Bei Illner: Edmund, der qualitätsvolle Flaschengeist

Ganz am Beginn war da noch der bayerische Politiker mit den ...äh ... Artiku.. äh .. lations-Problemen, dann hat es plötzlich „Plopp!“ gemacht, und der Geist war aus der Flasche. Edmund Stoiber hat den Politiker ausgeschaltet und den Ede losgeschickt. Selbst Maybrit Illner verschlug es fast die Sprache.

Illner_Stoiber_Gabriel

Der öffentlich gebrechliche Fernsehabend begann recht verkorkst. Auf dem Ersten sollten wir unseren Kandidaten für Stockholm aussuchen. Dafür hatte die ARD ein paar seltsame Gestalten ausgegraben, die offenbar so lange an ihren Liedern herumgeschraubt hatten, bis ein ungenießbares Retro-Gebräu entstanden war, so dass auch das Saalpublikum nur mit Hilfe von wild gestikulierenden Motivatoren zum Klatschen animiert werden konnte.

Manga Kostüm aus einer anderen Welt

Komischerweise gewann dann aber doch das einzig chancenreiche Stück einer Sängerin im Manga-Kostüm. Auf einem unfassbaren zweiten Platz landete ein bärtiger Oberbayer mit Friedensbotschaft, der ein Stück über drohende Flammen vortrug. Ein Betroffenheitsdrama wie geschaffen für jeden politisch korrekten Liederabend beim SPD-Ortsverein Bochum-Süd – und schon sind wir bei Sigmar Gabriel.

Und bei Maybrit Illner im ZDF. „Wer steht noch zu Merkel?“, wollte sie wissen. Die nicht überraschende Antwort: Sigmar und die SPD. Wie sonst nur Altmaier oder Laschet stand er schützend vor der Kanzlerin, als wäre eine Einheitspartei demnächst die logische Fortsetzung der großen Koalition.

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, steht auch zur märkischen Pfarrerstochter Merkel, schließlich weiß er, dass eine Beschränkung der Nächstenliebe nicht möglich ist. Auch Melissa Fleming vom UN-Flüchtlingshilfswerk findet Merkel ganz prima. Das ist gut so, hilft aber im Augenblick nicht wirklich weiter.

Europa ist dabei auseinanderzufliegen, die Bundesländer und Kommunen stehen vor einem Offenbarungseid und Gabriel versuchte mit wichtigem Gesicht und heiligem Ernst klarzumachen, er habe alle Probleme nicht nur schon immer gesehen, sondern auch immer schon die richtigen Lösungen gehabt.

Die passende Antwort auf diese selektive Wahrnehmung lieferte dann der Ehrenvorsitzende der CSU, Edmund Stoiber. Der immerhin 75-jährige erlebt gerade, wie vom Eise des Amtes befreit, seinen zweiten politischen Frühling. Geschminkt werden ja alle im TV, aber mit welchen Mittelchen der Bayer auch noch optisch um zwanzig Jahre verjüngt wurde, sollte von Fachleuten untersucht werden. Der eigentlich-nicht-Stoiber-Fan Heribert Prantl hatte schon einige Zeit vorher in der „Süddeutschen Zeitung“ gewarnt, bei Stoiber handele es sich „um eine Auferstehung, fast so spektakulär wie die des Lazarus.“

Ein Mann spricht Klartext

Natürlich hat Merkel schuld, mit ihren Selfies und Einladungsreden, die bis nach Kabul Gehör fanden. Natürlich ist das Boot voll, und die Grenzen müssen dicht gemacht werden. Selbstverständlich darf man so mit seinen europäischen Partnern nicht umgehen, wie die Kanzlerin das macht. Die kleinen Länder haben das Gefühl, in Berlin wird entschieden, dann kommt noch Hollande dazu, fertig ist Europa. Und ja, Deutschland bricht Recht und Gesetz, deutsches Recht und europäisches Recht. Und natürlich führte und führt das zum Rechtsschwenk in Ungarn, Polen, Frankreich, Österreich – und Deutschland. Fazit: „Wir dürfen nicht so weitermachen!“

Es war ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Europa der Vernunft, vorgetragen in einer Art, die man bei Edmund Stoiber früher nicht einmal bei Aschermittwoch-Shows der CSU erlebte, und die der Präses vielleicht als heiligen Zorn erkannte.

Dem frommen Mann zeigte der Christsoziale mal kurz auf, was Bayern alles an humanitärer Hilfe leistet, rechnete ihm aber auch vor, welche Konsequenzen eine unbegrenzte Zuwanderung auf allen Gebieten der Politik und Verwaltung haben wird: „Unser Herz ist groß, aber unsere Mittel sind begrenzt.“

Selbst vor Amerika machte Stoibers Furor nicht halt: “Die USA sagen ´Die Kanzlerin macht das großartig`, sie selber nehmen aber keine Syrer auf, so geht das nicht!“

Meistens reden in solchen Sendungen die Beteiligten gepflegt aneinander vorbei. Unser bayerischer Cicero dagegen brachte seine Zuhörer sogar zu manchem Eingeständnis. Wie Gabriel: Dass die „Leute die Schnauze voll haben“ und dass – man höre – „Für die Flüchtlinge macht ihr alles, für uns tut ihr nichts“. Man nimmt Stoiber die echte Anteilnahme für die kleinen Leute ab. Gabriels Gießkanne „mehr Geld für Rentner, mehr Geld für Integrationskurse, mehr Geld für alle, weg mit der schwarzen Null“ klingt da eher verrostet. Dass weitere Schulden auch irgendwann bezahlt werden müssen, kriegt er in seinen Kopf nicht mehr rein.

Christoph Schwennicke, seit kurzem nicht nur Chefredakteur, sondern auch Verleger des „Cicero“, brachte eine passende Erklärung für den Realitätsverlust des linken Schickimicki-Establishments: „An der Elbchaussee kriegt man von den Problemen wenig mit.“

TV-Abend der Wiedergänger

Die nicht wirklich originelle Frage der Sendung „Koalition der Wenigen – wer steht noch zu Merkel?“ ist oft gestellt und schnell beantwortet: In Deutschland sind es Gabriel, die Grünen und – noch – die CSU, obwohl deren Klage vor dem Bundesverfassungsgericht weiter im Raum steht.

Und in Europa? Gabriel glaubt weiter an eine Koalition der Willigen. Worauf Schwennicke, deutlich näher an der Realität, antwortet: Es gibt keine Willigen.

Warum die von Europa alleingelassene Kanzlerin nicht einen Fehler eingestehen und von ihrer „Macht hoch die Tür“-Politik weltöffentlich Abstand nehmen kann, weiß sich der Journalist nur so zu erklären: „Vielleicht will sie Märtyrer werden.“

Es gab an diesem TV-Abend neben Stoiber einen weiteren Wiedergänger, den wir nicht unerwähnt lassen wollen: Ralph Siegel trat zum gefühlt hundertsten Mal beim Grand Prix Vorentscheid an. Er kam aber nicht mal unter die besten drei.

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Kommentare {28}

  1. Für mich war das Highlight der Sendung ein anderes, nämlich als Gabriel sagte: “Es gab in Deutschland tatsächlich einige Monate, in denen jedwede Kritik an der Flüchtlingspolitik als rechtsradikal eingestuft wurde und verboten war, ich habe das in meiner eigenen Partei erleben müssen.” So viel Ehrlichkeit, wenn auch zu spät, hätte ich nicht mehr erwartet.

  2. @ Manfred M,
    bevor man an einem – übrigens sehr gehaltvollen – Beitrag eines Mitforisten herummäkelt, sollte man eher seine eigene ‘schriftstellerische’ Qualität kritisch betrachten.
    Wenn’s schon an der simplen Rechtschreibung hapert, ist zu schreiben Silber und zu schweigen sogar (reines) Gold.
    Wenigstens haben Sie erkannt, daß der Inhalt des Kommentars von @Treu passt.
    Es besteht also Hoffnung, auch bei Ihnen.
    Mit frdl. Gruß