Bertelsmann-Studie: Mär von der Kinderarmut

Die Bertelsmann-Stiftung hat nicht die zunehmende Armut von Kindern, sondern die zunehmende Fertilität von Hartz-IV-Eltern gemessen. Auf eine stagnierende oder sogar zurückgehende Zahl von Hartz-IV-Empfängern kommen statistisch gesehen immer mehr Kinder.

Screenshot ARD/Tagesschau

„Kinderarmut nimmt in Deutschland zu“ titelt ZEIT Online. „Kinderarmut in Deutschland steigt“ schreibt die Süddeutsche. „So arm sind Kinder in NRW“ kommt es u.a. von RP Online und die Stiftung selbst verkündet theatralisch: „Kinderarmut wächst weiter – mit Folgen für’s ganze Leben“

Einmal mehr stürzt sich die deutsche Presse gierig auf die neuesten „Erkenntnisse“ der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Kinderarmut – einer alten Leier, die nur zu gerne mindestens einmal im Jahr hervorgekramt wird, um aufzuzeigen, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich im eigentlich so reichen Deutschland mittlerweile angeblich auseinandergeht. Mit Erfolg: Eine Schande sei das, kommentieren Leser landauf landab die vermeintliche Tatsache, dass trotz Rekordbeschäftigung und Rekordsteuereinnahmen immer mehr Kinder in Deutschland in Armut leben müssen.

Was ins grünrote Raster passt, wird blind übernommen

Glaubhafter wird das unkritische mediale Echo, welches selbstverständlich ebenso vollkommen unkritisch von einem Großteil der Leser übernommen wird, dadurch jedoch nicht. So zeigt sich am Beispiel „Kinderarmut“ in Deutschland einmal mehr, welch Geistes Kind ein Großteil der deutschen Medienvertreter sind. Übernommen wird, was in das linke Weltbild von der finanziell auseinanderdriftenden Gesellschaft passt. Während die Reichen in ihren fetten Villen den ganzen Tag Champagner saufen und Kaviar fressen, haben immer mehr arme Kinder am unteren Ende der Gesellschaft am Ende des Monats nichts zu essen oder hausen gar auf der Straße. Zumindest ist es das, was man sich so vorstellt, wenn man von einer wachsenden Kinderarmut liest, oder?

Um diesem Bild auf den Grund zu gehen, lohnt es sich zunächst einmal, die Studie der Stiftung kritisch zu hinterfragen bzw. die Ergebnisse auf Grundlage von Definition und Zahlen selbst zu deuten. Etwas, was im Übrigen auch unseren Journalisten der deutschen Leitmedien ganz gut zu Gesicht gestanden hätte, wo man doch sonst bei anderen Themen (sexuelle Übergriffe in Köln etc.) so darauf pocht, dass es Aufgabe des Journalismus sei, Informationen erst einmal zu prüfen und abzuwägen, bevor man wild drauf losschreibt und damit vielleicht etwaige gesellschaftliche Narrative nährt, welche angeblich den sozialen Frieden gefährden.

Dabei wäre das, hätte man es richtig angestellt, eine super Gelegenheit gewesen, zu beweisen, dass es uns in Deutschland momentan wirklich ziemlich gut geht und die vielen Asylbewerber dieses Mal nicht an irgendetwas Schuld tragen oder gar armen Kindern in Deutschland etwas wegnehmen. Es wundert mich wirklich, dass man sich diese Gelegenheit in der deutschen Presse hat nehmen lassen.

Was ist nun gemäß Bertelsmann-Stiftung eigentlich arm?

Sind es nach „gängiger wissenschaftlicher Definition“, wie Gudrun Engel in einem Beitrag für die ARD zum Thema schreibt, all jene Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beträgt – also nach jetzigem Stand für eine klassische vierköpfige Familie bei einer Grenze von knapp 2.000 Euro netto im Monat liegt?

Nein. Denn davon abgesehen, dass das hier beschriebene Netto-Äquivalenzeinkommen nicht allzu viel mit tatsächlicher Armut, sondern vielmehr mit der relativen Armut innerhalb einer Gesellschaft zu tun hat, meint die Bertelsmann-Stiftung etwas anderes und man findet es auch, wenn man sich die Mühe macht, das Kleingedruckte in der Studie zu lesen:

„Die hier verwendete Armutsdefinition bezieht sich auf die sozialstaatliche definierte Armutsgrenze, nach der diejenigen Kinder als arm gelten, die in einer Bedarfsgemeinschaft leben, also in einem Haushalt, der Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch Zweites Buch – Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II/Hartz IV) erhält. Sofern nicht anders benannt, basieren die Daten dieser Veröffentlichung auf eigenen Berechnungen auf der Grundlage der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Zahlen, Kinder im SGB II, Nürnberg, August 2016 (Datenstand Dezember 2015)“

Kurzum: Es geht also nicht einmal um die irgendwie noch in Euros messbare relative Armut in einer Gesellschaft, die in Deutschland auch immer gerne dann herangezogen wird, wenn man gerade einmal wieder aufzeigen will, wie schrecklich arm viele in unserer Gesellschaft sind. Stattdessen gilt nach Definition von Bertelsmann einfach jedes Kind als arm, das in einer Familie mit einem oder zwei Hartz-IV-Beziehern aufwächst. Das tatsächliche Einkommen der Familie spielt also bei der Festsetzung von „Armut“ überhaupt keine Rolle. Wirklich wissenschaftlich ist das nicht, aber das tut ja auch nichts zur Sache, wenn einfach nur ein bestimmtes Bild in der Gesellschaft erzeugt werden soll und einem die Tränen ob so viel sozialer Ungerechtigkeit beim Verfassen des Artikels schon in die Augen schießen.

Getoppt wird das Ganze nur noch von der Tatsache, dass selbige Stiftung diese interessante Armutsdefinition in einer ihrer anderen Studien zum Thema Kinderarmut (Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche) als einen Ansatz zur Bestimmung von Armut bezeichnet, der allenfalls „hilfs- oder ergänzungsweise“ angewendet werden solle, da es sich hierbei um „kein vom Einkommen der Personen ausgehendes objektives Verfahren zur Armutsmessung“ handele. Soll heißen: Die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger in diesem Land sagt eigentlich nichts über die tatsächliche Armut aus.

Nichts desto trotz und obwohl sich die Armutsdefinition der Bertelsmann-Stiftung, mit der man sich in unseren hiesigen Medien anscheinend nicht einmal befasst zu haben scheint, schon jetzt selbst ad absurdum führt, lohnt es sich an dieser Stelle, das Ergebnis der Studie anhand der gegebenen Definition einer neuen, richtigen Deutung zu unterziehen.

Hartz-IV-Bezieher werden weniger, ihre Kinderzahl steigt

Wenn also all jene Kinder als arm gelten sollen, die in sogenannten Hartz-IV-Familien leben, die Zahl der Arbeitslosen und der Hartz-IV-Bezug jedoch seit Jahren mindestens stagniert oder teils sogar zurückgeht: Wie kann es dann sein, dass die Kinderarmut wächst bzw. es anscheinend trotzdem immer mehr Kinder zu geben scheint, die in Familien leben, die abhängig von Hartz-IV-Leistungen sind?

Die Antwort ist naheliegend: Weil die Bertelsmann-Stiftung mit ihrer vermeintlichen Studie zu Kinderarmut in Deutschland nicht die zunehmende Armut von Kindern, sondern die zunehmende Fertilität von Hartz-IV-Eltern gemessen hat. Heißt: Auf eine stagnierende oder sogar zurückgehende Zahl von Hartz-IV-Empfängern kommen statistisch gesehen immer mehr Kinder. Ein Umstand, der die ganze Diskussion um Kinderarmut in Deutschland zu einer einzigen Farce erklärt, da die Menschen in Deutschland, die von Hartz-IV abhängig sind, offensichtlich so unfassbar arm sind, dass sie es sich leisten können, immer mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Denn das ist die eigentliche Wahrheit hinter der Studie. Zwar will man uns verzweifelt und mit tatkräftiger Unterstützung der Presse vermitteln, dass quasi immer mehr Kinder und ihre Familien „in die Armut rutschen“, die Armut also zu ihnen kommt. Tatsächlich ist es aber viel eher so, dass die Kinder zur vermeintlichen Armut kommen.

Zweifelsohne mag es sich bei der einen oder anderen Alleinerziehenden auch andersherum verhalten. In der Mehrzahl der Fälle jedoch liefert die Studie einen 1A-Beleg dafür, was in dieser Gesellschaft durch unseren aufgeblähten Wohlfahrtsstaat schief läuft: nämlich, dass immer mehr Menschen, die sich Kinder oder zumindest viele Kinder eigentlich finanziell nicht leisten können, immer mehr Kinder in die Welt setzen, weil der Sozialstaat schon irgendwie für sie aufkommt. Nicht die Kinder sind also Ursache von Armut, sondern Eltern, die mit mehr Kindern mehr Einkommen generieren wollen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur absurd, von einer wachsenden Kinderarmut zu schwadronieren, sondern auch über die Folgen, die laut Stiftung u.a. darin bestehen, dass Kinder beispielsweise kein eigenes Zimmer hätten, eher bei McDonalds ernährt werden und auch im Bereich der Bildung Schwierigkeiten aufweisen. Als wäre in irgendeiner Art und Weise die Gesellschaft daran Schuld, weil sie den Eltern dieser Kinder nicht noch mehr Geld in den Hintern geblasen hat. Aber genau das sind die Schlüsse, die unsere Qualitätsmedien daraus ziehen. Selbstverantwortung? Im sozialistischen Deutschland für viele und vor allem für unsere mehrheitlich linkgrüne Presse ein Fremdwort.

Stattdessen fordern wir immer mehr Staat, wo eigentlich weniger die Lösung des Problems ist. Denn „Kinderarmut“ oder das, was hier darunter verstanden werden soll, entsteht in Deutschland nicht durch zu wenig staatliche Alimentierung, sondern zu viel. Die Gründe hierfür wurden bereits genannt. Wenn diese Kinder dann nicht, wie es sich die deutsche Mittelschicht in ihrer Soja-Latte-Welt vorstellt, über ein eigenes Zimmer, ausreichend Urlaubsreisen und gesunde Ernährung mit Schwarzbrot verfügen, dann ist das nicht die Schuld des Staates, sondern die Schuld von Eltern, die sich aus verschiedenen Gründen aus eigener Kraft eigentlich keine Kinder leisten können und dennoch welche in die Welt setzen, weil sie sich in der Sicherheit wägen können, dass der Sozialstaat, die Solidargemeinschaft die eigene Unfähigkeit schon irgendwie kompensieren wird. Dass sie die eigenen Kinder ferner in einem solchen Maße subventioniert, dass es sich für diese Schicht sogar lohnt in Kinder, statt in die Suche eines Arbeitsplatzes zu investieren, mit dem man am Ende dann sowieso nicht so viel hereinbekommt wie mit Hartz-IV und Kindergeld.

Migranten-Familien ziehen den Hartz-IV-Status vor

Dass es sich bei diesem Geschäftsmodell mitnichten um bloße Unterstellungen handelt, lässt sich nicht zuletzt an der stetig wachsenden Zahl von Hartz-IV-abhängigen Migrantenfamilien erkennen, deren kulturelle und religiöse Vorstellungen fast immer zu massiven Problemen auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen bzw. eine Alimentierung mit Hartz-IV zur besseren Alternative erklärt. Denn als minderqualifizierter Migrant mit ausgeprägtem Hang zur Großfamilie, der dazu auch nicht sonderlich begeistert wäre, wenn die eigene Frau arbeiten gehen müsste, lohnt sich Hartz-IV gemessen am Einkommen stets mehr, als einer geregelten Tätigkeit nachzugehen.

Davon ab, dass dies genau das Problem beschreibt, was wir mit einem Großteil der Migranten bekommen werden, die jetzt erst langsam in die Statistik einsickern, gilt dies auch für immer mehr deutsche Hartz-IV-Karrieren. Für die einen lohnen sich Kinder eben, für die anderen nicht. Während ich mich als vollzeitarbeitende Studentin frage, ob ich mir Kinder jemals karrieretechnisch und finanziell leisten werde können, weil mir der Staat alle möglichen Steine in den Weg legt und Kinder für mich so zu einem nicht kalkulierbarem Risiko für meine gesamte Existenz erklärt, hat Mandy-Chantal schon fünf Kinder in die Welt gesetzt. Alimentiert von dem Geld, was ich und andere mit den Jobs verdienen, die von uns so viel Flexibilität fordern, dass wir eigentlich schon verloren haben, wenn wir es wagen würden, uns doch für Kinder zu entscheiden. Möchte ich vor diesem Hintergrund noch mehr Geld für Leute berappen, die ihren Kindern trotz mehr und mehr staatlichen Angeboten, keine gute Zukunft ermöglichen? Ich glaube nicht.

Es ist schade, dass wir uns hier in Deutschland so wenig mit Hayek befassen. Der hatte genau das in „Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit“ ziemlich genau vorausgesagt. Früher gab es Almosen, sagt Hayek. Heute nennt man das unter dem Dogma der sozialen Gerechtigkeit „Ansprüche“, die in unserem Fall der Hartz-IV-Empfänger an die Gesellschaft stellt. Diese Ansprüche wachsen sukzessive und Studien wie diese und ihre ideologische Deutung sind nur allzu gerne dabei behilflich, die vermeintlichen Ansprüche mit Scheinargumenten zu untermauern. Die Folge ist ein kontinuierlich wachsender Wohlfahrtstaat mit Rundum-Versorgung für all jene, die zu faul sind, ihr Geld selbst zu verdienen und sinkenden Anreizen für die anderen, die all das mit ihrem Steuergeldern finanzieren müssen. Die Staatsquote wächst in dem Maße wie die Ansprüche. Immer mehr Bürokratie, mehr Kontrolle sind die Folge. Bei Hayek endet das schließlich im Totalitarismus. Und wenn ich mir das hier so anschaue, glaube ich, dass er damit nicht wirklich falsch lag.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 1 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Endlich mal ein Artikel, der die Realität so darstellt, wie sie ist. Daumen hoch!