig. Serge kann kein Nazi sein. Wir schon.

Nun stehen alle unter Generalverdacht

Wohin diese anhaltende Tabuisierung und Beschränkung des Diskurses führt, sehen wir gerade. Nicht nur Flüchtlinge leiden unter einem immer stärker hervortretenden Generalverdacht. Auch all jene, die hier seit Jahrzehnten leben, hier geboren wurden, aber eben nicht „biodeutsch“ aussehen, müssen sich mit einem Mal erneut als „anständige“, gut integrierte Bürger beweisen. Es ist das eingetreten, was ich lange befürchtet habe: Politik und Medien differenzieren nicht zwischen friedlichen und straffälligen Flüchtlingen, also tut es die Bevölkerung auch nicht mehr. Das Ergebnis: Ein Generalverdacht für alle und eine Stimmung des absoluten gegenseitigen Misstrauens. Der soziale Kitt der Gesellschaft löst sich langsam aber sicher auf.

Es sind dies Zeiten, wie sie für radikale Gruppierungen nicht günstiger sein könnten. Nicht wenige Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund haben sich in den letzten Jahren dem IS angeschlossen, Hunderte leben als sogenannte „Gefährder“ mitten unter uns. Sexuelle Frustration spielt da eine große Rolle, aber auch das Gefühl, ausgeschlossen, von der Mehrheit der Gesellschaft nie wirklich akzeptiert worden zu sein. Ich kenne diese Geschichten der Ausgrenzung, der Vorurteile und geringeren Chancen von Freunden mit Migrationshintergrund zu genüge. Ein ausländisch klingender Name, eine ausländische Optik und schon klappt es beispielsweise mit dem Job nicht. Keine Seltenheit und nur die Spitze des Eisberges.

Klar, ich bin ein Fan von Selbstverantwortung. Ich habe auch etwas gegen eine generelle Opferrolle, in die sich manche Menschen gerne begeben, wenn es nicht so für sie läuft und ein Gefühl der Ausgeschlossenheit rechtfertigt mit Sicherheit auch nicht den Anschluss an eine terroristische Vereinigung. Ja, ich glaube daran, dass jeder Mensch, wenn er sich nur genug anstrengt, alles schaffen kann. Vielleicht auch, weil ich als deutsche blonde Frau auch schon öfter in meinem Leben für etwas kämpfen musste. Darum, ernst genommen, nicht reduziert zu werden zum Beispiel. Und natürlich gehen meine Freunde trotzdem ihren Weg, sind erfolgreich, aber das heißt nicht, dass man sich an mancher Stelle nicht vielleicht doch mehr beweisen muss als andere. Egal, ob man Mensch mit Migrationshintergrund oder aus irgendeinem anderen Grund nicht in die vorgefertigte Schublade der anderen passt.

Jetzt wird es also noch schwerer für diejenigen, die nicht dem Bild des „klassischen Deutschen“ entsprechen. Das ist nicht nur traurig, sondern auch gefährlich. Nicht nur das Miteinander zwischen Flüchtlingen und hier lebenden Bürgern wird auf die Probe gestellt, sondern auch das seit Jahrzehnten funktionierende Miteinander zwischen Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund. Vielleicht nicht die engsten Freundschaften, nicht jede Bekanntschaft, aber der grundsätzliche Umgang im Alltag. Und sei es nur durch misstrauische Blicke oder verkrampfte Gespräche über Kultur.

Dabei ist mir in den letzten Wochen und Monaten aufgefallen, dass es nicht nur die Politik und die Medien sind, die diese angespannte Situation, das weitverbreitete Misstrauen durch die Tabuisierung des Diskurses über mangelnde Integration und Straftaten munter vorangetrieben haben. Tabuisierung und Erziehung (wenn Tabuisierung nicht mehr geht) offenbaren sich ebenso im privaten Diskurs. Erziehungsjournalismus hier, Erziehungskommentare von Bekannten dort.

Misstrauen verbreitet sich überall

„Rassistisch und einseitig“ sei das, was ich von mir gebe, wenn ich mal wieder über Straftaten von Flüchtlingen berichte oder die Frauenfeindlichkeit des Islams beklage. Da interessiert es die Leute auch nicht, dass das keine Behauptungen sind, die ich selbst aufgestellt habe, sondern es sich oft genug um Berichte von Menschen handelt, die selbst islamisch sozialisiert worden sind. Güner Balci, Seyran Ates, Zana Ramadani, Necla Kelek, Ahmad Mansour – alles Rassisten? Oder ist nur der Rassist, der es als Deutscher ohne Migrationshintergrund wagt, die Berichte dieser Menschen zu teilen? Wir wissen schon, weshalb wir diese Menschen für gewöhnlich voranschicken, wenn es um Kritik am Islam geht.

Ja, ich weiß…die Debatte über die Rechtsklatsche der Deutschen, die Rassismus- und Nazikeule hat einen ziemlichen Bart. Autoren, Journalisten – alle haben sich schon an dem Thema abgearbeitet. Geändert hat es bis jetzt jedoch nichts. Auch nach Köln und fast täglichen Berichten über sexuelle Übergriffe von Asylbewerbern ist der Böse bei vielen immer noch der, der darüber schreibt und nicht der, der Böses tut.

Bis jetzt habe ich mich geweigert, diese Leute, die mich als Rassistin bezeichnen, von meinem Facebookprofil zu löschen. Viele sind Menschen, die ich einige Zeit kenne. Eigentlich nette Leute mit einem guten Herzen. Mir macht das auch nichts aus, dass sie das schreiben. Ich weiß ja, dass ich keine Rassistin bin und dass das nur der Versuch ist, mich mundtot zu machen, den Diskurs weiter zu tabuisieren, weil er ihnen nicht ins Weltbild passt. Mir ist das egal. Was andere von mir und dem was ich tue halten, ging mir schon immer an meinem knackigen Popöchen vorbei, deshalb habe ich mir lange keine Gedanken darüber gemacht. Und doch beginne ich mich langsam zu fragen, wie schädlich diese Menschen wirklich für den Diskurs insgesamt sind. Nicht jeder ist da wie ich und pellt sich ein Ei auf das, was andere denken. Für nicht wenige stellt die offene Meinungsäußerung nicht zuletzt auch ein berufliches Risiko dar und eigentlich will halt auch keiner öffentlich als Rassist bezeichnet werden. Egal, ob er etwas dabei zu verlieren hat oder nicht.

Aber wir Normalos sind mehr

So kenne ich viele, die genauso denken wie ich oder vielleicht noch viel kritischer. Ganz normale Leute. Keine Afd-Wähler, keine Nazis, keine Rassisten, sondern Ärzte, Juristen, Studenten, Medienmenschen, Deutsche ohne und mit Migrationshintergrund. Sie alle schweigen öffentlich, schreiben mir stattdessen Nachrichten, in denen sie mich bestärken und für meinen Mut loben. Mails, in denen sie sachlich und differenziert ihre Einschätzung der Lage preisgeben. Ich wünschte mir, dass diese Leute sich nicht davor scheuen würden, diese Diskussionen auch unter meinen Posts zu führen, um den Tabuisierern, Weltbild-Optimierern und Erziehern zu zeigen, dass es nicht nur dumme Nazis und sie gibt, sondern auch einen differenzierten Mittelweg, der es verdient hat, gehört zu werden. Dabei habe ich absolut nichts gegen Menschen, die anderer Meinung sind und diese einbringen, aber ich habe etwas dagegen, dass jeder, der sich kritisch äußert, als Rassist bezeichnet wird. Die Diskussion muss geführt werden. Nicht zuletzt auch, damit Menschen nicht mehr unter einen Kollektivverdacht gestellt werden. Und sie muss und darf auch nicht nur von Menschen mit Migrationshintergrund geführt werden, sondern von ALLEN, die hier leben und dieses Land als ihre Heimat bezeichnen. Wer den Diskurs tabuisiert, Menschen versucht, zu erziehen, der trägt am Ende mehr zur Spaltung der Bevölkerung bei als jeder der sogenannten „geistigen Brandstifter“.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 27 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz