Die EU-Elite wird den Briten niemals den Krieg vergeben

Das Vereinigte Königreich konfrontiert die europäischen Länder mit ihren eigenen Misserfolgen. Dies ist besonders schmerzhaft für Deutschland und Frankreich. Sie wollen daher ihrerseits die Briten brechen.

© John Thys/AFP/Getty Images

Der jüdische Arzt und Schriftsteller Zvi Rix (1909-1981) sagte es nach dem Zweiten Weltkrieg so: „Die Deutschen werden uns (den Juden) Auschwitz niemals vergeben.“ Eine Variante davon ist ebenso durchdringend: „Kontinentaleuropa wird dem Vereinigten Königreich den Zweiten Weltkrieg niemals vergeben.“ Schließlich erinnert das Vereinigte Königreich die kontinentaleuropäischen Nationen an ihr Scheitern. Damals und jetzt.

Das Vertrauen der kontinentalen Nationen wurde während des Zweiten Weltkriegs nachhaltig erschüttert. Die Eliten der Aggressoren Deutschland und Italien sehen spätestens seitdem den Nationalstaat als Quelle des Bösen. „Nationen produzieren Krieg“, sagte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) plakativ. Aller Illusionen beraubt sind auch die Länder, die bis 1989 erst von den Nationalsozialisten und dann von den Kommunisten besetzt waren. Ihre Eliten erkannten, dass sie dem primären Versprechen der Nation, die territoriale Integrität zu wahren, nicht gerecht werden konnten. Der Nationalstaat hat es versäumt, die Bürger vor der Aggression aus dem Ausland zu schützen. Mindestens ebenso schmerzhaft für die westlichen kontinentaleuropäischen Nationen ist es, dass die Freiheit, die sie jetzt genießen, kaum ihr eigenes Verdienst ist, sondern ein Geschenk der Vereinigten Staaten, der ehemaligen Sowjetunion und des Vereinigten Königreichs.

Für das Vereinigte Königreich gilt das Gegenteil. „Der Nationalstaat hat für uns gearbeitet“, sagte der britische Ex-Botschafter in Berlin, Paul Lever im „Elsevier Weekblad“. Das Vereinigte Königreich war nicht besetzt und hat – jeweils in Allianzen eingebunden – zuerst die Nazis und schließlich die Kommunisten mit besiegt. Für die Briten ist der Nationalstaat die Garantie für Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie. Für sich und für die Europäer.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Erfahrungen wird die EU von verschiedenen Ländern unterschiedlich bewertet. Für die Briten ist es allenfalls ein Freihandelsunternehmen. Für die ehemaligen Sowjetländer ist die Mitgliedschaft in der EU neben westlichen Subventionen in erster Linie eine Garantie für die Unabhängigkeit ihres Nationalstaats gegenüber Russland. Die kleinen Länder machen mit, um ein bisschen mitzuspielen bei den Großen. Für Deutschland und Frankreich gilt aber etwas anderes.

Die EU ist das deutsch-französische Ziel, die erniedrigende Geschichte abzubauen. Die Integration ist für die deutsche und die französische Elite damit ein Selbstzweck. Beide haben versucht, Europa zu dominieren – Napoleon, Wilhelm II., Hitler – beide wurden von den Briten und ihren Bündnissen besiegt und erniedrigt. Beide versuchen nun, gemeinsam Europa zu dominieren, um ihre Niederlagen unter der EU-Flagge gemeinsam zu überwinden. Wäre die EU ein Nationalstaat, würde der Deutsche Europäer werden. Und nach zwei Jahrhunderten der Demut kann Frankreich dank der EU den Angelsachsen endlich wieder auf demselben Niveau begegnen.

Dies sind die tiefsten Emotionen der deutschen und französischen Eliten. Die EU ist daher – nach der EU-Verfassung der Vertrag von Lissabon – eine „immer enger werdende Union“. Es muss eine werden. Ob es praktische Probleme löst, ob es logisch oder sinnvoll ist – das spielt keine Rolle.

Das Vereinigte Königreich erinnert die kontinentalen Europäer ständig daran, dass sie damals versagt haben und heute versagen. Die jährlichen britischen Gedenkfeiern der Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs sind Schauspielstücke. Und 2017 gab es den Film „Darkest Hour“. Winston Churchill ruft darin, während die Nazis im Mai 1940 ein westeuropäisches Land nach dem anderen zur Aufgabe zwangen: „Wir werden niemals kapitulieren.“ Wollen die Briten diese Geschichte vergessen? Im Gegenteil, die Briten wollen diese Geschichte am Leben erhalten, weil sie stolz darauf sind. Sie haben sich nicht ergeben – wohl aber die Europäer. Die waren damals „verrückt“ und „schwach“. Das betonen die Briten genüsslich, jedes Jahr.

Briten zeigen der EU ihre Misserfolge auf

Es ist wahrlich eine schmerzhafte Erkenntnis: Die EU ist zum Teil das Ergebnis der Weltkriege. In den letzten Jahren hat das Vereinigte Königreich die europäischen Länder ständig mit dem Chaos konfrontiert, das diese deutsch-französische EU-Integration oft verursacht. Die Eurokrise, die Einwanderungskrise, die schwache Wirtschaftsleistung vieler EU-Länder und die darauf folgende Reaktion von Parteien auf dem Kontinent mit nationalsozialistischen und faschistischen Wurzelresten – die Briten haben das alles sehr wohl registiert.

Das Vereinigte Königreich gehört nicht zum Euro und ist damit erfolgreich. Mit nur vier Prozent Arbeitslosigkeit – die Eurozone hat derzeit 8,4 Prozent – und einem Wachstum von 19 Prozent seit die Eurokrise in 2007 (in der Eurozone nur 13 Prozent) ist das Insel-Königreich wirtschaftlich an der Spitze. Auch im vierten Quartal 2018, selbst mit den Brexit-Chaos im Westminster, wuchs die britische Wirtschaft mehr (1,3 Prozent) als die französische (0,9) und die deutsche (0,6). Das Vereinigte Königreich zieht die qualifiziertesten Leute der Welt an und ist bei Franzosen, Italienern und Polen äußerst beliebt, die dort gute Jobs finden können, die zu Hause nicht existieren, hat die besten Universitäten und gibt Nazis dank ihres Wahlsystems und der weit verbreiteten liberalen Ansichten keine Chance. Auf diese Weise zeigt das Vereinigte Königreich dem Kontinent in Wort und Tat, wie ihr Nationalstaat damals wie heute ein Erfolg ist.

Das ist besonders für die deutsche und französische Elite schrecklich schmerzhaft. Wenn das Vereinigte Königreich außerhalb der EU sogar noch erfolgreicher sein würde als jetzt mit einem Bein darin, wird die Attraktivität anderer EU-Länder für eine Flucht aus der Deutsch-Französischen EU steigen. Und dann kommt das gemeinsame deutsch-französische Projekt, Europa gemeinsam zu dominieren, ihre schmerzliche Geschichte abzuwerfen und schließlich (wieder) eine Weltmacht zu werden, ernsthaft in Gefahr. Und dann sind es wieder die Briten, die nach dem Sieg über Napoleon, Wilhelm II. und Hitler abermals triumphieren, indem sie die deutschen und französischen Versuche, Europa zu dominieren, ihrerseits wirksam blockieren.

Wer bricht wen?

Dem Vereinigten Königreich muss es also außerhalb der EU schlechter gehen als jetzt, das betont der französische EU-Unterhändler Michel Barnier. Die Briten müssen in eine Position gezwungen werden, in der sie zerbrochen sind, bis sie das Gefühl haben, dass sie es als Nation allein nicht können. Die deutschen und französischen Eliten wollen, dass die Briten dasselbe erleben, was sie selbst und das übrige Europa erlebt haben: Das Versagen ihrer Nation. Erst dann wird den Briten der Sieg im Zweiten Weltkrieg nachgesehen.

Wer bricht wen? Das ist nun die Frage. Wird es der EU gelingen, die zögerliche britische Elite zu brechen oder zur Hälfte oder vollständig zurück in die EU zu lenken – und wenn, wie lange? Damit gelänge es der EU, glauben deren Drahtzieher, den potentiellen Bestrebungen anderer Länder, außerhalb der EU tätig zu werden, ein Ende zu setzen. Retten Deutschland und Frankreich ihre „immer engere Union“? Und lässt sich ihre unangenehme Geschichte und die Geschichte Europas im weiteren Sinne auf diese Weise begraben?

Oder ist es umgekehrt? Wird das Vereinigte Königreich gestärkt aus einem Brexit hervorgehen? Und zeigt – wenn dies erfolgreich ist – London den EU-Ländern, dass ein Leben außerhalb der EU attraktiv sein könnte? Falls den Europäern aufgezeigt wird, dass sie abermals die Verlierer sind, würde das auch bedeuten, dass die EU eine Gesellschaft von Verlierern ist. Das aber würde letztlich das Ende der „immer enger werdenden“ Union bedeuten.

Die Geschichte würde sich dann wiederholen oder in anderer Form fortsetzen. In Deutschland und Frankreich haben die Eliten vor einer solchen Entwicklung große Angst. Denn dann können sie dem Vereinigten Königreich den Sieg im Zweiten Weltkrieg nie verzeihen. Und das ist vielleicht das, was sie wirklich sagen wollen: Ich vergebe dir. Denn nur wer das sagen kann, zeigt, dass er Macht hat. Macht, nach der Deutschland und Frankreich so lange gesucht haben. Und die sie wohlmöglich nie finden werden.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 62 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

62 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
giesemann
5 Jahre her

Da ist absolut was dran, lieber Paul Pimmel, wir brauchen die Brits genau deswegen, auch wenn sie manchmal nerven. Das tun wir selbst ständig und die Franzosen natürlich auch, warum auch nicht. Die negative Einschätzung Frankreichs teile ich allerdings keineswegs. FR ist mein Lieblingsland, nur kurz vor England. Wir brauchen beide, tut uns gut, erweitert den Horizont. Und gäbe es Italien nicht, so müsste man es erfinden. Usw.

maximo 2
5 Jahre her

die briten wird europa nicht brechen. ich habe 10 jahre in england gelebt und gesehen was für eine völlig andere Geistesverfassung in britain herrscht , das churchill u. monty python , huxley, orwell,the beatles,the rolling stones etc alle Engländer waren , ist kein Zufall : ) long live the Queen

schwarzseher
5 Jahre her

Was die positive Darstellung der Briten in Bezug auf die vergangenen Kriege betrifft, bin ich anderer Meinung als der Autor. Was den Brexit betrifft stimme ich ihm zu, daß die EU den Briten ihre Wahl, die EU zu verlassen, nicht vergeben wird. Der verlassene Partner, in diesem Fall die EU, hat unmittelbar nach dem Scheidungsantrag den üblichen Rosenkrieg begonnen. Das heißt, eine gütliche Trennung durch nicht erfüllbare Forderungen an die Briten insgesamt unbedingt verhindern wollen. Das angebliche Durcheinander, das unsere Medien den Briten unterstellen, ist kein Durcheinander ( da würde sich ja dauernd etwas ändern, was nicht der Fall ist… Mehr

Enrico Stiller
5 Jahre her

Dass Kriege von Nationen ausgehen, ist in dieser apodiktischen Form purer Schwachsinn. Es gibt mehr Kriege innerhalb von Nationen, oder Bürgerkriege mit ausländischer Beteiligung – als reine Kriege zwischen Nationen. Nur absolut historisch ungebildete Menschen können annehmen, dass die meisten Kriege zwischen Nationen stattfinden. Die meisten fanden zwischen heterogenen Agglomeraten statt. Beispiel: Schon die „Hunnen“ stellten keinen einheitlichen Stamm oder eine Nation dar, sondern einen wilden Haufen von allen möglichen Stämmen, die sich teils freiwillig, teils gezwungen dem Heerhaufen angeschlossen hatten. Bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 standen ihnen auch nicht „Römer“ gegenüber, sondern ein ebenso zusammengewürfelter Haufen.… Mehr

Ecke
5 Jahre her

Ich bin der Meinung, dass das vereinte König Reich und deren Kriege ein sehr schlechtes Beispiel abgeben. Zumindest sollte er sich da doch einmal kundig machen.

giesemann
5 Jahre her

Interessante Analyse indeed. Allerdings: Die Briten haben immer die Politik der „balance of power“ auf dem Kontinent betrieben – das geht mit der Kooperation Von FR und DE nicht mehr so gut. Die lassen sich nicht mehr so einfach gegeneinander ausspielen. (Dasselbe Spielchen haben sie u.a. mit Indien etwa gemacht, ganz entsetzlich mit Folgen weit ins letzte Jahrhundert hinein und teilweise bis heute mit China, Stichwort Opiumkriege im 19. Jhdt., ein gigantisches Verbrechen). Sollten die Brits aus einem BREXIT profitieren, dann wäre die EU selber schuld, erscheint mir eher unwahrscheinlich. Eine Mehrheit in GB weiß das offenbar und würde heute… Mehr

StefanH
5 Jahre her

Don’t mention the war!

Bummi
5 Jahre her

Es ist einfach eine Bestrafungsaktion. Eine Warnung an alle Kritiker dieser kaputten EU, dieses bürokratischen Monsters. Eine Politik gegen die Menschen.

Martin L
5 Jahre her

Man kann es verschieden sehen:
War es gut oder schlecht, dass Ludwig XIV. daran gehindert wurde, halb oder ganz Europa zu beherrschen?
War es gut oder schlecht, dass Napoleon. daran gehindert wurde, halb oder ganz Europa zu beherrschen?
Bei den Entwicklungen in der Neuzeit – Hitler bzw Stalin – waren die Briten nur noch Juniorpartner.

Entenhuegel
5 Jahre her
Antworten an  Martin L

@ Martin L Mit Napoleon war das so eine Sache. Fast alle der napoleonischen Kriege wurden von Koalitionen angezettelt, die von den Briten zusammengeschmiedet und finanziert wurden. 1805 griffen Russland und Österreich gemeinsam Frankreich und seine Verbündeten an, 1806/1807 Preußen und Russland und 1809 Österreich alleine. Napoleon war beileibe kein Heiliger, aber er war auch ein Getriebener. Letztlich waren es britische Interessen, die revolutionäre/postrevolutionäre Ordnung in Frankreich zu zerstören, die Bourbonen wiedereinzusetzen und auch wieder die Macht über das Geld in Frankreich zu gewinnen, die maßgeblich über Krieg und Frieden entschieden. Länder mit eigenständiger Währung und Geldpolitik haben es übrigens… Mehr

Martin L
5 Jahre her

Was die Osteuropäer betrifft: Falls sie Sicherheit von Russland oder wem auch immer haben wollen, dann suchen sie den ganz sicher nicht bei der EU, sondern bei der USA.
Die EU ist gut, um Gelder zu kassieren und um die Wirtschaft anzukürbeln.

Anna Athena
5 Jahre her
Antworten an  Martin L

Es war nicht unbedingt das Thema des Artikels. Aber übrigens, von jedem einzelnem Euro der EU nach Osteuropa gehen davon je 0,80 Cent in die EU zurück, vor allem nach Deutschland!

Entenhuegel
5 Jahre her
Antworten an  Anna Athena

@ Anna Athena

Das mag gut sein, aber die Profiteure dieses Rückflusses sind ganz andere als diejenigen, die die gen Osten fließenden Steuergelder getragen haben.

Ähnliches gilt auch für einen Großteil deutscher Exporte: Auch hier profitieren hauptsächlich globalisierte Großkonzerne und deren Aktionäre, und nicht Otto und Maria Normalverbraucher…