Merkel: Hier sitze ich bei Anne. Will – und kann nicht anders

Umsteuern? Das setzt voraus, dass die Kanzlerin erkennt, dass sie sich geirrt hat. Aber Angela Merkel hat nicht den geringen Selbstzweifel, nicht mal den eines deutschen Gebrauchsphilosophen: Einmal dachte ich, ich hätte mich geirrt, aber da hatte ich mich getäuscht.

Screenshot: Anne Will, ARD
Screenshot: Anne Will, ARD

Vor 495 Jahren war dieses Land moralisch und politisch tief gespalten. Wie heute hatte ein Mensch aus dem Osten Deutschlands einen Weg eingeschlagen, der die einen in Aufruhr, andere in Begeisterung, und viele in Sorge versetzte. Seine Gegner beorderten den Aufrührer zum Reichstag nach Worms, seine Thesen zu widerrufen.

Wird Sie widerrufen?

In unserer Telekratie ersetzt das Fernsehen oft genug Debatten im Reichstag, müssen (oder wollen) sich Unruhestifter erklären. Gestern Abend trat unsere märkische Kanzlerin also vor Millionen Zuschauer, und die Frage lautete wie damals: Würde sie widerrufen?

Luther hat vor fünf Jahrhunderten nicht widerrufen, Merkel gestern auch nicht. Wir wollen den Vergleich nicht übertreiben, aber der Mönch aus Thüringen war um einiges nervöser bei seinem Rechtfertigungsauftritt in Worms im April 1521 als unsere Kanzlerin bei Anne Will. Angela Merkel war geradezu blendend drauf.

Aber ein Rechtfertigungsauftritt war es dennoch. Anne Will fragte all die Dinge der Reihe nach ab, die seit Wochen durch Presse, Funk und Fernsehen laufen: Clausnitz („abstoßend“),  Köln („verheerend“, „Es muss offen über alles gesprochen werden“), Stoiber („Ich habe eine andere Meinung“), Gabriels Angst vor dem Wähler („Er macht sich klein, wir haben doch soviel geleistet“), Gabriels Schuldzuweisungen („Ich hätte da auch ein paar Sachen zu erzählen, mache ich aber nicht“), den Vertrauensverlust bei 81% der Deutschen („Verstehe ich. Das Thema ist erst auf dem Weg der Lösung“), Merkels Grenzöffnung („Geöffnet habe ich die Grenze nicht, ich habe sie nur nicht zugemacht“), Isolation in Europa („Alle wollen Schengen erhalten, und der niederländische Regierungschef Rutte hilft sehr“).

Man hätte die Sendung auch „Je später der Abend, desto kleiner die Krise“ nennen können. Motto: Natürlich wird der Weg steinig und schwer, mein Gott, ja, aber es bleibt dabei: Wir schaffen das. Wir haben`s ja eigentlich schon fast geschafft.  Auch die Moderatorin spielte ihre Rolle gut, fragte gelegentlich extra ernst nach: „Ist das noch ihr Volk?“ – „Wenn die Demonstranten und Kritiker zuhören, rede ich auch mit denen“. „Und wenn die Europäer bei der nächsten Konferenz nicht mitziehen?“ – „Dann müssen wir weiter verhandeln.“

Je später der Abend, desto kleinlauter Will

Und dann noch ernster, die Stirn gerunzelt: „Wenn die aber partout nicht mitziehen, ziehen Sie dann Ihre Konsequenzen?“ Schreck lass nach! „Nein, ich muss ja weitermachen!“ Puuuh!

Manch einer wird beruhigt zu Bett gegangen sein nach der Angela Merkel Show, wir müssen aber leider noch ein wenig Wasser in den Wein rühren. Auch in dieser Stichwort-Veranstaltung wurden arme traumatisierte Kriegsflüchtlinge gegen die Wut vieler Bürger gestellt. Dass das unrichtig und unzulässig ist, könnte die Kanzlerin durchaus erkannt haben, kontrastierte sie doch die 81%, die glauben, die Regierung habe die Probleme nicht im Griff mit den 90% aus derselben Umfrage, die dafür sind, Kriegsflüchtlingen zu helfen. Also muss der Ärger woanders herkommen. Vielleicht daher, dass plötzlich Hunderttausende kommen, die keine Kriegsflüchtlinge sind – aber gleichwohl aufgenommen und integriert werden sollen. Vielleicht auch daher, dass Köln kein Einzelfall war, dass zigfach Verhaftete lediglich ermahnt werden und Polizei und Justiz, mithin unseren Rechtsstaat, schamlos verhöhnen. „Eine gewisse Strenge“ müsse man wohl walten lassen, sagte Merkel. Was damit gemeint sei, wurde nicht gefragt. Und ob ein Maas der richtige Mann dafür ist. Auch nicht, ob die Kanzlerin davon weiß, dass irgendjemand wohl den Afghanen versprochen hat, hier bekäme jeder ein Auto und ein Haus. Und wer dieser irgendjemand ist. Und warum sich urplötzlich und lawinenartig ganz Nordafrika auf den Weg machte. Warum patrouilliert jetzt die NATO an der EU-Grenze? Warum kann Spanien seine Grenzen schützen, Griechenland aber nicht?

Da müssen wir helfen

Natürlich übernehmen derzeit die Balkanstaaten und Österreich Merkels Job, mit restriktiveren Grenzmaßnahmen. „Aber jetzt sitzen viele in Griechenland fest“, sagt die Kanzlerin, „da müssen wir helfen.“ Das hört sich nach einem weiteren Hilfspaket an, die Hellenen sollen eh wieder pleite sein, mit oder ohne Flüchtlinge.

Auch auf die „EU-Türkei-Agenda“ wurde die Kanzlerin nicht festgenagelt. Heißt das, sie will die Türkei in die EU aufnehmen? Da hätten viele wohl nicht mehr so gut geschlafen. Präzise hätte Will nachfragen können, warum die Kanzlerin immer wieder von der Reduzierung der Flüchtlingszahlen spricht: Ist das nicht eine Wende nach der Einladung vom September? Verschaffen die direkt kritisierten osteuropäischen Grenzzäune ihr nicht gerade die Atempause, die sie verlangt aber durch eigenes Nicht-Handeln nicht gewinnt? Muss sie gerade nicht doch anders können? Das stand wohl nicht auf den Kärtchen. Sie will, und kann doch anders.

Das Publikum in der Sendung war auffallend ruhig, applaudierte nur verhalten –entweder wirkte die Merkelsche Beruhigungspille oder es verharrte in ungläubigem Staunen, in eisigem Misstrauen, was ja auch still vor sich geht. Dabei wünscht sich die Kanzlerin, „dass möglichst viele mit mir daran glauben“, dass wir es schaffen.

Aber glauben soll man in der Kirche, wusste schon Luther. Auch er wusste Recht und Gewissen auf seiner Seite, und er hatte nur Gutes im Sinn. Auf jeden Fall nicht die schrecklichen Verwüstungen, die damals auf die Spaltung folgten. Dieses Mal sind die Aussichten etwas besser.

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Kommentare {120}

  1. “Wenn ich mich jemals hier irren würde oder wenn das Volk einmal glauben sollte, meine Handlungen nicht decken zu können, dann kann es mich hinrichten lassen. Ich wede ruhig standhalten.” – Adolf Hitler

  2. ich habe verstanden und wünsche für die Zukunft viele zahlende Anhänger !!!

  3. Hier bei uns in Baden-Württemberg haben wir dringend den Bedarf für einen sinnvolle Politik bei einem weiteren Thema.

    Die Demo für Alle vorgestern hier bei uns in Stuttgart war eine super Veranstaltung mit 4500 Teilnehmern zur aktuellen Situation.

    Die aktuelle “Politik des gehörtwerdens” und der “Neuen grünen Konservativen” überzeugt nicht wirklich, wenn sachliche Meinungsäusserung 
    und engagierte Auseiandersetzung inzwischen hier bei uns in Stuttgart nur noch unter massivem Polizeischutz möglich ist.

    Wir treten als Familien für unsere verfassungsgemäßen Rechte ein, das ist verantwortlich und gesellschaftstragend..

    Hier ein Auszug aus der Verfassung unseres Landes Baden-Württemberg. Daran hat sich abseits von aller Ideologie bei allem wie auch in der Bildungspolitik unsere Landesregierung zu halten. 
    Quelle: https://www.lpb-bw.de/bwverf/bwverf.htm

    Artikel 1

    (1) Der Mensch ist berufen, in der ihn umgebenden Gemeinschaft seine Gaben in Freiheit und in der Erfüllung des christlichen Sittengesetzes zu seinem und der anderen Wohl zu entfalten.

    (2) Der Staat hat die Aufgabe, den Menschen hierbei zu dienen. Er faßt die in seinem Gebiet lebenden Menschen zu einem geordneten Gemeinwesen zusammen, gewährt ihnen Schutz und Förderung und bewirkt durch Gesetz und Gebot einen Ausgleich der wechselseitigen Rechte und Pflichten.

    Artikel 4

    (1) Die Kirchen und die anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften entfalten sich in der Erfüllung ihrer religiösen Aufgaben frei von staatlichen Eingriffen.

    (2) Ihre Bedeutung für die Bewahrung und Festigung der religiösen und sittlichen Grundlagen des menschlichen Lebens wird anerkannt.

    Artikel 5

    Für das Verhältnis des Staates zu den Kirchen und den anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gilt Artikel 140 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Er ist Bestandteil dieser Verfassung.

    Artikel 6

    Die Wohlfahrtspflege der Kirchen und der anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wird gewährleistet.

    Artikel 12

    (1) Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.

    (2) Verantwortliche Träger der Erziehung sind in ihren Bereichen die Eltern, der Staat, die Religionsgemeinschaften, die Gemeinden und die in ihren Bünden gegliederte Jugend.

    Artikel 13

    Die Jugend ist gegen Ausbeutung und gegen sittliche, geistige und körperliche Gefährdung zu schützen. Staat und Gemeinden schaffen die erforderlichen Einrichtungen. Ihre Aufgaben können auch durch die freie Wohlfahrtspflege wahrgenommen werden.

    Hier ein guter  Artikel für uns Familien:

    http://www.charisma-magazin.eu/charismapdf/158/bonus/BONUS%20Ch158%20zu%2029%20Fasung%20+26.pdf

    Wir haben als Menschen unsere ursprüngliche Identität und Würde als liebevolles Gegenüber unseres Gottes und nicht als der sich durch seine eigenen biologischen Antriebe selbst definierende “intelligente, letzte Affe”. Unser liebevoller Gott hat uns seinen Geist und Identität gegeben und damit auch das ewige Leben, kombiniert mit guten Leitlinien für ein erfülltes Leben trotz Herausfordeungen.

    Wir werden als wiederversöhnte Menschen durch den liebevollen heiligen Geist unseres Gottes als seine Kinder so gestaltet, wie wir ursprünglich auch mit unserer geschlechtlichen Identität als Mann und Frau vorgesehen sind, auch im Kontrast zu aktuellen kulturellen, gesellschaftlichen oder ideologischen Vorgaben. 

    Als Familien mit Vater, Mutter und Kindern sind wir eine tragfähige Säule unseres Landes. Dazu bekennen wir uns:

    http://kath.net/news/51960

    http://www.evangelischeallianz.at/aktuelles/894-18122016-die-salzburger-erklaerung-fuer-alle-bischoefe-und-kirchenleiter.html

  4. Die Bundeskanzlerin und all die Altmeiers und Kauders wiederholen bei jeder sich bietenden Möglichkeit gebetsmühlenhaft die gleichen Phrasen (nachhaltige Reduzierung der Flüchtlingszahlen, europäische Lösung, Co – Operation mit dem “zukünftigen”?? EU – Mitglied Türkei). Offensichtlich verkaufen sie die Masse der Bevölkerung für DUMM! In Frankreich läuft so etwas überhaupt nicht. Das Thema Flüchtlinge nimmt auch nicht diesen breiten Raum ein. Die Bundeskanzlerin und die Moderatorin A. Will haben in den 60 Minuten unseren wichtigsten Handelspartner und politischen Partner mit keinem Wort erwähnt. Das spricht Bände!! Die politische Kaste und die Medien wollen einfach nicht wahrhaben, dass wir in Europa mittlerweile einsam und allein sind.

  5. Angesichts dessen, wie sich Merkel präsentiert, muss man ernsthaft in Erwägung ziehen, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leidet.
    Das europäische Ausland hat jedenfalls längst die Konsequenzen gezogen und Merkel weitgehend neutralisiert. Wir können den anderen Europäern gar nicht genug danken, dass sie uns so zumindest vor dem totalen Zusammenbruch bewahren. Viel schlimmer als eine einzelne Amokläuferin ist das politisch-mediale System, welches diesen Amoklauf so lange unterstützt hat und ihn mehrheitlich immer noch mitträgt.

    1. Ich bin zwar kein Psychologe, aber man kann sich ja vielleicht mal in AM hineinversetzen. Millionen von Menschen machen sich auf den Weg mit dem Ruf: Frau Merkel hat uns gerufen. Also nicht etwa Deutschland, der Bundestag, sondern sie persönlich. Das mag ja zweitens, insbesondere auf kommunaler Ebene für Kopfschütteln sorgen, aber wer kann sie denn schon aufhalten? Über Bundes-und Landespolitiker, z. B. der CSU, den Bundestag incl. der Fraktionsvorsitzenden etc. kann sie zu Recht doch nur lachen. Da steht sie locker drüber. Diskussion mit potentiellen Widerworten im Fernsehen? Nein, dazu ist sie zu wichtig, das muss sie sich wirklich nicht antun. Und solange die CDU die stärkste Fraktion im BT stellt, ist sie auf das Bundeskanzleramt doch abonniert. Und – ja – sie ist Deutschland, niemand sonst. Sie ganz allein.

      Wie würden Sie sich denn da fühlen, M. Sander?

  6. Angela Merkel legt bei Anne Will einen Auftritt hin, dass es kritischen Zuschauern ganz unheimlich wird. Die Topmeldung in den Nachrichten am nächsten Tag: Zustimmung zu Frau Merkel gestiegen. Ein Schelm der Böses dabei denkt.

  7. Merkels Grundproblem ist die Vorstellung einer prinzipiell grenzenlosen Zuwanderung. Diese Vorstellung, mit der sich ein Staat faktisch abhängig macht vom Zufall und vom Willen beliebig grosser weltweiter Migrantenmassen, ist dermassen horrend wahnwitzig, dass man sich fragen muss, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der so etwas vertritt. Dabei kann man auf Studien aus der Sozial- und Religionspsychologie rekurrieren. Diese haben herausgearbeitet, wie sonst auch intelligente Menschen durch Gruppendruck und -dynamik, Abschottung gegenüber divergierenden Meinungen und dem Selbstverständnis als moralisch überlegener Gruppe solchen völlig absurden, die Realität negierenden Ideen verfallen können. Eine solche Sekte braucht nur noch einen charismatischen Glaubensführer.
    Und genau das bietet Merkel. Sie ist längst keine Politikerin mehr – sie ist ein Guru, der in weltentrückten Höhen schwebt, und ihre Jünger wollen an ihrem Heil teilhaben. Die reale Welt spielt dabei keine Rolle mehr.

    1. ja, schon interessant, wie hirnrissig ideologien sein können und wieviele ihnen folgen. witzig wäre doch, wenn sich Merkel irgendwann hinstellt und erzählt “ich habe den blödsinn selber nicht geglaubt. ich wollte nur mal sehen, wie weit man es treiben kann und wer das alles mitmacht”.

    2. Ja…ganz meiner Meinung und dabei wird Deutschland in der Schizophrenie getrieben.