Politisch korrekte Pauschalurteile

Man muss sich schon wundern, wie tief dieser Tage an mancher Stelle in die Klischeekiste gegriffen wird, um DEN hinterwäldlerischen Ossi durch den Kakao zu ziehen. Dabei schrecken weder die hiesige Medienlandschaft, noch politisch korrekte Youtuber davor zurück, mit Vorurteilen und Pauschalisierungen nur so um sich zu schmeißen. Aber hey – wenn es um DEN verblödeten sächsischen Ossi geht, ist das doch okay, oder?

Man sieht Firas Al-Shater seine Freude an, als er gestern sein neues „ZUKAR-Stückchen“ (so der Name seiner Youtube-Videos) präsentiert. Firas Al-Shater ist 26 Jahre alt und syrischer Flüchtling. Er lebt seit zweieinhalb Jahren in Berlin und ist seit kurzem Youtube-Star. Das Konzept: Eine Brücke bauen zwischen Deutschen und Einwanderern, indem er seinen Zuschauern auf humoristische Art Deutschland aus der Perspektive eines Flüchtlings zeigt. Im Prinzip eine gute Idee in Zeiten, die derart angespannt sind, ein wenig für Entspannung und Unterhaltung zu sorgen.

Firas erstes „Zucker-Stückchen“ hatte zweifellos seinen Charme. Es zeigt den jungen Youtuber mitten in Berlin mit verbundene Augen und offenen Armen auf der Straße stehend. Er bietet fremden Menschen eine Umarmung an und ist gespannt, wie die Deutschen reagieren. Auf seine erste Umarmung muss Firas lange warten, dann geht es jedoch Schlag auf Schlag. Einer nach dem anderen umarmt ihn. Sein Fazit am Ende des kurzen Videos: Die Deutschen brauchen etwas länger, aber wenn sie einmal mit etwas angefangen haben, dann hören sie nicht mehr damit auf. Auch hier greift man also schon tief in die Klischee- und Pauschalisierungskiste. Es geht um DEN Deutschen, aber das ist nicht schlimm. Humor kommt selten ohne Stereotype aus und die Mehrheit der Leute mag das. Anders wäre der Erfolg von Komikern wie Mario Barth wohl kaum zu erklären. Darüber hinaus wird niemand beleidigt. Es ist ein nettes Video und lässt die Menschen zumindest für kurze Zeit vergessen, dass die Realität vielerorts in Deutschland momentan leider nicht so rosig aussieht.

Nicht jedes „Zuckerstückchen“ schmeckt

Ein wenig anders verhält es sich da mit Firas drittem „Zuckerstückchen“, welches er seinem Publikum gestern auf Youtube und Facebook präsentierte. An Clausnitz und Bautzen anknüpfend veranstaltet Firas dort eine Art Workshop („Clausnitz-Trainingscamp“) für rechtsradikale Sachsen. Die Challenge: Ein Flüchtlingskind anfassen und so Berührungsängste abbauen. Klingt flach? Ist es auch. Kommt aber trotzdem gut an. Fast 1.000 Menschen haben das Video, in dem Nazi-Darsteller mit sächsischem Dialekt und Namen wie „Mandy Cheyenne“ auftreten, bis jetzt auf Facebook geteilt. Über ostdeutsche Nazis macht man sich eben auch unter Deutschen gerne lustig. Dass man jedoch mehr oder weniger suggeriert, alle Ostdeutschen (oder zumindest alle in Clausnitz lebenden Menschen) seien stumpfe Rassisten, ist indes nicht ganz so witzig. So stellt sich einem unweigerlich die Frage, in welchem Maße man sich auch als politisch korrekter Youtuber abwertender Klischees und Pauschalisierungen bedienen darf, um Vorurteilen und Pauschalisierungen gegen Flüchtlinge entgegenzutreten.

Aber mit den Vorurteilen und Pauschalisierungen ist das ähnlich wie mit der Selbstverantwortung der Menschen. Im Namen der Moral, so scheint es, darf die Sicht nach Belieben und wie es gerade opportun ist, verändert werden.

Pauschalisierungen und Vorurteile gegenüber Menschen aus Ostdeutschland? Ok? Pauschalisierungen und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen? Gemein und rassistisch?

Genauso verhält es sich mit der eigenen Verantwortung. So ist man sich bei den Tätern von Clausnitz und Bautzen relativ schnell einig, dass diese die alleinige Verantwortung für ihr widerwärtiges Verhalten tragen. Begehen indes Menschen Straftaten, die nicht aus Deutschland kommen, dann sind schnell die äußeren Umstände schuld. Das gilt in letzter Instanz bei vielen Leuten sogar für terroristische Taten. Jedenfalls war man sich an vielen Stellen nicht zu schade, selbst die Attentäter von Paris zu Opfern des Systems zu machen, die aufgewachsen im belgischen Ghetto, eigentlich nie wirklich eine Chance hatten. So viel Verständnis hat man für die vielleicht oft ebenfalls gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängten Landsleute eher nicht.

Am Ende entscheidet jede(r) einzelne allein

Ja, man kann und sollte die äußeren Umstände bis zu einem gewissen Grad bei der Frage nach dem „Warum“ miteinbeziehen. Egal, ob es um rechte Gewalt oder religiösen Fanatismus geht. Der Mensch ist selbstverständlich auch immer Produkt seiner Sozialisation. Aber eben nicht nur. Den Menschen allein zum Opfer äußerer Umstände zu machen, entmündigt und entbindet ihn von seiner Eigenverantwortung. Weder sind alle ostdeutschen Bürger oder allein Tillich und Merkel dafür verantwortlich zu machen, dass es in Sachsen zu rechten Ausschreitungen kommt, noch ist die Gesellschaft, das „böse System“ per se Schuld an der Radikalisierung junger Männer mit zumeist muslimischem Hintergrund. Am Ende entscheidet jeder Mensch immer noch selbst über sein Schicksal. Terrorismus genauso wie Rechtsradikalismus sind keine Determinanten in einem brutalen ausbeuterischen System (auch wenn manch einer das gerne so sehen will). Sie sind und bleiben bewusste Entscheidungen von einzelnen Individuen.

Aber selbst wenn man das nicht so sehen will, wenn man alles gerne entweder nur mit der Eigenverantwortung oder den äußeren Umständen erklären will, ist das in Ordnung. Dann muss das aber jedoch für alle gelten. Man kann nicht den einen zum Opfer machen und den anderen zum selbstverantwortlichen Täter, nur weil man aus Gründen der Pseudo-Empathie bzw. der Kapitalismus- und Imperialismuskritik bei religiös-fanatischen Massenmördern mehr Verständnis zu zeigen imstande ist als bei Rechten aus Ostdeutschland. Dieses Problem ist ein Grundsätzliches. Es ist dasselbe Prinzip wie bei der Verwendung faschistoider Methoden, um Faschismus zu bekämpfen. Egal, ob es sich hierbei um linke Autonome handelt, die Clausnitz zertrümmern wollen oder Bundesminister und andere Politiker, die Rassismus damit bekämpfen, dass man gewisse Dinge einfach nicht mehr im Internet schreiben darf.

Freiheit ist die des Andersdenkenden

Freiheit bedeutet eben auch immer die Freiheit des Andersdenkenden. Sie ist nur mittels Minimal- und niemals durch Maximalkonsens zu erreichen. Freiheit bedeutet, dass wir uns gesellschaftlich auf einen Rahmen einigen, den alle akzeptieren können. Allgemeine Akzeptanz bedeutet jedoch, dass der Katalog der Dinge, auf die wir uns einigen können, klein ausfällt und dass der Katalog der Dinge, auf die wir uns nicht einigen können, umso größer ist. Diesen Umstand gilt es zu ertragen, will man nicht die Freiheit aller insgesamt einschränken.

Das glauben Sie nicht? Dann schauen sie sich gerne in Ländern um, in denen man versucht, den Maximalkonsens durchzusetzen. Die DDR war da ein ebenso gutes Beispiel wie Nordkorea heutzutage. Ein interessantes Fleckchen, wenn man sich einmal den realen Zwang ansehen möchte, der herrscht, wenn man den Anspruch an einem etwaigen Maximalkonsens besitzt, den es nun einmal unter den Menschen nicht gibt. Ob selbst Linke hierzulande darauf hinauswollten, wage ich zu bezweifeln. Aber in Freiheit und mit moralischer Hoheit lässt sich eben gut gegen das System wettern, welches einem diese Freiheit gewährt.

Vielleicht wäre jetzt die Zeit, den Minimalkonsens wieder ein bisschen schätzen zu lernen und in dieser Konsequenz den Rahmen, den wir uns gegeben haben, auf alles und jeden anzuwenden und nicht mehr selektiv nach eigenem Gutdünken.

Pauschalisierungen und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen sind Scheiße? Da sind wir uns einig. Aber dann lacht man auch nicht darüber, wenn ein Youtuber oder Politiker Menschen einer ganzen Region in Deutschland zu stumpfen Mandy-Cheyennes erklärt, deren Ängste vor dem Fremden einfach nur lächerlich sind. Dann ist man mit muslimischen Grabschern genauso streng wie mit Deutschen. Dann gibt es keinen kulturellen Bonus, keine Pseudo-Empathie für Problemkids, die sich dem IS anschließen, während man „DEN Ossi“ für nicht in die Gesellschaft integrierbar hält. Dann feiert man es nicht, wenn die vierfache Mutter Frauke Petry nach der Trennung von ihrem Mann in Leipzig keine Wohnung vermietet und woanders kein Hotelzimmer bekommt , während man sich darüber eschauffiert, dass Flüchtlinge an einigen Orten Schwimmbadverbot bekommen haben. Es ist die schlichte Formel „Wer A sagt, muss auch B sagen“, um die es hier geht.

Der Minimalkonsens ist überlegen

Minimalkonsens bedeutet zu ertragen, dass es Menschen gibt, die Dinge tun oder sagen, die man nicht mag. Was aus dem rechtlichen Rahmen fällt, wird bestraft. Nicht moralisch von linken Sittenhütern mittels Petitionen und Denunziationen, sondern rechtlich von ausgebildeten Fachleuten. Nur so lässt sich die Freiheit auf Dauer wahren. Wohin uns der Versuch, jene Freiheit (z.B. die der Meinung) einzuschränken, in den letzten Monaten gebracht hat, lässt sich nämlich nicht zuletzt auch an der zunehmend angespannten Stimmung und der Verrohung der Sprache und Taten erkennen. Die Menschen spüren eben sehr genau, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Eine neue Akzeptanz des Minimalkonsenses würde uns an dieser Stelle so einige drohende Zeigefinger und pseudo-moralische Worte von Menschen, die das Prinzip der Freiheit nicht verstanden haben, ersparen. Sie würde ferner das Klima entspannen und eine offene und kritische Diskussion in alle Richtungen ermöglichen.

Aber leider ist es hierzulande immer noch so viel einfacher, über DEN dummen Ostdeutschen zu lachen oder sich über ihn zu empören, als in andere Richtung Worte der Kritik zu finden. So versklavt man mit der eigenen Vorstellung von political correctness und moralischer Integrität einer Schwingtür nicht nur einen Großteil der Gesellschaft, sondern letztlich auch sich selbst. Dabei zeigt sich nicht zuletzt an Firas Al-Shater und all den anderen, die jetzt ganz Sachsen zum Naziland deklarieren, dass auch der politisch korrekte Gutbürger zu Pauschalisierung und primitivsten Vorurteilen in der Lage ist. Rechtsradikalismus lässt sich so jedenfalls ganz sicher nicht bekämpfen. Stattdessen wird man das Klima hierzulande weiter vergiften.

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