Liebesschwüre auf dem CSU-Parteitag: Seehofer und Merkel fast wie in alten Zeiten

CDU-Mitglieder dürfen jetzt auch ein CSU-Parteibuch beantragen. Doppelmitgliedschaft ja, Doppelpass nein. Ansonsten wenig Neues vom Parteitag der demonstrativen Liebe.

© Christof Stache/AFP/Getty Images

Drei Stunden plätschert der CSU-Parteitag dahin. Die Delegierten beschäftigen sich mit zahllosen Anträgen. Dann, um 17 Uhr kommt Leben in den Saal: Auftritt Angela Merkel. Der Beifall ist freundlich, viel freundlicher als vor zwei Jahren in München, als die CSU-Basis der Kanzlerin ob der Flüchtlingspolitik zürnte und Horst Seehofer die CDU-Kollegin auf offener Bühne ziemlich rüde abkanzelte.

Vergessen und vergeben? Nicht ganz. Anders als in der Zeit vor der Flüchtlingskrise wird das Kommen der Kanzlerin nicht bejubelt. Es ist also, positiv ausgedrückt, ein ehrlicher Empfang. Aber auch ein seltsamer. Merkel erklimmt die Bühne allein, wartet am Rednerpult höflich, bis Seehofer seinen Platz in der ersten Reihe im Saal gefunden hat, und beginnt dann ihre Rede. Keine förmliche Begrüßung ist auch eine Begrüßung.

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CSU-Parteitag: Die Zeiten der absoluten CSU-Mehrheit sind wohl Vergangenheit
Merkel geht unbeeindruckt gleich in die Offensive: „Ob Sie‘s glauben oder nicht – ich freue mich, wieder bei Ihnen zu sein.“ Das gefällt den Delegierten, ebenso ihr Hinweis, es sei gut gewesen, dass beide Parteien um ein Regelwerk zur Begrenzung der Zuwanderung gerungen hätten. Das war‘s dann mit der Vergangenheitsbewältigung. Der Parteitag scheint irgendwie erfreut – und erleichtert.

Dann schwenkt Merkel geschickt in den modifizierten Wahlkampfmodus und bekommt Beifall, wenn sie gegen die von der SPD geforderte Einheitskasse alias Bürgerversicherung zu Felde zieht, sich für eine Ankurbelung des Wohnungsbaus ausspricht, den Mittelstand stärken will, eine deutliche Verbesserung der Pflege einschließlich Hilfe für die Pflegenden in Aussicht stellt oder die Politik der CSU auf dem Gebiet der inneren Sicherheit in höchsten Tönen lobt. Bewährtes Unions-Terrain also – mit Beifall-Garantie.

Merkel ist gut in Form und witzig, zeichnet ihr Idealbild von der CSU: Teil der Union, aber prägend Kraft in Bayern. Ihr Verhältnis zu Horst Seehofer charakterisiert sie auf ironische Weise – ungeachtet vergangener und künftiger Reibereien – unter dem Jubel des CSU-Volks so: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.“ Nach 25 Minuten hofft sie zum Schluss auf „weitere gute Zusammenarbeit“. Dafür gibt‘s knapp fünf Minuten Beifall – von einem Teil der Delegierten sogar im Stehen.

Dann geht’s weiter wie vor zwei Jahren in München: Seehofer doziert und Merkel muss im Stehen zuhören. Nur dieses Mal ist es doch anders: Der CSU-Vorsitzende preist die Union („geschlossen, erfolgreich, einzigartig“) und dankt der lieben Angela. Die nimmt’s erfreut zur Kenntnis. Zumal Seehofer sie – anders als bei seiner Philippika vor zwei Jahren – nicht 13 Minuten stehen läßt sondern nur etwa 6 Minuten.

Nach Merkels Kurz-Auftritt arbeitet der Parteitag pflichtschuldig, aber eher lustlos das dicke Antragsbuch ab. Der spektakulärste Beschluss: CDU-Mitglieder außerhalb Bayerns dürfen gleichzeitig bei der CSU Mitglied werden. Mag die CSU auch gegen den Doppelpass sein: Doppelmitgliedschaft in den Unionsparteien ist künftig möglich und willkommen. Die CSU-Spitze hatte das nicht gewollt, aus Sorge, jetzt könnten Doppel-Mitglieder nördlich des Mains CSU-Freundeskreise gründen. Aber die CSU- Basis wollte genau das. Man weiß ja nie, wie lange die neu aufgeflammte Liebe zwischen München und Berlin vielleicht doch wieder mal bricht.

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Kommentare ( 62 )

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Einfach nur peinlich.

Was bleibt einem auch sonst zu sagen angesichts der autistischen Weigerung der Wahlverlierer, Konsequenzen aus dem DENK-Zettel der Wähler zu ziehen …

Man möchte brechen … Dieses „harmonische“ wegducken, diese unfassbare Verantwortungslosigkeit wird uns noch alle teuer zu stehen kommen

… wird uns alle noch viel teurer zu stehen kommen. Teuer ist es jetzt schon.

Ah, OK – Kasperletheather ohne Inhalte, nach wie vor. Solange Merkel nicht 4ever ausgesperrt wird, dreht sich das Idiotenkarussell ewig weiter.
Komisch, irgendwie mag ich langsam nimmer.

Hört sich an wie goldene Hochzeit. In dem Alter gehen viele schon am Stock oder mit AOK-Shopper. Der Bewegungsradius wird immer kleiner, viel Zukunft hat man nicht mehr vor sich. (Ich darf das sagen, denn ich werd auch schon 70. Für uns gilt das natürlich nicht, Herr Müller-Vogg.) ;-)) De Bibl auf Bairisch: „Sibzg Jaar seind üns vergunnt auf dyr Erdn; guet, sollnd s achtzge sein, dös ist schoon vil. Und was haast ausser Unmueß und Hartsal? Kaaum däßst schaugst, ist s schoon wider vorbei.“ Jetzt hoffen wir mal, daß diese Union es nicht auf 80 Jahre bringt. Etwas Neues… Mehr

Der Bürger freut sich, dass der Privatpatient bald seine Krankenversicherung subventioniert und erkennt nicht, dass wegen Millionen neuer, nicht zahlender Mitglieder trotzdem der Beitrag steigen wird.
Somit hat er Merkel und den immer schneller drehenden Seehofer verdient, die sich nur bis nach dem Parteitag mit der Zustimmung zieren.

Wenn Söder nicht beide zum Teufel jagt, dann fällt 2018 Bayern.

Ich wollte gerade den Artikel der Welt Online zu diesem Theater kommentieren. Von Begeisterungsstürmen ist da die Rede, hier von 5 Minuten Applaus… Mein Kommentar kam nicht durch. Liebe Freunde, ich bin ein Kind des Kommunismus der rumänischen Diktatur, damals in Siebenbürgen lebend, und so klein ich noch war, so verstörend ist das bis heute. Meine Eltern, Ungarn, die da nach Trianon mitsamt meinen Großeltern kleben gevlieben waren (in Ungarn war es aber auch genauso schrecklich und russisch), freuten sich und weinten, als wir, nach Flucht in die BRD; die Bilder des Endes Ceaucescus und seiner Frau sahen. Ich konnte… Mehr

„Wohin darf ich mit meiner Verzweiflung?“
Mut!
Sie sind nicht allein!

Abartig.

Ein ehemaliger Offizier und jetziger Polizeibeamter.

Merkel hat allen ernstes gesagt “wir möchten in einem Land leben das sicher ist, dafür kämpfen CDU und CSU“ dafür gibt es Beifall der Delegierten. Hallo??? Warum steht da niemand auf und fragt, wie sie gedenkt, die innere Sicherheit zu erhöhen, wenn jeder rein kann, der 4 Buchstaben aneinander reihen kann und das seit über 2 Jahren. Es vergeht kein einziger Tag ohne irgendwelche Zwischenfälle. Die Kriminalstatistik spricht auch eine deutliche Sprache. Und so weiter und so fort. Mit diesem Parteitag hat sich die CSU einen Bärendienst erwiesen. Man spielt also weiterhin den Bettvorleger für Merkel. Seit an Seit in… Mehr

Wenn sich die Doppelmitgliedschaftler der CDU zukünftig in bayerische CSU-Politik einmischen dürfen, werde ich sauer. Mir reichen schon die Zuagroasten die ins Oberland ziehen und dort ihre neue Nachbarn (die schon immer hier lebten), mit Klagen überziehen, sei es gegen morgendliches Gockelkrähen, gegen Kuhglockengebimmel, Kirchenleuten oder gegen den Geruch von frisch gebackenen Semmeln. Nach dem Motto, hier bin ich nun und ich schaff‘ an.

Ein Blick nach Österreich würde der CSU zeigen wie es geht.
Zwischen bayerischer und österreichische Mentalität gibt es kaum Unterschiede.

P.S.:
Aussen-, Innen- und Verteidigungsministerium und er Hand der FPÖ.