Antisemitismus: Zweifel an Statistik nehmen zu

Fabian Weißbarth zur Anne-Will-Sendung fällt vernichtend aus: „Anne Will hat die Chance vertan, über aktuelle Formen des Antisemitismus zu sprechen. Wer über Judenhass reden will, ohne die jüngsten Hassdemos zu erwähnen, kann das Problem nicht bekämpfen.“

© Patrik Stollarz/AFP/Getty Images
A man walks past a menorah during a ceremony to ordain four rabbis at the synagogue in Cologne, 2012.

Haben Sie schon einmal den Faktencheck von Hart aber fair gelesen? Kaum, oder? Nun ist so eine Nachverfolgung von Behauptungen zur besten Sendezeit sicher lobenswert. Noch besser wäre es aber wohl, wenn auch die Medien bei nachgewiesenen Falschbehauptungen oder willfährigen Verdrehungen nachhaken würden.

Nun sind immerhin die sozialen Medien dann besonders wirkmächtig, wenn es um solche Widersprüche geht. Sie sind schnell, sie sind spontan, sie sind sofort zur Stelle, wie jetzt in der Nachlese der letzten Anne Will-Sendung, als sich im letzten Drittel der Sendung abzeichnete, das es der Moderatorin und einem Teil ihrer Gäste darum ging, antisemitische Übergriffe islamistischer und muslimischer Menschen in Deutschland zu relativieren oder gleich ganz unter den Tisch fallen zu lassen.

Amtliche Irreführung
Fakten zur Statistik antisemitische Straftaten
Idee der Sendung war es offensichtlich, Antisemitismus zu einer „kollektiven Bewusstseinskrankheit“ der Deutschen zu erklären und den neuen Antisemitismus aus Migrantenkreisen zu verdecken. Nun sind es allerdings ausgerechnet die Opfer dieses neuen Antisemitismus, die Ross und Reiter nennen. Das Westfalen-Blatt zitierte dazu den Bericht eines „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“, der auf Anregung der Bundesregierung im April 2017 von Wissenschaftlern vorgelegt worden war.

Und eben dieser Bericht stellt fest, dass fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten generell immer dann dem Phänomenbereich „Politisch motivierte Kriminalität Rechts“ zugeordnet werden, „wenn keine weiteren Spezifika erkennbar“ und „keine Tatverdächtigen bekannt geworden sind“. So würde beispielsweise ein Schriftzug wie „Juden raus“ in der Kriminalitätsstatistik als „rechtsextrem“ geführt, obwohl er auch in islamistischen Kreisen benutzt werde. „Damit entsteht möglicherweise ein nach rechts verzerrtes Bild“, schrieben die Autoren des Expertenberichts.

Nichtsdestotrotz mahnte die bei Anne Will eingeladene Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli in der Sendung davor, einen neuen Antisemitismus bei muslimischen Migranten überzubewerten. Immerhin seien 90 Prozent der Übergriffe solche von Rechtsradikalen. Geht es nach dem Westfalen-Blatt, sehen das die Opfer dieser Angriffe freilich ganz anders, und die müssten es ja wissen: Acht Prozent der Juden in Deutschland gaben demzufolge an, „dass Angehörige oder Bekannte im Laufe des vergangenen Jahres Ziel von körperlichen Angriffen gewesen seien. Weitere 36 Prozent wurden beschimpft oder beleidigt. 81 Prozent der Angriffe und 62 Prozent der Beleidigungen seien von Muslimen gekommen.“

Wodurch also ist jüdisches Leben in Deutschland stärker bedroht: durch Rechtsextremismus oder durch islamisch motivierten Judenhass? Anne Will hat die Frage schnell beantwortet. Die Moderatorin sprach über „vielleicht zugewanderten Antisemitismus“. Sie sagt „vielleicht“ und fragt nur noch pro Forma, ob da ein neues Problem auf uns zukäme, für das wir noch keinen Umgang gefunden hätten.

Sawsan Chebli nahm es als Stichwort und gab Entwarnung. Nun haben sich die sozialen Medien der Sache angenommen. Der digitale Faktencheck kam beispielsweise von Fabian Weißbarth, Politikwissenschaftler aus Berlin (er koordiniert in einer NGO die Kommunikations- und Kampagnenarbeit gegen
Antisemitismus und Extremismus) als er twitterte: „Selbst Vorfälle bei Islamisten-Demos wurden bereits als „PMK rechts“ eingruppiert.“ Das würde übrigens auch der Antisemitismus-Report so sehen. Und Weißbarths Fazit zur Anne Will Sendung fällt vernichtend aus: „AnneWill hat Chance vertan über aktuelle Formen des Antisemitismus zu sprechen. Wer über Judenhass reden will ohne die jüngsten Hassdemos zu erwähnen, kann das Problem nicht bekämpfen.“

Zur Hilfe kam ihm sogar der grüne Volker Beck, der twitterte: „Offizielle Kriminalitätszahlen stehen im Widerspruch zu Erfahrungen von Juden Antisemitismus: Zweifel an Statistik.“

Das wiederum rief dann die quasi angegriffene Sawsan Chebli auf den Plan, denn sie twittert natürlich auch. Zunächst allerdings so: „Es war eine so unglaublich bereichernder Abend. Danke für die Einladung.“ Timo Lokoschat, dem leitende Redakteur der Bild-Zeitung ging es ebenfalls wie Weißbarth, als er kritisch bemerkte: „Wo Antisemitismus herrsche, herrsche auch Islamfeindlichkeit: Die Parallelisierung passt zum Hirngespinst, dass Muslime „die neuen Juden“ seien und angeblich vergleichbar diskriminiert würden wie jene im DE der 1930er. Auch das ist Antisemitismus.“ Frau Cheblis empörte Gegenfrage an den Redakteur ging dann so: „Dann ist der israelische Botschafter ein Anitsemit?“

Die Zeitung Der Westen hatte nun allerdings schon mit dem Botschafter gesprochen, und von ihm erfahren: „Natürlich beobachten wir mit größter Sorge den wachsenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft und in Europa“ Ebenso, wie die Redakteure mit Deidre Berger, dem Direktorin des American Jewish Committee (AJC) in Berlin sprachen. Der stellte klar: Der Zuzug hunderttausender Migranten vor allem aus Ländern wie Syrien, in denen der Antisemitismus Staatsdoktrin sei, verschärfe dieses „Gefühl der Unsicherheit“. Nicht wenige jüdische Gemeinden zeigten sich „besonders besorgt“ über Antisemitismus „in muslimischen Milieus“, so Berger.

Und sogar Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), sagte an selber Stelle, dass er die Sorgen der Juden in Deutschland vor Übergriffen etwa von Flüchtlingen aus arabischen Diktaturen teile, die „zum Teil leider antijüdisch sozialisiert“ seien.

Dazu gibt es jetzt keine Fragen mehr, höchstens vielleicht diese hier: „antijüdisch“ – ist das das neue antisemitisch?

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Kommentare ( 125 )

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125 Kommentare auf "Antisemitismus: Zweifel an Statistik nehmen zu"

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Antisemitismus gibt es leider unter dt. Einheimischen, aber doch im Vergleich zum islam. Bevölkerungsteil ganz unbedeutend.
Es ist ein Bodensatz von Bildungsfernen, Spinnern, meist besoffenen Kläffern, von denen keine Gefahr für Deutsche mit jüdischem Hintergrund ausgeht. Die unfundierte Antihaltung, dient dem Unbedarften zur gefahrlosen Kompensation seiner Unzulänglichkeit. Promptes, hartes Durchgreifen der Polizei – und es wäre überhaupt kein Thema.
Unser erklärter Feind – für Christen, Juden, Ungläubige – ist der Islam, dem die linksgewickelte, deutschlandfeindliche Öffentlichkeit den Weg bereitet.
Gysi, Marx u. a. sollten sich nicht anbiedern – sie gelten dem Moslem alle als Ungläubige.

Warum wohl hatte sich damals ARD und Arte geweigert die Doku „auserwählt und ausgegrenzt – Antisemitismus in Europa“ auszustrahlen…. weil dort das „falsche“ Täterbild vermittelt wurde. Bestellt war eine Kampagne gegen die bösen bösen „Rechtspopulisten“ Europas, pünktlich zum Wahlkampf, und keine Entheiligung „der Guten“ und ihre nicht in Gold aufzuwiegenden „Kinderkulleraugen“.

Mossad Geheimdienstlegende zu Gast bei AfD Fraktion im Bundestag:
https://www.youtube.com/watch?v=6Lu97Zkcq0s&t=21s

Nun bei der Demo in Berlin (Verbrennung der israelischen Flaggen) wurde nicht umgehend der Platz von der Polizei geräumt – mit der ganzen Härte des Rechtsstaates – sondern es blieb bei billigen Sprüchen der Politiker. Für mich unvereinbar mit den Politikersprüchen der besondern Verantwortung Deutschlands. Das ist für mich entlarvend!

wenn man sich mit diesen Kampfbegriffen näher befasst kommt Erstaunliches zum Vorschein. Bemerkenswert dabei ist, dass man sie fälschlicherweise, ungehindert weiterhin verwendet. Wer in dem zwangsfinanzierten Medienapparat ein so üppig dotiertes Pöstchen hat, von dem darf man keine unabhängige, journalistische Arbeit erwarten.

Im Internet gibt es ein paar schöne Videos, wie man seinen Fernseher zertrümmern kann.

Faktencheck? Fakten und ÖRR schließen sich mittlerweile aus.

Die Brille der regierenden Parteien in Deutschland ist blind geworden. Auch ist inzwischen jedes Mittel recht, um alles was rechts von der CSU sitzt, zu diffamieren. Eigentlich würde man auch gerne die CSU marginalisieren, doch das geht nicht; ohne sie keine Schrumpf-Ko. Aber es zeigt, dass die Politik in Deutschland noch nie weiter weg war von seinen Bürgern als heute und mit ihnen eigentlich gar nichts mehr zu tun hat.

es gilt den Deutschen ein schlechtes Gewissen einzuhämmern, sonst wollen sie am Ende nicht mehr die ganze Welt retten. Der Schuldkomplex muss aufrecht und ausgebaut werden.
Ich erinnere einfach mal an den antisemitischen Besuch des Außenministers Gabriel in Israel:“
Die renommierte israelische Zeitung “Jerusalem Post” hat Sigmar Gabriel in einem Kommentar scharf kritisiert
Der Aufhänger: Die Terrororganisation Hamas hat den deutschen Außenminister mit einer israel-kritischen Aussage zitiert“
http://www.huffingtonpost.de/entry/posterboy-der-hamas-so-heftig-rechnet-eine-israelische-zeitung-mit-aussenminister-gabriel-ab_de_5a4d41f5e4b025f99e1fa5f4

….. aber wenn er es doch nicht besser weiß?

Das Problem ist, dass „Antisemitismus“ eine Wortschöpfung aus dem 19. Jahrhundert ist, als Judenhass im Zeitgeist der „Rassenlehre“ umgetauft wurde. „Antisemitismus“ bedeutet daher nicht „gegen Semiten gerichtet“, sondern ist ein feststehender Begriff für „Judenhass“, meist durch krude Theorien, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Danke für die sachkundige, logisch schlüssige Information. Das überfordert natürlich eine öffentlich-rechtliche Plaudertasche ohne Ende. Muß man verstehen. Zu erwähnen wäre noch, dass viele heutige Juden Nachfahren der Chasaren sind, also keine Semiten.