Flüchtlinge: Drei verschiedene Blicke

Drei Gastbeiträge füllen blinde Flecken in der Medienberichterstattung auf: Wie helfen wir denen, die wirklich Hilfe benötigen - brauchen wir ein "Ministerium für humanitäre Angelegenheiten"? Wie ist die berufliche Qualifikation der Flüchtlinge und ihre Fähigkeit und Bereitschaft zu Integration? Mehr Tote seit Beginn der Rettungsaktionen - warum die Mittelmeerhilfe mehr Elend produziert statt lindert.

Ververidis Vasilis / Shutterstock.com
Ververidis Vasilis / Shutterstock.com

Deutschland braucht Einwanderer, und die Deutschen helfen Flüchtlingen großherzig. Trotzdem stellen sich viele Fragen: Wie sollen sie im Winter untergebracht werden; “ein warmes Zelt”, von dem die Bundeskanzlerin spricht, reicht im Winter sicherlich nicht aus. Wieviele kommen? Der hessisches Ministerpräsident Volker Bouvier erwartet mindestens eine Million – in diesem Jahr. Und im kommenden? Flüchtlinge kommunizieren intensiv per Smartphone. Die Flüchtlingspolitik hier wirkt sofort in die Fluchtländer zurück; motiviert oder bremst Fluchtvorhaben. Vor diesem Hintergrund haben uns einige Zuschriften erreicht, die wir zur Diskussion stellen.

 

1. Deutschland im Mitleidsfieber: Helfer mit Tunnelblick

Dirk Schmidt, Kommunikationsberater, kritisiert die blinden Flecken der Berichterstattung plädiert für ein “Ministerium für humanitäre Angelegenheiten”.

Samstagmorgen. Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee und starte Facebook, das ich eigentlich gar nicht mehr nutzen möchte angesichts des Meinungskrieges, der dort zwischen Kritikern und Befürwortern einer unbeschränkten Zuwanderung tobt. Als erstes erscheint der Post eines weitläufigen Bekannten mit fünf Bildern von Kinderleichen, die in der Brandung liegen. Darunter ein Beifall heischender Kommentar, der – wie üblich beim Thema „Flüchtlinge“ – mit einer deftigen Beschimpfung beginnt: „An die Spackos da draußen!“.

Im nachfolgenden Text wird das „unerträgliche System aus Krieg, Gier und Ausbeutung“ angeprangert und ein „sofortiges Umdenken“ gefordert. Der Lohn für den scheinbar kompromisslosen Post sind viele zustimmende Kommentare und Likes. Nur ein einziger Kommentator wirft die Frage auf, ob es nicht respektlos wäre, solche Bilder zu zeigen.

Ich bin irritiert und weiß anfangs nicht, woran das liegt. Ist es die Überraschung am Samstagmorgen mit solchen Bildern konfrontiert zu werden? Oder das leise Gefühl, dass das wahrscheinlich doch die Würde der bedauernswerten Opfer verletzt? Oder ist es mein Wissen, dass der Postende in einer luxuriösen Villa in einem fast abgegrenzten Viertel wohnt und in seiner Garage ein Porsche und ein Top-Modell von BMW stehen? Dass er in letzter Konsequenz vermutlich auch ein Profiteur dieses „unsäglichen System aus Krieg, Gier und Ausbeutung“ ist, dem er seinen enormen Wohlstand verdankt? Dass wir vermutlich alle irgendwie davon profitieren, weil die EU beispielsweise die Fischgründe vor Westafrika leer fischt und wir mit jedem billigen Fischstäbchen uns ein wenig mit schuldig machen?

Oder ist es ganz allgemein die Beifall heischende Zurschaustellung von Empathie und gefühlsduseliger Wut, die wir in diesem Tagen in den Social Media zuhauf erleben und bei der dieser Post einen traurigen Höhepunkt markiert? Ich leide mit, also bin ich.

„Wer nur Mitleid empfindet, der hat keinen Verstand“ so lautete der Titel eines bemerkenswerten Artikels von  Henryk M. Broder in der WELT. Und damit trifft er den Nagel auf den Kopf. In diesen Tagen, wo das Mitgefühl aus allen Medien tropft, erkennt man vor allen Dingen eines: einen bemerkenswerten Mangel an Verstand in diesem Land. Wer hingegen diesen scheinbar ungezügelten Zustrom von Flüchtlingen kritisiert, wird schnell und leichtfertig als „braunes Pack“ und mitleidsloses Nazi-Gesindel beschimpft. Dass dieser Zustrom mittlerweile derartige Formen angenommen hat, dass der Bürgermeister von Berlin Mitte laut einer Pressemeldung von heute den Katastrophenfall ausrufen will, wird nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen. Bei der Hilfe darf man keine Kompromisse machen.

Und scheinbar darf man auch nicht nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie man eigentlich wem hilft, nach welchen Kriterien notwendige Entscheidungen getroffen werden müssen, und wie man so hilft, dass man auch noch in ein paar Jahren in der Lage ist, Hilfe gewähren zu können. Besonnenheit, jene sympathische Begleiterscheinung von Vernunft, tut not. Jeder Rettungsschwimmer weiß schließlich, dass er zuerst einmal sehen muss, dass er nicht selber in die Tiefe gezogen wird.

Man sollte es den Gutmenschen hinter die Ohren schreiben: Effektive Hilfe hat nichts mit Gefühlen zu tun, sondern ist das Ergebnis rationaler Überlegungen, nüchterner Einschätzung von Können und Ressourcen und oft schwerer Entscheidungen. Man stelle sich einen Katastrophenfall vor, bei dem man selbst schwer verletzt in ein Lazarett gebracht wird. Möchte man dort wirklich einen Arzt vorfinden, der gefühlvoll einem Sterbenden die Hand hält, statt diesen Fall sofort als aussichtslos abzuhaken und sich denen zuzuwenden, die noch gerettet werden können? Oder einen Arzt, der seine Konzentration dadurch trüben lässt, dass er wütend auf die Verursacher der Katastrophe schimpft? Mit Sicherheit nicht. Wir wünschen uns einen Arzt, der seine Gefühle komplett zurück stellt und mit maximaler Effizienz all sein Können einsetzt.

Ist Deutschland angesichts der Not in dieser Welt nicht vergleichbar mit diesem Arzt?

Doch zurück zu den fünf Bilder von ertrunkenen Kindern.  Ein kaltherziges Wesen ist der, den diese Bilder nicht anrühren. Aber ein Dummkopf ist der, der nicht zur Kenntnis nimmt, dass schon seit Jahren Tag für Tag auf dieser Welt 30.000 Kinder an Krankheit, Hunger und durch Krieg sterben. Tag für Tag. Wenn nicht gerade eine besonders drastische Hungersnot herrscht, wird das meist nicht zur Kenntnis genommen. Um Beifall in den Social Media zu ergattern, eignet sich das halt weniger. Jetzt allerdings kann man als Trittbrettfahrer auf den Zug der Mitfühlenden springen, der mit Macht durch dieses Land rollt.

Flüchtlinge! Das ist das Zauberwort, mit dem man den guten, mitleidsvollen Menschen nach außen kehren kann, den man im harten Alltag bisher so erfolgreich verborgen hat.

Flüchtlinge! Da darf man keine Unterschiede machen zwischen Asylsuchenden, tatsächlich berechtigten Asylbewerbern, Wirtschaftszuwanderern oder schlicht kriminellen, illegalen Grenzverletzern. Allen muss geholfen werden, koste es, was es wolle. Und wenn es dieses Land zerreißt.

Dieser Standpunkt ist nicht nur in höchsten Maße unvernünftig, sondern – auch das sollte gesagt werden – schlicht unmoralisch.  Ein Beispiel verdeutlicht dies: In Indien gibt es 12 Millionen Blinde. Eine der Hauptursachen ist der graue Star. Unter den von Blindheit Bedrohten sind viele Kinder, die im Falle einer Erblindung angesichts der Zustände in Indien letztlich nur noch geringe Überlebenschancen haben. Eine Operation für 125 Euro könnte den meisten Kindern das Augenlicht retten.

Die unbequeme Frage ist nun: Zahlt man einem Wirtschaftszuwanderer einen Monat Taschengeld oder rettet man ein indisches Kind vor dem Erblinden? Hilfe, dies wurde bereits gesagt, setzt immer Entscheidungen voraus, braucht nüchternen Verstand und gezielten Einsatz vor Ressourcen.

In der aktuellen Diskussion um Flüchtlinge beginnt fast jedes Statement für die Zuwanderung mit Worten wie „so ein reiches und wohlhabendes Land wie Deutschland“. Man kann diese Aussage aus guten Gründen bezweifeln oder gar als Lüge entlarven. Es würde wenig bringen, denn scheinbar findet gerade im öffentlichen Bewusstsein ein Wechsel vom Export- zum Mildtätigkeitsweltmeister statt. Aber ganz gleich, wie wohlhabend Deutschland auch wäre, die Mittel würden nie auch nur ansatzweise reichen, um allen Notleidenden zu helfen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden und die werden sich nicht mit dem moralischen Hochgefühl vieler „guter“ Menschen vertragen. Denn es werden zwangsläufig Entscheidungen um Leben und Tod sein.

Diese Entscheidungen müssen in einem transparenten, öffentlichen Prozess der politischen Willensbildung erfolgen. Dabei darf es keine Tabus geben. So wird man sich zum Beispiel auch die Frage stellen müssen, welche Art von Hilfe das sein soll, wenn man nur Menschen unterstützt, die – relativ fit und wohlhabend – nach einer lebensgefährlichen Odyssee an die bundesdeutsche Haustür klopfen, während die ungleich Schwächeren in ihren Heimatländern vor sich hin siechen. Wäre es da nicht konsequenter, mit Schiffen aufzubrechen und die Bedürftigsten abzuholen?

Dieser öffentliche Diskurs würde in viel geordneteren Bahnen ablaufen, als das, was wir zurzeit erleben. Denn all jene, die sich momentan in ihrem moralischen Gutsein sonnen, werden sich daran nicht beteiligen, hat sich erst mal rumgesprochen, dass man für jeden den man rettet, einen anderen zurück lassen muss. Zur Selbstbeweihräucherung bleibt da wenig Gelegenheit.

Deshalb zum Schluss ein kühner Vorschlag: 

Wir erkennen an, dass es nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch ein  wachsendes Bedürfnis in der Bevölkerung gibt, Menschen in Not zu helfen. Wir erkennen weiter an, dass die Not in dieser Welt fast grenzenlos ist, die Mittel allerdings auch beim besten Willen immer beschränkt sein werden.

Es wird ein neues Ministerium geschaffen, das wir beispielsweise „Ministerium für humanitäre Angelegenheiten“ nennen. Dieses Ministerium verfügt über einen beachtlichen Etat, da dort alle Mittel konzentriert werden, von der klassischen Entwicklungshilfe über Akutprogramme gegen Hunger, Installation und Betrieb von Einrichtungen in Ländern in Not über die Unterstützung von NGOs bis hin zur Finanzierung von Einrichtungen (auch auf kommunaler Ebene) für Flüchtlinge in Deutschland.

Direkt nach der Bundestagswahl veröffentlich dieses Ministerium eine Art erstes Programm, das grob skizziert, wo die Schwerpunkte in den kommenden 4 Jahren liegen. Es wird ein erster Kostenrahmen aufgezeigt. Die Bevölkerung hat dann die Möglichkeit per Online-Abstimmung innerhalb eines festgelegten Rahmens (x bis y Prozent des Bruttosozialproduktes) über die Höhe des Etats zu entscheiden. Dabei werden auch Optionen und Konsequenzen aufgezeigt, etwa, dass ein höheres Budget auch Einsparungen im Haushalt an folgenden Punkten bedeuten würde.

Alle 4 Jahre veröffentlicht das Ministerium einen multimedial aufbereiteten Bericht im Internet, der deutlich macht, wohin Mittel geflossen sind, wem geholfen werden konnte und – natürlich – wem nicht.

Dieser Vorschlag mag Zukunftsmusik sein. Vieles muss sicherlich präzisiert werden. Aber unbestreitbar würde das zu einem wesentlich weniger gefühlsduseligen, transparenteren, und effizienteren Hilfsprogramm führen, als das, was wir zurzeit erleben. Es wäre ein Prozess, der einer reifen Demokratie würdig ist, und  bei dem alle mitgenommen werden und nicht – wie in diesen Tagen – große Teile der Bevölkerung ausgegrenzt.

Letztlich wäre es dann auch nicht mehr notwendig, Bekannte auf Facebook mit den würdelosen Fotos toter Kinder zu erschrecken. Und die Schauspieler, Sänger und Moderatoren könnten sich wieder voll und ganz der Unterhaltung der Massen widmen.

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Kommentare {28}

  1. Letzendlich werden sich die etablierten Parteien nur anders verhalten, wenn eine realistische Chance besteht, dass sie ihre Macht verlieren. Dies erklärt auch das komplett andere Verhalten der Regierungen in z.B. England und Frankreich……..

  2. Die Inhalte der Anmerkungen der drei Autoren sind, was den Flüchtlingszuwachs in Deutschland bzw. in Europa anbelangt, so lebensnah und realitätsbewusst verfasst, dass man denken könnte unsere Republik bzw.Europa wird trotz der Völkerwanderung schon den richtigen Weg finden, um ein liberales und schöpferisches Gebiet zu bleiben.
    Das Problem ist nur, wer von den heutigen Politikern, den Menschen der Gutmenschen-Presse und dem Rest der Bevölkerung liest Tichys Einblick regelmäßig?
    Frage: Ist bekannt, wie groß am Tag die Zahl der Personen ist, die Tichys Einblick aufrufen? Wenn man sich die Talk-Shows im Fernsehen anschaut, besonders die von Maischberger, dann kann man verzweifeln, und fragt sich, wann diese Show endlich einmal ihre gehetzte und oberflächliche Form verliert, um den jeweiligen Themen mit ihren Antworten auf den Grund zu gehen.
    Warum also gibt es keine Talk-Shows mit Gedankenstrukturen a` la Tichys Einblick?

    1. @ ZUSPÄT: “Das Problem ist nur, wer von den heutigen Politikern, den Menschen der Gutmenschen-Presse und dem Rest der Bevölkerung liest Tichys Einblick regelmäßig?”

      Mein Vater arbeitete Mitte der 50-er Jahre des letzten Jahrhundert als freier Fotograf für die Hildesheimer Presse. Wenn er in der Ferienzeit die Redaktion betrat, wurde er oft empfangen mit den Worten: “Haben Sie was für mich? Bin heute ganz schwach auf der Brust”. Er verglich Journalisten mit Maurern: Morgens ist die Seite leer, und dann wird mit Text und Bild so lange gemauert, bis die Seite voll ist. Und dann war das Tagwerk vollbracht.

      Ist es da nicht naheliegend, auf der Suche nach Anregungen und Ideen das Internet zu scannen? Vieles, was ich auf Holz lese, kommt mir jedenfalls irgendwie bekannt vor. So bekannt, dass ich schon mal überlege, das eine oder andere Abo zu kündigen. Allerdings, was die Breitenwirksamkeit angeht, ist es schon ein Unterschied, ob ich etwas hier lese oder ob es gedruckt wird.

      Mein Hauptmotiv, diese Seite hier zu lesen und auch Kommentare zu verfassen, ist allerdings nicht, die Presse zu füttern. Mir ist wichtig zu sehen, dass auch andere viele meiner meinen Überzeugungen teilen. Sonst käme ich mir angesichts der weitgehend faktenfreien “Flüchtlings”kampagne insbesondere im Staatfunk langsam verrückt vor.

      PS: Technische Anmerkung: Ich habe Schwierigkeiten, die Antwortfunktion zu nutzen. Mal sehen, ob es jetzt klappt.