Die Vermessung von Nationalstolz

Eine neue Studie sorgt für köstliche Irritationen. Die Ergebnisse der Untersuchung sind ziemlich überraschend. Einige vermeintlich fortschrittliche Experten verwirrt das so sehr, dass eine Podiumsdiskussion der ansonsten staubtrockenen Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik unerwartet lustige Züge annimmt.

© Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

„Ein Volk kann nie so unpatriotisch sein wie eine Regierung.“
(Otto Weiß – in: “Weiß, So seid Ihr!“, 1909)

Es könnte auch eine Geburtstagsgesellschaft sein. Denn immerhin feiert die deutsche Flagge gerade ihren 100. Geburtstag. Für Genießer: Die schwarz-rot-goldene „Trikolore“ geht auf einen Beschluss des Staatenausschusses vom 18. Februar 1919 zurück.

Hach, man könnte so viel über diese Zeit und auch über den freiheitlichen Ursprung der deutschen Nationalfarben erzählen … aber darum geht es hier natürlich nicht. Wer sich trotzdem dafür interessiert, kann ja bei Wikipedia nachgucken.

*****

Statt Geburtstagsparty mit Fahneneid gibt es an diesem Tag eine Podiumsdiskussion bei der altehrwürdigen Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin: „Deutscher Nationalstolz – ein schwindendes Tabu?“. Vorgestellt wird die gleichnamige, brandneue Studie von der Open Society Foundation (das ist die Stiftung von George Soros) und von d|part (das ist, nach eigenen Angaben, ein „Think Tank für Politische Partizipation“).

Eigentlich sind also die üblichen Verdächtigen versammelt, um sich gegenseitig in ihrer bekannten Abneigung gegenüber allem zu bestärken, was irgendwie mit „national“ zu tun hat. Man geht hin und ahnt nichts Gutes, jedenfalls nichts Neues.

Aber es kommt anders.

*****

Das liegt zunächst vor allem an den Ergebnissen der Studie, die nach Angaben der Autoren mittels einer Online-Umfrage bei 1.000 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern erstellt wurde. „Wie sehr sehen Sie sich selbst als deutsch?“ ist eine der zentralen Fragen. 74 % (fast drei Viertel) fühlen sich „stark oder sehr stark“ deutsch. Das für sich habe schon überrascht, erklärt Studien-Co-Autor Luuk Molthof. Noch überraschender: Der Wert ist quer durch alle sozio-demografischen Gruppen fast gleich. Ob Mann oder Frau, jung oder alt, gut oder weniger gut gebildet, Ost oder West: Fast drei Viertel ALLER Menschen in Deutschland fühlen sich „stark oder sehr stark“ deutsch.

Ungläubiges Staunen im Saal.

Und je länger Molthof vorträgt, desto weniger versteht sein Publikum die Welt. „Worauf sind Sie als Deutscher besonders stolz?“ haben der junge Sozialwissenschaftler aus den Niederlanden und sein Team weiter gefragt. Das sind die Top 5 der Antworten:

1. Grundgesetz (38 %)
2. Sozialstaat (30 %)
3. Kulturelles Erbe (30 %)
4. Wirtschaftskraft (24 %)
5. Führungsrolle bei technologischen Innovationen (20 %)

Vielsagend – und für die Zuschauer der Präsentation geradezu spürbar verstörend – ist aber vor allem, was die überwältigende Mehrheit der Befragten NICHT antwortet: Auf die „Rolle als Treiber der Europäischen Integration“ sind nur noch 15 % stolz. Und die deutsche Einwanderungs- bzw. „Willkommens“-Kultur spielt fast gar keine Rolle.

Wären wir in einem Comic, über den allermeisten Köpfen im Raum wäre jetzt dieselbe Denkblase zu sehen: „Das kann doch nicht sein …“

Ist aber so. Und der gedanklich fliegende Holländer macht auch weiterhin keine Anstalten, sein Publikum zu schonen. In der Studie wurden neben den 1.000 repräsentativ Ausgewählten auch Politiker und Vertreter der unvermeidlichen „Zivilgesellschaft“ befragt. „Auf die Rolle als Treiber der Europäischen Integration sowie die Einwanderungs- bzw. Willkommenskultur ist nur eine kleine Minderheit der repräsentativ Befragten stolz – aber fast alle Politiker,“ stellt Molthof trocken fest.

Selten ist der Graben zwischen den Gewählten und ihren Wählern so nüchtern und gleichzeitig so eindrucksvoll in Zahlen gegossen worden.

*****

Dass beim Thema „Nationalstolz“ etwas herauskommen könnte, was nicht zur Gesellschaftserzählung der urbanen Schickeria passt, scheint man auch bei der DGAP zumindest geahnt zu haben. Jedenfalls hat man nach der Präsentation der Studie vorsichtshalber eine Podiumsdiskussion angesetzt: „Patriotische Perspektiven und ihre Implikationen für Deutschlands Rolle in der EU“. Es ist der Versuch, der eigenen Klientel die Deutungshoheit über die Umfrageergebnisse zu sichern.

Der Versuch scheitert, und das durchaus amüsant.

Dabei lässt man nichts unversucht, unerwünschte Lesarten der Studie zu torpedieren. Auf dem Podium sitzt kein Vertreter, bei dem man auf Anhieb so etwas wie eine patriotische Grundhaltung vermuten würde. Dafür wurde Christiane Hoffmann eingeladen: Sie ist stellvertretende Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros und gilt selbst im eigenen Haus als linke Ideologin. Neben und – wenig überraschend – praktisch immer mit ihr argumentiert Selmin Çalışkan, „Director of Institutional Relations“ der Open Society Foundation in Berlin. Die in Düren geborene Tochter türkischer Einwanderer fällt vor allem dadurch auf, dass sie wiederholt erklärt, sich partout nicht als Deutsche fühlen zu wollen (ihren deutschen Pass will sie aber behalten.)

Dazu kommt die Autorin Thea Dorn. Sie hat auf die Frage, was „Heimat“ für sie bedeute, in einem Radio-Interview einmal geantwortet: „die Gedichte von Eichendorff“. Die sind zwar zugegebenermaßen tatsächlich wunderschön, dürften sich als massentaugliche Erklärung des Heimatbegriffs aber eher nicht durchsetzen.

Moderiert wird das Ganze von Jana Puglierin von der DGAP, die – selbstverständlich völlig neutral – zunächst darlegt, sie gehöre zu einer jungen Generation, der das Wort „Nationalstolz“ Bauchschmerzen bereite. „Ist Nationalstolz eine Gefahr für die offene Gesellschaft?“, fragt sie – selbstverständlich völlig neutral – in die Runde.

„Nein,“ antwortet der nüchterne Holländer Molthof – und während man geneigt ist, sich intellektuell in den Mann zu verlieben, öffnen sich über Podium und Publikum wieder die schon bekannten Denkblasen. Tatsächlich sei es eher umgekehrt, fährt Molthof ungerührt fort: Wer gar nicht stolz sei, habe sogar am wenigsten Sympathie für eine offene Gesellschaft. Der Studienautor zitiert einen von seinem Team befragten FDP-Bundestagsabgeordneten:

„Nur wer selbstbewusst ist, kann tolerant sein.“

*****

„Spiegel“-Frau Hoffmann mag das so nicht stehen lassen: Ihre beiden Töchter fühlten sich den Menschen in Polen oder Dänemark, die ihre Ansichten teilen, wesentlich verbundener als gleichaltrigen Deutschen mit anderen Ansichten. Eine gemeinsame Weltanschauung sei doch viel bedeutsamer als eine gemeinsame Herkunft oder Nationalität.

Hier kommt dann der Auftritt von Thea Dorn. Die objektiv sowohl bekannte wie erfolgreiche Schriftstellerin hatte im vergangenen Jahr ein Buch mit einem für sie eher unerwarteten Thema vorgelegt: „deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. Jetzt fährt sie Nationalstolz-ist-böse-Hoffmann und Ich-will-mich-nicht-deutsch-fühlen-Çalışkan massiv in die Parade. Sie tut das zwar im verbindlichen Wir-Mädels-halten-zusammen-Ton, könnte aber inhaltlich kaum deutlicher sein: fortiter in re, suaviter in modo.

Nationalstolz habe mit Heimatgefühl zu tun, und das könne man nicht wegrationalisieren, sagt Dorn. Eine gemeinsame Sprache zum Beispiel schaffe intuitiv mehr Identifikation als eine gemeinsame Weltanschauung. Sie halte auch nichts davon, den Kulturbegriff beliebig zu relativieren. Natürlich wandle sich eine nationale Kultur ständig – aber sie tue das nicht beliebig schnell. Wenn Syrer jetzt nach Deutschland kämen und syrische Volkslieder mitbrächten, dann seien diese Lieder eben zunächst einmal (und sicher noch für ziemlich lange Zeit) syrische Lieder: syrisches Kulturgut, kein deutsches. „Bevor fremde Einflüsse in die deutsche Kultur wirklich einwachsen, braucht es viel Zeit.“

Und dann sagt sie etwas, was noch lange nachschwingt: „Wir können nicht das Nationalgefühl der urbanen Kosmopoliten einfach allen Menschen im Land überstülpen. Und zu sagen: ‚Ich rede nicht mit denen, die meine urbane kosmopolitische Einstellung nicht teilen‘, ist brandgefährlich.“ In diesem Moment könnte man das Unwohlsein der meisten Zuhörer im Raum mit Händen greifen.

Es ist ein unerwartet lustiger Abend.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 78 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Wer solche „Eliten“ hat braucht keine Feinde.

Das liegt auch gar nicht in der Macht der Frau Selmin Çalışkan, „sich partout nicht als Deutsche fühlen zu wollen“, ebensowenig wie ihr das Gegenteil zur Verfügung stünde;
Denn ob sich jemand mit deutschem Patriotismus und Nationalstolz identifizieren kann, hängt von der im Unbewussten des oder der Betroffenen abgelegten Prägung durch den Archetypus ab, und ist einer willentlichen Beeinflussung nicht zugänglich.
In ihrem Fall, als in Düren geborene Tochter türkischer Einwanderer, ist der Archetypus türkischer und nicht deutscher Natur.

Tja, Leistungseinkommensgenerierer – und damit „originäre“ Steuerbeitragserwirtschafter und -zahler können sich mit dem oben benannten Katalog, vielleicht in der Wichtigkeit der einzelnen Punkte unterhalb Punkt 1. noch etwas umsortiert, … : 1. Grundgesetz (38 %) 2. Sozialstaat (30 %) 3. Kulturelles Erbe (30 %) 4. Wirtschaftskraft (24 %) 5. Führungsrolle bei technologischen Innovationen (20 %) … natürlich viel besser identifizieren als Übertragungseinkommensempfänger – und damit sekundäre Nutzniesser der originären Steuerbeitragserwirtschafter der ersten Gruppe, die sich im wesentlichen damit beschäftigen, erhaltenes Steuergeld weiter „umzusetzen“. Letztere haben natürlich einen anderen Focus, nämlich den, dieses primär erwirtschaftete Steuergeld möglichst so auszugeben, dass ein… Mehr

Liest sich so, als bekäme der Elfenbeinturm erste Risse. Ich bin positiv überrascht. Mehr davon.
Frau Dorn war mir zudem schon immer sehr sympathisch. Ein sehr schlaues Köpfchen in Verbindung mit außergewöhnlicher Durchschlagskraft.

„Ihre beiden Töchter fühlten sich den Menschen in Polen oder Dänemark, die ihre Ansichten teilen, wesentlich verbundener als gleichaltrigen Deutschen mit anderen Ansichten“ Interessante Feststellung. Ich halte dagegen. Ich bewege mich oft in internationalem Umfeld mit oft etwa 10-30 verschiedenen Nationalitäten. Wie funktioniert hier die Gruppenbildung. Zuerst nach gemeinsamer Sprache, dann nach Nationalität (falls verschiedene vorhanden). Gerade bei Deutsch ist dies am extremsten ausgeprägt, da 2 Nationen eigentlich den Dialekt als Muttersprache haben und nicht die Schriftsprache. Aber auch ohne Dialekt in F, E und Spanisch kann die Gruppierung um Sprache und später Nation beobachtet werden. Nach meiner Beobachtung jammern… Mehr
„Die in Düren geborene Tochter türkischer Einwanderer fällt vor allem dadurch auf, dass sie wiederholt erklärt, sich partout nicht als Deutsche fühlen zu wollen“. Was ich übrigens völlig verständlich und natürlich finde. Das Problem an der Sache ist, dass die Gruppe der Türken in Deutschland viel zu groß ist, immer größer wird und dass man 1,5 Millionen Türken eingebürgert hat. Die meisten von ihnen sehen sich trotzdem noch immer primär als Türken, haben aber Wahlrecht und können auf die Gestaltung des Landes der Deutschen Einfluss nehmen. Das ist der Kern des Problems: man hat Millionen Menschen eingebürgert, die sich nicht… Mehr
Dieses Beispiel ist bei aller netten Episoden leider nur ein Beispiel von vielen, wie in Deutschland linke Ideologie und Propaganda und Umerziehung durch entsprechende Protagonisten und Aktivisten in Kindergarten und Schule die Deutschen, vor allem leider auch das Wichtigste, die Jugend, entfremdet hat von all dem was Jahrhunderte unsere Nation und unser Land geprägt und so weit gebracht hat, unbändiger Patriotismus und Nationalstolz. Vom extremen Konservativen bis zum Linksextremen. Kaum ein Linker weiß oder will mehr wahrhaben, das Ernst Thälmann gesagt hat: „Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich… Mehr

Thälmann? Kommunisten glaube ich nicht mal, wenn sie nachts sagen, daß die Nacht dunkel ist und der Tag hell.

Mal abgesehen davon waren die radikalsten unter den 1848er Nationalrevolutionären weit links zu verorten; mit Forderungen nach Einheitsrepublik statt Bundesstaat, Nationalwerkstätten, etc.

Diese selbsternannten Kosmopoliten wissen doch eigentlich gar nicht, wovon sie da reden. Es sind die gleichen Leute, die mal eben die Welt retten wollen. Ob die Welt das auch so sieht oder will, interessiert diese „weltoffenen Leute“ überhaupt nicht. Jede von ihrer eigenen Meinung abweichende Aussage ertragen sie nicht, aber deklarieren sich als Kosmopoliten. Absurde Kleingeister.

Ich bin persönlich stolz Europäer und Deutscher zu sein.

Begründung:
Die Europäische Kultur ist seit der Renaissance eine „wissenschaftsbeflissene Kultur „(Karl Popper). Sowohl unser komplettes modernes Weltbild, als auch alle Erfindungen der Neuzeit sind europäischen und deutschen Ursprungs.

Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich in einer „wissenschaftsbeflissenen Kultur“ (Karl Popper) aufgewachsen durfte. Auch wenn mein Beitrag noch so gering sein mag, so habe ich mich doch darum bemüht, diese Kultur weiterzutragen und darauf bin ich stolz.

Ungeachtet ihrer Ansicht, die Sie sich nicht nehmen lassen sollten, erlaube ich mir den Hinweis, daß Popper darüber den Kopf schütteln würde.
Nix für ungut! 🙂

Das müssen Sie mir schon erklären.

1. Karl Popper war kritischer Rationalist

2. Karl Popper war Anhänger einer „offenen Gesellschaft“, in der sich jeder unabhängig von Stand und Herkunft mit Leistung nach oben arbeiten kann.

3. Von Karl Popper stammt die beste Definition unserer Kultur:
„Denn nichts ist so kennzeichnend für unsere Europäische Kultur wie die Tatsache dass es sich um eine wissenschaftsbeflissene Kultur handelt“

Berliner Schüler fühlen sich als Deutsche? Das kann ich fast gar nicht glauben.

… man sollte andererseits auch überrascht sein über hohe Quoten in einzelnen Gruppen, die sich quasi nicht-deutsch fühlen. Insgesamt 10 Prozent, 18–24 Jahre: 21 Prozent, formal hoch Gebildete: 14 Prozent, Linke- und Grünen-Anhänger: 16 Prozent, nach Selbsteinschätzung politisch Linksorientierte: 18 Prozent. 12 Prozent der Befragten bekundeten auf Nachfrage, als Deutsche auf nichts stolz zu sein. Hier zeigt sich, meine ich, auch eine problematische (???) Tendenz zur psychologischen Entfremdung vom Land, in dem man lebt. Leider geht aus der Studie nicht hervor, als was sich die Betroffenen denn fühlen. Weltbürger, Europäer, vor allem/nur Berliner? Ob in der Stichprobe von 1.046 Personen… Mehr

Wenn man nicht weiß, was „deutsch“ ist, geht das ganz einfach. 😀