DER SPIEGEL Nr. 4 – Die neue Weltordnung

Über den Verlauf der Handelsströme entscheiden immer noch Preis und Qualität. Solange die USA da schwächelt, kann kein Präsident per ordre de mufti die Handelsbilanz ausgleichen. Stimmt. Aber dann mehrere Storys aus dem Glashaus.

Der SPIEGEL verdient in dieser Woche an einigen Stellen Respekt – und zieht gleichzeitig grundsätzliche Kritik auf sich. Theresa May phantasiert vom neuen „Global Britain“ – oder meinte May die Wiederrichtung des alten Empire? – und Donald Trump träumt von großen Deals für die USA. Der SPIEGEL ging die Gefahr ein, mit seiner Titelgeschichte furchtbar alt auszusehen. Denn als Trump am Freitag nach seiner Vereidigung seine erste programmatische Antrittsrede hielt, waren die Druckmaschinen schon angeschmissen. Aber im Grunde liegt die Redaktion mit ihren Themen und Beiträgen durchaus richtig und liefert damit dem Leser eine dringend benötigte Hilfe zur Einordnung der sich abzeichnenden Änderungen in der Weltwirtschaft, in der wohl künftig wieder Politik mit Faustrecht verwechselt wird.

Ullrich Fichtner beschreibt in seinem Leitartikel „Front gegen Trump“, wie der neue US-Präsident blindwütig die Axt gegen alles schwingt, was das böse Washingtoner Establishment in den vergangenen Jahren ausheckte. Fichtner weist richtigerweise darauf hin, dass es den Europäern freistehe, sich China anzunähern, das von Trump bereits angerempelt wurde und irritiert reagierte.

Über den Verlauf der Handelsströme entscheiden immer noch Preis und Qualität. Solange die USA da schwächelt, kann kein Präsident per ordre de mufti die Handelsbilanz ausgleichen. Die Milliardärsfreunde von Trump werden wohl kaum wegen eines für sie läppischen Importzolls darauf verzichten, weiter ihren Porsche, BMW oder Mercedes zu fahren. Einseitige Zölle wurden auch die Exporte der USA gefährden, und es gibt sie noch.

Apropos China: Bernhard Zand liefert dazu mit „Der Anti-Trump“ ein lesenswertes Portrait über Staatschef Xi Jinping, der sich in Davos zum Anwalt des freien Handels stilisierte, gleichzeitig aber ein System repräsentiert, das man sich unflexibler kaum vorstellen kann und das die Schotten dicht macht, sobald für China Probleme auftauchen. Damit wird allerdings auch klar, wie trügerisch die Hoffnung ist, dass China der neue, der gute Partner sein könnte. Nein, die Hoffnung täuscht. Partnertausch funktioniert global nicht.

Die Historikerin Anne Applebaum, die bereits vor eineinhalb Jahren über das Ende der liberalen Weltordnung geschrieben hat, registriert im Interview „Wir sollten uns Sorgen machen“ mit Gordon Repinski und Christoph Scheuermann, dass die Russen neuerdings verdächtig oft von ihren Atomwaffen reden.

Deutschland und Europa haben wohl keine Wahl: Sie müssen aufrüsten. Konjunkturell wird das eher nutzen. Fiskalpolitisch war der Kraftakt bei der Wiedervereinigung schwieriger zu bewältigen. Da muss der von Schäuble angepeilte Schuldenabbau verschoben werden.

Stanford-Ökonom Nicholas Bloom erklärt im Interview mit Peter Müller („Am Ende muss jemand bezahlen“), dass weder die Brexiteers noch Trump die Erwartungen derjenigen unter den Wählern werden erfüllen können, die sich als die Verlierer der Wirtschaftsentwicklung fühlen. Er räumt damit auf, dass die Jobs der Amerikaner durch Mexikaner oder Chinesen bedroht seien, vielmehr durch die technologische Entwicklung und Roboter. Den Briten prophezeit er bittere Ernüchterung ob der Folgen der ausbleibenden Geldzahlungen aus Brüssel.

Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Beim Thema Fake News hätte es dem SPIEGEL eigentlich peinlich sein müssen, die Kollegen von der Zeit wegen ihrer Besprechung des Eröffnungskonzertes in der Elbphilharmonie vorzuführen; sie war geschrieben worden, bevor das Konzert überhaupt stattgefunden hatte. Der SPIEGEL selbst setzte vorige Woche die Kois von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn in ein vom Konzern gesponsertes Schwimmbad. Tatsächlich handelte es sich aber nur um einen Gartenteich. Und der Falschmeldung der Woche zum Verfassungsgerichtsurteil zum NPD-Verbot war die SPIEGEL-Online-Reaktion auch aufgesessen. Und mehr als peinlich ist die Lobhudelei auf den wieder entlassenen Berliner Staatssekretär André Holm. Das ist kein Kampf gegen die DDR, sondern eigentlich selbstverständlich: Wer der oberste Beamte einer Behörde sein will, darf seinen Lebenslauf nicht faken, und wer diesen Staat mit leiten will, sollte sich zu seinen Prinzipien und zum Grundgesetz bekennen. Gegen beide Prinzipien hat Holm verstoßen – eine beschönigende Spiegel-Story macht das nicht wett, sondern schadet der Glaubwürdigkeit der Redaktion.

Warum die Bundeswehr in Mali für Ordnung sorgen soll, bleibt mir weiter unklar. Wir sollten mit den ausufernden Wüstenkriegsspielen schleunigst aufhören.

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Kommentare

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  • Marcel Seiler

    Die ersten Zeilen: „Über den Verlauf der Handelsströme entscheiden immer noch Preis und
    Qualität. Solange die USA da schwächelt, kann kein Präsident per ordre
    de mufti die Handelsbilanz ausgleichen.“

    Ein wenig Wirtschaftstheorie kann hier einiges zurecht rücken: Die USA sind genau deshalb so wenig wettbewerbsfähig, weil ihr Dollar so hoch ist (er ist tatsächlich enorm überbewertet). Der Dollar ist überbewertet, weil alle Welt in den USA ihr Geld anlegen will und deshalb Dollars kauft. Alle Welt will in den USA ihr Geld anlegen, weil dort Rechtssicherheit herrscht, weil die Wirtschaft dort Geld verdient und weil das Land in Spitzentechnologien sehr innovativ ist. Richtig also: Die Handelsbilanz der USA ist nicht deshalb passiv, weil „die USA da schwächelt“, sondern weil ihre Stärken das Geld aus der ganzen Welt anzieht. Die Schweiz hat das gleiche Problem, die EU aber, aus guten Gründen, nicht.

    Das musste ich jetzt erst einmal loswerden; mal sehen, was der Artikel sonst noch enthält.

  • limes

    „Dass die Russen neuerdings verdächtig oft von ihren Atomwaffen reden“ ist Kolportage; damit die Forderung nach Aufrüstung zu verbinden, halte ich für unverantwortlich, Herr Canibol. Geradezu frivol ist es, die Forderung nach Massenvernichtungswaffen mit konjunkturellem Nutzen zu untermauern. Den fiskalpolitischen Aspekt der Vernichtungsmaschinerie mit dem friedlichen und friedenssichernden Akt der Wiedervereinigung zu vergleichen, ist unvertretbar.

  • limes

    „Über den Verlauf der Handelsströme entscheiden immer noch Preis und Qualität.“

    Das ist allzu schlicht argumentiert: Subventionen in all ihren Erscheinungsformen, die Preise bestimmen, sind dabei nicht berücksichtigt sowie Sanktionen, die Handelsströme blockieren und Hypes sowie andere Formen der Manipulation von Verbrauchern, die irrationales Konsumverhalten mit sich bringen. Ein paar Beispiele für die politische und psychologische Beeinflussung von Handelsströmen und Verbraucherverhalten:

    Wäre Flugbenzin nicht gnadenlos subventioniert, kämen Flugananas, peruanischer Spargel und Erdbeeren zur Weihnachtszeit wohl bei den wenigsten Deutschen in den Einkaufskorb.

    Würden intensiv produzierende landwirtschaftliche Großbetriebe nicht mit Steuergeldern gemästet, so hätten europäische Agrarexporte nicht kleinbäuerliche Existenzen in Entwicklungsländer zerstört.

    Wenn Menschen vor Großstadt-Geschäften Schlange stehen oder gar im Zelt übernachten, um angesagte Konsumgüter zu ergattern, hat das wohl nichts mit dem Preis-Qualitäts-Verhältnis zu tun…

    Last but not least: Publizisten, die gegen Russland hetzen und damit bestimmte politische Positionen stärken, tragen ebenfalls dazu bei, Handelsströme zu blockieren!

    Wer im Glashaus sitzt …

  • Gernimot

    Wundert mich das dem immer bedeutungsloser werdenden „Lügel“ sry „Spiegel“ hier so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.

  • twsan

    Ist ja schön, dass der Spiegel mit seinem „Experten“ ja auch eine Antwort gibt, wo wir all‘ die Fachkräfte aus dem Morgenland unterbringen sollen, wo doch „die Jobs (ich streiche mal: „der Amerikaner durch Mexikaner oder Chinesen bedroht seien, vielmehr“) durch die technologische Entwicklung und Roboter“ bedroht seien.

    Fazit: Der „Spiegel“ schreibt, wie er es gerade braucht. Heute „hüh“ und morgen „hott“.

  • twsan

    „Stanford-Ökonom Nicholas Bloom prophezeit den Briten bittere Ernüchterung ob der Folgen der ausbleibenden Geldzahlungen aus Brüssel“ (Satzbau umgestellt durch twsan).

    Hält der seine Zuhörer/Leser für „geistig minderbemittelt“?

    Als ob UK statt Netto-Zahler Geldempfänger der EU gewesen wäre.
    Wegen des dann kommenden Zahlungsausfalles der Briten waren/sind die deutschen Politiker ja so vehement gegen den Brexit.

    • A. Zweistein

      GB bekommt jedes mehrere Milliarden von der EU zurück, v.a. für landwirtschaftliche Strukturförderung. Davon fließt viel in ländliche Gebiete, wie Schottland und Wales. Und es ist tatsächlich die Frage, ob die britische Regierung diese Zahlungen einfach so übernehmen wird.
      Und GB möchte ja auch weiterhin von den Vorteilen des Binnenmarktes profitieren. Dafür wird es bezahlen müssen, so wie es andere Länder wie Norwegen und die Schweiz ja auch tun.
      Wenn die britische Regierung also die Subentionen der EU übernimmt und gleichzeitig noch einen gewissen Obulus entrichtet, um nicht ganz aus dem freien Markt zu verschwinden, dann ist die Frage, ob von den „gesparten“ Nettozahlungen noch viel übrig bleibt.
      Und dann hat man ja noch versprochen, die EU-Milliarden ins Gesundheitssystem zu stecken. Will man das wirklich tun, muss man entweder die Subventionen kürzen oder auf EU-Vorteile verzichten. Keiner weiß momentan, was davon passieren wird, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es ziemlich viele Enttäuschte bzw. Verlierer geben wird, da hat Bloom schon nicht ganz unrecht.

  • malnachfragen

    Also ich will hiermit einen neuen Begriff vorschlagen für Menschen, die es wirklich noch schaffen, regelmäßig den Spiegel zu lesen und die Ergüsse dieses Blattes zu „essen“:
    sie sind „Canibolen“ und den canibolischen Menschen gebührt unser Dank, denn sie sind die Vorkoster des medialen Mainstream und ersparen es uns regelmäßig, uns selbst den Magen zu verderben.

    🙂

    • Karl Seegerer

      Wollte man dieses Wortspiel noch auf Faust I „Auerbachs Keller in Leipzig“ ausweiten, könnte man SPIEGEL-Leser singen lassen:
      „Uns ist ganz canibolisch wohl,
      Als wie fünfhundert Säuen!“