Die Lügen von Chemnitz und die lästige Wahrheit

Ein Jahr, nachdem der Chemnitzer Daniel Hillig erstochen wurde, kocht das Thema wieder hoch: Gab es „Hetzjagden“ auf Ausländer? Auch Ministerpräsident Kretschmer will die Falschdarstellung der Begebenheiten aufrechterhalten. Von R. Tichy und H. Reitmaier.

In der letzten Wahlkampfwoche vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg geht es um die Frage: Wie rechtsradikal sind die Sachsen? Haben die Bürger in Chemnitz „Hetzjagden“ veranstaltet, wie unmittelbar nach der Bluttat und einer Situation öffentlichen Entsetzens die Bundeskanzlerin behauptete und wie es viele Medien verbreitet haben? Im Mittelpunkt steht der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen – er hatte die Darstellung der Hetzjagden in Frage gestellt und war im Zuge der folgenden Auseinandersetzungen entlassen worden. Trotzdem macht Maaßen, der Mitglied der konservativen Werteunion innerhalb der CDU ist, in Sachsen und  Brandenburg Wahlkampf für die Partei, deren Spitzenvertreter ihm so übel mitgespielt haben: Zuletzt verlangte die neue Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, brav in Verteidigungslinie mit der Bundeskanzlerin, seinen Ausschluss aus der Partei – wollte es rückgängig machen, dann doch wieder nicht. Es ist ein Verwirrspiel um Fakten, an dem sich die CDU, ihr sächsischer Spitzenkandidat Kretschmer und einige Medien beteiligen.

Angriff aus Frankfurt

Eine „Sensation“ verbreitete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: auf einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Plauen verfolgte sie die Diskussion des früheren Verfassungsschutz-Chefs Hans-Georg Maaßen mit Besuchern einer CDU-Wahlkampfveranstaltung. Auf die Frage aus dem Publikum ob es denn Hetzjagden gegeben habe, sagte er: (Zitate laut FAS): „Es ging dabei zuallererst um jenes berühmte kurze Handy-Video, auf dem ein Mann einem anderen hinterherrennt, der vermutlich Ausländer ist. Es ist unter anderem auch durch eine liebevoll-strenge Stimme aus dem off legendär geworden, mit welcher eine Frau ihren mutmaßlich ebenfalls rennbereiten Mann mit den Worten „Hase, du bleibst hier“ davon abhält, sich an der Jagd zu beteiligen. Dieses Paar, sagte Maaßen nun, habe schließlich längst erklärt, wie es wirklich gewesen sei, damals in Chemnitz. In einem Interview mit einer rechten Website hätten „die Frau und ihr Hase“ doch längst erklärt, dass es keine Hetzjagd gegeben habe. Also genau das, was er selbst immer gesagt habe.“

Soweit zu Maaßen. Aber nun steigt die FAS in Recherche ein – ohne die Quelle, Tichys Einblick zu nennen – das könnte ja zur Nachprüfbarkeit führen. Die FAS also: „Wer das Interview der Frau und ihres Hasen nachliest, stellt allerdings fest, dass der Beweis nicht schlüssig ist. Ihre Aussäge lässt sich schon deshalb schwer überprüfen, weil weder Mann noch Frau bereit waren, ihre Namen zu nennen. Zudem ändert ihre bloße Behauptung niemand sei gehetzt worden, nichts daran, dass auf dem berühmten Video ein ausländisch aussehender Mann eindeutig (wenn auch nur für Sekunden und ohne Erfolg) aus der Mitte einer Gruppe von mutmaßlichen Rechtsextremisten angegriffen und verjagt wird.“

Diese Aussage von Maaßen „entfalteten seine Worte die Wirkung eines Ziegelsteins, der in den Karpfenteich plumpst“, so das Blatt weiter. CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer jedenfalls erklärte Maaßen umgehend zur Persona Non Grata in Sachsen: „Die Debatte um die Ausschreitungen in Chemnitz hat sich durch ihn verlängert, was Sachsen geschadet hat„, sagte Kretschmer dem Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL am Wochenende vor der Landtagswahl in seinem Bundesland. Das ist überraschend: Der Aufklärer wird für seine Aufklärung gescholten. Kretschmer wäre es wohl lieber, das Bild des rechtsradikalen Sachsen, wie es Merkel mit befördert hat, bliebe intakt.

Gab es wirklich Hetzjagden?

Nun hat sich die Debatte nicht verlängert – vielmehr beginnt sich eine Wahrheit herauszuschälen, die weder Bundeskanzlerin Merkel noch Michael Kretschmer ins Konzept passen kann: An den Hetzjagden ist nicht so viel dran gewesen. Denn die Familie Hase ist keineswegs so im Dunklen, wie die FAS suggeriert und wie am Montag die FAZ nachlegte: Das Ehepaar „könne“ eine eidesstaatliche Versicherung vorlegen: Das Paar hat schon zu Beginn eine eidesstaatliche Versicherung abgegeben, die TE belegt und als Basis unserer Recherche veröffentlicht hat (siehe Seite 2). Aber solche Details gehen eben unter, wenn schneller geschrieben als recherchiert wird; und die FAZ nennt anders als ihre leichte Schwester vom Sonntag die Quelle: „Die rechte Internetseite „Tichys Einblick“. Dafür bedanken wir uns; die Leser mögen sich eine Übersicht über Fakten und Inhalte selbst bilden.

TE hat außerdem Journalisten auf Nachfrage Gespräche mit dem Ehepaar vermittelt; weder die FAZ noch die FAS haben angefragt. Dass das Ehepaar Angst um seine bürgerliche Reputation und berufliche Existenz hat, ist nachvollziehbar. Denn sich der geballten Medienmacht und Bundeskanzlerin entgegenzustellen, ist keine Sache, die man in Deutschland jemandem ernsthaft abverlangen sollte. Wie es damals in Chemnitz zuging und was von den „Belegen“ zu halten ist, dass es trotzdem zu Hetzjagenden gekommen sei hat der frühere ZDF-Reporter Harry Reitmaier beschrieben – der Text ist auf der folgenden Seite wiederholt.

Aufgabe des Journalismus: Wahrheitssuche

Nun sind die Vorkommnisse in diesen überhitzten August-Tagen 2018 in Chemnitz sicherlich noch klärungsbedürftig. Aufgabe von Journalisten sollte es sein, dazu ihren Beitrag zu leisten und nicht Wahlkampfhilfe für eine Partei. Aber offenkundig geht es einigen Blättern eher darum, den Mythos der Hetzjagden aufrecht zu erhalten, um Sachsen mitsamt der Bürger und Wähler in das schiefe Licht des Rechtsradikalismus zu stellen. Auffällig: während Michael Kretschmer noch vor einem Jahr mutig versucht hatte, dazu beizutragen, die Wahrheit zu ermitteln und die Bürger von Chemnitz vor ungerechtfertigten Angriffen zu schützen, hat er jetzt Maaßen aus dem Wahlkampf der CDU in Sachsen vergrault. „Ich wollte meiner Partei in Sachsen helfen. Da meine Unterstützung von @MPKretschmer für nicht nötig erachtet wird, ziehe ich mich schweren Herzens zurück“, twittert Maaßen. Dabei gibt es immer mehr Indizien dafür, dass die Abläufe sich nicht mit denen decken, die Medien so einheitlich berichtet haben:

Wolfgang Klein, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen, erklärte unmittelbar nach den Vorfällen. „Nach allem uns vorliegenden Material hat es in Chemnitz keine Hetzjagd gegeben“. Damit widerspricht er direkt den Behauptungen von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Sprecher Steffen Seibert, die beide behauptet hatten, in Chemnitz hätten „Hetzjagden“ stattgefunden – also sogar mehrere.

Auch der „Grüßer von Chemnitz“, dessen demonstrativer Hitlergruß als weiterer zentraler Beleg für die rechtsradikale Gesinnung in und um Chemnitz gilt, ist keinesfalls der rechten Szene zuzuordnen – er ist eher verwirrter, auf links drapierter Alkoholiker an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit, der deswegen auch nur zu einer milden Strafe von 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde.

Sind die Chemnitzer also eine Stadt der Rechtsradikalen? Wohl kaum. Nur das Verwirrspiel geht weiter: Das Bild der Hetzjagden muss aufrecht erhalten bleiben – koste es, was es wolle. Was treibt den Ministerpräsidenten, die Entlastung für die Bürger von Chemnitz zu verweigern?

Auf der nächsten Seite finden Sie die TE-Story über die Hintergründe des Hase-Videos. Danach werden wir noch eine Reportage über das „Ehepaar Hase und die Medien“ veröffentlichen, das bislang nur in unserem Print-Magazin erschienen ist.

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Kommentare ( 179 )

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179 Kommentare auf "Die Lügen von Chemnitz und die lästige Wahrheit"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Längst hat sich ein großer Teil der deutschen Journaille zu einem populistischen AgitProp-Trupp einer links.grünen Gesinnung entwickelt. Allen voran gilt dieses für die Meinungsmacher von ARD und ZDF. Eine sachgerechte Darstellung von Vorgängen und Ereignissen ist da nicht mehr als Ziel erkennbar.

Die Frage ist eher „WER treibt Kretschmer“? Die Antwort kennen wir alle. Wer Kretschmer wählt, bekommt feige 200 % Merkel.

Es gibt seit der ewigen Machtergreifung der Alternativlosigkeiten nur noch eine Hetzjagd und diese Jagd ist brennende neue deutsche Schande als brennendstes Merkmal von Demokratiefeindschaft – die Hetzjagd der nationalen roten Blockmedien auf Kritiker der Herrschenden, auch Propaganda genannt.

Nicht vergessen, Maaßen wurde auch gegangen, weil er „linksradikale Kräfte“ in der SPD verlautbarte.
Hat da jemand im Anschluss nach diesen gesucht – in der SPD?
Und wo anders?

Die Farce geht munter weiter…. Gestern Abend sowohl im Videotext als auch live in allen Nachrichten erst die Meldung vom Rückzug von Maaßen, dann sofort der Kommentar von Populist Michael Kretschmer über seinen ‚unwichtigen‘ Kontrahenten, der ja völlig unnötig mit dem Versuch zur Wahrheit genervt habe. Und zur Krönung noch eine Meldung, das LKA habe Chatprotokolle ‚abgehört‘ die belegen sollen, dass es Verabredungen zu Hetzjagden gegeben haben soll. Und dies ganz zufällig am Jahrestag der tödlichen Messerattacke und ohne die geringste Würdigung des Opfers. Alle ‚Beweise‘ nur im Konjunktiv. Fakten wie die Aussage des Video-Ehepaars verfälscht und unter den Tisch… Mehr
Im „Tagesspiegel“ wird im Forum gejubelt! Endlich „ist die Wahrheit ans Licht gekommen“, „jetzt können sich die AfD und Rechtsextreme nicht mehr rausreden“, „Maaßen und alle anderen haben gelogen“, „Kretschmer hat auch gesagt, es habe keine Hetztjagden gegeben, der muss sich jetzt bei Merkel entschuldigen“ usw.usf. Die Unfähigkeit den Inhalt eines Kommentars zu deuten und zu begreifen ist erschreckend aber eben das Klientel des „Tagesspiegels“ oder anders der Berliner. Ich hoffe jetzt, dass das LKA Sachsen die Sache klarstellt und eine Erklärung abgeben wie sie an die „Chatprotokolle“ gekommen sind und welche Beweise tatsächlich gefunden wurden. Da lt. dem „Bericht“… Mehr

Die Wahrheit ist mit den Rechtschaffenen, den Aufrechten, den Rechtstreuen, oder um es kurz zusammenzufassen: mit den Rechten

Da mögen die, die in den alten Bundesländern nie unter einer linken Diktatur gelitten, über den Osten, der eine solche abgeschüttelt und niemals mehr erleben will, noch so scheußlich herziehen. Alle die Nutznießer einer solchen Diktatur waren oder sich damit abgefunden, scheinen ihr nach zu trauern. Oder sich eine neuere und wie sie glauben bessere, wieder zu wünschen. Zumindest sind sie in der heutigen deutschen Politik, auch an einflussreichen Stellen, wieder reichlich vertreten. Ihr Einfluss ist sogar so groß, das starke linke Kräfte schon wieder mit diesen Kräften gemeinsam sozialistische DDR Tendenzen vertreten. Wen man dazu zählen will und kann,… Mehr

Sehr gute Analyse.

Liebe Grüße aus Südbrandenburg nach Cottbus.
Am Sonntag werden wir in der Wahlkabine unsere Meinung sagen.
Auch wenn wir nur 22% der ausgezählten(hüstel) Wahlstimmen erreichen werden.
Die AfD ist unsere einzige Stimme in der Politik, den anderen Parteien gehen wir
Ostdeutschen, nicht nur auf Landesebene, am A…. vorbei.
Chemnitz sollte uns allen in Ost bewusst machen, wie die Verhältnisse in Politik und in den MSM sind. TE ist hier nur eine der wenigen angenehmen Ausnahmen, wo die Wahrheit noch im Mittelpunkt des Journalismus steht.
Auf Sonntag, lieber Eberhard!

Das Schauspiel geht gerade in die nächste Runde. Wie die ‚Bild‘ und die SZ melden, gibt es einen geheimen Bericht des LKA Sachsen über Chatprotokolle, die nahelegen sollen, dass es doch Hetzjagden gegeben habe, dass sie zumindest geplant gewesen seien. Als erstes fragt man sich, wieso es denn so lange nach den Vorfällen plötzlich einen neuen, auch noch geheimen LKA-Bericht gibt. Hat da jemand von oben den Befehl erteilt, nachträgliche Belege für Merkels Behauptungen zu sammeln? Sodann fragt man sich, sind denn überhaupt durch solche angeblichen Hetzjagden Ausländer zu Schaden gekommen? Wenn nicht, wären das doch recht seltsame Hetzjagden gewesen… Mehr

Nachdem TE bewiesen hat, dass das von der wenig seriösen Quelle Antifa Zeckenbiss geklaute und felinterpretierte Video keine Hetzjagd zeigt und der Hitlergruß von einem verwirrten Linken mit RAF-Tattoo gezeigt wurde, haben sich die Mainstream Journalisten nicht entschuldigt, sondern suchen weiter nach Indizien, die mit ihrer Ideologie übereinstimmen. Endlich hat man Chatprotokolle gefunden, wo sich irgenwelche Idioten angeblich rühmen, gewaltsame Übergriffe gegen Migranten in Chemnitz begangen zu haben. Ob diese Journalisten mit gleichem Eifer nach übergriffigen Migranten oder Antifanten suchen? Wenn nicht, dann müssen sie sich gefallen lassen, als Gesinnungsjournalisten tituliert zu werden.

Weiter geht es. Polizisten verhindern in Chemnitz, dass an dem Ort, an dem Daniel Hillig starb, Gedenken stattfinden kann: https://twitter.com/Hartes_Geld/status/1166026075887022080

Dort wo man es kann, zeigt man gern, wo der Hammer hängt. Unglaublich, dass wir uns das gefallen lassen!

Kretsche aus Sachsen hätte es sich so einfach machen können: Eine ordentlich formulierte Erklärung (ggf. sogar unterstützt aus berufenem Munde z.B. des H.Seibert) mit der Eingestehung eines Irrtums und einer ENTSCHULDIGUNG bzgl. der Berichterstattung in Chemnitz 2018- schon könnte das klappen. Aber zu Selbstkritik ist man(n) nicht im Stande. Damit liefert man neben der unsäglichen Kritik an Herrn Maaßen die Basis für eine krachende Ohrfeige am kommenden Sonntag. Und es kommt überhaupt nicht auf den letzten Prozentpunkt an. Es ist völlig nebensächlich, ob 25% oder 32% meiner Landsleute sich gegen die derzeitig etablierten Parteien an der Wahlurne aussprechen. Fakt ist,… Mehr