Gendern macht böse Schule

Bildschirmfoto-2015-03-08-um-08.57.14

Das Gender-Mainstreaming hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Zumindest lassen das verschiedene Medienberichte der jüngeren Zeit schwer vermuten. „Bayerische Unis setzen auf geschlechterneutrale Sprache“, titeln die Nürnberger Nachrichten und offenbaren im Artikel en passant, dass es da nicht nur um Verwaltungsdokumente geht, sondern dass auch von den „Studierenden“ – wie heute Studenten genannt werden müssen – „geschlechtergerechte“ Sprache erwartet wird. Das würde zwar „eher selten“ mithilfe von schlechteren Benotungen durchgesetzt, aber eigentlich weiß man es gar nicht so genau, weil letztlich der einzelne Dozent darüber entscheidet. Das lässt aufhorchen. Wer nicht gendert, läuft Gefahr schlechtere Noten zu bekommen?

Neusprech statt Inhalt

Der emeritierte Vorstand des Instituts für Finanzrecht an der Universität Wien, Werner Doralt, hat dahingehend in der österreichischen Tageszeitung Die Presse bereits Alarm geschlagen. Doralt deckt ganz konkret auf, wie weit sich „gendergerechtes“ Neusprech bereits als Kriterium zur Benotung an Hochschulen und Schulen in Österreich eingeschlichen hat. Und wie die zuständigen Ministerien die einzelnen Einrichtungen dabei zügellos walten lassen. Es wird tatsächlich den Lehrkörpern überlassen, nicht „geschlechtergerechte“ Arbeiten schlechter zu beurteilen oder sogar ganz zurückzuweisen – Letzteres laut Doralt zum Beispiel an der Fachhochschule des Berufsförderungsinstituts Wien gängige Praxis.
Einmal abgesehen von der wissenschaftlichen Haltlosigkeit der Gender-Ideologie – nach der das grammatikalische Genus des generischen Maskulinums soziale Wirklichkeiten bestimmt – wird da die Richtigkeit der deutschen Sprache zügelloser Willkür anheim gegeben. Eine allgemeine Gendersprech-Norm gibt es ja gar nicht. Und die wäre wohl auch demokratisch gar nicht durchsetzbar. Den meisten Menschen geht es ja gehörig auf die Nerven, wenn aus Fußgängern plötzlich Zufußgehende werden, Zuschauer nur noch Publikum genannten werden dürfen, unlesbare Binnen-I, Unterstriche und Sternchen in die Wörter eingebaut werden oder an allen Ecken und Enden die weibliche und männliche Form gemeinsam genannt werden. Selbstironisch hat die evangelische Kirche diesen Sprachwahnsinn in ihrem Programmheft zum diesjährigen Kirchentag auf den Punkt gebracht: „Die Teilnehmenden des Kirchentags sind eingeladen, mitzureden und ihre Meinung deutlich zu machen: über Anwältinnen und Anwälte und über Saalmikrofoninnen und -mikrofone …“

Wie Sie richtig genderisch sprechen erfahren Sie von Achim Winter und Roland Tichy im Video.  Nach Auffassung der Verfasser sollte es Pflicht in allen Unis werden, selbstverständlich GEZ-finanziert.

Außer einer kleinen Sprachguerilla will niemand solche Texte. Und außer dieser kleinen Minderheit ist auch allen anderen klar, dass mit bestimmten Artikeln keine Rollenmodelle in die Wirklichkeit getragen werden. Jeder Grundschüler weiß, dass sich im Lehrerzimmer trotz des Namens fast ausschließlich Frauen aufhalten, und stört sich in keiner Weise daran, dass Polizisten und Soldaten heute immer öfter auch Mädels sind. Genus und Geschlecht auseinanderdividieren zu können ist ein Kinderspiel. Zur Feuerwehr wollen tatsächlich immer noch hauptsächlich die Jungs. Das liegt aber nicht daran, dass der Beruf „Feuerwehrmann“ heißt, sondern dass Buben evolutionär diese einzigartige Kombination aus Technik, ein wenig echtem Abenteuer und Sauf-Kameradschaft mehr reizt.

Aufgezwungene Neusprech

Würde man die Menschen nach einer verbindlichen Sprache befragen, hätten Gender-Formulierungen nicht den Hauch einer Chance. Sowohl wegen der Sprechverhunzung als auch weil die Menschen Rollenmodelle ganz unabhängig von der Sprache für gut befinden. Jedermann möchte, wenn er einen Feuerwehrmann braucht, eher männliche Attribute am Werk sehen, und wenn er eine Krankenschwester braucht, eher weibliche – ganz unabhängig davon ob der Handelnde nun tatsächlich Mann oder Frau ist. Oder irgendetwas dazwischen. Oder unentschlossen. Das darf gerne deren Privatsache bleiben.

Die Unabhängigkeit von Genus und Geschlecht ermöglicht uns eine klare Sprache. Nicht immer ganz logisch – das Mädchen – aber virtuos einsetzbar. Und auch Rollenmodelle haben ihre notwendige Existenzberechtigung, weil sie den status quo der biologischen und gesellschaftlichen Entwicklung widerspiegeln. Das muss keineswegs immer gleich bleiben. Das lässt sich aber auch nicht verordnen. Und selbst wenn, dann ist eine verordnete Evolution unvereinbar mit einer freiheitlich, demokratischen Grundordnung. Da kann nur Huxleys Albtraum der schönen neuen Welt dabei herauskommen.

Würde die Theorie, die Sprache bestimmt das Sein, richtig sein, wäre die Einführung „gendergerechter“ Sprache manipulativer Totalitarismus. Stimmt die Theorie nicht, ist es mühseliger Unsinn.

Umso erschreckender dann aber diese Verbindlichmachung durch die Hintertür. Über Prüfungsanforderungen im Bildungsweg ist es besonders perfide. Aber auch andernorts sind die Einfallstore schon sperrangelweit auf. Mächtige Sprachgestalter wie das Fernsehen haben sie aufgeschwenkt. „‚Die Eine oder Andere‘ klingt bunter als ‚so mancher‘“, meint das ZDF in der Broschüre „Fair in der Sprache“ und nennt solche Beschneidung des Wortschatzes „originelle“ Formulierungen. Und dann wird der Index aufgemacht: Fürderhin verpönt sind zum Beispiel Fachmänner, Experten, Vertrauensmänner, Studioleiter, Personalvertreter, Parlamentarier, Zuschauer, Teilnehmer, Referenten, Vertreter, Herausgeber, Partner, Mitarbeiter, jeder, man, keiner … Ein trostloser Kahlschlag.

Wer sich entzieht, ist unfair

Und wenn auch unsere Hochschulen vielleicht noch nicht ganz so weit sind, dass solche Sprachbeschneidungen notenrelevant sind, hat doch inzwischen jede einen entsprechenden Leitfaden entmannter Formulierungen. Damit werden alle, die sich nicht daran halten, in die unmoralische Ecke gestellt. Wer nicht „fair“ oder nicht „gerecht“ formuliert – so die durchgängige Terminologie –, muss ja nachgerade unfair und ungerecht sein. Mit zunehmender Machtergreifung der Gleichstellungsbeauftragten wird sich das früher oder später per universitärer political correctness auch auf die Beurteilung der Studenten auswirken. Und wie sehr so manche Gleichstellungsbeauftragte bereits die Fäden in der Hand hat, zeigt exemplarisch ein aktueller Fall an der Universität Passau: Eine Gaudi-Veranstaltung der Sportstudenten, die Prämierung eines Fensterl-Königs, musste abgesagt werden, weil das – urbayerische Tradition hin oder her – „gegen das Gleichstellungskonzept“ der Uni verstoße und Frauen „zum Objekt degradiere“. Oje.

„Warum dürfen Frauen nicht zu Steinigungen“, fragt Brian bei Monty Python seine Mutter. „Weil es geschrieben steht“, antwortet sie. Ein Mann, Terry Jones, spielt die Mutter, die sich im Film mit einem Bart verkleidet, um mit dem anderen „Weibsvolk“ zum Steinigen zu gehen. Obwohl es anders geschrieben steht. Das ist äußerst witzig, wenn sich die aufgeregte, doppelt verkleidete Weiberbande dann ständig zwischen „er war’s“ und „sie war’s“ verhaspelt. Was will ich damit sagen? Ein wenig mehr Lockerheit im Umgang mit Sprache und Geschlechterrollen würde meines Erachtens viel mehr Gutes bewirken als so überreizte Korrektheit allerorts.

Unterstützung
oder

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Ihre Argumente, Gedanken oder Informationen zum kommentierten Beitrag bringen wir ganz oder gekürzt mit Ihrem Nutzernamen und ohne Ihre E-Adresse, wenn wir Ihren echten Vor- und Nachnamen erfahren.

Kommentare {35}

  1. Sollten die Nachrichten dann so klingen: “Aufgrund der angespannten Finanzlage werden die Finanzbehörden verstärkt nach Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterziehern fahnden.”
    Lachhaft, oder???

  2. Super-Artikel. Eine Wohltat. Eine Kleinigkeit: die Form “das Mädchen” ist keineswegs unlogisch: alle Formen auf “-chen” oder “-lein” sind neutral: das Männchen, das Schätzchen. Das Mädchen ist die Verkleinerungsform von: “die Maid”.

    Das ist ja das Drama: wenn wir über Geschlechter- und Machtverhältnisse sprechen wollen, dann können wir das in der Sprache, die wir alle teilen, differenziert und verständlich tun. Wir können genau sagen, was wir sagen wollen. Die Sprachdiktatur will uns allerdings zwingen, immer dasselbe auszusagen (Männer und Frauen sind als getrennt voneinander anzusehen, es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit). Immer. Immer. Bei jeder Gelegenheit.

    Es ist ein größenwahnsinniger Eingriff in die Sprache. Er ist einmalig. Man muss das ernst nehmen. Man kann dem nicht mehr mit Humor begegnen (obwohl ich das gerne tun würde). Auch nicht länger mit Schulterzucken.

    1. Ich kann Ihnen nur zustimmen (und mich fürs Lob recht schön bedanken :-) Es nimmt überhand und deswegen kann man inzwischen nicht mehr belächelnd darüber hinwegsehen. Es ist dringend an der Zeit, dass sich zum Beispiel einmal ein Kultusminister dieser Sache annimmt und “gendergerechte” Formulierungen als Bewertungskriterien an Schulen und Hochschulen ausdrücklich verbietet.

  3. Der höhere Anteil an Flüchtlingen und Moslems wird es zukünftig wieder richten. Diese Leute geben einen Dreck auf genderkonforme Sprache und Lebenseinstellung. Kopftuch auf und zwei Meter hinter dem Mann. So wie man es zunehmend auf deutschen Straßen beobachten kann.

    1. Dauert “nur” zwei Generationen, dann ist das alles verschwunden.

  4. Der Artikel von Gerd Maas ist schon einmal ein guter Anfang. Aber er bringt die Absurdität nicht auf die Spitze, der Autor erklärt nicht die Motivation dieses neuen Gesinnungsterrors.

    Die von einer Gruppe von arroganten Feministen rund um Frau FamilienministerIn Schwesig unter der Frau Merkel aufgebauten Sozialistischen Regierung mit Intoleranz- und Gesinnungsterror will jetzt auf semantische Art Vorgaben machen. Es reicht nicht, dass das Land “bunter” werden soll, wohinter sich ein rassistischer Bevölkerungswandel versteckt, nein man folgt knallhart einem Aufbau einer sprachlichen Vorgabendiktatur, die sich sogar in einem Benotungsdiktat gegenüber Studierenden auswirken soll. Innerhalb der Akademiker wird dieser Gesinnungsterror alle diejenigen weichklopfen, die lieber ihre Arbeit umschreiben und anpassen, als sich eine fürs Leben schlechtere Note geben lassen zu wollen. Wo ist der Aufschrei der Professoren oder sind wir wieder soweit, dass die akademische Lehre der Politik folgt. Sehen Sie sich die Bilder von 1934 in Ihren Geschichtsbüchern an – es ist alles bereits da gewesen. Mit derselben Intoleranz und Radikalität einer Gruppe von politisch Gesinnten, die anderen Menschen Vorgaben machen wollten, wie sie zu leben, zu studieren oder gleich Deutschland verlassen sollten. Ich bin mal gespannt, wann Studenten aufgerufen werden, Bücher mit der fehlenden “Gendersprache” zu verbrennen. Aber vielleicht gibt es ja sogar eine digitale Löschung von Werken – und wir merken es gar nicht …

  5. “Das liegt aber nicht daran, dass der Beruf „Feuerwehrmann“ heißt, sondern dass Buben evolutionär diese einzigartige Kombination aus Technik, ein wenig echtem Abenteuer und Sauf-Kameradschaft mehr reizt.”

    So ein bekloppter Blödsinn. Ich gehe mich dann mal mit meinen Kameraden besaufen und ein wenig mit Technik herumspielen. Liegt evolutionär in meinen Genen…

  6. “Das liegt aber nicht daran, dass der Beruf „Feuerwehrmann“ heißt, sondern dass Buben evolutionär diese einzigartige Kombination aus Technik, ein wenig echtem Abenteuer und Sauf-Kameradschaft mehr reizt.”

    So ein bekloppter Blödsinn. Ich gehe mich dann mal mit meinen Kameraden besaufen und ein wenig mit Technik herumspielen. Liegt evolutionär in meinen Genen…

  7. Klasse geschrieben und dennoch bedrückend, Herr Maas.

    Mich freut es, dass auf ihren Artikel beim Gender-Kongress in Nürnberg, der (endlich) mal eine andere Form der ‘Diversity-Betrachtungen’ anstrebt, ebenfalls unter der Rubrik Publikationen erwähnt wird.

    Meine Meinung dazu hier: https://emannzer.wordpress.com/2015/07/29/sommerloch-iv-neusprech-statt-inhalt/

    Denn so kann es auf keinen Fall mehr weitergehen. Ein #Aufkreisch jagt den nächsten und die tatsächlichen Probleme bleiben liegen.

    1. Besten Dank für die Blumen! Und für den Hinweis auf die Publikationsliste des interessanten Nürnberger Gender-Kongress: http://genderkongress.jimdo.com/

  8. Ich bin transsexuell ( Transgender ) und als Mann erzogen und sozialisiert worden. Genutzt hat das nichts, ich fühle mich trotzdem weiblich. Menschen wie wir sind der beste Beweis, dass diese Genderideologie nicht so ganz stimmen kann. Trotzdem werden wir oft mit den Vertretern dieses Ansatzes gleichgesetzt und müssen dagegen ankämpfen. Aber wir sind das gewohnt. Viele meinen ja auch wir wählen grundsätzlich die Grünen. Das stimmt auch nicht, ich bin CSU – Mitglied.

    1. Besten Dank für diese konkreten Widersprüche aus dem Leben. Das hat tausendmal mehr Aussagekraft als jeder Text.

    2. Privatsache. Erzählen Sie mir das einfach, falls ich Ihnen hartnäckig den Hof machen sollte, ist okay.

    3. Das werden die GRÜNEN aber nie verstehen! :-)

  9. Oh, das Mädchen ist durchaus nicht “unlogisch”, sondern bloß Diminutiv. Und der ist halt traditionell grammatikalisch Neutrum. Der Knabe, das Knäblein. Die Maid, das Maidchen.

    1. Richtig. Danke. Als gutes Beispiel kann es trotzdem dienen: Genus und Geschlecht sind zweierlei.