Macrons großer Amazonas-G7-Clou

Emmanuel Macron hat als G7-Gastgeber einen raffinierten Sieg in Sachen Selbstdarstellung errungen. Mit seiner Attacke gegen Brasiliens Regierung bediente er die beiden Milieus, auf die es für ihn ankommt: Klimawandelbesorgte Großstadtjugend und ländliche globalisierungsbesorgte Provinz.

IAN LANGSDON/AFP/Getty Images

So sehen Sieger aus. So nämlich wie Emmanuel Macron auf den Fotos vom G7-Gipfel in Biarritz. Zu jedem großen politischen Erfolg gehören auch immer begünstigende Zufälle. Für Macron waren das die Waldbrände in Brasilien. Sie erlaubten ihm die perfekte Selbstinszenierung.

Ein derartig erfolgreiches Treffen hatte im Vorfeld wohl niemand erwartet. Der französische Präsident hat nicht nur als Gastgeber großen Anteil am Zustandekommen einer wider Erwarten substantiellen gemeinsamen Abschluss-Erklärung: Die Aussicht auf eine internationale Mindestbesteuerung für große Digitalunternehmen, auf ein US-EU-Handelsabkommen ohne neue Zölle auf deutsche Autos und französischen Wein und schließlich sogar die zumindest sprachliche Entschärfung des drohenden Konflikts mit dem Iran. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass es in Biarritz wider Erwarten gelungen ist, ein wenig vom verloren geglaubten Geist der Kooperation und grundsätzlichen Einigkeit der westlichen Industrienationen zurückzuzaubern. 

Wie lange dieser Geist erhalten bleibt und ob etwas wirklich belastbares dabei herauskommt, ist eine andere Frage. G7-Abschlusserklärungen sind schließlich keine bindenden Verträge. Aber für Macron ist in jedem Fall alles perfekt gelaufen. Denn noch wichtiger als diplomatische Tatsachen dürften für ihn die Botschaften sein, die von diesem Gipfel bei seinem eigenen (Wahl-)Volk ankamen. 

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Vergessen wir nicht: Macron mag bei den Insassen des Regierungsviertels in Berlin-Mitte und der internationalen Presse ohnehin ein strahlendes Image haben, bei einem Großteil der eigenen Bürger ist er unten durch – vor allem jenseits der wohl situierten und materiell saturierten Kreise in den großen Städten. Nur mit Mühe konnte er die monatelange Protestbewegung der Gelbwesten durchstehen. Die entstand vor allem in der Provinz unter Franzosen, die sich noch in erster Linie als Franzosen verstehen und von denen immer noch ein nicht unbeträchtlicher Teil von der heimischen Landwirtschaft abhängt.

Umso raffinierter jetzt sein Clou: Er verkniff sich Angriffe auf Donald Trump (der hätte schließlich die Stimmung vor Ort versauen können) und suchte sich stattdessen ein anderes Schlachtfeld der Selbstinszenierung und einen anderen Bösewicht: den brennenden Urwald des Amazonas und Brasilien Präsidenten Jair Bolsonaro. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass Bolsonaro im Gegensatz zu Trump nicht an Ort und Stelle dabei war und daher nicht für hässliche Szenen und Bilder sorgen konnte.

Schon im Vorfeld des Gipfels hatte Macron durch ungewöhnlich persönliche Attacken gegen Bolsonaro wegen dessen Untätigkeit gegen die Waldbrände im Amazonas-Gebiet und der Drohung, deswegen das bereits unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen EU und Mercosur zu blockieren, gleich zwei Gruppen von Franzosen emotionspolitisch bedient, die für seinen Machterhalt entscheidend sein dürften: Nämlich einerseits das Milieu, aus dem sich seine eigenen politischen Fußtruppen rekrutieren und andererseits das Milieu, aus dem mit der Gelbwesten-Bewegung eine existentielle Gefahr für seine Präsidentschaft entstand. 

Macrons Weg in den Élysée-Palast begann mit der Gründung einer Art Jugendbewegung namens „En Marche!“ („Voran!“). Da kamen Studenten und junge Berufstätige aus den größeren Städten mit den besten beruflichen Aussichten und höchsten moralischen Ansprüchen zusammen. In dieser mittlerweile staatstragend in „La Republique en Marche“ umbenannten Bewegung sammelte sich das junge Juste Milieu Frankreichs hinter einem der ihren: dem damals noch nicht 40-jährigen ENA-Absolventen Macron. Ebenso wie in Deutschland ist auch in Frankreich in großen Teilen der gut ausgebildeten und an den Hochschulen globalistisch geprägten Jugend die Besorgnis um die „Klimakrise“ zu einer Art Ersatzreligion geworden. Und „Rechtspopulisten“ und „Klimawandelleugner“ sind deren Ketzer. 

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Macrons Botschaft fällt in diesem Milieu, auf das er sich stützen muss, also auf fruchtbaren Boden: Da lässt ein Rechtspopulist, noch dazu ein Militär, im Interesse profitgieriger Großgrundbesitzer die „Lunge der Welt“ abbrennen. Böser gehts kaum. Darüber empört sich nicht nur der unvermeidliche Alt-Rocker Sting („Die Welt brennt!“), sondern auch Frankreichs akademisierte Jugend gerne – und schließt, so hofft wohl Macron, die Reihen hinter ihrem Präsidenten. 

Dazu kommt aber noch ein weiterer Vorteil der Attacke gegen Bolsonaro für Macron: Seine Drohung, das kürzlich unterzeichnete Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten nicht zu ratifizieren, dürfte vor allem dort in Frankreich gut ankommen, wo die Gelbwesten-Opposition gegen Macron und seine Regierung am stärksten ist: in der von Landwirtschaft geprägten Provinz. Dort fürchtet man die Konkurrenz der Weltmärkte mit Fleisch aus Brasilien mehr als den Klimawandel. Von Freihandel, zumindest sofern er die französische Landwirtschaft betrifft, hält man da gar nichts. Die Gelbwesten sind zwar mittlerweile ermüdet, aber bei Macron dürften sie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben: Vergiss die Interessen und die Gefühlslage der französischen Provinz nicht.

Macrons Befeuerung der Empörung gegen die neue Regierung in Brasilien ist bei näherer Betrachtung die reine Heuchelei. Was erwartet man denn, wenn man mit dem Agrarexportland Brasilien ein Freihandelsabkommen schließt? Ist dessen Ziel nicht selbstverständlich die Erleichterung des Außenhandels? Und natürlich wollen Brasiliens Landwirte mit dieser Aussicht vor Augen mehr Soja anbauen, mehr Tiere halten, mehr Fleisch exportieren, wohlhabender werden – und der Wald steht dabei im Weg und brennt allzu gut. 

Die Waldbrände im Schwellenland Brasilien und die Empörung darüber bei der globalistisch-moralistischen Wohlstandsjugend in Paris oder anderen europäischen Großstädten offenbart eben auch die inneren Widersprüche des Globalismus: Ökologische Weltrettung und ökonomische Wohlstandsmehrung im „globalen Süden“ gehen eben nicht so einfach zusammen. Wer wirklich wollte, dass der Regenwald in Südamerika geschützt wird, hätte kein internationales Abkommen schließen dürfen, dass dessen Vernichtung zu einer lukrativen Investition macht. Dann müsste man den Brasilianern eigentlich aber auch ehrlich auf Regierungsebene sagen: Der Regenwald und unsere Klimasorgen sind wichtiger als eure Aussichten auf mehr Wohlstand. Das ist schließlich auch die Botschaft, wie sie bei vielen Brasilianern inklusive ihres gewählten Präsidenten ankommt: Der Wald gehört nicht euch, sondern „der Welt“. Und mit der fühlt sich die thunbergsche Jugendbewegung identisch.

Anderen Völkern und deren Regierungen die letzte Verfügungsgewalt über die Ressourcen innerhalb ihrer Landesgrenzen streitig zu machen – das berührt „im globalen Süden“ aber auch heute noch historische Empfindlichkeiten. Bolsonaros Vorwurf gegen Macron, dieser zeige eine „koloniale Mentalität“, ist darum aus brasilianischer Perspektive mehr als eine billige Retourkutsche. Er verlangt jetzt von Macron eine Entschuldigung, weil der die nationale Souveränität Brasiliens in Frage gestellt habe.

Ganz ohne Verluste war eben auch für Macron der Sieg von Biarritz nicht zu haben. 

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Kommentare ( 27 )

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Scheinheiliges Getue, die gezielt gelegten Brände in Bolivien interessieren niemanden, aber der linke Präsident ist ja auch ein „Guter“, obwohl er das Niederbrennen des Urwalds per Dekret ganz offiziell angekündigt hat.
https://www.achgut.com/artikel/bolivien_du_sollst_brennen_fuer_morales

„Nur mit Mühe konnte er die monatelange Protestbewegung der Gelbwesten durchstehen“ und „Die Gelbwesten sind zwar mittlerweile ermüdet…“, diese Aussagen können nicht unwidersprochen hingenommen werden. Die Tatsache, daß über die Proteste nicht mehr berichtet wird, heißt mitnichten, dass Macron die Protestbewegung durchgestanden hat. Teile der Bevölkerung(en) könnten ja verunsichert dein! Glaubwürdigen Berichten zufolge, gehen nach Angaben der französischen Polizeigewerkschaft wöchentlich um die hundertausend Demonstranten auf die Straße, während das Innenministerium von zwanzigtausend, also einem Fünftel, spricht und begegnen dabei exzessiver Polizeigewalt. Und von einer Ermüdung der Gelbwesten, die sich nicht einschüchtern lassen, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: neben den… Mehr

Tja, „schöner Schein“ schlägt „leere Sprechblase“

Wenig beeindruckend, mit breiter internationaler Unterstützung (und öffentlichkeitswirksamen TV-Katastrophenbildern) auf Brasilien herumzuhacken. Insofern selber Brandstifter. Er sollte sich mal wie Trump mit China anlegen, sicher auch ein Top-Umweltsünder.

Macron macht ja auch Stimmung gegen Salvini, während er die eigenen Häfen fein geschlossen hält.
Bolsonaro hat aber gut gekontert, denn er meinte gestern, Macrons Umfragewerte seien wohl so schlecht das er dringend einen Push benötigt.
Mir kommt dieser feine Herr aus dem Elysee Palast immer vor wie ein geschniegelter Clown.

Macron und seine Matrone Merkel haben mit dieser Aktion mehr Porzellan zerdeppert, als ihnen überhaupt ansatzweise klar ist.
Allzu viel fehlt nicht und Brasilien überholt wirtschaftlich Frankreich. Wenn dies geschieht, mach ich mir zur Feier des Tages einen Champagner auf!

Dazu müsste aber erstmal ein vernünftiges Wachstumskonzept her. Unserem jetzigem Präsidenten ist es erstmal wichtiger die eigene Pension zu sichern, den Sohn in den USA als Diplomaten unterzubringen und die Playstation 4 Einfuhrsteuer zu beseitigen. Die für Bier soll folgen. Brot und Spiele fürs Volk. Die Währung schmiert ab, die Arbeitslosigkeit ist gigantisch… Ich bin zwar konservativ, aber Bolsonaro ist das mit Abstand Schlimmste was Brasilien passieren konnte.

Ich dachte, es ginge darum, das Pensionssystem überhaupt zu sichern? Wird dies nicht getan, müsst ihr halt die Folgen davon tragen. So, wie Deutschland dereinst auch die Folgen seines Windrächenwahns wird tragen müssen .. Die Währung schmiert ab? Sie sollten sich mal den Drei- oder Fünfjahreskursverlauf des Real ansehen, z. B. hier: https://www.finanzen.net/devisen/euro-real-kurs Seit Bolsonaros Amtsantritt am 1. Januar 2019 ist er relativ stabil, abgeschmiert ist er unter den Sozialisten zuvor. Genauso ist auch die Arbeitslosigkeit unter den Sozialisten auf diese Höhen gestiegen. Seit dem Amtsantritt von Bolsonaro hat sich nicht viel getan, aber das dürfte auch nicht ihm anzulasten… Mehr

„Aus der Feuerhölle Südamerikas“ (?) > https://youtu.be/FdZFScQCSLM
Die Lage in Paraguay, veröffentlicht am 27.08.2019.

so mancher deutscher Schlaumeier rät jetzt: warum Gartenabfälle verbrennen und nicht kompostieren! Darum nicht, WEIL man dadurch im Tropischen – Subtropischen unglaublich Ungeziefer anzieht und auch Schlangen und Skorpione die sich ihre Mäuschen udgl jagen, da diese sich explosionsartig in Komposthaufen vermehren. UND was der Schlaumeier auch nicht weiß, wenn man so eine Grasfläche abfackelt, das sprießt in den Wochen danach wie man das aus Filmen im Zeitraffer kennt. Aber wahrscheinlich hat der Satellit auch bei mir gemessen, wir hatten einen sehr kalten Winter und da habe ich halt meine 7 Holzkamine auch mal mit dicken Eukalyptus Holzscheiten im kleinen… Mehr

DANKE, ich bin auch sprachlos! Was werden wir vera……t! Jetzt brauch ich einen Mate

Habe mir das Video heute schon 3 mal angeschaut und bin sprachlos. Was soll man überhaupt noch glauben –

Der ach so moralin durchtränkte Westen heuchelt auf widerliche Art und Weise. Für wen oder was wurden denn die Regenwälder Südost Asiens abgebrannt ? Für Palmöl, das sich die Europäer in den E10 (Öko Anteil) Tank plätschern. Wofür wird großflächig im Kongo und Anrainer Staaten Tropenwald vernichtet ? Für all die Rohstoffe der neusten Generation Digitalisierung in den G7. Wessen Müll wird in Asien ins Meer gekippt ? Müll aus Europa, fein getrennt im Land der Weltenretter. Wessen Wälder brennen JEDEN Sommer? Die der EU Anrainer am Mittelmeer. Aber der Herr spielt sich als großer Moralist auf, widerlich.

Hätten klimawandelbesorgte Großstadtjugend und ländliche globalisierungsbesorgte Provinzler nur ein wenig Internetkompetenz und „Hirn“, wäre die Unwahrheit von Macron sofort aufgeflogen. So wird es ein wenig dauern bis Macron „die Rechnung“ für seine Fake-News bekommt.

ES GEHT IHM UM „LA FRANCE“ und um sich selbst. Diesen Zielen ordnet er alles unter. Er haut Merkel hundert mal übers Ohr, ohne dass sie es überhaupt merkt. Über sie nutzt er den deutschen Michel gnadenlos aus. Aus erster Quelle (ich bin Saarfranzose mit guten Kontakten nach Froonkreich) weiß ich, dass noch keine hiesige „Regierung“ je so gering geschätzt wurde wie die derzeitige. Man macht Witze über Mutti und den blöden Michel, der sich von so etwas auf der Nase herum tanzen lässt. Der Michel gibt weltweit ein erbärmliches Bild ab, aber vor allem in Macrons Reich. Dort kann… Mehr