Die wirklichen Wahlen in Frankreich im Juni zur Nationalversammlung

Fest steht heute gegen Mitternacht nur eines: das Machtgefüge in den bisher wichtigsten EU-Ländern ist dahin. Die europäischen Dinge haben begonnen, sich grundlegend neu zu sortieren.

© Joel Saget, Eric Feferberg/AFP/Getty Images

Wer schließlich die Nase vorn hat, scheint auch gegen Mitternacht nicht wirklich festzustehen. Dass die Stichwahl am 7. Mai zwischen Le Pen (bei 22 Prozent indiziert) und Macron (bei 24 Prozent) ausgetragen wird, hingegen mehr. Gehen wir einmal davon aus.

Unabhängig davon, wie der nächste Präsident der französischen Republik heißen wird, lassen sich ein paar Dinge feststellen, die darüber hinaus gehen.

So wenig sich Frankreich und Österreich aus vielen Gründen vergleichen lassen, so sehr stimmt ein Befund überein: Die Kandidaten der zwei Volksparteien haben es in Paris wie Wien nicht ins Ziel der Stichwahl geschafft.

Bei den sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien schrillen die Alarmglocken: Der Kandidat der Parti Socialiste scheitert mit um die sechs Prozent.

Deutsche wie österreichische Spitzen-Sozialdemokraten setzen auf Macron – in Wien haben sie einen, der wenigstens ein wenig ausschauen könnte wie er, in Berlin keinen.

Ob der gescheiterte Konservative Fillon mit seiner Wahlempfehlung für Macron in der Stichwahl diesem nicht mehr schadet als nutzt, werden wir sehen. Dass die Traditionswähler der Parti Républicain eher einen weißen Stimmzettel abgeben werden als einen für Macron, pfeifen in Frankreich die Spatzen von den Dächern.

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Schon eher kann Macron auf Stimmen zählen, die jetzt für Mélenchon votiert haben: allerdings nur aus einem einzigen Grund – gegen Le Pen und den Front National. Womit die eigentliche Frage im Raum steht: Wie kommt Macron bei den Wahlen zur Nationalversammlung auf eine Mehrheit? Er muss es erst einmal schaffen, 577 Wahlkreise mit Kandidaten zu bestücken. Macht es diese Herausforderung leichter, dass er sich festgelegt hat, die Hälfte davon müsse aus der Gesellschaft kommen, dürfe nicht zur classe politique gehören?

Viele berufsmäßige Auguren setzen darauf, dass die Franzosen wie bisher dem neu gewählten Präsidenten auch eine Mehrheit im Parlament verschafften. Aber was ist, wenn dieses mal auch das anders ausgeht? Dann stünden Frankreich fünf Jahre politischer Stillstand ins Haus und der EU gleich ein Interregnum mit.

Fest steht heute gegen Mitternacht nur eines: das Machtgefüge in den bisher wichtigsten EU-Ländern schwindet dahin. Die Dinge haben begonnen, sich grundlegend neu zu sortieren. Der Brexit war keine Ausnahme, sondern nur die erste große tektonische Verschiebung der politischen und wirtschaftlichen Strukturen in Old Europe.

Ich wünsche eine gute Nacht. Die Sonne geht immer wieder auf, da Politik darüber nicht entscheiden kann.

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Kommentare ( 76 )

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76 Kommentare auf "Die wirklichen Wahlen in Frankreich im Juni zur Nationalversammlung"

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Ein spannendes Duell zwischen „mehr Europa“ und „so wenig Europa wie möglich“ ist in der Stichwahl zu erwarten. Bei dem Nationalstolz der Franzosen könnte da der Sieg für Macron noch nicht klar sein.
Für viele Wähler der unterlegenen Kandidaten dürfte es eine ähnliche Wahl zwischen „Pest und Cholera“ sein wie sie es in den USA war!

Es geht um mehr oder so wenig EU wie möglich, was mit Europa und seinen Bürgern nur entfernt zu tun hat, sondern mehr mit übergriffigen Bürokraten und Migrationslenkern.

Ja, bei der Wahl der Nationalversammlung mag es schon Verschiebungen geben.

Aber die bisherigen Eliten werden versuchen den „Kuchen“ (Mandate), wie bisher, unter sich zu verteilen.

Und das, befürchte ich, wird ihnen aufgrund des – wie ich finde unter Demokratie-Gesichtpunkten sehr fragwürdigen – Mehrheitswahlrechts wieder gut gelingen.

Und wieder einmal, jubelt der vor Begeisterung und Glückseligkeit sich gar nicht mehr einkriegende Chor der kollektiv Bewusstseinsgetrübten, ein großer Tag für Deutschland und Europa! Bundeskanzler Schulz, unser vielumjubelter deus ex machina, gratuliert, noch etwas mürrisch und unausgeschlafen vielleicht, aber das gibt sich, dem frisch gekürten französischen Präsidenten Macron zu seinem triumphalen Wahlsieg und freut sich auf die künftige Zusammenarbeit in und für Europa. Der europafeindlichen Ultra-Nationalistin und degoutanten Extrem-Rassistin Marine Le Pen wurde, und allein das zählt, vom aufgeklärten Wähler zu Recht eine krachende und knallharte Absage erteilt. Wen kümmern angesichts derart allseits beglückender Aussichten noch solche Petitessen wie… Mehr

Der Problemdruck wird steigen. In Frankreich noch schneller als in Deutschland. Und die Franzusen sind meines Erachtens für ihre begrenzte Geduld mit politischen Blindgängern nur allzu bekannt. Das weiß sicherlich auch ein potentieller Präsident Macron. Ich glaube daher nicht, dass es zu dem vom berliner Establishment mutmaßlich gewünschten „Weiterso“ der französischen EU-Politik kommen wird. – Egal, wer sich am 07.05. und bei der Parlamentswahl im Juni durchsetzen wird.

Also ich verfolgte die Wahl im Franz. Fernsehen, so gut meine Franz. Kenntnisse, ich spreche u. lese vorallem viel besser als ich verstehe……im Gegensatz zu Englisch, wo ich keine Probleme habe. Egal. Daß man sich auf Macron stürzt u. ihn nun von allen Seiten hofiert u. protegiert ist klar u. daß eigentlich gestern Nacht alle anderen inkl. Fillon ihn unterstützen ab jetzt, war auch absolut klar. Sie haben Herr Goergen in einem auf jeden Fall Recht, wenn man sich die Wahlen in Österreich, die zuletzt in den Niederlande u. auch die etwas gestärkte AfD im Saarland trotz Chaos u. vorher… Mehr
Alles richtig, Herr Goergen. Ich will nur mal das Wunder Macron entzaubern. Die MSM werden nicht müde den neuen Heilsbringer der Franzosen, der aus dem Nichts kam, den Parteilosen, den neuen Kennedy, etc. zu loben. Sie tun so als könnten sie es sich selber nicht erklären, woher das Bübchen plötzlich kommt. Das ist ist natürlich knapp an der Wahrheit vorbei. Wer seine Blitz-Karriere verfolgt, von der ENA, über die Rothschild Bank zum Wirtschaftsminister Hollandes und zum neuen Parteigründer, sieht unschwer einen Plan dahinter: Einen Retter des Establishments aufzubauen und dann in den Ring zu führen, wenn sowohl die Sozialisten als… Mehr

Eines ist klar, die in der Vergangenheit die Politik in Frankreich dominiert habenden
Parteien der bürgerlichen Konservativen resp. die Erben der Gaullisten und der Sozialisten analog zu Deutschland CDU und SPD sind beinahe vollständig untergegangen und haben nichts mehr zu melden.
Macron als sozialliberaler „Reformer“ muß als „Youngster“ und künftiger Präsident jetzt die Sache reissen.
Prognosen, ob er scheitert oder Erfolg haben wird, wären reine Kaffesatzleserei.
Sollte er scheitern und Frankreich in fünf Jahren da stehen wo es heute steht
oder noch schlechter, wird Le Pen der Nachfolger von Macron.

Nun, vielleicht macht die französische Staatsanwaltschaft Macron noch einen Strich durch die Rechnung. Schliesslich laufen Ermittlungen wegen Vorteilsnahme (vulgo Korruption / Bestechlichkeit) gegen ihn. Das wurde während des Wahlkampfs natürlich unter dem Deckel gehalten, man wollte den einzigen, der es mit LePen aufnehmen konnt, nicht beschädigen. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das jetzt. Man hat ja schon Pferde vor der Apotheke und so …. Ich würde mir für Frankreich den Turnaround wünschen. Macron steht als ehemaliger Wirtschaftsminister unter Hollande nicht wirklich für diesen Turnaround und eine neue Politik, die Frankreich dringend braucht. Er war unter Hollande erfolglos und er… Mehr

Dieser zwielichtige Macron „hat“ kein Projekt, er „ist“ eines: das Projekt der EU-Eliten, BIlderberger und der Soros-Mafia. Unfassbar, daß dieses Ergebnis als „Änderung“ verkauft wird. Den Hintermännern sind doch die alten Parteien völlig wurscht.
Sie wollen Islamisierung und Ausverkauf des Landes vorantreiben, und so ein Westentaschen-Obama Macron, der nichts als Luftblasen abgesondert hat, ist das grinsende Schaufenster-Püppchen dieser Leute. Die können weiter machen was sie wollen.
Herzlichen Glückwunsch Frankreich. Wünsche gute Reise in die „Soumission“, Ihr wollt den schwedischen Weg gehen, viel Spaß damit, Ihr hattet Eure Chance.