Claus Kleber, das ZDF und der „Bodensatz“

Der Moderator unterstellte Bernd Lucke Nähe zu Rechtsextremen– und lieferte auf Nachfrage keinen überzeugenden Beleg. Dafür verbreitet die heute-Nachrichtenredaktion noch absurdere Thesen.

imago images / Müller-Stauffenberg

Vor kurzem verhinderten Linksradikale an der Universität Hamburg die Ökonomie-Vorlesung des AfD-Mitgründers Bernd Lucke, der die Partei schon 2015 verlassen hatte und jetzt nach einem Umweg über eine Kleinpartei auf seinen alten Lehrstuhl zurückkehren möchte. Dass eine Gruppe radikaler bis extremistischer Studenten bestimmen will, wer an einer Universität lehrt, führte zu einer Debatte über die Einengung des Meinungskorridors. Zu diesem Thema interviewte ZDF-Moderator Claus Kleber im heute-journal des 23. Oktober die Grünen-Politikerin Renate Künast.

Kleber fragte Künast:
„Nun war Herr Lucke schon auch ein Mann, der im rechten Rand gefischt hat, mit Worten wie ‚Entartung von Demokratie‘, und der sich mit Menschen aus der rechtsextremen Szene umgab. Hat er damit ein Stück weit Meinungsfreiheit verwirkt?“

„Ein Stück weit verwirken“ – eine beachtliche Formulierung, zumal, wenn es um ein Grundrecht geht. Der durchaus perfide Subtext Klebers lautet: Lucke ist zwar vordergründig das Opfer – aber eigentlich geschieht es ihm ganz recht.

Brisanter als diese Suggestion ist allerdings die Sachaussage des ZDF-Manns Kleber, Lucke habe sich in seiner Zeit bei der AfD „mit Menschen aus der rechtsextremen Szene“ umgeben. Extremisten unterscheiden sich nach der Definition etwa des Verfassungsschutzes und des Staatsschutzes von Radikalen dadurch, dass sie Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anwenden und zumindest gutheißen. Und „umgeben“ bedeutet mehr, als mit jemand die Parteizugehörigkeit zu teilen. Es würde schließlich auch niemand behaupten, Heiko Maas umgebe sich mit Thilo Sarrazin. Welche Rechtsextremisten, fragten TE und Publico beim ZDF nach, gab es also bei der AfD in Luckes Umfeld?

Klebers Antwort, freundlicherweise vermittelt von ZDF-Pressesprecher Thomas Hagedorn, lautet so: erstens, es war eigentlich nicht so gemeint.
„Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte“, so die Botschaft aus Mainz, „ist die Formulierung in Live-Interviews gelegentlich weniger präzise als in sorgfältig präparierten Texten – bei letzteren wäre sonst wahrscheinlich das Wort ‚rechtspopulistisch’ verwendet worden.“

Dann folgt aber doch noch eine Anmerkung der „heute-journal“-Redaktion:
„Bernd Lucke hat sich seinerzeit – vielfach belegt – an Sprachbildern der Rechtsextremen angelehnt (‚Bodensatz’ ist ein Beispiel). Björn Höcke hat seine AfD-Karriere ursprünglich auch Herrn Lucke zu verdanken, der auch Andre Poggenburg als ‚fähigen Landesvorsitzenden’ unterstützte. Auch Andreas Kalbitz, der mit seiner langen rechtsextremen Vorgeschichte 2013 zur AfD kam, war in der Lucke-Ära schon ein beachtetes Mitglied in Brandenburg. Die Trennung vollzog sich erst richtig, als die Parteirechte nicht mehr bereit war, sich Bernd Luckes Führungsstil unterzuordnen.
In dem „heute-journal“-Beitrag, der dem Interview mit Renate Künast vorausging, wurde diese Formulierung genutzt: „der AfD-Gründer, der die Partei allerdings verlassen hat, bevor sie zur Anti-Migrations-Partei wurde“.

Eine Anti-Migrationspartei war die Lucke-AfD – nämlich die AfD bis Anfang Juli 2015 – nach Ansicht des ZDF also noch nicht, obwohl sich andererseits schon Rechtsextremisten in der Umgebung des Vorsitzenden aufhielten.

Dafür, dass Höcke sein Amt als Landessprecher der AfD Thüringen ausgerechnet beziehungsweise „auch“ Lucke verdanken soll, gibt es keinen Beleg. Höcke wurde – wie Poggenburg in Sachsen-Anhalt – 2014 Landesvorsitzender, beide betrieben die Ablösung Luckes als Parteichef. Im Januar 2015 vollzog Lucke öffentlich den Bruch mit Poggenburg, weil der gegen die Verfügung des Bundesvorsitzenden verstoßen hatte, keine Rechtsextremen in die Partei aufzunehmen beziehungsweise deren Nähe zu suchen. Im Mai 2015 brachte der AfD-Vorstand auf Betreiben Luckes ein Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke in Gang. Bei dem Parteitag vom Juni 2015 wurde Lucke von Frauke Petry gestürzt, er verließ unmittelbar danach die Partei. Poggenburg, Höcke und Kalbitz gehörten nicht zum Bundesvorstand und auch sonst nicht zur politischen oder privaten Umgebung Luckes – ganz abgesehen von der Definition „Rechtsextremist“.

Um trotzdem irgendwie noch Recht zu behalten, greift die heute-Redaktion außerdem zu dem Argument, Lucke habe sich an „Sprachbildern der Rechtsextremen“ orientiert, und nennt als Referenz das Wort „Bodensatz“. Damit machen die Verantwortlichen in dem Sender nicht nur Rechtsextremismus in Luckes Umgebung aus, sondern stempeln ihn indirekt selbst zum Rechtsextremisten – eine Behauptung noch ganz anderer Qualität.

Deshalb lohnt sich die Frage, wer den Begriff denn sonst noch verwendet. Zunächst einmal der vollständige Satz, den Lucke seinerzeit gesagt hatte. Die „Süddeutsche Zeitung“ vom 13. September 2013 zitierte aus einer Rede Luckes so:
„Lucke erklärt, dass es Menschen gebe, die ins Land kämen, ohne Deutsch zu können, überhaupt ohne Bildung. Sie kämen voller Hoffnung und Naivität. Doch wegen ihrer schlechten Voraussetzungen könnten diese Menschen gar nicht zurechtkommen. Für sie bliebe nur ein Leben in Hartz IV. ‚Dann bilden sie eine Art sozialen Bodensatz – einen Bodensatz, der lebenslang in unseren Sozialsystemen verharrt.’ Ein dauerhaftes Leben in Hartz IV aber wäre nicht menschenwürdig.“

Er hatte also nicht, wie ARD-Journalist Georg Restle kürzlich in einer Talkshow falsch behauptet hatte, Flüchtlinge als Bodensatz bezeichnet. Was die faktische Ebene angeht: Im Jahr 2019 leben drei Viertel aller erwerbsfähigen Migranten, die von sich angaben, Syrer zu sein, ganz oder teilweise von Hartz IV.

Luckes Voraussage von 2013 hat sich mit deprimierender Genauigkeit erfüllt.
Wie verhält es sich nun mir dem Terminus „Bodensatz“ beziehungsweise „sozialer Bodensatz“, bei dem es sich laut heute-Redaktion um ein rechtsextremes Sprachbild handeln soll?
Die Formulierung findet sich beispielsweise in dem soziologischen Band „Soziale Ungleichheit in Deutschland“ von Karl Martin Bolte und Stefan Hradil, erschienen 1986 bei Springer Fachmedien, Seite 198.

Relativ gegenwartsnah verwendete der deutsch-amerikanische Literaturtheoretiker Hans Ulrich Gumbrecht die Formulierung im August 2016 schon in der Überschrift eines Essays in der FAZ: „Sozialer Bodensatz“ statt „Lumpenproletariat“? Ein Diagnose-Versuch“.

In dem bemerkenswert hellsichtigen Text sagt er voraus, dass vor allem der „white trash“, der soziale Bodensatz der USA, Donald Trumps ins Präsidentenamt bringen würde:
„Wäre es also plausibel, in Trumps politischer Rolle und Identität eine Wiedergeburt von Louis Napoléon und seiner (für Marx jedenfalls auf der Hand liegenden) Allianz mit dem Lumpenproletariat zu sehen? Eine solche Frage bringt freilich nur die eine, die negative Seite aus der historischen Ambivalenz jenes Begriffs ins Spiel. Ihre andere, potentiell revolutionäre Seite kann … zu der Frage führen, ob die uns so lange unter geschlossenen Augen verborgene Erfahrung des Hartz-IV- oder White-Trash-Lebens nicht an die Verpflichtung erinnern sollte, eine Gesellschaft herbeizuführen, die den Bodensatz der für immer Ausgeschlossenen aufhebt. Demographisch – und wohl auch sozialpolitisch – wahrscheinlicher ist es, um im Bild zu bleiben, dass die Schlamm-Akkumulation dieses Bodensatzes ansteigen wird wie der Pegel der Ozeane auf einem immer wärmeren Planeten.“

Ähnlich wie Lucke scheint Gumbrecht die Existenz einer großen sozial deklassierten Schicht bedenklicher zu finden als ihre Bezeichnung mit dem Begriff „Bodensatz“.
„Bodensatz“ ohne Beiwort benutzte auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2017 – und zwar für Wähler der AfD: „Das ist wahrscheinlich so ein Bodensatz, den es eben gibt“. Er nahm die Formulierung wieder zurück.
Sehr viele andere im linken Spektrum gebrauchten und gebrauchen sie allerdings ebenso häufig wie problemlos mit der Farbanreicherung „brauner Bodensatz“. Beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ im Dezember 2015, und zwar schon in der Überschrift: „Brauner Bodensatz“.

Natürlich werden damit auch, um Restles Empörhaltung aufzugreifen, Menschen als Bodensatz bezeichnet. Es scheint dann aber etwas ganz anderes zu sein. In der „Schwäbischen Zeitung“ vom September 2014 lautet die Überschrift identisch: „Brauner Bodensatz“.

Der Chef des FORSA-Instituts Manfred Güllner bezeichnete im Januar 2016 sogar AfD-Wähler grundsätzlich als „braunen Bodensatz“;

zwei Drittel davon müsse man „in die rechte Ecke stellen und ächten“.

Sozialer Bodensatz, Bodensatz, brauner Bodensatz – wenn alle, die diese Formulierung benutzten und benutzen, sich in der Nähe zum Rechtsextremismus bewegen, wie die ZDF-Nachrichtenmacher meinen, dann wäre das rechtsextreme Lager nicht nur ziemlich groß – sondern auch ausgesprochen vielfältig.

Fazit: Beim Versuch, sich aus einer wahlweise hinterhältigen oder verrutschten Moderation herauszureden, redet sich die heute-Redaktion erst so richtig hinein.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 227 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

227 Kommentare auf "Claus Kleber, das ZDF und der „Bodensatz“"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Zitat: „der AfD-Gründer, der die Partei allerdings verlassen hat, bevor sie zur Anti-Migrations-Partei wurde“ In der Entschließung der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen vom 17.4.1998 heißt es wörtlich: „Art. 6 Jegliche Praxis oder Politik, die das Ziel oder den Effekt hat, die demographische Zusammensetzung einer Region, in der eine nationale, ethnische, sprachliche oder andere Minderheit oder eine autochthone Bevölkerung ansässig ist, zu ändern, sei es durch Vertreibung, Umsiedlung und/oder durch die Sesshaftmachung von Siedlern oder eine Kombination davon, ist rechtswidrig.“ Ist für das ZDF nun auch die UN rechtsradikal? Oder ist es nicht viel mehr so das ein außer Rand und… Mehr

Prof. Luckes Wirken in der AfD kann man schon aus seinem christlichen Hintergrund puritanisch nennen. Er wollte die zu schnell von Bewegung zur Partei werdende AfD in sein Wertekorsett einbinden und von sichtbar werdenden rechten Tendenzen reinigen. Deshalb wurde er nach den nur 2 Jahren abgewählt. Die von ihm neu gegründete Partei ALFA/LKR ist ein Muster von Demokratie und Mitte, deshalb uninteressant für die Schlagzeilenmacher, bei denen sich der Herr Kleber wohl nur abkupfernd informiert . Der Herr Kleber hat Ahnungen, aber kein Wissen über Lucke und die AfD. Journalistische Arbeit eines Denkers ist das nicht.

Mhh warum nur, ja, warum nur hatte ich beim lesen Gedanken wie „Staatsfunk, Lügen-, Lücken-, Verdrehe- und Relotius-Medien“ im Kopf!?

Tja, ich überlege wohl noch ein wenig und vllt komme ich dann ja drauf……. (Zynism off)

Bodensatz ist doch eine super Beschreibung für Partikel im Schwebezustand, welche noch nicht hart aufgeschlagen sind und selbst von da geht es schnell wieder in den Schwebezustand und Richtung Oberfläche… Das wusste schon die Bibel zu berichten: Die Letzten, werden die Ersten sein… und umgekehrt. Vielleicht haben sich die Konservativen zu sehr daran gewöhnt wo sie sind ist vorn. Es wird Zeit diesen Anspruch mit Leben zu füllen und zu zeigen ob man es noch drauf hat.

Als Herr Lucke in der Maischberger sendung sich das Recht herausnahm die Anfeindungen eines Herrn Restle richtig zu stellen wurde ihm von Frau Maischberger jeder zweite Satz abgebrochen und nur die äußerst erfreuliche Wandlung von Herrn Lucke hat dazu geführt daß er sein Statement auch beenden konnte. Mit Wandlung ist hier gemeint, dass er sich nicht mehr verbal die Wurst vom Brot nehmen läßt.

Ich schlage vor, Herrn Kleber den ersten Karl-Eduard-von-Schnitzler Medienpreis zu verleihen. Das wäre doch 30 Jahre nach Abschaltung des „Schwarzen Kanals“ angebracht. Herr Kleber hat sich mehr als „würdig“ erwiesen, und sich stets bemüht, Karl-Eduard in Sachen Indoktrination der Zuschauer nachzueifern. Vielleicht findet TE eine „Jury“, die diesen Preis jährlich verleiht. Die Laudatio könnte dann im TE veröffentlicht und, zusammen mit einer Urkunde, dem oder der (da sehe ich schon einige Kandidatinnen!) „Geehrten“ zugesandt werden.

Wo sich in diesem Land der „Bodensatz“ befindet könnte ich schlüssig erklären. Hier bei TE jedenfalls nicht ;-)))

Naja, andere Länder haben Journalisten, ob gute oder schlechte, sei mal dahin gestellt. Wir haben Kleber, Henkel & Co.

Ich tu mir die Öffentlichen schon lange nicht mehr an. In den einfachsten Sendungen findet man nur noch unterschwellig oder dick aufgetragene „Bildungsaufträge“. Ganz abgesehen davon was und wie in den „Nachrichten“ berichtet wird. Das beleidigt meine Intelligenz.

Ich sehe mich heute lieber mit meinen Augen um und lese „zwischen den Zeilen“ und woanders. Die Zeitung habe ich vor kurzem abbestellt weil sie auch aus o.g. Gründen nicht mehr ernstzunehmen war.

Da stimmt doch schon lange nichts mehr!

Es geht mir genauso, seit über 2 Jahren schone ich meine Nerven und tue mir die Öffentlichen nicht mehr an. Printmedien sind genauso nicht zu ertragen. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu wichtig. Das, was und wie sie alle berichten und kommentieren ist mir zu vorhersehbar und zu öde! Gut informiert, und zwar nicht einseitig, was mich tatsächlich obendrauf zu eigenen Reflexionen animiert, bin ich trotzdem.

Wegen der journalistischen Fehlleistungen des u.A. Herrn Kleber, wird das ZDF und alle ÖR nicht mehr als neutrale Informationsquellen angesehen.
Deshalb ist es wichtig sich zunächst selbst zu informieren, sich eine Meinung zu bilden und danach zu handeln. Dankenswerterweise gibt es n o c h unabhängige Info-Quellen
welche das Erlebte und Hintergründe fair beleuchten.

Herr Kleber ist nur das Symptom…..die Krankheit sitzt auf den Chefsesseln der Intendanten, die Kleber und Co. zulassen….

Er ist Erfüllungsgehilfe ! Mehr nicht ! Und der Marschbefehl kommt für die ZDF ler aus Berlin !