Political Correctness: auslaufendes Modell

2017 werden wir vieles erleben, aber eines nicht: die Wiederherstellung eines politischen Diskurses in der Sache. Um so wichtiger ist es, dass einige sich davon nicht abbringen lassen, dem Argument Raum zu geben und dem Gegenargument.

© Justin Sullivan/Getty Images

„Political Correctness war vielleicht einmal eine Errungenschaft des Takts und der Höflichkeit“, schrieb Thomas Steinfeld am 28. Dezember in der Süddeutschen. In früheren Zeiten – lange, lange vor PC –  reichte dafür eine Erziehung, wie sie in „proletarischen“ ebenso wie in „gut bürgerlichen“ Kreisen selbstverständlich war. Man lernte, „sich zu benehmen“ zu Hause und in der Schule, im Verein, im Beruf, im täglichen gesellschaftlichen Umgang.

Political Correctness ist in den USA entstanden, wo es diese Selbstverständlichkeit auch gab, sie aber in der weißen Mehrheitsgesellschaft Nichtweißen gegenüber oft nicht galt. In Europa traf das gleiche auf den Umgang mit seinen Minderheiten zu – und auf beiden Seiten des Atlantiks für den Umgang in den sozialen Hierarchien von oben nach unten. Nach dem alten Sprichwort vom Radfahrer: nach oben buckeln, nach unten treten.

Ich werde mich hüten, in die Untiefen dessen zu tauchen, was aus „Political Correctness“ im Laufe der Zeit wurde und mit der Ausweitung auf „Genderism“ dem Höhepunkt und Ende zugleich zustrebt. Lesen Sie Thomas Steinfeld, der unter anderem zu diesen beiden hoch interessanten Beobachtungen kommt:

„Der linke Rassismus, der darin besteht, einen jeden Angehörigen einer Minderheit als Repräsentanten einer speziellen ‚Kultur‘ zu behandeln, kommt in einem rechten Rassismus zur Vollendung, der jeden Deutschen in einen Bannerträger seiner Nation verwandelt.“

„Der politisch Inkorrekte ist … nicht der Gegensatz zum politisch Korrekten, sondern dessen Umkehrung. Das liegt daran, dass jede Form von ‚Kulturalismus‘ ebenso sehr zum Einschluss wie zum Ausschluss einer sozialen Gruppe taugt.“

Danach kann ich der Grundthese von Steinfeld nur ausdrücklich zustimmen, in der er sagt: Ursula von der Leyen, Winfried Kretschmann, Sigmar Gabriel, Marine Le Pen, Donald Trump und andere hätten mit ihren Äußerungen, man „habe es mit der Political Correctness überzogen“ in Wahrheit nicht das Überziehen gemeint, sondern das ganze Prinzip, denn „wie man den Satz dreht und wendet: Es kommt immer mehr Correctness dabei heraus – wenngleich jetzt für die andere, die vermeintlich unkorrekte Seite.“

Wenn wir in diesen Tagen und Wochen in die „sozialen Medien“ schauen, findet ganz genau das stündlich statt. Vielen dort besonders Aktiven geht es um keine Diskussion, um keine Aufklärung, nicht um Argument und Gegenargument, sondern um die Etikettierung als politisch korrekt und inkorrekt mit der jeweiligen Brille. Es geht zu vielen nicht darum, dem anderen Gründe zu nennen, warum er seine Meinung ändern soll. Vielmehr wärmt sie die Sonne des eigenen „richtigen“ Bewusstseins. Jemanden mit der „falschen“ Meinung an den Pranger zu stellen, macht vielen offensichtlich mehr Freude, als jemanden mit „falscher“ Meinung von einer „richtigen“ zu überzeugen. Diese Zeitgenossen dürfen wir Pharisäer nennen nach der bekannten Bedeutung des Wortes: Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen.

2017 werden wir vieles erleben, aber eines nicht: die Wiederherstellung eines politischen Diskurses in der Sache. Die Chance dafür gibt es erst wieder, wenn sich der Pulverdampf im Kampf um die Anteile an der Macht in etlichen westlichen Demokratien einigermaßen verzogen haben wird.

Um so wichtiger ist es, dass mehr sich davon nicht abbringen lassen, dem Argument Raum zu geben und dem Gegenargument, statt im Etikettierungsgewerbe (weiter) mitzumachen. Im Umgang miteinander sind Anstand, Respekt und Höflichkeit jeder „Political Correctness“ überlegen.

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