Putins Lenin-Hass und der Traum vom Regnum universalis

Russlands Präsident Wladimir Putin galt bislang als ein knochentrockener, durch nichts zu beeindruckender Machtmensch mit KGB-Schulung. Doch jüngste Ausfälle machen deutlich: In Putin brodelt es. Er verliert seine Contenance, macht ausgerechnet den Nationalheiligen Lenin zum Hauptschuldigen an Russlands desaströser Lage und verliert sich zunehmend mehr in irrationale Großmachtfantasien.

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Als Putin dieser Tage mit der Leitung des Kurtschatow-Instituts für Atomforschung zusammentraf, brachte das Lob des in sowjetischen Augen legendären Lenin aus dem Munde des Institutsleiters schier aus der Fassung. Kurtschatow-Chef Michail Kowaltschuk lobte Lenins Geschick, das Denken von Millionen Menschen geprägt zu haben, und forderte, die russische Wissenschaft ebenso effizient zu organisieren.

Das brachte bei Putin offenbar ein Fass zum Überlaufen. Lenin, so der Präsident, hätte mit seinen Ideen den Zerfall des Reiches zu verantworten. Er habe eine „Atombombe unter das Gebäude gelegt, das Russland heißt“ – und die sei dann explodiert. Die Mitarbeiter des Instituts waren sichtlich konsterniert – denn schließlich gilt Lenin seit Sowjetzeiten als Nationalheiliger, liegt mühevoll einbalsamiert und als lebensnahe, präsente Mumie in seinem eigenen Mausoleum an der Kremlmauer.

Kein Wunder also, dass sich Kremlsprecher Dmitri Peskow beeilte, die Aussagen seines Chefs als „private Meinungsäußerung“ abzuqualifizieren und zu betonen, dass der Heilige in seinem Mausoleum verbleiben solle.

Lenin als Totengräber Russlands

Tatsächlich nur eine private Meinungsäußerung, wie sie die Deutschen kennen, wenn dem Bauchdenker Sigmar Gabriel wieder einmal undurchdachtes Bauchgegrummel unkontrolliert aus dem Mund gerutscht ist? Wohl kaum.

Denn von der deutschen Medien-Öffentlichkeit einmal mehr „übersehen“, hat Russlands Präsident seine scharfen Attacken gegen Lenin nur wenige Tage später nicht nur wiederholt, sondern auch deutlich konkretisiert – und damit einen tiefen Einblick in seine politische Psyche gewährt.

Bei einem Treffen mit Kreml-nahen Unterstützern in der kaukasischen Stadt Stavropol unterstrich Putin am 25. Januar, dass er die Ikone der Sowjetgeschichte –jenen 1917 als Ursurpator die russische Zivilregierung gewaltsam ablösenden Wladimir Iljitsch Lenin – als Hauptverantwortlichen des russischen Niedergangs sieht.

Lenin, auf dessen Oktober-Putsch ein langjähriger, erbarmungslos geführter Bürgerkrieg folgte, habe mit der Einrichtung sogenannter Föderationsrepubliken den Grundstein sowohl für den Zerfall der Sowjetunion als auch für die ethnischen Konflikte gelegt. Mit der „brutalen Repression“ und der Ermordung des Zarenhofes habe Lenins bolschewistische Regierung eine „Zeitbombe“ an den Wurzeln der russischen Gesellschaft platziert.

Als konkretes Beispiel für das Versagen Lenins nannte Putin in Stavropol den ukrainischen Donbass. Lenin habe in „einem irrsinnigen Akt“ in der Sowjetunion „wunderliche Grenzziehungen“ vorgenommen und damit auch den aktuellen Ukraine-Krieg, dem seit April 2014 mehr als 9000 Menschen zum Opfer gefallen sind, verursacht.

Der Friede von Brest-Litowsk

Harte Kritik übte Putin an dem von Lenin abgesegneten Abkommen von Brest-Litowsk. In diesem am 3. März 1918 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion unterzeichneten Friedensvertrag gab Russland den Anspruch auf seine kolonialen Eroberungen im Westen des Reiches auf. Die Unabhängigkeit der bereits von russischer Herrschaft befreiten Staaten Finnland und Ukraine wurde ausdrücklich anerkannt. Georgien wurde zur unabhängigen Republik. Das Baltikum, Weißrussland und Polen sollten von Deutschland besetzt bleiben, bis auf Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker die Zukunft dieser Länder geregelt werde. Russland erklärte ausdrücklich, von jeglichen Ansprüchen auf und jeglicher Expansion in die benannten Regionen Abstand zu nehmen, während die Mittelmächte im Gegenzug auf jegliche staatsrechtliche Annexion ehemals russischer Gebiete verzichteten.

Die Forderung, die Zukunft der Völker in ihre eigenen Hände legen zu lassen, kam seinerzeit maßgeblich von Seiten der russischen Delegation. Sie entsprach zwar hinsichtlich Finnlands und der Ukraine den Zielen Deutschlands, stellte jedoch insbesondere bei Baltikum und Polen ebenso ein Zugeständnis der deutschen Seite dar wie der grundsätzliche Verzicht auf die staatliche Eingliederung anderer, ehedem russischer Gebiete.

Die unabhängige Ukraine und der Holodomor

Im Nachhinein versuchte die bolschewistische Regierung den Friedensvertrag von Brest-Litowsk, zu dem sie aufgrund der Selbstauflösung der zaristischen Armee ebenso gezwungen war wie durch den innerrussischen Machtkonflikt zwischen Usurpatoren, Monarchisten und Demokraten, propagandistisch als „Diktatfrieden“ zu brandmarken. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes zwischen Deutschland und den Westalliierten gaben die Sieger vom August 1918 faktisch die früheren russischen Kolonialvölker erneut der Unterwerfung durch die Bolschewisten preis. Die Ukraine wurde 1919 durch die Rote Armee besetzt und dem Sowjetreich eingemeindet. Im Holodomor der Jahre 1932 und 1933 rächte sich der Sowjetdiktator Stalin an den Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer, indem er nach Schätzung des britischen Historikers Robert Conquest bis zu 14,5 Millionen Menschen durch den vorsätzlichen Hungertod der Vernichtung preisgab. Ukrainische Bestrebungen, diesen Massenmord vergleichbar dem türkischen Vorgehen gegen die Armenier als Völkermord zu deklarieren, wurden von der in der historischen Verantwortung für den Holodomor stehenden russischen Regierung bislang gezielt verhindert.

Finnland unbesiegt

Finnland, das in Folge der bolschewistischen Machtusurpation im Januar 1918 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, konnte sich gegen Moskau-gesteuerte Umsturzversuche erfolgreich zur Wehr setzen. 1920 sicherte die Sowjetunion in einem Friedensvertrag die Unabhängigkeit Finnland in den historischen Grenzen des früheren Großherzogtums zu. Gleichzeitig übertrug Russland die Region Petsamo an Finnland, womit dieses einen Zugang zum Nordmeer erhielt und gleichzeitig einen Puffer zwischen Norwegen und Russland bildete.

Am 30 November 1939 überfiel das Sowjetreich, nachdem es mit Deutschland einen Nichtangriffspakt einschließlich der Aufteilung Mittelosteuropas unterzeichnet hatte, Finnland. Im sogenannten „Winterkrieg“ konnte sich Finnland zwar behaupten, musste jedoch angesichts der Übermacht der Roten Armee am 13. März 1940 der bis heute andauernden Besetzung Kareliens mit der damals zweitgrößten finnischen Stadt Wyborg, der Abtretung der Region Sala sowie der Rückübertragung Petsamos zustimmen.

Putin Krieg gegen die Welt des 21. Jahrhunderts

Wenn Putin nunmehr nicht nur – wie bereits seit je die Sowjetführung – den Frieden von Brest-Litowsk als den „einmaligen historischen Vorgang“ bezeichnet, bei dem Russland „an den Verlierer verloren hat“, dann stellt er nicht nur wie bisher die Ergebnisse der europäischen Entwicklungen nach 1989 in Frage, sondern knüpft unverhohlen an die imperial-kolonialen Ansprüche nicht nur Stalins, sondern des Zarenreichs an.

Hatte Stalin noch darauf verzichten müssen, die mitteleuropäischen Staaten von Rumänien bis Polen in sein Staatsgebiet zu annektieren, gliedert Putin gedanklich nunmehr nicht nur das Baltikum, Weißrussland, Georgien und die Ukraine als „durch einen irrsinnigen Akt Lenins“ in die Separation getriebenes russisches Kernland in sein Imperium ein, sondern erhebt auch den Anspruch auf Finnland, Polen und das frühere Bessarabien – heute Moldowa.

Es ist unverkennbar, dass ihm damit ein staatliches Konstrukt vorschwebt, welches in Anlehnung an jenen habsburgischen Anspruch eines völkerübergreifenden Regnum universalis (Universalherrschaft) nicht nur die Uhr auf 1988, sondern auf das 18. Jahrhundert zurückdrehen möchte. Putin möchte zurück in eine Welt bevor die Französische Revolution und der Napoleonismus den Anstoß zum Selbstbestimmungsanspruch der Völker Europas gab.

Dazu passt es, dass Russland faktisch seine von General Gerassimow entwickelte „hybride“ Kriegsführung seit Mitte 2014 massiert auch gegen die Länder der Europäischen Union – und hier vorrangig die Bundesrepublik Deutschland – ausgeweitet hat. Nicht nur die Moskau-gesteuerten „Proteste“ gegen die pro-westliche Regierung Moldawiens, auch die jüngsten, unmittelbaren Einflussnahmen russischer Propagandaorgane bis hin zu Außenminister Lawrow auf die russisch-stämmige, deutsche Bevölkerung mit dem Ziel, zwischen vorgeblich „christlich-abendländischen Deutschen und Russen“ und den „islamisch-morgenländischen“ Zuwanderern gewaltsame Konflikte zu schüren, passen perfekt in das Kriegsdrehbuch des Generals Gerassimow, bei dem ein „breit gestreuter Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen“, die traditionelle Kriegsführung ersetzen oder vorbereiten.

Putins Abkehr vom Sozialismus

Putins Rückkehr zum Herrschaftsmodell des 18. Jahrhunderts und dem damit verknüpften, absoluten Ausschluss der von Westeuropa definierten Völkerrechte unterstrich Russlands Präsident in Stavropol auch dadurch, dass er Lenin eines fundamentalen Fehlers zieh, als er sein föderalistisches Sowjetsystem gegenüber dem von Stalin befürworteten Einheitsstaat durchsetzte. Einmal mehr definierte sich Putin hier als ideeller Nachfolger des Völker- und Massenmörders aus Georgien.

Gleichzeitig erklärte Putin in der Stavropoler Rede seine Abkehr von den Zielen des Sozialismus. Zwar habe er selbst, als er seinerzeit zum KGB gegangen sei, selbst noch an die utopische Vorstellung einer „schönen und gerechten Gesellschaft wie sie die Bibel beschreibt“ geglaubt, doch die Wirklichkeit sei eine andere. „Unser Land sah nicht wie eine Sonnenstadt aus“, schloss der zunehmend diktatorisch regierende Leningrader.

Damit hat Putin das Sowjetexperiment abschließend zu Grabe getragen und es durch eine russische Version des postrevolutionären Napoleonismus ersetzt. Es steht zu erwarten, dass er in absehbarer Zeit den Versuch unternehmen wird, den pro forma noch föderativen Charakter Russlands durch einen Zentralstaat zu ersetzen. Auch die abschließende Abkehr von den Minsker Vereinbarungen hinsichtlich der Ukraine dürfte nur eine Frage der Zeit sein und durch einen in den besetzten Gebieten bereits vorbereiteten Anschluss an Russland besiegelt werden.

Putin ist nervös

Es ist unverkennbar, dass Putin mit seiner Stavropoler Rede deutlicher noch als bisher nicht nur seinen Alleinherrschaftsanspruch innerhalb Russlands, sondern auch seinen kolonialen Hegemonieanspruch weit über die Grenzen des stalinschen Herrschaftsbereichs hinaus definiert hat. Das jüngst auch in Deutschland zu beobachtende Umfunktionieren von offensichtlichen Nicht-Meldungen zu Hetzpropaganda ist ein Teil des Weges zur Umsetzung dieses Anspruchs.

Es ist aber auch unverkennbar, dass Putin seine ihm zugesprochene Überlegenheit mehr und mehr verliert. Der nicht mehr aufzuhaltende und von seinen Ministern eingeräumte Zusammenbruch der russischen Wirtschaft scheint die Frage nach Putins Zukunft immer deutlicher in den Vordergrund zu rücken – und ihn verzweifelt nach Schuldigen suchen zu lassen, auf deren breiten Schultern er sein eigenes Versagen abladen kann.

Wer wird nächster Präsident?

So erhält dann plötzlich auch eine kleine Notiz aus dem russischen Militärportal „topwar“ eine ungeahnte Brisanz. Dort war am 25. Januar ein kleiner, in Ich-Form geschriebener und dennoch, wie alles auf diesem Portal, ohne Nennung von Autoren und Verantwortlichen anonymer Artikel unter der Überschrift „Wer ist nächster Präsident?“ erschienen.

Dort erzählte der anonyme Autor, Putin habe erklärt, nicht lebenslang Präsident bleiben zu wollen. Er wolle aber auch nicht noch einmal Ministerpräsident sein. Medwedew aber wolle die Präsidentenaufgabe auch nicht noch einmal übernehmen. Und so habe der Autor nun plötzlich eine Eingebung gehabt. Wie wäre es denn, so der anonyme Autor, wenn der heutige Verteidigungsminister Sergei Kuschugetowitsch Shoigu das Präsidentenamt übernähme? Shoigu sei bei der Bevölkerung beliebt, habe dessen Unterstützung. Er sei hochprofessionell und habe dieses auch dadurch bewiesen, dass er das russische Militär wieder hochgebracht hätte.

Wenn dann Shoigu Präsident sei, dann könne Medwedew weiterhin Premierminister bleiben – und Putin könne in das Amt des Verteidigungsministers wechseln. Zum Abschluss seines Textes forderte der Autor dann noch seine Leser dazu auf, zu dieser Idee ihre Meinung abzugeben.

Militärputsch ante portas?

Wer nun meint, eine derartige Notiz sei ein undurchdachter Lapsus eines Unbedarften, der sollte sich vor Augen halten, dass „topwar.ru“ in seiner Anonymität offensichtlich ganz eng an das russische Militär angebunden ist. Und er sollte beachten, dass Präsidentenwahlen erst 2018 anstehen. Auch hatte Putin noch 2012 erklärt, bis 2024 Präsident bleiben zu wollen. Für die Vorbereitung einer geregelten Rochade wie einst zwischen Putin und seinem Getreuen Medwedew ist es also deutlich zu früh – und sie würde auch kaum auf einem Militärportal eingeleitet, sondern vom Präsidialamt Putins ausgehen.

Ohnehin: Wer sich der Illusion hingibt, Putin würde unter Shoigu als Militärminister dienen oder gar Shoigu würde unter dem Minister Putin als Marionette agieren, verkennt die Psychen beider Akteure. Nicht nur, dass ein Minister Putin jederzeit von einem Präsidenten Shoigu entlassen werden könnte – auch die Frage nach den Milliarden, die Putin privat außer Landes gebracht haben soll und die zum Wiederaufbau des maroden Landes bitter nötig wären, könnte Shoigu die langjährige Zweckgemeinschaft mit Putin schnell vergessen lassen.

Diese kleine, in russischer Sprache verbreitete „topwar“-Mitteilung kann insofern durchaus das Signal an das russische Militär gewesen sein, sich auf einen baldigen Machtwechsel im Kreml einzustellen. Gleichzeitig wurde dem Putin-Vertrauten Medwedew damit eine Überlebensgarantie gegeben – und so auf sein Stillhalten Ernstfall hingewirkt.

Kein Wunder also, dass Putin nervös ist. Kein Wunder auch, dass er tief in geschichtliche Wirrnisse und Irrnisse greift, um seinen Kopf aus einer Schlinge zu ziehen, die Shoigu offenbar schon um seinen Hals gelegt hat. Die kommenden Monate werden spannend bleiben.

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Kommentare {12}

  1. […]
    They were all contrived in spite,
    To torment us, not delight;
    But to scold and scratch and bite,
    And not one of them proves right,
    But all, all are witches by this light.
    And so I fairly bid ’em, and the world, Good Night.

    Ich bin entsetzt, welche Naivität noch Jahrhunderte nach meinem Tode über die herrschenden Menschen (jeglicher Kategorie) verbreitet ist.

  2. Sehr geehrter Herr Spahn,
    ich muss Ihnen in einigen Punkten widersprechen.

    1. Es ist seit längerer Zeit bekannt, dass Putin dem Marxismus-Leninismus kritisch gegenüber steht. Dafür spricht unter anderem die langjährige Stärkung der russisch-orthodoxen Kirche. Und die Tatsache, dass die Oktoberrevolution ausschlaggebend für den blutigen Bürgerkrieg war, ist historische Tatsache. Da steht Putin nicht allein, wenn er Lenin kritisiert.

    2. Ich finde Ihre Argumentation etwas schwach, wenn Sie behaupten, dass Putins Verurteilung des Friedens von Brest-Litowsk automatisch seine Großmachtansprüche widerspiegelt. Dieser Frieden war ein notwendiges Übel, der aber für viele Russen damals und auch heute eine Schandtat ist. Man hat unter anderem die Ukraine verloren, die ethnisch und sprachlich größtenteils russisch war und auch heute noch ist. Als Vergleich könnte man die Gründung der DDR betrachten und damit die Teilung Deutschlands. Das war auch für viele Deutsche nicht leicht. Die Welt hat sich verändert, es wäre heute wohl auch für westeuropäische Staaten nicht zweckmäßig ihre alten Kolonien zurückzufordern. Wenn Sie behaupten, dass Putin Gebietsansprüche in Finnland, Polen etc. hat, führen Sie bitte Beispiele an (am besten mit nachprüfbaren Zitaten).

    3. Zum Holodomor: Es ist unter den Historikern immer noch umstritten, ob es eine „Rache“ Stalins war. Ja, die meisten Opfer waren Ukrainer, aber es gab auch Millionen von Toten in anderen sowjetischen Republiken. Man sollte an dieser Stelle in erster Linie die wirtschaftlichen Faktoren betrachten. Die Wirtschaft war damals vergleichsweise regional. Die Ukraine war eine „Kornkammer“ Russlands und auch im Vergleich zum Rest des Landes stark besiedelt. Die Bauern vor Ort waren sehr stark an das Getreide angewiesen. Schon aus diesen Gründen war die Opferzahl in der Ukraine sehr hoch. Hinzu kommt auch bedingt durch das Vorhandensein der fruchtbaren Schwarzerdeböden der relative Reichtum der ansässigen Bauern und somit die gezielte Zerschlagung dieser „Kulaken“. Nur dieser Aspekt scheint mir plausibel genug zu sein von „Rache“ Stalins zu sprechen (also keine gezielte ethnische Säuberung).

    4. Putin wird von Ihnen als Diktator gebrandmarkt. Da kann ich ehrlich sein und sagen, dass Russland noch nie eine de facto-Demokratie hatte. Putin also für Zustände in Russland verantwortlich zu machen, ist etwas einseitig und nicht unbedingt konstruktiv. Sie können höchstens kritisieren, dass er nichts für die Schaffung einer (funktionierenden?) Demokratie tut. Putin erfreut sich breiter Beliebtheit in Russland. Viele Russen können sich noch lebhaft an die Krisen der 1990er erinnern. Derzeit, trotz Sanktionen und niedriger Ölpreise, scheint die Lage besser zu sein als damals. Der von Ihnen angedeutete Staatsstreich ist selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Ihre Argumentation scheint aber darauf hinzudeuten, dass Sie diesen Umsturz begrüßen würden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob eine (Militärdiktatur?) der richtige Weg wäre und ob der Umsturz ein Segen wäre. Ein kritischer Blick Richtung Ukraine sollte eine Warnung sein. Putin kann schon allein aus biologischen Gründen nicht ewig an der Macht bleiben, aber man sollte nicht immer nur ihn, sondern historische, politische und kulturelle Eigenarten Russlands im Blick behalten und sich eher fragen, wie man die derzeitige Situation in Russland verbessern kann. Ein neuer „Ersatzzar“ wäre nicht die Lösung, sondern das Aufschieben der Probleme.

    1. #3 Holodomor

      Sowjetische Terror richtete sich gegen Ethnien, “Klassenfeinde”, Berufsgruppen, Kritiker und viele andere. Erschossen zu werden war vielleicht noch humaner als Hungertod oder 25 Jahre in Workuta! Absicht waren Ausbeute und Vernichtung. Holodomor war nicht “hoehere Gewalt” oder Zufall. Relativieren hilft nichts und rechtfertigt nichts!

      Nach zwei Missernten verstaerkten die Sowjets die Beschlagnahmung von Getreide, auch um Exporte zu sichern. Getreidevorraete, auch Saatgetreide, wurden mit brutaler Gewalt genommen. Eine schreckliche Hungersnot und Seuchen folgten in 1932/33. In der Ukraine gab es 3-4 Millionen Tote (rund 10% der Bevoelkerung) mehr als bei allen anderen Nationalitaeten zusammen. Hungersnot war eindeutig politisch verursacht, genau wir parallel laufenden Saeuberungen in der Ukraine. Ziel war es den Widerstand in der Ukraine zu brechen. Die Grenzen der Ukraine zu Russland waren 1933 abgeriegelt um die Flucht hungernder Bauern zu verhindern.

      Nach Archivquellen ist es belegt dass Stalin gegenueber den Ukrainern tiefes Misstrauen hegte. Fakt ist, Sowjets nahmen Getreide weg und verursachten Holodomor! In diesem gesamten Kontext ist Begriff Rache einfach irrelevant aber nicht falsch!

  3. Hmm, die Logik des Artikels erschließt sich mir nicht. Nur weil er Brest-Litowsk als Fehler deklariert, will er jetzt das alte russische Zarenreich zurückerobern? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst Herr Spahn? Sprich das ist reine Kaffesatzleserei oder haben Sie dafür Quellen?
    Viel bemerkenswerter ist doch seine strikte Ablehnung Lenins. Da zeigt sich, dass er die wichtigste Lektion aus dem Untergang der Sowjetunion gelernt hat. Ganz im Gegensatz zu manch westlichem Politiker übrigens, der immer noch glaubt, ein Konstrukt wie die jetzige EU sei überlebensfähig.
    Ich verstehe Putin jedenfalls anders: das Vielvölkerexperiment Sowjetunion nebst Warschauer Pakt war im Unterhalt viel zu teuer, um noch einmal wiederholt werden zu können. Das Denken in Einflusspähren an den Rändern Russlands hat eben nicht den Hintergrund wieder ein Reich zu schaffen, dessen reiner Unterhalt den Zentralstaat letztlich überfordert und untergehen lässt, wie weiland die Sowjetunion. Das Russland an seinen Grenzen lieber Regime an der Macht hätte, die ihm wohl gesonnen oder gar abhängig sind, gehört für mich zum großen Spiel. Das wird umgekehrt nicht anders gespielt. Man schaue sich nur den Zustand der EU an. Selbst ein Land wie Italien hatte mit dem Kabinett Monti eine Regierung, die so nie vom Volk gewählt, sondern nur von der EU so gewollt war.
    Natürlich geht es hier um Putin und nicht um die EU. Aber letztlich spiegelt sich im Handeln des Gegenüber auch immer mehr oder weniger das eigene Handeln und Denken. Und das fehlt mir in dieser Betrachtung. Wie schwer es ist, eine wirklich vernünftig udn rational agierende Regierung zu erhalten, beweist Deutschland gerade sehr eindeutig. Unser GG erweist sich momentan als suboptimal, wenn es mal eine echte Kriese demokratisch zu bewältigen gilt. Da kommt mir das mit Putin auch ein wenig kleinig vor.
    Vielleicht ist es auch nur eine Stilfrage die mich stört: es macht einen Unterschied ob es heißt: ich denke, dass… usw. Im Vergleich zu der hier verwendeten Form: wer das anders sieht irrt (sinngemäß). So oder so: sie bringen mich immer wieder zum nachdenken und das ist natürlich eine gute Sache. Auch wenn wir vorläufig noch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

  4. (Dies wirklich nur am Rande: Es müßte, wenn schon, “Regnum universale” heißen, nicht “universalis”; “regnum” ist Neutrum, und der Nominativ Singular Neutrum von “universalis” lautet “universale”. Tut mir leid, ich mußte es tun, jetzt ist meine kleine Welt wieder in Ordnung.)

    1. @ Alter Lateiner

      Abyssus abyssum invocat.

  5. Es ist unglaublich, wie es um Lenin und um Lenindenkmäler immer wieder sonderbare Geschichten gibt, und nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland: Ein kunsthistorisches Projekt hat sich auf die Suche nach den letzten Leninstatuen auf deutschem Boden gemacht und hat auch die unglaublichen Anekdoten gesammelt, die es zu den einzelnen Figuren gibt. Empfehlenswert: http://www.leninisstillaround.com

  6. Dieser sehr trefflich bei Putin dargestellte Vorgang, des Aufkommens von Größenwahn, ist leider kein auf Putin beschränkter Vorgang in der derzeitigen Herrscher Landschaft.

    Erdogan schwebt ebenfalls ein Großkalifat unter Einnahme einiger Nachbarstaaten vor. Merkel feuchter Traum ist ein Großeuropa unter ihrer Herrschaft. Und die Washington ist da nicht Kleinlich, sondern hätte gerne am liebsten die Weltherrschaft.

    Was ist allen gemeinsam? Sie scheren sich einen Dreck um bestehende Gesetze, wollen erzwingen was sie sich in ihrem Hirn zusammenkonstruiert haben, und ignorieren dabei vollkommen den einzelnen Menschen, und setzen gnadenlos das bewährte Prinzip des Spalten der Bevölkerung ein um ihre Ziele zu verwirklichen.

    Um sich nicht an diesem zerstörerischen Prinzip des Spaltenden zu beteiligen, hätte ich es besser gefunden, wenn in dem Artikel dieser Vorgang auch bei den Anderen erkannt und aufgezeigt worden wäre. Der übergriffige Größenwahn quillt derzeit nahezu überall hervor und ist mitnichten ein ausschließlich russisches Phänomen

    Schöne Grüße aus einer Einsiedelei im Land der Stadtmusikanten

  7. Anders als die USA und die US-Marionette EU scheint Putin das Selbstbestimmungsrecht der Völker an erste Stelle zu setzen wie vor allem das Beispiel der Krim zeigt.

    Und ja, Putin lehnt den Sozialismus ab, und gerade dafür bewundere ich ihn. Denn was die westlichen Staaten derzeit haben, ist Sozialismus pur mit einem absoluten Herrschaftsanspruch der Wallstreetdiktatur. Und damit die Bürger stillhalten, die dieses Spiel dank Internet immer häufiger durchschauen, erleben wir gravierende Einschränkungen der persönlichen Freiheit, gelenkte Presse usw. usw.

    Die Ablehnung Putins bzgl. diesen Systems macht ihn naturgemäß zum größten Feind der Wallstreet. Kein Politiker weltweit dürfte derart gefährdet sein wie er.

  8. Putin ist schon vor vielen Jahren vom Bolschewismus abgefallen.
    Nicht umsonst hat er sich schon im September 2000 mit Alexander Solschenizyn in dessen Wohnung getroffen. Wie oft danach noch weiß ich nicht, aber auch 2007 war Putin privat bei Solschenizyn zu Gast.

  9. Seit Putin an der Macht war musste man seine Absichten hinterfragen. Rivalitaeten und nur scheinbare Zusammenarbeit mit dem Westen waren kennzeichnend. Wladimir Putin hat Visionen und sucht seine Macht zu verlaengern durch Populismus und nicht durch Reformen.

    Deswegen soll der Westen keine Fehler machen:
    A. Ostflanke gut absichern und Ukraine aktiv unterstuetzen. Vertrag von Minsk sollte Loesungen bringen. Tatsaechlich wissen wir jetzt dass Lenin alles verschuldet hat aber an der Front sind noch immer russische Soldaten und Agenten. Seehofers Reise ist eine Dummheit, Sanktionen duerfen nicht gestoppt werden, eher muessen sie verschaerft werden.

    B. Suedosteuropa i.e. Westbalkan sollen trotz Risiken in EU und NATO integriert werden um eine Ausdehnung und Einkreisung durch System-Putin zu verhindern. Verlust dieser Staaten an Russland gefaehrdet unsere Sicherheitskonzepte und macht EU erpressbar.

    C. Erdoel- und Erdgas-Abhaengigkeit von Russland muss reduziert werden. Wir brauchen keinen Nord Stream 2.

    D. Wir muessen aktiv russ. Desinformationskampagnen und Propaganda gegen Westen und Deutschland bekaempfen. Besonderes in Deutschland ist eine pro-Putin 5. Kolonne aktiv, darunter auch viele AfD Mitglieder die mit absurdesten Vorschlaegen auffallen.

    Wie viel Zeit hat Putin noch und was fuer uns einen Wechsel bedeuten wuerde sind offene Fragen? Wir duerfen aber nicht unvorbereitet bleiben und uns ueberraschen lassen! Russische Machthaber wollen nicht Europa retten!

    1. Wissen Sie, die Phobie, die Sie hier betreiben, hat sicherlich ihre Berechtigung, leider fällt sie zu Einseitig aus. Nicht nur Putin führt mit Europa nichts gutes im Schilde, auch Washington möchte Europa unterjochen, und selbst Europa will die Menschen Europas unterjochen. Der IS will die Menschen auch unterjochen. Die Hochfinanz will die Menschen unterjochen, etc. etc.

      Niemand interessiert sich derzeit für den einzelnen Menschen, außer er unterwirft sich irgend einem System. Da ist KEIN Herrscher, der den Menschen dienen will, da sind NUR Herrscher, die wollen, daß sich der einzelne Mensch seiner Macht unterwirft um seine Macht noch zu vergrößern.